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«8. Jahrgang.

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Fernsprecher No. 52 . Donnerstag, den 22. März.

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Die Folgen des lex Keime-Rummels.

V L. Kerlin, 21. März.

«in so ungewöhnliches Ereigniß, wie es die Vereitelung ker klerikalen Bestrebungen zur Durchsetzung der lex Heinze ist kann naturgemäß nicht ohne weittragende Wirkungen aus t politische Gesammtlage bleiben. In der That enthalt das Dreianist die Keime zu weiteren Vorgängen und Entwicke- omaen die an Wichtigkeit über das hinausgehen, was sich schon bei der Betrachtung der gegenwärtigen Verha tnisse Tbietet So bedeutsam der Einfluß der Kämpfe der uoriaen Woche auf die Lage im Reichstag auch ist so rammt es für den Beobachter vor Allem m Betracht, daß «T W Beziehungen der Parteien untereinander infolge !vL« Ereignisses vielleicht dauernd, jedenfalls aber auf ranne« j} c it beträchtlich werden ändern müssen. Man kann a-mib nicht sagen, daß zwischen dem Centrum und der Socialdemokratie jemals ein freundschaftliches Verhältniß ^standen hat. Gleichwohl lehren alle Wahlkämpfe, daß diese b den Parteien sich unter Umständen nicht übel zu ver­sündigen gewußt haben. Es ist häufig genug vorgekommen, bak die Socialdemokraten das Centrum als das „kleinere Uebel" betrachtet haben; es ist auch vorgekommen, daß das Ceutrum sich umgekehrt der Socialdemokratie gegenüber ver- balten hat Es ist ferner zu berücksichtigen, daß eine Be­rührungsfläche zwischen beiden Parteien durch gewisse An­schauungen in Bezug auf Arbeiterschutz vorhanden gewesen ist Wenn die christlichen Bergarbeiter-Vereme und sonstige, namentlich katholische Arbeiter-Verbände im Kampfe mit den socialdemokratischen Gewerkschaften liegen, so hat dieser Gegensatz nicht immer verhindert, daß auch gemeinsam vorgegangen werden konnte, und die beider­seitigen Parteileitungen haben es sich un Großen und Ganzen angelegen sein lassen, trotz heftigsten Zwists doch auch diese Möglichkeiten einer gelegentlichen Gemein­schaft mindestens gewähren zu lassen. Die Socialdemokratie hat bisher ihre Hauptangriffe gegen die Konservativen und die Nationalliberalen gerichtet, das Centrum aber lieber aus dem Spiele gelassen. Ohne diese kluge Taktik wurde beispielsweise der bayrische Flügel der Socialdemokratie nicht seine immerhin bemerkenswcrthen Erfolge auf dem Vlatten Lande haben erringen können. Jetzt, wo die Socialdemokratie dem Centrum so hart an den Wagen ge­fahren ist, wird es mit diesem Verhältniß einer gewissen gegenseitigen Duldung wohl zu Ende sein, und wenn es doch noch zu einer Reichstags-Auflösung wegen der Flottenverstärkung kommen sollte, so hätte man ein merkwürdiges Bild zu gewärtigen. Das Centrnm, das in diesem Falle Äs indirekter Urheber der Reichs- tags-Anflösung in der Oppositon stehen würde muhte sich auf die Hülfe einer Partei verlassen, die ledes Interesse daran hat, die Macht des Centrums zu brechen. Allerdings stände es umgekehrt ungefähr ebenso, aber damit ist nur ausgesagt, daß die Ungewöhnlichkeit des Verhältnisse-, und zwar mit infolge der Kämpfe um die iox Heinze, umso krasser erscheinen muß. Welche Rückwirkung der Sieg der

