mm Wiesbadener Tagbllllt.
Ms. 136. Morgen-Ausgabe
0j2 Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Kiebeskämpfe.
Von Uernhard von Urandeuburg.
Freilich, der Prinz würde in jedem Fall erben; aber crtisabetb war dann eine mitgifts- und landlose Prinzeß ,„d ihr Vaterland würde für immer an jene Neben- fallen. Also stützten sich die Hoffnungen deS Fürsten der Unterthanen auf diese junge Tochter, und nie
.de der Herzog gestatten, daß sein Geschlecht durch eine Mesalliance auf ewig geschädigt und auS der Reihe der liierenden Häuser gestoßen würde. Auch die Gefahr, die Mr Elisabeth selbst in dieser unglückseligen Neigung enthalten mar sah Jngeborg deutlich. Kam ihre Liebe an den Tag, wie 'es ja nun einmal das Schicksal unberechtigter Empfindungen zu sein scheint, so war ein Eclat unausbleiblich und ihm würde der Zorn des Herzogs, die Entsagung auf ihre Sand von Seite,t des Erbprinzen folgen. Doch Jngeborg ttöstete sich, daß sie in der trüben Stimmung, die sie äugen- blicklich beherrschte, zu schwarz male und daß die Herzogin vielleicht die Kraft haben würde, rechtzeitig auf dem gefährlichen Weg, den sie wandelte, umzukehren. Jedenfalls schwor sie sich, die Freundin nicht im Stich zu lassen sondern Alles daran zu setzen, das junge Haupt vor dem drohenden Niiacwitter zu schützen. Damit wandte sie sich den eigenen Sorgen zu und versuchte, sich ein klares Bild über d,e Verhältnisse im elterlichen Hause zu machen. ,.. „
' Mondal war schon am Tage nach der „Tannhauser". Aufführung ausgezogen und bewohnte inmitten der Stadt ein geräumiges Quartier, in dem er auch das nächste Jahr ' bleiben gedachte. Allerdings war er ein häufiger, fast «äalicher Gast, aber Jngeborg beschloß, ihm auszuweichen und wenn er länger weilte, sich durch Haushaltungsange- leaenheiten zu entschuldigen. Auf der Straße war sie kaum mit ihm gesehen worden, und je mehr sie sich nun zurnck- bielt desto energischer brach sie dem müßigen Gerede die Spitze ab. Kam er trotz ihrer Kälte, so hatte sie sich wenigstens keine Vorwürfe zu machen und sie würde dann mit Bestimmtheit wissen, daß er in dem Alleinsein mit Frau Johanna ihre Gesellschaft nicht entbehre.
* Sie schauderte; gewiß, sie that ihm Unrecht, ihn bewog nur treue Freundschaft für die ganze Familie zum Kommen. Aber ihre Mutter empfand anders für ihn, das hatte sie schon aus den begeisterten Briefen ersehen. Mit wahrer Abneigung war sie deshalb Mondal eutgegengetreteu, einen Feind, einen Verräther hatte sie in ihm gewittert und einen heiteren, harmlosen Menschen, dem nichts ferner lag als Lug und Trug, fand sie in ihm. Sie vergaß, daß sie auch einmal, an jenem schrecklichen Abend, anders von ihm gedacht hatte; jetzt erinnerte sie sich seiner nur als des fröhlichen Gesellschafters und gemüthlichen Hausgenossen, als welcher Mondal sich in der letzten Zeit gezeigt hatte. Von ihm war nichts zu fürchten, er würde die Gastfreundschaft nicht durch Undank lohnen. Sie vertheidigte ihn warm vor sich selbst, denn trotz ihres Vertrauens beschlich sic immer noch ein leises Unbehagen, wenn sie ihn neben ihrer Mutter sah und ihre Liebenswürdigkeit entsprang hauptsächlich der dankbaren Anerkennung, daß er jeden vertraulichen Ton able jnte und sich streng in den gewiesenen Grenzen hielt.
Donnerstag» den 22. März.
In seinen! Benehmen gegen sie, Jngeborg, hatte er sich auch veräildert. Aber es war doch natürlich, daß sie allmählich vertrauter mit einander wurden, da sie sich so häufig begegneten und alle kleinen Tagesereignisse zusammen erlebten. Daß sie bcgchrenswerth und daß er in sie verliebt sei, daran dachte Jngeborg gar nicht, nur meinte sie, darüber sicher zu sein, daß er ihr nickt gefährlich werden könne. Das war recht gut, denn es müßte doch traurig sein, mit der eigenen Mutter zu rivalisiren und im günstigsten Falle ein Herz zu erobern, dem anfänglich die Tochter nur un- bequem gewesen war!
Diese Vorstellung betrübte sie von Neuem. Vielleicht ahnte Mondal nicht, daß man von seiner Verlobung sprach, sie würde nichts davon erwähnen gegen ihn, das verbot schon ihr Taktgefühl. Das Beste war, die ganze Sache todtzuschweigen und allmählich Ruhe und Selbstbeherrschung wiedcrznfindcn: sie war daran gewöhnt, Stürme mit sich allein auszukämpfen und doch immer als Siegerin aus denselben hervorzugehen.
Einige Tage später erschien wie immer zu ihren, bestimmten Termin die alte Näherin Winkelmannen, um mit fleißiger Nadel die Leinenschäden der Familie auszubessern. Jngeborg trug ihr selbst das Frühstück und eine mächtige Kaime mit Thee in die Nähstube, wo Winkelmannen mit der großen Hornbrille und trotz der warmen Sonne von dem lila Seelenwärmer umhüllt an der Arbeit saß.
„Guten Morgen, Winkelmannen — wie geht's?"
„Ach, man schlecht, Fräulein Jngeborg — ja, ja, is man von wegen klein Heine!"
