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Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-PreiS: durch den Verlag so Pfg. manatlich, durch die Post I Mk. ««» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
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Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur
Fernsprecher N». 52.
Samstag» den 31. Marx.
Fernsprecher No. 52.
1900.
Abend-Ausgabe.
Deutsches Reich.
Die Politik des Fanatismus.
KerlI», 30. März.
So bedenklich die Waarenhaussteuervorlage der Regierung bereits war, so erscheint sie als harmlose Stümperei gegenüber den geradezu empörenden Beschlüssen, mit denen die konservativ-klerikale Mehrheit der betreffenden Kommission diesen Gesetzentwurf noch weiter verhunzt hat. Es ist die barste Ungerechtigkeit, eine höhnische Ungerechtigkeit; denn die Mehrheit erklärt ausdrücklich, daß sie die Vernichtung der Waarenhäuser will, sie mißbraucht also das anvertraute Amt des Gesetzgebers zur Leugnung und Beugung des Rechtes. Denn die Großbetriebe im Detailhandel sind legitime Erscheinungen auf dem Gebiete des Wirthschafts- lebens sie haben sich entwickelt, weil es ein Bc- dürfniß war, daß sie sich entwickeln mußten, und sie würden nicht gedeihen können, wenn sie nicht dem Bedürfniß des Publikums entgegen kämen. Der große Trugschluß der Gegner ist, daß immer nur von den geschädigten kleinen Geschäftsleuten und niemals von den Konsumenten gesprochen wird, hinsichtlich deren eine Schädigung durch die Waarenhäuser gewiß nicht nachgewiesen werden kann; sie kaufen in den Waarenhäusern doch billiger, also haben sie Vortheil von ihrer Existenz. Will man sich einmal auf den Standpunkt stellen, daß die Gesetzgebung befugt sein könnte, durch einen Willkürakt die Waarenhäuser zu vernichten, so bliebe hiernach die Frage des öffentlichen Nutzens offen, wenn man nicht richtiger sagen soll: sie wäre schon beim bloßen Aufwerfen beantwortet zu Gunsten der Waarenhäuser. Die Willkür und Ungerechtigkeit also, die von der Mehrheit der Kommission empfohlen wird, würde zum Schaden derselben Bevölkerungsschichten ausschlagen, denen doch geholfen werden soll. Mit anderen Worten: Das Publikum, das jetzt die Waarenhäuser bevorzugt, also der Mittelstand, hätte dafür zu büßen, daß die Unvernunft dieser klerikal-konservativen Gesetzgebungsmache den engherzigen Anregungen einer zünft- lerilch verirrten Minderheit von kleinen Geschäftsleuten folgte. Die neueste Leistung der Kommissionsmehrheit steht windig neben der ersten, wonach der Waarenhaussteuer unterworfen werden sollen auch solche Geschäfte, die zwar nur einen einzigen Artikel oder eine zusammengehörige Gruppe von Artikeln führen, die aber Filialen unterhalten. Der jüngste Beschluß hält sich, wie gesagt, auf gleichem Niveau von Einsicht und Objektivität. Während nach der Regierungsvorlage die Steuer nicht höher als äußersten Falls l ls des gewerbesteuerpflichtigrn Jahresbetrags eines Waarenhauses sein sollte, will die Kommission, daß diese Grenze forlfalle. Die Steuer soll in das ttngemessene steigen dürfen und können, und sie soll, wie die Mehrheit es mit dem Freimuth des Unverstandes ausdrückre, prohibitiv wirken, also eben auf die Vernichtung der verhaßten Waarenhäuser hinarbeiten. Wie wird sich die Regierung zu diesen angenehmen Verschönerungen ihrer auch schon liebenswürdigen Vorlage verhalten? Wenn man
Männer wie Herrn v. Miguel und den Generalsteuerdirektor Burghart hören könnte, wie sie untereinander mit klugem Augurnlächeln über diese geistreichen Wülheriche in der Kommission sprechen mögen — es müßte ein ästhetisches Vergnügen ungewöhnlicher Art sein. Aber sie werden sich hüten, öffentlich merken zu lassen, was sie im Stillen denken, und Herr v. Miguel wird wohl der Letzte sein, der sich gegen Excesse des Steuerfanatismus wehrt, zumal sich ganz hübsche Erträge davon versprechen lassen, mindestens solange die Waarenhäuser den schweren Kampf durchzuführcn versuchen werden. Man muß hiernach damit rechnen, daß die unerhörteste aller Steuervorlagen wirklich Gesetz wird. Das Unnatürliche der Absicht wie der Ausführung steht auf demselben Boden parieipolitischer Verirrung wie die lex Heinze und wie die krassen Reichstagsbeschlüsse zweiter Lesung, betreffend. die Fleischbeschau. Man hat es in allen diesen Füllen, wo eine gehässige parlamentarische Mehrheit die Führung der Geschäfte zu unternehmen wagt, mit den schwersten Entgleisungen zu thun, von denen das Staatsschiff überhaupt bedroht werden kann. Die Negierung brauchte sich derartige Erschütterungen des öffentlichen Lebens wie des vorhandenen RechtSzustandes nicht gefallen zu lassen, sie hätte, wenn sie wollte, die Macht zur ausreichenden Abwehr, aber es gefällt ihr. sich treiben zu lassen, und so wird der Unwille über das, ivas geschieht, noch gesteigert durch die Wahrnehmung, daß es eigentlich gegen den Willen der Negierung geschieht. Niemand kann sagen, wann wir aus diesen unerträglichen Zuständen herauskommen werden.
