erläge zum Wiesbadener Tagblatt.
Ms. 146. Mor-en Ansgadr.
(27. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Aebeskiin»pfe.
Bon Wernhard von Urandenvurg.
Jngeborg nahm Zweifel und Tadel ruhig hin, aber das sandelnde Anstandsregelnbuch des Hofes ergab sich nicht so
klcht:
Wer waren Ihre Gefährten?" inquirirte sie.
"Herr von Mondal und der Freiherr von Brandes," antwortete Jngeborg mit verwundertem Augenaufschlag.
„Und Sie wissen ganz bestimmt, daß Sie es gestern «bend waren, im Park —"
Durchlaucht lachte hell auf, aber die beleidigte Dame steh fick nicht stören: „Ich meine, Sie verfolgen keinerlei «weck mit dieser Erzählung?"
Jngeborg schüttelte im höchsten Erstaunen den Kopf.
„So — und können Sie beweisen, daß Sie gestern
Abend im Park waren?" , .
Nun sah auch Durchlaucht gespannt auf. Ein feines Lächeln spielte um Jngeborgs Mund, sie griff in die Tasche. ,oa einen kleinen verrosteten Schlüssel heraus und reichte ihn «nter graziöser Verbeugung der Frau Oberhofmarschallin hin:
Ich wollte nicht noch Andere in Versuchung bringen, verbotene Wege zu wandeln, ich schloß die Gilterthür hinter uns als ich mich erholt und die Verfolger sich entfernt hatten. Wenn gnädige Frau sich überzeugen wollen —"
Aber Durchlaucht rief dazwischen:
Mon Dieu! Welch eine vortreffliche Hausfrau werden Sie "dereinst abgeben, Fräulein Jngeborg! Viel zu schade für eine Künstlerwirthschaft! Im Moment höchster Erregung, verfolgt und gejagt wie ein wildes Thier, kaum gerettet von den zärtlichen Armen zweier Kavaliere, schließt sie fremde Thüren der Ordnung halber hinter sich ab! Nun, Ihre Speisekammer und Leinenschränke wird man immer unter guter Obacht finden!"
Sie sagten, um welche Stunde dies passtrte? begann
die Freifrau noch einmal.
Jngeborgs Herz klopfte, noch war mcht Alles gerettet — was schlug doch die Uhr von Sankt Marien?
„Es muß zwischen acht und halb neun Uhr gewesen fein " entgegnete sie etwas unsicher.
' '„Sie wissen nicht, wo Ihre Hoheit die Herzogin Elisabeth
um diese Zeit weilte?"
Aber Frau Oberhofmarschallin," ertönte es au» dem Nebenzimmer, „wenn Jilgeborg im Gauen war, konnte sie doch nicht in derselben Viertelstunde mst mir plaudern?
Die Herzogin trat ein, sehr bleich, aber mit einem lächeln. „Sie verlangen zu viel von der armen ^ugeborg _ und was soll ich eigentlich im Zusammenhang nnt der Expedition? Ich saß bei Emma Gusserow, wir warteten
' „Und als ich die Augen aufschlug, saß das Kind M neben mir." sagte Durchlaucht zärtlich und strich über d,e weiße Hand, die sich auf die Lehne ihrer Chastelongue gelegt hatte. Sie ahnte nicht, daß sich die Herzogin m Todesangst an ihre Seite geflüchtet hatte. „Nun rst's genug vermnthet gefragt und erklärt - lassen Sie uns von der Sache schweigen. Frau Oberhofmarschallin! Sie haben es
Mittwoch, den 28. Marx.
gut gemeint, sind aber falsch berichtet worden oder haben irgend einen Wink mißverstanden. Durch Fräulein Waldsons Bekcnntniß ist uns nun Alles klar, ich bitte, beruhigen Sie sich hiermit und ziehen Sie nicht ganz fernstehende Personen in die Verwicklung hinein!"
Durchlaucht schwieg erschöpft und lehnte sich in die Kissen zurück. Ihr war das Sprechen. Zuhören, auch die Gegenwart vieler Menschen zu viel geworden.
Die Oberhofmarschallin biß sich auf die Lippen und schleuderte einen giftigen Blick auf Jngeborg, den diese mit größter Seelenruhe hinnahm.
Einen Augenblick später schloß sich die Thur zwischen Durchlaucht und ihrem frühen Besuch. Jngeborg zögerte noch eine Weile im Vorzimnier neben Emma Gusserow. ehe sie die Treppen hinunterstieg. Unten aber dielt noch immer der Wagen mit dem feierlich aussehenden Kutscher auf dem Bock und die Oberhofmarschallin gab dem Diener, der mit abgezogenem Hut demüthig vor ihr stand, eine ganze Liste von Aufträgen und Adressen. Bei dem Anblick des jungen Mädchens trat sie einige Schritte zur Seite und winkte sie zu sich heran. Jngeborg gehorchte willig.
„Ich weiß nicht, welchen Zweck Sie mit Ihrer thorichten Geschichte verfolgen. Fräulein Waldson." sagte sie mit ausbrechendem Acrger, „und weshalb Sie sich in meine Pflichten hineinmisctien. Welche Rolle Sie auch gestern Abend gespielt haben mögen, glauben Sie mir, um Ihretwillen hätte ich mich nicht so ereifert! Auch bin ich besser unterrichtet, als Sie denken, und werde mir nicht an Ihrem Märchen genügen lassen."
Sie rauschte davon, ohne eine Entgegnung abznwarten, auch die Anweisungen für den Diener mußten beendet sein, denn sie bestieg ohne Aufenthalt den Wagen und fort ging es im scharfen Trab über das holprige Pflaster.
