1. Beilage ;»m Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 131. Abend-Ausgabe.
Montag, den 13» März.
48. Jalzrgang. 1900.
Ein schweres Räthscl ist das Leben,
Allein die Liebe löst es leicht.
Gottschall.
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(Schluß.)
(Nachdruck verboten.)
Rechte des Herzens.
Erzählung von Walther Schmidt-Kätzler.
Eine Viertelstunde später stand Leo allein auf dem Perron und sah dem blutrothcn Lichte des letzten Waggons des davonrollcnden Zuges nach, der in das nächtliche Dunkel hinaus die beiden Menschen davonlrug, ins Glück, ins Leben — die Leo vor geistigem und seelischem Tod gerettet hatte.
Er war glücklich und zufrieden, wie noch niemals in seinem ganzen Leben, er war mit sich und mit der Welt zufrieden; denn das große, gefährliche Rechencxempel stimmte, glatt und prompt war es anfgegangen. Er hatte mit bekannten Größen gerechnet.
In dieser Stimmung durchschritt er den Bahnhof und die Wartesüle und begab sich ins Telegraphenbureau, wo er ein Telegramm aufgab:
„Baron Lauterach, Barrcnhansen bei Gondersheim, Thüringen.
Komme Ende der Woche, um persönlich um Hedwigs Hand anzuhalten. Bitte um Deine und Mamas Fürsprache.
Leo."
Dann athmete er auf, tief und befriedigt, steckte sich eine Cigarette an und fuhr langsam zurück ins Hotel, wo Pctrowna ihn qualvoll erwartete, aufgelöst in Thränen, völlig gebrochen.
Sie hatte einen an sie adressirten Brief erhalten, den Wanda kurz vor ihrer Abreise einem Boten übergeben hatte. Dieser Brief enthüllte dem armen Geschöpf Alles; denn er sagte ihr, daß Wanda in den Fluthen ihren Tod gesucht habe.
Als Leo eintrat, lag Pctrowna auf dem Teppich und weinte wie eine Verzweifelte. Sie sagte nichts, konnte Nichts sagen; nur den Brief, dessen Schriftzüge von ihren Thränen schon halb verwischt waren, reichte sie ihm mit zitternden Händen. — Leo schnürte sich angesichts dieses wahren und großen Schmerzes einer treuen Seele buchstäblich das Herz zusammen; aber er durfte nicht reden, so gern er sie mit einem Worte getröstet hätte. Er zeigte ihr nur den Brief, den er selbst von Wanda erhalten hatte, beruhigte sie, so gut es gehen wollte, und trocknete mit eigenen Händen die unaufhaltsam strömenden Thränen. Dabei machte er trotz seines tiefen Mitgefühls die beruhigende Entdeckung, daß sein Plan glänzend gelungen war und daß alle Veranstaltungen den Stempel des Glaubhaften und Ueberzeugenden getragen.
Im Geiste stand immer und immer das eine und letzte Bild mit greifbarer Deutlichkeit vor seinen Augen: der große, matterleuchtete Perron des Bahnhofs, die langen, im Lichte der Signallaternen blitzenden Schienenstrünge, der sternbesäte Nachthimmel und das rothe, immer kleiner und kleiner werdende Lichtchen des davonrollcnden Zuges. — Sie war gerettet, war frei und glücklich — das entschädigte für tausend Sorgen, für unendliche Arbeit und manche durchwachte Nacht.
Mit dem Zwölfuhrzug kam Iwan.
Leo hatte ihn auf dem Bahnhof abgeholt, während die arme Pctrowna nicht im Stande gewesen war, das Hotel zu verlassen.
In der langen Zeit des Wartens hatte Fröbcn sich Alles zurechtgelegt, wie er dem Gatten die furchtbare Nachricht möglichst schonend beibringen sollte; denn dieser Theil seiner Aufgabe war ihm entschieden als der schwerste und peinlichste erschienen. Er hatte Iwan sofort mit sich in das menschenleere Wartezimmer genommen und, als sie sich gegenüber saßen, langsam, mit äußerster Vorsicht seine Beichte begonnen.
Iwan war sichtlich im Anfang furchtbar erschüttert. Stumm und blaß saß er da in dem Armstuhl und schloß lange die Augen, während es um seine Mundwinkel zuckte.
Dann reichte Leo ihm den verhüngnißvollen Brief. — Iwan las ihn mehrere Male durch, schüttelte mit dem Kopf und wischte sich die Augen.
Nach einer langen Pause begann erleise: „Lieber Gott!
