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nimt mm Wiesbadener Tagdlatt.

9.7 mZv*

48. Jahrgang. 1900.

(26. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Aebesllämpfe.

Von Acruhard von Maudenburg.

Welch ein Triumph für die Oberhosmarschallin, wenn iie Durchlaucht diesen Eklat bereiten und mit dieser ruhm- eichen Entdeckung hätte prahlen können! DaS wäre noch Feld für sie gewesen und Brandes' Keckheit, die Er­niedrigung der Herzogin hätten für Monate das Gesprächs­thema der Iran Hofmarschallin gebildet!" Eie feufzte. Die arme, kleine Elisabeth — dies war doch wohl der Schluß ihres Liebcsdramas wer kann ihr einen Bor- ,vnrs machen? Hat sic nicht auch ein Anrecht ans Gluck?

Sie haben noch Worte der Entschuldigung und der Tlieilnahme, nachdem sie sich so tapfer für die Freundin in die Schanze geworfen haben," sagte Mondal warm. „Nicht Alle werden Sie begreifen und verzeihen — von ^hnen hätte ich katlin etwas Anderes erwartet! Ich weiß nicht, was ich am meisten bewundern soll: Ihre Klugheit und Neberlcgung, Ihre Aufopfervng — oder Ihre Güte!"

Jngcborg schüttelte nur abwehrcud das Haupt und ver- sank wieder in Nachdenken, bis sie endlich daheim waren. Als sie das Boot verließ, trat ihr Fuß auf einen kleinen harren Gegenstand. Sie bückte sich darnach, es war ein rostiger Schlüssel, der Brandes in der Eile entfallen sein wußte. Sie schob ihn sorgsam in die Tasche. ^

Doktor Waldson harrte schon lange ungeduldig c>er Tochter, er schalt auf Frau Johanna, daß sie den Ausflug, bei dem im Dunkeln so leicht ein ttngliick passircn konnte, gestattet habe. Die Mutter zuckte nur die Schultern und

saate mißlannig: ,

„Von mir läßt sich Jngeborg keine Vorschristcn machen,

Du "verwöhnst sie zu sehr." . .

Gerhard nahm sich vor, böse und zornig zu sein, aber als er endlich die Schritte draußen auf dem Kies horte, überwog die Freude, die Tochter unversehrt wieder zu haben, seinen Unmuth. Er zog sie ins Zimmer, schüttelte Mondal die Hand und sagte aufathmend:

Gott sei Dank, Kinder, daß Ihr da seid — wie habe ich mich geängstigt! Ihr seid zwei leichtsinnige Vogel, ein ander Mal lassen wir sie nicht allein fort, nicht wahr, Johanna? Ihr müßt doch Rücksicht nehmen! Wo wart Ihr

Die beiden'Heimgekehrten tauschten einen flüchtigen Blick, der zum Schweigen verpflichtete. Frau Johanna quittirte über ihn - sie waren also schon im Einverständuitz!

Bei Tisch erzählen," bat Jngeborg schmeichelnd und streifte die Handschuhe von den kleinen, kalten Fingern „Da fühl' mal, Vater, wie eisig! Der Thee muß uns erst

^Gerhard r{e6 unb ^ßte ihre Hände und ver­

gaß darüber seine Frage. Auch Frau Johanna gab ,ich ein liebenswürdiges Air, schien sich der Scene mit Jngeborg durchaus nicht mehr zu entsinnen, sondern sorgte m mütter­licher Weise für die Verspäteten.

Jngeborg plauderte, so viel ,hr gut schien, von dem Treffen mit Brandes, der Unterhaltung mit Karl August und webte Wahrheit und Dichtung geschickt in einander.

Frau Johanna legte auf diesen Bericht keinen Werth, glaubte vielmehr, bnfe bicfc Begegnungen oIS SSononwb fiit bcty lunge Fortbleiben ausgebeut'et würden, und Gerhard kam nicht darauf, nach dem genauen Sachverhalt der kleinen Abenteuer

b" 0? weit: auch diese Gefahr glücklich umgangen und Jnaeborg legte sich wohl müde und abgespannt zu Bett, doch mit dem beruhigenden Gefühl, daß sic das Schlimmste von Elisabeth und dem Jngendsrennd abgcwandt habe.

XI.

„Ich muß aber daraus bestehen, vor Durchlaucht geführt zu werden, da doch schon Audienz erthcilt wird. Der Wagen der Freifrau von Rüttger steht unten auf der Straste^ auch mein Auftrag ist von höchster Wichtigkeit; bringen esie, bitte, mein Anliegen vor!"

Jngcborg beharrtc mit solcher Ruhe auf ihrem Wunsch, daß sich der Lakai endlich dazu entschloß, noch einmal für sie Einlaß zu begehren. Er forderte die junge „vfliitc auf, ihm in das Entree zu folgen. Nach ein paar Minuten er­schien Emma Gnsserow, saust wie immer, aber doch durch irgend etwas Besonderes aus ihrer Ruhe ansgeschnttclt.

„Durchlaucht ist so leidend, liebes Fräulein, noch ganz fiebrig und schwach — die Frau Oberhofmarschallm spuckst schon' seit einer Viertelstunde ans sie ein; ist eS wirklich nöthiq daß Sie Durchlaucht noch heute sehen? Ein Auf­tritt gestern Abend hat sie so erregt, Niemand wußte, um was cs sich handelt, aber auch die Herzogin ist so ängstlich und sieht aus wie eine Verzweifelte —"

„Deshalb komme ich," unterbrach Jngcborg die treue Person, die ihr stets Vertrauen bezeigt hatte. ,,^ch schwöre Ihnen, mich treibt nichts Unwichtiges her — es ist gut für Alle und durchaus nothwendig, daß ich mit Durchlaucht rede, besonders in Gegenwart der Frau Oberhofmarschallin. Bitte,

bitte, lassen Sie mich ein!". .