Obstruktion auf die Beziehungen des Centrums zu anderen Gruppen der Linken noch haben kann, darüber hat sich in der ersten Hitze des Gefechtes die Centrumspresse bereits m Andeutungen ergangen. Es ist gedroht worden, daß ras Centrum einer Reihe von Abgeordneten, wenn ste wieder kandidircn sollten, die Hülfe bei Stichwahlen versagen werde, und wenn diese Drohung auch nicht sonderlich ernst zu nehmen ist (da die Hülfe doch immer den Centrums- Jnteressen und nicht andern Partei-Interessen zu Liebe gewährt worden ist), so eröffnet sich auch von dieser >scite her die Aussicht auf Verschiebungen in den gegenwärtigen Parteigruppirungen. Man kann mindestens für den Augen­blick ruhig von einer Jsolirung des Centrums sprechen, wie sie seit dem Kulturkampf noch nicht wieder dagewesen ist. Muß das Ccntrum doch auch erleben, daß die Konservativen ein wenig von ihm abrücke»! Dies ist aus einer Kom- ilikation von Gründen begreiflich genug. Man weiß, vaß es namentlich den Freikonservativen, aber auch einer ganzen Reihe deutsch-konservativer Politiker keineswegs paßt, dem Centrum bei der Befestigung seiner Herrschaft über die Geister Schleppträgerdienste zu leisten. Man weiß fenrer, daß das allzeit agitationslustige Landbündlerthum die gegebene Gelegenheit wahrzunchmcn versucht, um durch Erschwerung de- Zustandekommens der Flottenverstärkung eine Lage zu schaffen, die zu Neuwahlen führen könnte, sodaß dieRegierung genothigt würde, sich auf die Konservativen und das Ostelblerthum stärker als bisher zu stützen, also die vom Bund der Land- wirthe vorgeschriebene Zoll- und Wirthschaftspolitik aus zuführen. Zur Erreichung des Ziels wird mit bctt ver­schiedensten Mitteln gearbeitet. Bald wird mit der Fleisch­beschau-Vorlage die Negierung in Verlegenheit zu setzen ver sucht, bald wird das Centrnm in seinem Groll über die er­littene Niederlage durch Hetzereien bestärkt, denen durchaus keine gleich starke Mißstimmung auf konservativer Seite ent­spricht, die also nur einem -Maischen Zweck diene» sollen und die Wirkung ist immer dieselbe. Die Zerfahrenheit der Lage nimmt zu, sodaß es sich allerdings verstehen laßt, wie die Regierung und die Personen und Tendenzen außer­halb der Negierung, denen die Flottenvorlage vor Allem am Herzen liegt, mit wachsender Sorge auf diese Ver­änderungen in der Struktur des heutigen Parteilebens blicken.

selbstverständlich, bewahrt geblieben. Aber er hat beobachtet, wie dergleichen thul, wie es auf die Sträflinge wirkt, welche Brutalität in dieser verkehrten Strafart steckt, wie sehr sie ihre Absichten verfehlt. Die Prügelstrafe wird von den Direktoren mit Zustimniung der Oberbeamten angcordnet; es können bis zu dreißig Knutenhiebe verhängt werden. Außerdem besteht die Einrichtung, daß die königlichen Regierungen die Verabreichung von Prügelstrafe bis zu sechzig Knutenhiebcn verfügen können. Die Zustimmung der Beamten bezeichnet Leuß als bloße Form. Die Direktion einer Strafanstalt ist keine kollegialische Behörde, sondern büreankratisch. Nur etwa der Geistliche oder der Arzt könnte Widerspruch erheben, der Arzt aber nur, wenn der Züchtling" nicht „züchtungSfähig" ist. Der Verfasser war früher der Meinung gewesen, daß die Prügelstrafe als Disziplinarmittel allerdings unentbehrlich sei, er ist turnt worden durch die Beobachtung der Wirkung eurer solchen Züchtigung auf die Insassen einer Strafanstalt. Diese Wirkung bestand in einer geheimen Solidarität der Gefühle aller Gefangenen, einer grimmigen Empörung des Innern, einem Aufruhr der Wünsche, dem nur die Macht fehlt, zur That zu werde». Wir behalten uns vor, auf die Lenß scheu Aufsätze znrückzukommen. *

«nd Personal - Nachrichten. Der Abgeordnete

vr. Lieber beabsichtigt, wie das „Berliner Tageblatt meldet. Ende dieser Woche nach seiner Heunath uberzusiedeln. Sem Be­finden war in letzter Zeit anhaltend günstig.

* Ärrli». 22. März. Der Senioren-Konvent des Reichstags war gestern vormittag vor der Plenarsitzung zusammeiigetretm, um sich über die Geschäftslage schlüssig zu machen. NachI Er* lediqnng der zweiten Berathnng des Etats wird am Montag, den 26., die Seemanns-Ordnung zur ersten Berathnng und Dienstag, den 27 bcttu. Mittwoch, beu 28., der Etat zur Berathnng mr Plenum gestellt werden. Auf diese dritte Lesung des Etats werde» »nr wenige Tage gerechnet, sie dürfte also unter dieser Voraus­setzung am 28. bezw. 29. beendet sein. Alsdann wurden die Oster­ferien beginnen, welche bis zum 21. April dauern sollen.

