erläge mm Wiesbadener Tagblatt.
Wo. 143. Abend-Ansgabe.
Montag, den 26. März.
Jeder Jrrtlnim 111116 früher oder später Schoden stiften, und desto grüneren, je gröber er war. Den individuellen Jrrthuin mutz, wer ihn hegt, eiinnal hüben und ost tbener bezahlen; dasselbe wird im Großen von gemeinsamen Jrrthümcrn ganzer Völker gelten.
A. Schopenhauer.
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(5. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Wenschenherz.
Erzählung von Georg Mormaun.
Der Vater war aus einem frohen, geselligen Mann ein stiller, nur seinem Geschäft lebender Arbeiter geworden. Der allgemeine Druck, unter dem das ganze Haus stand, ließ Konrad den scinigen zunächst weniger empfinden,' und die Eiasticität der Jugend hielt immer noch ein Hoffen auf eine unerwartete Wendung aufrecht.
Und fast schien es, als sollte er Recht behalten und die heilende Zeit auch ihm Hülfe bringen. Mit der körperlichen Erstarkung der Mutter belebte sich wieder ihre Thcilnahme für die Umgebung; auch der Vater fing an zu hoffen. Aber ach, wer ein Geschick, das ihn betroffen, als ein Unrecht an- sicht, das ihm angethan, wird sich mit seinem Herzen schwer zurcchtfinden. Und was kann dann ein Mensch Alles in und um sich ersticken, wenn er allein auf sich beharren will! Das aber war der Fall bei der im Uebrigen immer mehr Genesenden.
Der Arzt schlug zu völliger Stärkung einen längeren Aufenthalt an der See vor. In früheren Jahren halte die Familie oft glückliche Tage auf Helgoland, den friesischen Inseln oder in Dänemark verlebt. Konrad schlug das Herz; er ging ein paar Tage in freudiger Erwartung umher. Er sog schon in Gedanken den Athem des Meeres ein und schaukelte sich wie früher auf seinen Wellen.
Ahnte man seine verwegenen Träume, oder hatte Frau Dewall ein- für allemal beschlossen, sich dies letzte Kind mit allen menschlichen Mitteln zu erhalten, selbst um den Preis, seiner Berufsneigung entgegenzutreten?
Diese Frage mag vorläufig unbeantwortet bleiben; bei Konrad trat sie auch nicht auf, so schmerzlich für ihn die Entscheidung war: „Wir gehen diesmal ins Gebirge", und je unruhiger er darüber werden mußte, ob die Mutter jemals rin freudiges „Ja" sprechen würde, wenn er vor sie hin- trcten und sie bitten würde: „Sieh', ich bin jetzt in dem Alter, wo ich mit Besonnenheit handeln kann und will. Laß mich nun den Beruf nach eigenster Neigung wählen, )en Beruf, dem ich mit ganzer Seele hingegeben bin, ohne Len ich niemals glücklich sein werde."
„Dies Alles, was ich bisher berichtet habe", unterbrach stch der alte Wenzel, „erfuhr ich von Konrad, als er mir sein Herz ausschütteke. Er wollte wohl nur anfangs eine Erklärung für sein seltsames Verhalten vom vorigen Tage geben; dann fühlte er es als eine Wohlthat, einem ehrlichen Hörer einmal rückhaltlos sagen zu dürfen, was immer mehr und mehr anfing, sein junges, vertrauendes Gemüth zu belasten und zu verwirren.
In das. was nun weiter eintrat, hatte ich jetzt einen ziemlich klaren Einblick und war entschlossen, die erste sich
darbietende Gelegenheit zu ergreifen, um bei der Mutter!
ein Wort zu Konrads Gunsten zu sprechen. Denn bei seiner zunehmenden Anhänglichkeit und bei einem Zusammenleben, das sich über vier Monate ausdehnte, hatte ich Gelegenheit wahrzunehmen, wie Unrecht man dem jungen Manne that, ihn einem andern Berufe übergeben zu wollen als dem, nach dem seine Seele dürstete.
Frau Dewall war an der Table d’höto deS Hotels mit einer Berliner Familie oberflächlich bekannt geworden, die glücklicher Weise bald wieder abrciste. Sie konnte es aber nicht umgehen, wie sie sagte, mit Konrad die Aufforderung zu einer gemeinsamen Partie anzunehmen. Er kam sehr verstimmt zurück; ich hatte aber keinen Anlaß, ihn nach dem Grunde zu fragen.
Ein paar Tage darauf bat er mich flehentlich, ihn au; einem Nachmittags-Ausflug zu begleiten, den er mit dem jungen H., dem Sohn der eben genannten Familie, machen müsse. Er gestehe, seine Bitte sei etwas dreist, aber der junge Mann sei ihm zuwider, daß es für ihn eine Unmöglichkeit sei, allein mit ihm fertig zu werden.
Ich ließ meinen lieben Jungen natürlich nicht im Stich. Zur festgesetzten Zeit stellte fick ein mit übertriebener Eleganz gekleideter, etwa zwanzigjähriger junger Herr ein, der wenig erbaut schien, als er mich als Dritten von der Partie sah. Doch ich schenkte dem keine Beachtung, gesellte mich zu ihm, und es kam auch bald ei» Gespräch in Gang.