— arme — arme Wanda l — Geliebt hat sie mich ja nie
— weiß ich nur zu gut — aber daß es so endigen würde
— wer konnte das wissen? — Ich bin nicht schuld daran
— ich habe Alles getha», weiß Gott — Alles! — Es ist nur gut, daß das Entsetzliche nicht in Moskau passirt ist — ich hätte mich nicht mehr sehen lassen können I"
Dann war er wieder still und dachte nakff, während Leo ihn schweigend beobachtet hatte und die Oberflächlichkeit dieses egoistischen Lebemannes bewunderte.
Dann Hub Iwan wieder an: „Petromna muß schweigen
— es mag kosten, was es will! — Und auch Sie, Leo, müssen mir zu Liebe schweigen gegen Alle. — Wanda muß für unsere Moskauer Welt hier an ihrem Leiden gestorben sein — die Arme, die Bedancrnswerthe! — Nur darf Niemand die Wahrheit erfahren; denn Alles würde mir die Schuld geben. Es ist ja gräßlich, gar nicht auszudenken, was hier geschehen ist — aber ändern, wieder gut machen läßt cs sich nicht! — Glauben Sie mir, mein ganzes Vermögen gäbe ich hin, wenn ich sie zurückkaufen könnte — aber was hilft's? — Sie war krank, sehr krank, sonst hätte sie diesen grauenvollen Entschluß nicht gefaßt. — Sie muß namenlos gelitten haben!"
„Ja, das hat siel" konnte Leo mit gutem Gewissen be- theuern. „Aber trösten Sie sich, Iwan — jetzt ist ihr wohl!"
„Glauben Sie das gewiß?"
„Ja, das glaube ich, Iwan. — Sie paßte nicht zu Ihnen, sie war ein eigenartiges Geschöpf!"
„Ein armes, excentrischcs Weib war sie, die mich niemals verstehen wollte", fiel Iwan ein, „die die Welt sich anders dachte, als sie war. Ich bin wahrhaftig nicht schuld!"
Und so fuhr er noch lange Zeit fort, seine Schuldlosigkeit zu bcthenern, beklagte Wanda und nicht minder sich selbst. Sie hatte ihn nie geliebt, das wußte er, darüber hatte er sich niemals getäuscht; aber daß sie vor seiner Ankunft lieber in den Tod geflohen war, das beleidigte doch seine Eitelkeit so tief, daß er langsam seiner Rührung Herr wurde und allmählich nur daran dachte, die Peinlichkeit der Sache nach außen hin möglichst zu vertuschen, Aufsehen und Skandal zu vermeiden und die Wahrheit zu verhehlen.
Was Leo sich als das Schwerste gedacht hatte, ging verhältnißmähig am leichtesten; denn immer klarer und überzeugender ward es in seiner Seele, daß Iwan sein Schicksal ohne tieferes Empfinden hinnahm, daß er sich schneller und leichter in das Unvermeidliche fand, als Fröben für möglich gehalten hatte.
Es gelang auch Iwan überraschend gut, im Hotel den Schein zu wahren, daß seine Gattin ihn am Bahnhof erwartet habe, und noch in derselben Nacht reiste er mit Pctrowna ab, aber nicht nach Moskau zurück, sondern nach dem Süden, nach Odessa, wo er bis auf Weiteres bleiben wollte, um mit plausiblen und glaubhaften Gründen für Wandas Tod nach Moskau als tiefgebeugter Wittwer zurückzukehren. —
Am nächsten Morgen mit dem ersten Zug verließ auch Leo die Stadt. Als der Zug über die riesige Eisenbahu- brücke donnerte, schaute er lauge aus dem Coupofcnster.
Da lag die paradiesische Stadt hingebettet in all die duftende Frühlingspracht, da hoben sich von dem sonnen- durchleuchteten Azur die Kuppeln und Thürme, die Dächer und Baumkronen, und hoch ans dem breiten Hügelrücken schaute das heilige Wundcrkloster hinaus auf all die ausgebreitete Pracht, Rußlands guadenbringendes Heiligthum, dem er das Köstlichste geraubt hatte, was er besaß: eine starke freiheitstrnnkeue Menschenseele unter all den willenlosen Automaten, dem er einen lebendig Begrabenen entführt hatte, um der Welt einen großen Künstler, der Erde einen nützlichen Menschen zu schenken!
Er lächelte beglückt. Er war mit sich zufrieden!
Ein neues Jahr war ins Land gezogen; wieder war der Schnee geschmolzen, wieder war es Frühling geworden, Heller, sonniger Mai!
In dem behaglichen Speisesaale auf Schloß Barrenhausen standen die Fenster offen, die Düfte des Flieders zogen herein, und die Lerchen jubilirten in der blauen Luft.