Jngeborg seufzte, eine Feindin hatte sie sich jedenfalls in dieser ehrgekränkten Frau geschaffen, eine andere in Elise von Hagemann, die sich für ihr kluges Manöver rachen würde. Aber was half es? Im Grunde genommen war sie doch nur ein vorübergehender Gast in den Hofkretsen, und würde die Herzogin die Residenz verlassen, was gewiß in nicht allzu ferner Zeit geschah, so trat sie in ihre stille bürgerliche Sphäre zurück, übersehen und vergessen. Und für die Liebe und Freundschaft der Herzogin hatte sie wenigstens einen kleinen Gegendienst leisten dürfen, und dachte sie später an die glücklichen Feststunden im Schloß zurück, so würde sie eine geringe Befriedigung darin finden, daß sie sich dieser Güte nicht unwerth gezeigt habe. Vor der Welt hatte sie die Herzogin gerettet, mochte diese nun von ihren Gewissensbissen und ihrer Reue sich selbst befreien.
Und das geschah eher, als sie vermnthet haben wurde. Denn kaum sah sich die Herzogin mit der alten Durchlaucht allein, die vor Schwäche die Augen geschlossen hatte, da sank sie vor ihr nieder und verbarg Scham und Thränen in ihrem Schooß. Erschreckt und begütigend fuhr die Hand der Prinzeß über den blonden Kopf und klagend fragte ste „Wenn ich nur wüßte, was Dir fehlt, mein Herzblatt Du bist schon lange so verändert — auch Gusserow tsi es aufgefallen — und die schönen, rothen Wangen sind ganz fort! Was soll ich Deinem Vater schreiben, wenn er von Dir hören will? Er wird mir vorwerfen, daß rch sein Kleinod nicht gut gepflegt habe!"
48. Jahrgang. 1906.
Leidenschaftlich preßte die Herzogin ihre Lippen auf die mageren, gütigen Finger und wie ein Aufschrei kam es aus
* * „Ach, ^ich bin nicht werth, daß Du für mich sorgst, ich habe Dich hintergangcn, Dich belogen — ach, und ich liebe ,hn so sehr, so grenzenlos!"
Durchlaucht traute ihren Ohren kaum, waS war das? Und in ihrem armen, überanstrengten Hirn begann eine Ahnung zu dämmern, daß die eben erledigte „Spukgeschichte noch einen anderen Zusammenhang haben könne.
Sage mir Alles." gebot sie nach kurzem Schweigen, Du weißt, daß ich Dich liebe und Dein Bestes will."
" Mit langen Unterbrechungen, viel Seufzern, Thränen, Erröthen und Bitten brachte die Herzogin das Geständniß ihrer Liebe zu Ende. Nichts verschwieg sie, auch nicht die Beaeanunaen mit Brandes im Park ach, sie hatten ja keine Verabredungen getroffen! Eines Abends, als sie traurig und verzweifelt durch die dunklen Alleen irrte, war er gekommen, von ihrer Sehnsucht herbeigcführt. und ohne zu fragen, hatten sich ihre Herzen zusammengefunden. Von da an traf sie ihn täglich an derselben Stelle wieder, nur um immer von Neuem zu hören, daß er sie liebe, über Alles liebe, und um ihm zu sagen, daß sie ohne ihn sterben wurde.
Armes Kind, armes Kind," murmelte Durchlaucht vor sich hin: ste wußte es besser, sie hatte Leben und Erfahrung hinter sich und auch begreifen müssen, daß man nicht ^iiach Belieben sterben kann, wenn auch tausend Mal die weele um Erlösung fleht; sie wußte, daß das Glück zu hoch hängt am Baum der Gaben und daß wir fein am Boden stehen bleiben müssen und nur begehrlich die Hand nach der goldenen Frucht strecken können. Manchmal wirft es ein launischer Windstoß zu uns hinab, aber gewöhnlich schaukelt es dort oben weiter, bis die Augen sich, von dem ewigen Glanz geblendet, ermattet schließen — das ist das Loos der Darbenden. Wer kann ihre Namen nennen und ihre Zahl kennen?
Und aus dieser Erkenntniß schöpfte die alte Prinzeß Verzeihung und Trost für das junge, gebrochene Herz zu ihren Füßen. Sie trauerte mit ihr. denn me kehrt die harmlose, glückliche Unbefangenheit der Jugend zuruck, nachdem einmal Liebe und Leid durch den Sinn gezogen sind und Glauben und Hoffnung erschüttert haben. Wohl fügt die Zeit die zersprungenen Saiten wieder aneinander, aber nun darf nur eine sanfte Hand sie berühren und der wilde Sturm der Leidenschaften nur gedämpft auf rhnen erklingen — die Elastizität ist fort.
„Und was geschieht nun mit mir?" fragte Elisabeth endlich. „Schickst Du mich fort, weil Du mich verachtest?
„Ich verachte Dick nicht, Kind," antwortete dre Pr nzeß mit traurigem Lächeln. „Und fort kannst Du keinesfalls, gerade jetzt nicht — wir müssen Rücksicht nehmen auf Deinen
Vater. Deine Zukunft —" , , . . .
„Nie, nie," schrie die Herzogin auf und erhob abtvehrend die Hände gegen das drohende Zukunftsbild. Durchlaucht widersprach ihr nicht, wozu hätte dies auch genutzt in dieser 0tuttbc?
„Aber er muß fort," sagte sie nach einer Weile, „augenblicklich weit fort, damit 'er nie wieder Deinen Frieden störe, er, der es gewagt hat, sich meinem unschuldigen Kinde in so freventlicher Absicht zu nähern!"
(Fortsetzung folgt.)
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