«8. Jahrgang«
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bez»gS-Prei»r durch den Verlag 5« Pf?, '«onatl.ch, durch die Post 1 Mk. O« Pfg. viertel,ahrlich für beide
Verlag: Langgasie 27.
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Abend■Ausgabe» j
Deutsches Deich.
Die Flottenvorlage.
L. Kerlin. 27. Ptärz.
Der westangelegte Nahmen der heute begonnenen Flottem debaile in der Budgelkommission des Reichstags lägt er warten, daß die Verhandlungen sich viele Wochen htnziehen werden. Sie sollen sich nach dem Willen namentlich des Centrums so lange hinziehcn, und die Absicht der ausschlag- aebenden Fraktion ist in jeder Beziehung deutlich: das Cen- trum will erst den Preis sehen, den die Regierung m Gestalt werthvoller politischer Zugeständnisse für die Mitwirkung dieser Fraktion zu zahlen bereit ist. Jedenfalls werden sich die Schwierigkeiten für die Flottenvorlage, die ein leichtgläubiger Enthusiasmus schon als überwunden an- aesehen halte, noch außerordentlich fühlbar machen. Der vom Centrum überreichte lange Fragebogen enthält Programm- forderungen. an denen das Agrarierthum seine besondere Freude babenmuß. Stärker könnten auch die konservailvenMitglleder der Kommission nicht hervorheben, daß die Landwirthschaft durch die Flottenverstärkung in ihren Interessen bedroht sem wurde, lebhafter könnten auch sie nicht fordern, daß die neuen Handelsverträge erhöhten Zollschutz für d,e landwirthschaft- licken Erzeugnisse bringen sollen. Indem sich das Centrnm somit an dir Spitze der Bestrebungen stellt, die bei Gelegen- beit der Flottenvorlage eine grundsätzliche Veränderung der deutschen WirthschaftLpolitik erzwingen möchten, sichert sich diese Partei eine Stellung, von der man allerdings zugeUchen muß daß sie bei angemessener Geschicklichkeit der Mhrer zu einer sehr festen Position ausgebaui werden könnte. Denn käme es wider Erwarten doch noch zur Reichstagsauflosung, so wäre die Regierung genöthigt, entweder im Centrum auch die agrarische Agitation zu bekämpfen, also sich mitdenKonservatlven mWider- spruch zu setzen, oder aber das Centrum aus dem Spiel zu lassen, was in diesem Falle gleichbedeutend wäre mit einer Kapl- tulation vor dem Büudlerthum. Noch ist cs nicht so weit, und alle Berechnungen des muthmaßlichen Ausganges kommen schließlich darauf hinaus, daß nach mancherlei Hin und Her die Flottenvorlage doch wohl angenommen werden wird; dies aber möglichen Falles unter Bedingungen, die wirklich eine weittragende Umbildung der WirthschaftSpolitik androhen könnten.
Reichstagsdiäten.
Es war nicht zu erwarten, daß, so schreibt uns unser Berliner ft-Korrespondent unterm gestrigen Tage, vom Bundesrathstisch aus in die heutige Reichstagsdebatte em- aeariffen wurde, die mit der Annahme des Antrags auf Diätenzahlung an die Mitglieder des Reichstags endigte. Die verbündeten Regierungen werden es sich diesmal aber wohl ernstlicher überlegen, ob sie in dem Widerstande gegen eine Reform beharren sollen, die durch die Verhältnisse eines Tages doch erzwungen werden wird. Immerhin ist man schon um Einiges weiter, denn es ist ein Fortschritt, daß der Antrag gestellt, berathen und angenommen werden konnte, ohne daß Jemand von der Rechten gewagt hätte,
die Bedingung einer entsprechenden Einschränkung des j Wahlrechts auch nur anzudeuten.