„Ihr kleiner Enkel, ist er krank?"
Ueber Winkelmannens Wangen rollten ein paar heiße Thränen und vergebens bemühten sich ihre zitternden Finger, den Faden durch das Nadelöhr zu ziehen. Jngeborg nahm ihr die Nadel aus der Hand und sagte mitfühlend:
„Quälen Sie sich doch nicht, liebe Winkelmann — was fehlt dem kleinen Jungen?"
„Scharlachsiebe, ach, so entsetzlich, und dabei so auf die Bost — un was mein Sohn is, is weit weg, irgendwohin nah die Swattcn — ach Gott, nee, wenn mich das oll lütt Kindting stibt, is doch mein einzigen Sonnenschein!"
Jngeborg versuchte, der ganz Verzweifelten Muth und Hoffnung einzusprechen, aber selbst der heiße Thee mit sehr viel Zucker verfehlte heute seine Wirkung, der Kummer saß zu tief.
Am Nachmittag kam ein kleiner, strohblonder Junge als Bote der Schwiegertochter und forderte die Großmutter an das Sterbelager des Enkels.
„Ficbe lvicde da?" fragte Winkelmannen erschüttert und unter vielem Stöhncii machte sie sich auf den Weg, entschuldigte sich immer wieder über den unterbrochenen Nähtag und versprach schluchzend, Jngeborg über das Befinden des Kindes Nachricht zu senden. Aber die Stunden verstrichen und Jngeborg erwog bei sich, ob sie nicht selbst gehen und sich nach dem Kranken umsehen sollte.
„Was meinst Du, Mutter, .wenn ich einmal nachsehe, wo Winkelmannen geblieben ist?"
Frau Johanna saß in ihrem tiefen Lehnstuhl am Schreibtisch und starrte über das Wasser, auf das sich schon die dunklen Schatten der Dämmerung hinabsenkten. Wie geistesabwesend blickte sie die Tochter an:
48. Jahrgang. 1906.
„Was sagtest Du? Ja wohl, geh' nur - meinetwegen I' Jnaeborg zögerte noch einen Augenblick, sie wußte, daß jeder Kranke der Mutter unheimlich sei und daß sie der Berührung mit Leidenden oder Solchen, die von Kramen- lagern kamen, gern auswich. Aber Frau Johanna schien hre Gegenwart längst vergessen zu haben und Jngeborg machte sich eilig auf den Weg. Sie mußte die Anlagen durchschreiten und von dem Marktplatz ab in eine jener schmalen Nebenstraßen biegen, die zum Wasser hinabführten und deren niedrige Häuschen hauptsächlich von Schifferfamilien bewohnt wurden. Es war eine weite Strecke bis dahin und sie verlief sich in der rasch zunehmenden Dämine- rung mehrmals, ehe sie in diesem Wirrwarr von Gäßchen und Höfen das richtige traf. Dicht vor ihrem Ziel überholte sie ein fester Schritt, eine dunkle Münncrgestalt drängte sie aus dem Wege und lief mit einem flüchtigen „Pardon" vorwärts.
.Ferdinand!" kam es unwillkürlich von Jngeborgs Lippen. Der Freiherr drehte sich rasch nach ihr um und sagte, als auch er sie erkannte: „ .,, ^ „ .
„Mein Gott, kleine Jngeborg! Was streichst Du allein und mitten in der Nacht in diesem unentdeckten Urwald herum?"
„Ich muß einen Besuch machen, der kleine Enkel meinet alten Winkelmann ist sehr krank und ich will versuchen, ob ich helfen kann."
„Seit wann bist Du denn unter die Samariter gegangen, kleine Heilige?" fragte Brandes lachend. „Für diesen entsagungsvollen Beruf bist Du noch viel zu jung, vor allen Dingen zu schön!"
„Ach, laß die Schmeicheleien!" bat Jngeborg ernst. „Laß Dich nicht aufhaltcn, ich bin schon am Ziel."
„Und wie komnist Du zurück?" entgegnete Ferdinand, ohne sich um ihre Ablehnung zu kümmern. „Uebersetzt die edle Frau Johanna, die so schön über Frauenrechte schreibt, ihre Theoricen ins Praktische und beginnt damit, ihrer Tochter Freiheit und Gleichheit zu gewähren?" .
Jngeborg antwortete ihm nicht, sondern legte die Hand auf die Klinke der niederen Hausthür und öffnete. Ferdinand schien seinen Spaziergang aufgegcben zu haben, denn kurz entschlossen betrat er hinter ihr die mit großen Schranken verstellte Diele. Die Glocke bimmelte noch immer heiser und langathmig, doch Niemand kam. Todesschweigen herrschte in dem ganzen Hause. Schließlich klopfte Jngeborg an eine Thür, aus deren Schlüsselloch ein heller Schein über die Granitfliesen des Vorraumes fiel. Sie öffnete leise, da kein Herein ertönte.
Mitten in die einfache, iveißgetünchte Stube war ein Gitterbettchen gerückt und auf den weißen Kissen, ein paar Veilchen in den wächsernen Händchen, lag Winkelmanns Sonnenschein, vom Todcsengel sanft zu einem schöneren Erwachen geküßt. Jngeborg versenkte sich in die stillen, lieblichen Züge und strich mit leiser Hand über die goldenen Locken, die wie ein Heiligenschein das Köpfchen umrahmten. Zwei Lichter brannten am Kopfende des Lagers und erst jetzt gewahrte Jngeborg in der flackernden Beleuchtung die alte Winkelmann, die fest umschlungen von der Schwiegertochter im Sopha saß. Jngeborg trat auf die beiden Frauen zu und reichte ihnen die Hand, sie fand vor Thränen keine Worte.
(Fortsetzung folgt.)
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