Wie der „Börsen-Couricr" hört, sind hier augenblicklich keinerlei Nachrichten von thntsächlichen VorgängenelNgelaufen. dieneuer- militärisches Einschreiten Deutschlands m Sch an tun g

Deutsches Reich.

Heber die Handhabung der Disziplin in den Strafanstalten

läßt sich Hans Leuß in der „Neuen Zeit" vernehmen. Der Verfasser kann beanspruchen, daß man ihn aufmerksam Hort. Dieser ehemalige antisemitische Reichstagsabgeordnete, der sich jetzt zur Socialdemokratie hin entwickelt hat, kennt die Verhältnisse, über die er sich verbreitet, gründlich genug, da er drei Jahre im Zuchthause zu Celle gesessen hat. Wenn solche Mäimer mit Scharfblick und Unterscheidnngsvermogen die Zustände in den Strafanstalten schildern, so muß doch noch mehr dabei herauskonimen, als wenn Beamte, Aerzte oder Geistliche diese Frage behandeln. Denn das persön­liche Erlebniß als leidender Theil giebt der Darstellung Form und Farbe. Vor der Prügelstrafe freilich, ine m dem vor­läufig ersten dieser Aufsätze besprochen wird, ist Leuß, wie

^ättm erfo^Aich^ erf^inen "laffm." ^ell ^ n«w

fnutm zum Schutze des Bahnbaues ist sur eine Entsendung von Mannschaften noch kein Anlaß geboten worden. Richtig ist. daß Deutschland auch die amerikanischen Missionen rn Schantung schütze» will und schützen wird. .

* Rund schau tut Reiche. Die „Augsburger Abendzeitung schreibt Graf Lerchenfeld, der Vertreter Bayerns im BundeS- rath. habe feine Aenßerung im Reichstag zum Hemze-Gefetz^ ohne Auftrag feiner Regiernng abgegeben und sich 0 'ellncht an eine wett 2 nnirf(fpiii'uhe Instruktion gehalten. Wenn das Blatt m vielem Fall offiziös bedient ist, fo scheint sich Bayern im Bundesrath eine 'retere Auffassung gegenüber d er lex Hein ze bewahrt zu haben.

Deutscher Reichstag.

KerU», 21. März.

Bildung der Schutz!rnppc" „tbunlichst" auf Grunds freiwilliger Meldungen, sowie Verstärkung ver Chinesen-Compagnie. Abm Eickdo'ss (sreis. Volksp.) bezeichnet es als anerkettnenSwcrth, daß Staatssekretär Tirpitz in der Kommission über die sanilaren Ver­hältnisse des deutschen Schutzgebietes Kmutschou eingehendere Aus­kunft ertheilt habe, als vorher im Plenum. Er selbst habe ein ab. schließendes Urtheil über das dortige Klima nicht gefallt. WaS

(Nachdruck verboten.)

Pariser Kries.

(Von unserem Korrespondenten.)

Paris, 20. März.

„L’Aiglon“, der „junge Aar", ist endlich, dank der emsigen Fürsorge der Theaterleiterin Sarah Bernhardt und des Dichters Rostand, seinen dramatischen Eierschalen ent- krochen und spreizt kühn unter dem enthusiastischen Beifalls- geschnatter des chauvinistischen Geflügelhofes sein kunstvoll zugeschnittenes Gefieder pathetischer Alexandriner. Diesmal hat die napoleonische Legende wiederum, wie rn „Madame Sans-Gsne", herhalten müssen, um den Stoff für etn historisches Bühnenstück zu liefern. Bei dieser GÄtung dra­matischer Erzeugnisse kommt bekanntlich immer die Geschichte herzlich schlecht weg, das war schon zu Shakespeares, Goethes und Schillers Zeiten nicht anders und kann auch gar nicht anders sein, denn der Griffel Klios ivird von der Gewalt und dem Zufall wechselnder Kombinationen geleitet, wahrend wir im Drama verlangen, daß die Ereignisse und Schicksale mit innerer Nothwendigkeit aus den Charakteren hervor­gehen. Da biegen und zerren denn die Dichter, um die gewünschte Nothwendigkeit, die uns „erschüttern" soll, glück­lich herauszukriegen, sowohl die Ereignisse als die Rollen nach Herzenslust zurecht. Wäre es Prosa, so würde man es Geschichtsfälschung nennen; so ist es aber „poetische Licenz Dies hindert die Verfasser dramatischer Geschichtsabende durch aus nicht, sich „strengster historischerTreue" zu rühmen. Monsieur Rostand hat die Reise nach Wien nicht gescheut, um zu ermitteln, wie der Herzog von Reichsstadt „geräuspert und gespuckt" hat und was für Stiefel er trug. Eine Wasch­frau von Ottakring verschaffte ihm sogar die Relique eines

Manschettenknopfs des unglücklichen Kaisersohnes. Das ändert nichts an der Thatsache, daß er aus dem geistig zurückgebliebenen Jüngling einen Ausbund von Große, Scharfblick und Güte gemacht hat, einen Don Carlos, dem nichts als ein Posa fehlte. Was thut's? Das stuck macht Kaffe und das ist für Sarah die Hauptsache.