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Gröbliche Verletzung des Schamgefühls soll bekanntlich nach 8 184 der lsx Heinze mit harter Strafe gerochen werden. Der Uebercifer machte Herrn Roercn und ferne Parteigenossen gänzlich blind gegen die Wahrscheinlichkeit, daß mit dieser sehr dehnungsfähigen Bestimmung auch manche kirchliche Veranstaltung oder fromme Schaustellung gefährdet würde. Der halbnackte, als Christus ans Kttuz gebundene Knabe von Alberschweilcr hat seiner Zeit schon genug von sich reden gemacht. Nicht anders ist es mit manchen Passionsaufführungen. In Krefeld wurde kürzlich eine Passionsgeschichte mit lebenden Bildern vorgesuhrt, wobei, wie man der „Krefelder Zeitung" berichtet, sich der Darsteller des Christus vor der vorwiegend aus Frauen und Mädchen bestehenden Zuschauerschafl nackt zeigte bis aus Hüften und Beine. Wir verstehen w°dl sagt dre . Krefelder Zeitung", warum der leitende Künstler Christus bet der Geißelung oder der Kreuzigung mit nacktem Oberkörper darstellen läßt, aber — wenn wir die lox Heinze bekommen! Wie, wenn ein diensteifriger Schutzmann an dem nackten Körper Anstoß nimmt, wenn er sein Schamgefühl gröblich verletzt fühlt?! mn "
uns. hier handelt es sich doch um tiefernste reltg,ose Kunst, in die kein Schutzmann hineinreden wird. Ist man darüber so sicher? Har nicht der CentrnmSabgcordnete Grober noch mährend der letzten Verhandlungen über das Gesetz wirklich nach amtlichem Stenogramm erklärt, „daß ohne scde weitere Unterscheidung jede Handlung, fede-Schris^ stück jedes Bildniß, gleichviel ob dasselbe als angeblich künstlerisch zu bezeichnen ist oder nicht, unter die Slraf- bestimmung über die Verletzung des Schamgefühls fallen solle? Vielleicht denken die Herren, wenn sie ihre eigenen künstlerischen Bestrebungen und Schaustellungen nicht außer Gefahr sehen, ein wenig mehr über die lex Heinze und ihre Schattenseiten nach. Zeit dazu ist ihnen ;a Dank der widerborstigen Minderheit des Reichstags hmlanglich gelassen.
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flipfcU in folgenden ausgezeichnet begründeten Sätzen: Vor Allem soll der Schule die hugicinische und sittlich religiöse Erziehung ob- jeaen. Hieran soll sich zunächst der Unterricht m der Mntter- spniche, der vaterländischen Geschichte und der deutschen Otteratur anschliehen. Der Haupttheil der übrigen ^ulzeit gebührt dcm Unterricht in den Naturwissenschaften, sowie der Mathematik m Lehre und Anwendungen. Der Rest bleibt dem Latein und den mnhfrnen Sprachen Das Griechische wird nur noch sur die künftigen Theologe» und klassischen Philologen fakultativ gelehrt. ß Neben allen diesen Disziplinen soll das ireie Reden geübt werden. Es wäre sehr zu wünschen, daß die Anregungen des durchaus objektiven und auf einer krelen. gelstigen Warle stehenden, höchst verdienstvollen, greisen Versassersi cm tiodi lebhafteres Echo fänden, und daß, wie er lagt, die durch den Kaiser von Nenem ins Rollen gebrachte Kugel — wrc hartnäckig sich auch manche Pädagogen dagegen stemmen mögen — nicht mehr stille stehe, bis allen berechtigte» Klagen über, die seitherigen Erziehnngsmcthode» abgeholfen und alle berechtigten Ansprüche an eine zeitgemäße, geistig und körperlich humanere und weisere Behandlung der Jugend befriedigt sein werden, - Wu empsehlen die Broschüre jedem gebildeten Lesers der sur die Schulfrage, als vielleicht unserer wichtigsten Kultursrage, Interesse und Verständniß Hab_ _
Deutscher Reichstag.
Kortin, 27. März.