Am Speisetisch saß Leo, neben ihm, den schönen Kopf an seine Schulter gelehnt, sein junges Weib.
Es war so still und traulich um sie her, ganz so wie damals, vor einem Jahre, als sie auch so nebeneinander gesessen hatten, Hand in Hand, und als Leo um die Ge« liebte seiner Jugend warb, als alle Zweifel sich im Sonnenschein dieser großen, zärtlich geliebten Mädchenaugen gelichtet halten für alle Zeiten.
Er war ja so glücklich! Vor ihnen lag ein großer Brief mit amerikanischer Briefmarke, den Leo eben erbrochen hatte, und gemeinsam lasen sie, was da in schönen, ausgeschriebenen Schriftzügen vermeldet stand:
„Mein lieber Leo!
Lange ist es her, daß ich Ihnen nicht schrieb, aber zürnen Sie uns nicht. Wir haben um so öfter Ihrer gedacht und nur das Schreiben imnier wieder verschoben in der Erwartung, Gutes, Glückliches melden zu können. Ich schrieb Ihnen zuletzt, daß wir Beide zu einem neuen Glauben übergetreten sind, daß wir Beide auch ferner denselben Gott, der uns erlöste — nur in anderem Rahmen — verehren.
Eine lange Zeit mühevoller Arbeit liegt zwischen diesem letzten Brief und heute, eine lange Zeit ernster Kämpfe, ehrlichen Slrebens.
Mag mau sich noch so frei dünken von allem konventionellen Vorurtheil, der Mensch hängt doch mit eisernen Banden an den socialen Gruudgefühlen des Daseins, die er mit der ersten Erziehung empfangen, die allmählich in sein Blut übergegangen sind, ohne daß er es selber weiß.
Meine Arbeiten wurden gekauft, mein Name bekannt, die materiellen Sorgen wurden schon nach kurzer Zeit weniger fühlbar — nur ein unbefriedigtes ethisches Be- dürfniß stand zwischen uns und unserem vollen Glücke.
Da kam vor vierzehn Tagen die Nachricht, die ich mir unter der Hand zu verschaffen wußte — denn ich unterhielt trotz der Gefährlichkeit des Unternehmens mit Moskau stete Beziehungen —, daß der Banquier Iwan Schesnoff nach einem allzu reichlichen Champaguersonper vom Schlage getroffen und gestorben sei.
Ich habe den Mann nie gekannt und kann, ohne für gefühllos zu gelten, ruhig sagen, daß ich bei dieser Mittheilung aufathmete, wie damals, als ich die Kutte auszog und heimlich durch das kleine Pförtchen mein Grab verließ.
Gestern haben Wanda und ich unseren Bund sanktionirt, und erst jetzt, wo die thener Erkaufte mit vollem Rechte mein Weib ist, erst jetzt haben wir das zweifellose Bewußtsein des Rechtes an dem, was uns bisher doch nur wie ein Raub erschienen war.
Um meine Studien zu vollenden, meinen künstlerischen Gesichtskreis zn erweitern und etwas Neues, Großes zu schaffen, womit ich im Herbste in der Münchener Kunstausstellung zu erscheinen beabsichtige, haben wir den Entschluß gefaßt, in einigen Wochen nach Rom zu gehen.
Auf der Reise in das gelobte Land der Kunst kommen wir nach Deutschland und zu Ihnen! Denn auch'meine Gattin sehnt sich danach, den Mann wicderzuschen, der unseres Glückes Stifter gewesen, dem wir Leben und Freiheit verdanken!
Grüßen Sie von uns Ihre Frau Gemahlin und denken Sie unser, wie wir Ihrer gedenken in ungetrübter Freundschaft. Ihr
Nicolaus Woinowski."
Leo sah Hedtvig an und Beide lächelten. Aus dem Briefe des fernen Freundes leuchtete das hellste Glück nach all den bestandenen Winterstürmeu; lachendes Glück glänzte ihm entgegen aus den großen Augen des reizenden Weibes, und ans der ganzen, im Kuß des jungen Lenzes draußen erwachenden Natur athmete das Glück keimenden Lebens, fröhlichen Erblühens und göttlicher, ewig erschaffender und verklärender Liebe!
Leise öffnete sich die Thür, und der alte Johann trat ins Zimmer.
„Nun, Johann, was giebt's?" fragte Leo freundlich, indem er sich nmwaudte.
„Der Herr Doktor Leonhardi und die gnädige Fran
Gemahlin sind eben angefahren und lassen fragen, ob-"
„Aber natürlich!" rief Leo, indem er sich erhob und Hedwig den Arm reichte. „Für meine Freunde sind wir immer zu Hause. Wir lassen bitten!"
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