Ich hatte nichts weniger als einen Dummkops vor nur. Er hatte etwas gelernt, kam mit einem Urtheil heraus und wußte seine Rede zu führen. Er war eben mit seiner Lehrzeit in einem Berliner Exportgeschäft fertig geworden und entwickelte große Zukunftspläne. Das hätte ich mir gern gefallen lassen, denn was er sagte, zeugte von Umsicht und Streben; aber wie er's sagte, war unausstehlich. Er war in hohem Maße von sich durchdrungen und schleuderte seine kühnen Behauptungen schnellfertig und absprechend heraus in einer Weise, die schlecht zu seinen zwanzig Jahren passen wollte. Und was mit dieser ganzen Anlage im Zusammenhang stand, der Bengel war eben so affectirt wie eingebildet.
Ich hatte mir ja nun mein Urtheil bilden können; und als der Weg ein Zusammengehen zu Dreien nicht mehr »erstattete, ließ ich die beiden jungen Leute vor mir gehen. Konrad schien sich von vornherein eine ziemlich passive Rolle Vorbehalten zu haben, was den jungen Schwadroneur keineswegs sein Benehmen ändern ließ. Ich hörte seine Stimme bald laut, bald leiser, aber in i-mer gleicher Unermüdlichkeit. Zuerst war wohl noch von geschäftlichen Zukunfts- plänen die Rede, für die er bei dem jungen Hamburger wohl Interesse oder Kenntnisse von den einschlägigen Verhältnissen voraussetzte. Wenn er seine Stimme nachher dämpfte, mochte auch noch von seinen Erfolgen auf anderem Gebiete die Rede sein. Denn er unterbrach sich zuweilen mit unangenehmen, Lachen, und Konrad war bei gänzlichem Verstummen angelangt, als glücklicher Weise unser Ziel erreicht war. .... .
Wozu ich das Alles erzähle? Weil dieser Spaziergang, so unwesentlich er erscheinen mag, in die Reihe entscheidender oder wenigstens vorwärts treibender Ereignisse gehört, von denen ich berichten will.
Ans dem Rückwege schieden wir von dem jungen Manne schon oben im Walde, weil es spät geworden war und er deshalb einen näheren Pfad zu seinem Hotel einschlagen wollte.
Das Erste, was Konrad hervorbrachte, waren die Worte: „Was sagen Sie, lieber Herr Wenzel, wenn man öfter auf ölche Gesellschaft angewiesen wäre?"
„Wie meinen Sie das, Konrad?" fragte ich.
„Ack", rief der junge Mann verzweifelt, „wenn ich nun Kaufmann werden müßte!"
Ich schwieg einen Augenblick, betroffen von der Trostlosigkeit seiner Miene, dann sagte ich ernst und verweisend: „Sie sind thüricht, Konrad; wie kann eine zufällige Begegnung Ihnen den Anlaß geben, sich über einen Beruf verächtlich zu äußern, dessen Bedeutung Sie am ehesten Gelegenheit hätten zu würdigen. Eingebildete Leute können Sie überall finden."
„Ach. Sic verstehen mich nicht", rief er gequält.
Ich verstand den armen Jungen nur zu gut, blieb aber dabei, ihm jetzt entgegenzutreten. „Wissen Sie, Konrad, solche Sensibilität, wie Sie da zeigen, ist ungesund. Wenn ich Alles bedenke, haben doch die Eltern mit ihrem Wunsche ganz recht. Sie haben in Ihrem Vater das Vorbild des weitblickenden, vornehmen Kaufmanns; Sie sind der einzige Sohn, eine umfassende Thütigkeit erwartet Sie; und über dies Alles erfüllen Sie den Herzenswunsch der schwer geprüften Mutier!"
Er schwieg; aber so sehr mir .das Herz blutete, ich fuhr
„Wissen Sie, was ich. im Grunde glaube", sagte ich hart. „Die ganze Neigung zur See läuft hinaus auf die Lust zur Ungebundenheit. Ja, ja, das ist meine Meinung!"
Er berührte meinen Arm, daß ich stehen bleiben mußte, und sah mich still an. „Lieber Herr Wenzel", erwiderte er bescheiden, „Sie wissen von Ihrem Sohne ganz gut, daß man in keinem Stande sich mehr fügen, mehr gehorchen muß als in dem, dem mein Sinnen und Denken nun einmal gehört. Vor Allem dem Officier der deutschen Kriegsmarine fällt Ehre, Dienst und Gehorsam in einen Begriff, und dieser Begriff fordert Hingabe des ganzen Menschen bis zur Einsetzung des Daseins."
„Was hoffen, was erwarten Sie denn von dem Beruf, den Sie erstreben, Konrad?"
„Nichts als der See und der Planke meines Schiffes gehören zu dürfen", antwortete er mit einem Anfluge von Schwärmerei, der nichts desto weniger etwas Rührendes und Ueberzeugendes hatte.
„Sie werden also den Wünschen der Eltern, der Mutter, sollten diese Sie einem anderen Berufe zuweisen, Widerstand entgegensetzen?" „ . t , . ,
Ein paar Minuten ging er schweigend neben mir her. Dann antwortete er. nickt als ob er sich besonnen, sondern wie um eine oft dnrchkämpfte Kette von Gedanken auch jetzt zum Schweigen zu bringen: „Nein, ich werde gehorchen!" r • .
Ich erschrak vor dem Ausdruck des Herzeleids, mit dem er sich diese Worte abrang. Zu antworten brauchte ich nicht, denn er war im nächsten Augenblick nicht mehr an meiner Seite, sondern eilte, mich bald weit hinter sich lassend, allein seines Weges weiter.
(Forttetzung folgt.)
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