* * *
* Hof- und Personal-Rach» ichterr. Wie der „Berliner Lokal-Anzeiger" berichtet, klagt Herr Oi. Lieber seit einigen Tagen wieder über Magenschmerzcn. Da ein Diätfehler völlig ausgeschlossen ist, liegt cs nahe, dag die neu austretenden Schmerzen mit dem alten Gallenlciden in Zusammenhang stehen. Da sich auch leichte Fieber-Erscheinungen wieder eingestellt haben, so ist an die schon vorbereitet gewesene Abreise nach Cambera vorläufig nicht zu denke». (Die Meldung der „Franks. Ztg.", welche von Berlin ans demcntirt wurde, war also doch richtig, wie auch durch eine Notiz in der ultramontanen „Germania" bestätigt wird. Die Red.)
* Kerlirr, 31. März. Der Bischof von Süd-Schantung, v. Anzer, hatte, wie dem „Lokal-Anzeiger" mitgetheilt wird, während seines Berliner Aufenthalts wiederholt Besprechungen mit dem Staatssekretär v. Bülow, um von ihm ein nachdrückliches Eingreifen der deutschen Diplomatie zu Gunsten der andauernd gefährdeten Interessen seiner Mission in Süd-Schantung zu erwirken. Nach dem Empfang beim Kaiser wird Bischof v. Anzer sich über München nach Noni begeben und dann über Paris und Lyon die Rückreise nach China antretcn.
* Merkwürdige Anoweilrmg. Seltsam, wie still zwei vomRegierungspcäsidcmen von Münster verfügte Ausweis» »gen vorübergel)«»/ obwohl die davon Betroffenen dem ältesten und reichsten westfälischen Adel angehören l Nach dem Amtsblatt haben sich, wie man aus Westfalen schreibt, nämlich Diedrich und Wolfgang Freiherr v. Boeselager als Ausländer lästig gemacht und sind deshalb aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewiesen worden. Die Genannten sind die Söhne des vor einiger Zeit verstorbenen und in dem heimathlichen Dorfe Heessen (bei Hamm) in der Familiengruft beigesetzten Fideikommißbesitzers Freiherrn v. Boesc- lager, der, wenn mir recht unterrichtet sind, während des Kulturkampfes auf die preußische Staatsangehörigkeit Verzicht leistete und nach England übersicdekte, wo er sich natumlisiren ließ. So wurden auch seine Söhne Engländer. Der westfälische Grundbesitz der Freiherren v. Boeselager, die mit den angesehensten Adelsfamilien verwandt sind, ist sehr groß. Vielleicht erfährt man jetzt über diesen seltsamen Fall, vielleicht lüftet sich auch, das Dunkel über
die früheren Vorgänge, die ein gewisses historisches Interesse haben.
* R»,»»scharr im Reiche. Wie die Abendblätter aus Land es Hut in Schlesien melden, haben dort und in einigen Orten der Umgegend zahlreiche Arbeiter Ausweisungsbefehle erhalten. Dieselben sind auf vorgekommcne Prügeleien zurück- zuführen. — Das „Berl. Tagcbl." meldet aus Elbing: In dein Tolkemiter Aufruhrprozesse wurden 14 Angeklagte zu einmonatigem bis achtzchnmonatigem Gefängniß verurtheilt. Elf Angeklagte wurden freigesprochen.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Kerllrr, 30. März.