Emma Gnsserow sah prilfend m die beredte», flehenden Augen, dann nahm sie Jngeborgs Hand und sagte:

„Kommen Sie nur!" m . .

Sie huschte geräuschlos vorair m Durchlaucht? Boudoir, lehnte die Thür nur an und wartete auf einen gün,tigen

Aiigen^eni^ ^ ^ ^Mjch mit der Sprache herausrücken wollten," hörte Jngcborg die ärgerliche Stimme der allen Prinzeß sagen, „immer nur gehcimnißvolle Andeutungen, die mich halb tobt gnälen und die ich mir gar nicht zu- sammenreimen kann! Niemand ist im Park gefunden, damst ist die Sache doch abgcthan — wer sollte auch eigentlich — sie hustete stark und Emma benutzte die Störung, um sich bemerkbar zu machen. „Was will sic denn sihwi wieder von mir, Gnsserow — wollen sie mich heute Alle todten?

_Wer?-Fräulein Jngeborg Waldson? N»th-

wcndig — nun. das wird immer besser —"

Emma Gnsserow mußte dies für eine höfliche Aus- forderung zum Nähertreten halten, sic öffnete die hur ganz und Jngeborg stand ans der Schwelle, ehe noch Durchlaucht vor Staunen den Mund schließen konnte. Die Blicke, di sie von den beiden Damen trafen, waren keineswegs er- mnthigend, aber Jngeborg raffte ihren Muth zusammen, verbeugte sich tief und begann ganz freimnthig:

„Ich bitte gehorsamst um Verzeihung, Durchlaucht, ich

habe gestern etwas Unrechtes gcthan und es läßt nur keine Ruhe — ich muß es gestehen, es konnte sonst ein Anlaß zu Mißverständnissen werden."

Durch die halbzurückgezogcne Portiöre, die den nächsten Raum von Durchlauchts Krankenzimmer trennte, sah ste «me weißgekleidete Gestalt sich aus einem Sessel erheben uiid sich

vorsichtig nähern. . ,, ,

„Darf ich sprechen, Durchlaucht?" fragte sie bittend.

„Nur zu, uur zu! Aber machen Sie cs kurz, ein Ver­brechen werden Sie ja uicht begangeir haben!"

Jngeborg schlug die Augen nieder, sie scheute sich doch, die gütige alte Durchlaucht ins Gesicht anzulügen, und Scham und Verlegenheit paßten ganz gut zu dem folgenden

Ich machte gestern eine Bootspartie mrt meinem Jugend, freund, dem Freiherrn von Brandes, unterwegs trafen w,r zufällig auf den Herrn von Mondal, der in seinem Kahne neben uns herruderte."

„So. so," machte Durchlaucht etwas ungläubig und die Frau Oberhofmarschalli» horchte gespannt auf.

Wir kamen in die Nähe des Schloßparks, fanden die Gltterpforte geöffnet, und durch den herrlichen Abend und unseren Uebermuth verführt, hatten wir die Kühnheit, am Garten anznlegen und - ach bitte, Durchlaucht wollen gütigst verzeihen! — aus Land zu steigen. Wir wurden alle drei sehr für unser eigenmächtiges Eindringen bestrast —

„Na, Flurschaden wird man doch nicht von Ihnen ge­fordert haben," warf Durchlaucht spöttelnd ein.

Nein aber kaum waren wir einmal die große Allee ans-'und abgeschritten, als eine Unzahl von Dienern mit Laternen erschien und bei unserem Anblick mit viel Gesthrei auf uns zustürzten. Ich begann zu laufen, die Herren fürchteten, mich in die Hände der Lakaien fallen zu sehe", und blieben deshalb in meiner Nähe, ^cv sprang »ns Boot, Freiherr von Brairdes eilte mir nach und Herr von Mandat flüchtete in das seine - und wir retteten uns Hals über Kopf! Es wäre ja verständiger gewesen, die Leute ab. zuwarten und ihnen zu erklären, daß wir harmlose Spazier­gänger und keine Einbrecher seien, aber das schlechte Ge­wissen regte sich in mir, die Diener hatten ja ein Reust, auf uns 'zu fahnden — und ich wurde im Boot von der Aufregung fast ohnmächtig."

Na, die Kavaliere werden Sie wohl wieder zu sich ge­bracht haben," sagte Durchlaucht etwas brüsk. „Aber e-, ist gut, daß Sie kamen - für Ihre Aufrichtigkeit sollen Sie keine Schelte wegen des Hausfriedensbruchs haben. Da - Frau Oberhofmarschallin! Ihre Spukgeschichte bei Tage besehen! Eine leichtsinnige junge Dame, die Jugendfreunde und Verehrer hat und gern an schonen Fruhlmgsabenden schwärmt, ein offenes Gitter und zwei Boote - das fft des Pudels Kern!" — sie lachte herzlich, ganz ohne Ironie, — das kommt vom Wichtigmachcn. laut äv druck pom uns Omeletts! Und über diesen Ausflug u ttocs wird Mir meine Nachtruhe geraubt und mein Morgenlhee verdorben. Ein ander Mal. meine Liebe, informiren Sie sich besser- obgleich es eigentlich staunenswerth ist, daß sie von dieser „zufälligen Begegnung" Jngeborgs mit dem Heldentenor wußten!"

(Fortsetzung folgt.)

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