Am Bundesrathstisch Graf v. Biilow, vGoßler, v. Thielmann und Posadowsky. Auf der Tagesordnung steht die dntte Lesung
des Etats. In der Generaldebatte verbreitet sich der Aba. S chele
(Welfe) über die ungünstigen Löhne und Arbeitsverhaltmsse der den Steinarbeitern seines Wahlkreises. Es bedürfe h,er ans Gesundheitsrücksichten einer gesetzlichen Verkürzung der Slide'wzeit. — In der Spezialdiskussion wünscht beim Etat des Reichstags "'bm Spahn (Ccntr.) eine besondere Schnellzug-Lerbindmig vischen Berlin und Leipzig - Graf Hohenthal. sächsischer Bevollmächtigter, verweist den Vorredner dmkt an die bt. tbeiliaten Eisenbahn - Verwaltungen. — . Abg. B i 1 cy v e cr (freist Volksp) befürwortet eine Resolution Bargmann, betreffend Gewährung von Diäten an die Diitglicder des Reichstags. Habe man früher, geglaubt die Socialrstcn vom Reichstag durch di- Diätenlosigkeit auszuschlicßen, ier die» zur Genüge durch die Erfahrungen widerlegt worden. Der offenbarste Beweis zu Gunsten des Antrags sei das leere Haus, die Unmbgl ch- kcit wicktiae Gesetze, wie z. B. die Gewerbe-Novelle, zum Abschluß , bAnaen Inzwischen ist ein Antrag Gröber-Bassenuann em- gegangm," in de" Resolution Bargmank das Wort Diäten zu erleben durch das Wort: „Anwesenheitsgcldcr . — Abg. Bass ermann (nat.-lib.) empfiehlt den Antragl Baffermannb« so ab-
. MllNN (Ntlt.-Uv.) empslkll" vftlt V «CTNiXfa«
* ßerU „ 28. März. Die Konservativen des Abgeord- geänderten Fassung. Alle Bedenken mutzten schi^ der^BehandllMg^des^^leischRffchaugesttz?s im RAchStag"zu inttr" | GegenAinde fchn bu%e®tfahrun ß en
Geaengründe seien durch du ieiiu«i|uia™-."■•"jv’.
. - , die Annahme, daß ohne Diäten dle Tagnngen knrzer sein wurden.
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Künstliches Leben.
Ist das große Ziel wirklich erreicht? Wir stehen nach- denllich und mit einer starken Neigung zum Kopsschütteln vor einer mit großer Bestimmtheit ans den Vereinigten Staaten gemeldeten Nachricht, derzufolge die Erzeugung von Leben auf chemischem Weg gelungen fern soll. Dubais Rehmond, der berühmte deutsche Altmeister der Phhsiologie, hat rn einem seiner von tiefem Geist durchdrungenen Aufsätze die Beantwortung der Frage, wie das Leben entsteht, als nicht unmöglich bezeichnet. Dieser Gelehrte war also davon überzeugt, daß die menschliche Wissenschaft sehr wohl dahin gelangen könnte, auf den. Weg des Experimentes im chemischen Laboratorium lebendes Eiweiß zu schaffen Haeckel ist nicht minder davon überzeugt. Ob mail sich nun zu diesem Glauben bekennen will oder nicht, jedenfalls sind wir noch sehr weit von einer derartigen Errungenschaft entfernt. Auch was jetzt in Amerika entdeckt sein soll, ist etwas Anderes, weniger Umfassendes, aber es handelt sich - die Wahrheit der Nachricht vorausgesetzt - um eine Entdeckung von sehr bedeutendem Werth, und es' mag gleich hinzugesetzt werden, daß so ganz unmöglich dre Sache doch nicht ist. Eine New-Iorker wissenschaftliche Zeitschrift stellt eine Anzahl von Nachrichten zusammen, die etwa Folgendes besagen: Professor Jacques Loeb von der Universität von Calrfonnen hat gelegentlich seiner Arbeiten an der Biologischen Meeresstation zu Woods Holl (Massachusetts) festgestellt, daß die Eier von Seeigeln künstlich, und zwar durch eine einfache chemische Behandlung, befruchtet werden können. Diese Versuche wurden im vorigen Sommer zuerst vorgenommen. Professor Norinan von der Texas- Universität hatte schon vorher nachgewiesen, daß die Eier gewisser Seethiere in unbefruchtetem Zustande die Neigung haben, sich zu entwickeln, wenn Natron oder Magnesia zu dem Meerwasser, in dem sie sich aufhalten, hinzugesetzt wird. Davon ausgehend, begann Professor Loeb seine Versuche mit Seeigeln, sehr gewöhn