Im Abgeordnetenhause wurden heute in dritter Lesung vev schiedene lokale Vorlagen erledigt und alsdann in die zweite Be- rathung des Gesetzes über die Erweiterung des Stadtkreises Frankfurt a. M. eingetreten. Die Kommission beantragte Annahme des Gesetzes unter Hinzuziehung eines neuen Paragraphen, durch welchen den Schulen in den eingemeindeten Gemeinden Obcrrad, Nicderrad und Seckbach der konfessionelle Charakter gesichert werden soll. Nach längerer Debatte wird der Gegenstand für beute von der Tagesordnung abgesetzt. Der nächste Punkt der Tagesordnung ist die Interpellation von Sanden, betreffend Maßregeln zur Sicherung der Bevölkerung am kurischen Haff. Lano- wirthschaftsminister Freiherr v. Ha mm er stein erklärte in Beantwortung derselbe», daß eine momentane Nothlage nicht vorliege. Es werden sodann noch Petitionen erledigt. Die nächste Sitzung findet am 2t. April statt mit der Tagesordnung: Novelle zum Nentengutsgesetz. Antrag Hirsch (freist Volksp.) auf Bewilligung von Reisekosten für Arbeiter zur Pariser Weltausstellung.
Herrenhaus.
Im Herrenhaus wurde heute der Etat weiter berathen. Beim Eisenbahn-Etat erklärte der Minister v. Thielen im Laufe der Debatte, daß bei den 0-Züaen die Speisewagen zur Ausnahme von Reisenden hcrgcgeben werden müßte», wenn die übrigen Wagen besetzt seien. In diesem Falle dürfte von den Fahrgästen des Speisewagens nicht verlangt werden, daß sie etwas verzehren. Der Eisenbahn-Etat wurde erledigt und alsdann in die Berathung des Kultus-Etats eingetrcten. Nach längerer Debatte vertagte sich das Haus auf morgen 10 Uhr: Fortsetzung der Etatsbcrathuug.
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Kerlirr, 31. März. In der 14. Kommission des Abgeordnetenhauses wurde gestern Abend die erste Berathung des Gesetzes über die Waarenhaussteuer zum Abschluß gebracht. Die §§ 8 und 12, welche nähere Bestimmungen über die Veranlagung, die Rechtsmittel, die Erledigung der Steueriätze und dcrgl. enthalten, wurden ohne wesentliche Acnoerungen i» der Fassung der Regierungsvorlage angenommen. 8 13 wurde dahin abgeändert, daß die Beitrage vorzüglich im Interesse der Kleingewerbetreibenden zu verwenden sind. Die 88 14 und 15, Zeitpunkt der ersten Erhebung der Steuer, blieben unverändert. Die zweite Lesung soll nach Ostern stattfinden.
Ausland.
* Italien. Nach Meldungen aus Rom wurde Kammer
der rechten Seite rief man fortwährend: „Raus, die Obstrnktiost raus." Der Socialist Bcrtesi stürzte sich auf den Präsidenten. Vier Deputirte hielten ihn zurück. Er riß sich aber los und schleuderte ein Packet Papiere gegen Colombo. Der Wurf vo fehlte sein Ziel, traf vielmehr einen Minister. Colombo erklärt» nun die Sitzung für geschlossen. Der Lärm dauerte noch etwa 10 Minuten, dann verließ Alles den Saal.
* Rußland. Die „Times" berichten aus Petersburg: Gerüchtweise verlautet, daß die Regierung eine viele Millionen Rubel kostende Flottenvermehrung beabsichtige.
(Nachdruck verboten.)
Londoner Krief.
(Von unserem Korrespondenten.)
Eröffnung der „Saison". — „Drawing Room" der Königin. — Z,tm Besuch der Königin in Irland. — Shamrock. — St. Patricks Tag. — „Frauen-AnSstcllung" in Earls Court.
London, 26. März.
Das erste diesjährige „Drawing Room" der Königin ist abgehalten. Die Saison ist damit offiziell eröffnet, wenn auch die große Masse der „Upper len", der „oberen zehn"tauscnd Familien — und solcher, die dazu gehören möchten, erst im Mai in der Reichshauptstadt ein- treffen wird. Diese „Drawing Rooms" sind zum Unterschied von den Levees, die längst schon von dem Prinzen von Wales oder einem der anderen Prinzen des königlichen Hauses an .Stelle der Königin abgehalten und ausschließlich von Herren besucht werden, insonderheit für die Damen bestimmt, die bei dieser Gelegenheit der Königin ihre Aufwartung machen. Der ganz vornehmliche Zweck der „Drawing Rooms" ist aber der, die Töchter der höheren Familien des Landes in die Gesellschaft einzuführen.
