Der Roman
G
3j Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblasts. —=a i
Nr. 82,
Freitag, 9. Npril.
1915.
(12. Fortsetzung.)
Dar adlige Zreihaur.
Roman von Albert Petersen.
Nachdruck verboten.'
Uni nächsten Morgen schlendert« der Gast durch die Geschäftsräume. Herr Wilmsen hatte chn gebeten, sich ein wenig umzusehen, da er selbst eine geschäftliche Unterredung mit einem Sylter Kapitän habe.
Herrning war gerade mit zwei Lehrlingen oben auf dem Speicher, als Paridom Puttfarken, ern wenig keucheiid vom Treppensteigen, zu ihm trat und teilt- selig mit ihm ein Gespräch anknüpste.
Henning, der schlecht geschlafen hatte und besonders diese«: Fremden nicht wohl gesinnt war, gab erst nur kurze Antworten. Das aber schien den Hamburger cher zu reizen, das Gespräch fortzusetzen, und schließlich
K «: „Na, hätten Sic nicht nral Lust sich zu ver- n? Ich will meinem Geschäftsfreund natürlich nicht sein Personal abwendig machen, aber wenn S,e doch mal eine andere Stellung haben wollen, können Sie ja auch bei mir eintreten."
„Ich soll nächstens in Herrn Wftmsens Kontor Wer- Wendung finden", antwortete Henning großartig. „Donner — na, ober vielleicht gelegentlich."
„Ja, gelegentlich", meinte Henning, scheinbar nachlässig. Dann stieg Paridom Puttfarken wieder die Treppe hinunter, und als er aus der Speichertür trat, sah er Grethenfraucke im Garten.
„Schön ist sie nicht, aber die einzige Tochter ist sie", murmelte er und ging in den Garton.
„Guten Morgen, ma demoiselle", begrüßte er das junge Mädchen artig, „ist die Rose zu den Rosen ge- gegangen?"
„Was will er?" Lachte Grethenfraucke, ,gch, er will liebenswürdig tun."
„Die Rosen blühen noch nicht, Herr Puttfarken. „Was liegt daran, wenn nur die Rose blüht", ayt» wartete er mit süßlichem Lächeln.
„Haben Sie Botanik studiert?" fragt« sie ein wenig unwillig. Sie hatte mit ihrem jungen Schmerze allein sein wollen, und nun störte sie dieser Mensch, der ihr so unsympathisch war.
Er sah sie unsicher fragend an, dann meinte er langsam: „Gelten denn nur Leute, die studiert haben?"
„Dann würde mein eigener Vater ja nicht gelten", erwiderte sic schnell.
Er schwieg einen Augenblick, wußte nicht recht, wie er das Gespräch fortsetzen sollte, und sagte: „Waren Sie schon in Hamburg, ma damotaeUe?"
Grethenfraucke metfte, daß er krainpHaft nach einem Gesprächsstoff suchte, und ein schelmisches Lächeln mühsam verbergend, antwortete sie kurz: „Ja."
„Und — und gefiel es Ihnen in Hamburg?" Nein."
Als er sie jetzt fast hilflos ansah, siegte doch ihre Gutmütigkeit und sie fuhr fort: „An der Mster ist es ja sehr hübsch, aber die engen Straßen — Johannis- straße, Burstich, und wie sie alle heißen, sind ja so de- Kamneftd. Und abseits von der Geschäftsgegend soll h ja noch schlimmer sein."
„Wer die Bergstraße soll schon viel breiter gemacht werden", verteidigte er seine Vaterstadt, „wird ja viel Geld kosten, viel schönes Geld. Wer — ich glaube, wenn Sie dauernd in Hamburg wohnten, würde es Ihnen schon gefallen. Glauben Sie nicht?"
„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht."
„So denken Sie doch einmal darüber nach. Na, Denwiselle, bitte, denken Sie darüber nach."
Grethenfraucke sah ihn erstaunt, verständnislos an, dann aber brach sie in ein schallendes Lachen aus. Der war ja wühl ganz —.
Paridom Puttfarken stand nnt hochrotem Kopf da. Ihr Lachen verletzte ihn. Er zog mit steifer Ver- beugung den hellgrauen steifen Hut, sagte: „Wünsche viel Pläsier, Demoiselle", und verließ den Garten.
Grethenfraucke wandte sich ärgerlich ab. Was gab diesem Manne das Recht, gleich am zweiten Tage ihrer Bekanntschaft so zu ihr zu sprechen?
„Natürlich, weil meine Narben mich so entstellen, mteint er wohl, es ist noch eine Heldentat, mich überhaupt zu nehmen". Lachte sie bitter, „nein, nein, mich wird man doch nur wegen Vaters Vermögen heiraten wollen, aber nein, nein, ich will nicht!"
Das Mittagessen wurde, auch wenn Gäste anwesend waren, stets gemeinsam mit dem Personal eingenom- men. Erst als man nachher im Wohnzimmer beim Kaffee saß, war es Grethenfraucke, als seien ihre Eltern seltsam ernst. Paridom Puttfarken tat zwar sehr unbefangen, aber er scheute sich, das junge Mädchen anzu-
reden. . „ „ ^
Gegen Abend rief Frau Wilmsen ihre Tochter zu sich in die Vorderstube.
„Setze dich, liebes Kind, ich habe nnt dir zu reden , sagte die blonde Frau mit ungewohnt feierlicher
Stimme. „ „
Grethenfraucke tat, wie ihre Mutter sre geheißen.
Frau Wilnrsen zögerte einen Augenblick. Das innge Drädchen glaubte zu verstehen, antwortete aber richig: „Es sind sicher geschäftliche Angelegenheiten, Mutter.
„Nein, Grechenfraucke, er hat — er möchte dich zu« Frau haben." t _ ,, .
Die Mutter wartete, wartete, daß die Tochter aut, Morten solle, Grethenftaucke aber s<ch mit richig fragen- dem Blick die Mutter an.
Tiefe Stille herrschte im Raum, nur die alte hohe Standuhr schlug langsam und bedächtig.
„Nun, Grethenfraucke?" fragte Frau Wilmsen
endlich. . , „ ,, „„ ,
„Und was habt ihr chm geantwortet, Mutter? ent- gegnete das Müdcheii in abweisend ruhigem Ton.
„Wenn du einverstanden wärest, mein Kind, solle es
uns recht sein." m n
„Dann wundert es mich, daß Herr Parrdom Puttfarken noch nicht abgereist ist, Mutter, denn er heute morgen schon wissen können, baß ich ihn will.'