lichen Mceresthiere», bei denen ebenso wie bei den Fischen, dre Geschlechter in männliches und weibliches getrennt sind. Loeb unterwarf nun die unbefruchteten Eier eines weiblichen Seeigels der Berührung mit einer Lösung von Natron und Magnesia, und schon nach zwei Stunden zeigten die Eier eine deutliche Entwickelung zu der ersten Larvenform. Wen» sie nun in gewöhnliches Seewasser zurückgebracht wurden, so entwickelten sie sich weiter bis zu der Form, die etwa für den Seeigel dasselbe bedeutet wie die Kaulquappe für den Frosch. Weitere Versuche brachten den Gelehrten zu der Ueberzeugung, daß nur die Anwesenheit von Calcium und Kali im Seewasser die Entwickelung aller unbefruchteten Erer verhindert und daß der von dem Männchen ausgeschiedene Samen nur dazu dient, den Einfluß dieser chemischen Stoffe aufzuheben. Diese Ergebnisse von Loebs Untersuchungen wurden eine ganz neue Theorie über die Fortpflanzung der thierischen Art herbe,- führen. Danach wäre für die Fortpflanzung gar nicht die ^Zer- einigung zweier Elemente nöthig, sondern eine Zelle kann sich ohne Weiteres theilen und fortpfianzen, wenn sie nicht durch den Einfluß chemischer Stoffe daran verhindert wird. Die Theox.e wird bereits zum Verständniß solcher Krankheiten wie des Hautkrebses benutzt, indem man die Entstehung der Krebswncherung dadurch erklären will, daß sich die Zellen wegen der Abwesenheit des hinderlichen chemischen Stoffes theilen und weiter entwickeln. Die Gelehrten an der Amerikanischen Biologischen Station sollen bereits an der Arbeit sein, um zu ermitteln, ob die Krebswnche- rungen durch Einführungen gewisser chemischer Stoffe verhindert oder zurückgebildct werden können. Bei einem Interview hat sich Professor Loeb mit Bezug auf seine Untersuchungen angeblich folgendermaßen ausgesprochen: „Die Möglichkeit der Entwickelung unbefruchteter Eier ist jetzt eine sichere Thatsache. und ich glaube an eine unbefleckte Empfängniß als das natürliche Ergebmß ungewöhnlicher, aber natürlicher Ursachen. Daß die menschliche Art künstlich fortgepflanzt werden könnte durch Beseitigung chemischer
Hindernisse, daran wollen wir vorläufig lieber noch nicht denken. Jedenfalls haben wir einen großen Schritt zuin Ver- tändniß des Lebens auf chemischem Wege gethan, und wir können bereits den Weg voraus sehen, wann ein Gelehrter, der mit chemischen Stoffen in einem Probirglasc cxperc- nientirt, sie sich zu einem Stoffe vereinigen sieht, der leben und sich bewegen und sich selbst fortpflanzen kann. Es wird dies die erste protoplasmatische Zelle sein, der Ursprung alles Lebens, wie er vor Aeonen in dem Probirglasc der Natur selbst znm ersten Male erzeugt wurde, aus denselben chemischen Stoffen, »nt denen jetzt der Gelehrte arbeitet." Auch von anderen hervorragenden amerikanischen Biologen liegen bereits Aeußerungen über die Entdeckungen Loebs vor. Professor Gage von der Cornell-Unwersitat weist mit Recht darauf hin, daß die sogenannte Parthenogenese, die jungfräuliche Zeugung, d. h. die Fortpflanzung cchne Befruchtung, in der lebenden Natur wohl bekannt ist und daß sie bei so hochstehenden Thicren wie den Bienen gefunden wird. Bekanntlich vermag eine Bienenkönigin auch ohne Befruchtung eme große Menge lebensfähiger Nachkommen hervor zu bringen, die allerdings dann nur männlichen Geschlechts (Drohnen) sind. Es scheint danach nicht unglaublich, daß eine solche jungfräulich Zeugung an einfachen Thi-ren auch auf experimentellem Wege derbeigesührt werden könnte. Daß ein solches Verfahren, so sagt Professor Gage weiter, auch bei den höheren Th,eren^ und sogar beim Menschen Erfolg haben könnte, wird freflrch sckdst der b - geistertste Experimentator bezweifeln. Weitere Nachrichten über die aufsehenerregende Angelegenheit werden mit Interesse m erwarten teil,. Es sei noch bemerkt, daß Professor Loeb von Geburt em Deutscher ist. der gegenwärtig 41 Jahre alt ist und seine wissenschaftliche Erziehung in Berlin. München und Straßbur« genoffm hat. Im Jahre 1891 ging er nach Amerika, wo er zucrst an der Universität Chicago und nunmehr an der Californischen Universität / ein Lehramt für Biologie erhielt.