Heiterkeit erregte in den journalistischen Kreisen, daß sich ein Berliner Blatt über den Inhalt des Dramas Mlt- theilungen hat ausführlich „drahten" lassen, welche sich die Theaterreporter der Boulevardpresse seit Wochen und Monaten an den Schuhsohlen abgetreten hatten. Der Verfasser des Nathan" wird im Olymp zu dieser Verschwendung seiner Erben bedenklich den Kopf geschüttelt haben. Er begriff, daß man Geld verspielt oder einer Schönen zu putzen legt — aber „verdrahten"? Das wird ihm nicht m den Sinn gehen. Oder handelte es sich nur um den bei gewissen Blättern üblichen Trick, briefliche Nachrichten für Depeschen auszugeben, um naiven Lesern zu

imponiren? Das ist sonst bei dem Blatt nicht der Brauch gewesen. Uebrigens war auch seine Meldung, daß in dem Stück der Fürst Metternich besonders schlecht wegkomme, veraltet und nicht mehr zutreffend. Rostand hatte in diesem Punkt ein Einsehen gehabt und auf die billige Gelegenheit, dem Leiter der „heiligen Allianz" einige Verbrechen an- zudichwn, gnädig verzichtet. Darin ist er der Geschichte treu aeblieben. Metternich war als Diplomat nicht besser und nicht schlechter als Richelieu, Talleyrand, Thiers oder Bismarck. Auch für ihn heiligte der Zweck die Mittel, aber er wandte nicht unnöthig diabolische Mittel an, wo schon die natürlichen Verhältnisse sein Spiel förderten. Und das war beim Lebenslauf des Herzogs von Reichsstadt eben der Fall.

Im gesellschaftlichen Pariser Leben nimmt der „Fünf- Uhr-Thee" eine immer wachsende Bedeutung ein. Früher kannte man neben den Einladungen zum Dejeuner oder Diner nur die Soiröen als Berührungspunkte, sei es das Erscheinen am „jonr fixe“ oder der Besuch förmlicherer Gesellschaften mit Konzert, Tanz rc. Die ersteren Ver- anlassungen waren sehr kostspielig, die der Zweiten Art nicht minder, und dazu noch anstrengend, die Nacht­ruhe raubend. Der „five o’clock“ hat den Vor­zug größerer Einfachheit und der Rücksichtnahme auf die Gesundheit der Gäste wie der Gastgeber. Damit ist freilich nicht gesagt, daß nicht auch diese Form des Empfanges sehr reich und luxuriös ausgestaltet werden kann. Neuerdings wird ste z. B. vielfach mit musikalisch- deklamatorischen Vorträgen verbunden hier eine ziemlich theuere Sache, denn das „caellsi" einer Schauspielerin vom „Thöätre Franyais", die erscheint, um ein Gedicht vor. zutragen, oder eines Musikers vom Orchester der Großen Oper, der ein Solo spielt, beträgt nicht unter 300 Francs, und von Finanzgrößen erwarten sie einen Tausendfranc-schein.

Eine merkwürdige Neuerung, die allerdings bis jetzt nur in intimeren „five o’clocks“ ober auf ebensolchen Dejeuners Platz gegriffen hat, besteht darin, sich gemeinsam impfen zu lassen. Die Furcht unserer Schönen vor der Pockenseuche, die in der letzten Zeit furchtbar grassiren soll, ,st groß; die Angst vor der Lanzette ist auch nicht gering, aber erfahrungs­gemäß steigert die Gemeinsamkeit der Gefahr den Muth. Zudem ist der Hausarzt da, der geschickt zu beruhigen und den Moment wahrzunehmen versteht, in welkem die der Revaccination bedürftige Dame zwischen einem Lätzchen Choro- lade und einem Gläschen Champagner willig den Arm darbietet.

. Den Arm oder nach Umständen auch — darf ich s wagen.

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