Bis zum achtzehnten Jahre bleiben diese jungen Mädchen rnter der Obhut ihrer Erzieherinnen „im Schulzimmer", haben Mittags mit den Eltern Lunch, aber nehmen nicht Theil an der Hauptmahlzeit, dem um sieben oder acht Uhr eingenommenen „Dinner", müssen früh zu Bett und werden auch im Uebrigen als Kinder behandelt. Ein Uebergangs- stadium, eine Backfischperiode, giebt es bei ihnen nicht. Zur Jungfrau herangereift, kommen sie mit einem Male „out", und diese neue Epoche ihres Daseins wird eben durch die Vorstellung bei der Königin eingeleitet. Von diesem Augenblick an sind ge in die große Welt eingesührt, wie ich in
der letzten Nummer von „Vom Fels zum Meer" im Einzelnen dargethan.
Die Königin, die zur Abhaltung eines solchen Empfangstages sonst gewöhnlich nur auf einige Stunden in die ihr so sehr verleidete „Residenz" kommt und dann flugs wieder nach Windsor zurückfährt, hielt sich diesmal beinahe zwei ganze Tage in ihrer Hauptstadt auf; und wenn es auch allgemein bemerkt wurde — was ja auch nur natürlich —, daß von den nach Buckingham-Palast befohlenen Damen vielfach Trauer angelegt war, so ließ sich doch die Bevölkerung im Allgemeinen — die wüthigen „Jingos und Khakiisten" — den Anlaß der Anwesenheit der Monarchin nicht entgehen, ihren lautem Jubel über die Heldenthaten der britischen Krieger, die jetzt ungefähr zu sieben gegen einen den armen Buren gegenüberstehen, ungezügelt Ausdruck zu geben.
Groß ist der Jubel des Volks auch darüber, daß die Königin sich entschlossen hat, ihre gewohnte Frühlingsreise dieses Jahr nach Irland zu machen. In früheren Jahren pflegte sie stets nach der Riviera zu gehen, aber für das unehrerbictige Benehmen Ihrer Majestät gegenüber, sowie auch gegen deren Unterthanen, das in den letzten Monaten bei den Franzosen zu Tag getreten, sollen diese nun durch das Fernbleiben der Königin bestraft werden. Erst hieß es, die hohe Frau wolle dieses Jahr Bordighera aufsnchcn, aber sei es nun, daß die Haltung der Italiener auch nicht eine solche gewesen, eine so hohe Auszeichnung zu verdienen, oder daß ein Außerlandcsgchen der Monarchin in diesen Zeiten überhaupt nicht recht thunlich erscheint, kurz, die Königin oder ihre weisen Räthe gedachten plötzlich des „Schwester- Eilandes", das die Königin seit vierzig Jahren nicht betreten; und der Entschluß, jetzt einige Wochen dort zu verbringen, wird als ein Hochweiser politischer Schachzug ge
priesen, insofern derselbe dazu beitragen sollte, die aufsässigen Irländer freundlicher gegen England zu stimmen. Nun, die Idee mag an sich ja wichtig genug sein, aber man darf doch die Tragweite einer solchen Reise auch nicht überschätzen, wie die Engländer das jedenfalls thun. Dazu ist der Engländerhaß bei den Iren doch zu tief eingewurzelt.
Sie erklären denn auch in galanter, wenn auch unverkennbar sarkastischer Weise, wie sie die Ehren des Besuchs der hohen Dame, die ihre Herrscherin sein will und seit vierzig Jahren den Fuß nicht in ihr Land gesetzt, zu würdigen wissen, spötteln aber zugleich auch offen genug über den Gedanken, daß eine solche Reise die politischen Bestrebungen der Irländer irgendwie beeinflussen können, und es ist auch ganz möglich, daß trotz der „loyalen Demonstrationen", von denen mir in den englischen Zeitungen bald wohl genug werden zu lesen bekommen, die ganze Reise der großen Majorität der Irländer nur neue Nahrung für ihre Feindseligkeit gegen England bringen wird.
Das immer stärker sich geltend machende Bewußtsein, daß die Engländer im Augenblick in Südafrika sich ein „zweites Irland" schaffen, drängt sie nun offenbar zu dem Bestreben, mit dem ersten Irland sich endlich auf besseren Fuß zu stellen, das sie jetzt mit Licbesmerben überhäufen. Aber Pat reagirt nicht. Davon gab auch der letzte St. Patricks-Tag ein treffliches Beispiel. St. Patrick ist der Schutzheilige Irlands. Sein Geburtstag wird am 17. März gefeiert und ist ein großer nationaler Festtag der überaus patriotischen Irländer. Eigentlich soll der Geburtstag indessen am 8. oder am 9. März gewesen sein, und da man sich über das Datum garnicht einigen konnte, so zog man sich — auf äußerst charakteristisch „irische" Art — aus der Schwierigkeit, indem man die beidenZahlen zusammenzählte. Am 17. März schmückte sich nun bislang jeder Irländer
