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1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 130. Morgeu-AnsAabe.

Ssnttlaer» de« 18. Marx.

48. Jahrgang. 1900.

(19. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

ArbesKampfe.

Von Bernhard von ZSrändenvurg.

Er zog ihre Hand an die Lippen und bei seiner hastigen Bewegung entglitt ihr der Fächer. Während er sich bückte und ihn zurückreichte, flüsterte er nur ihr verständlich:

„Sie ist eine Schlange — nur mir vertrauen, Herzogin!"

Elise war schon mit ihrer Mutter vorangeeilt, das Foyer war von Gästen leer und die Herzogin kehrte, das Herz voll Unruhe und Zweifeln und doch wieder beseligt über seine letzten Worte, an ihren Platz zurück!

Nun war aus ihr die Beobachtende getvorden und immer wieder sah sie auf Jngcborg, die, wie es die Sitte heischte, in einem ausgeschnittenen Kleid, helle Rosen im Haar und an der Brust, fast unbeweglich in ihrer Loge säst. Die Herzogin wunderte sich, dast die Freundin, die liebste und bevorzugteste von alle», sich ihr nicht genaht hatte; war sie eifersüchtig? Bleich genug war ihr Antlitz und so kummer­voll, fast verzweifelt starrten die großen dunklen Augen vor sich hin. Sie hatte einen Platz hinter ihrer Mutter und schien sich allen Blicken entziehen zu wollen.

Die Herzogin sah zum ersten Male Frau Johanna Waldson in der Nähe; Advokaten und Kauflente waren an dem sonst nicht so exklusiven Hof selten hoffähig, Frau Johanna hatte sich nicht um die Gunst beworben, sie fühlte sich durch die Etikette eingeengt und das Borurtheil, das gegen die freieren Ansichten und Formen huldigende Frau in der Gesellschaft herrschte, hätte ihr auch wohl den Ein­tritt verwehrt.. Mit Jngcborg machte man eine Ausnahme. Ihr Verkehr in den Hofkreisen würde schon von selbst auf­hören, wenn man sie nicht mehr als Gesellschafterin für die Herzogin brauchte. Auch Elisabeth hatte genug aus den Reden ihrer Umgebung vernommen, um mit besonderem Interesse die weitbekannte Schriftstellerin zu betrachten. Einige kurze Novellen aus ihrer Feder hatte sie einst gelesen, fesselnde Erzählungen, die alle die Jagd nach dem Glück, nach Ruhm oder Liebe behandelten, Leidenschaften, deren Schilderung sie damals gefolgt mar, ohne zu begreifen, daß ein solcher Kampf Seele und Körper anfreiben kann — jetzt war es etwas Anderes . . . Sie beschloß, sich das Buch noch einmal kommen zu lassen. Ob die schöne Frau dort ans eigener Erfahrung gesprochen hatte? Sie beugte sich vor, um sie genauer zu scheu. Jngcborg verharrte noch immer in ihrer regungslosen Stellung, selbst den Vorgängen auf der Bühne schenkte sie keine Beachtung. Dagegen wandte ihre Mutter sich lebhaft hin und her, schlug mit dem großen Fächer den Takt auf die Brüstung der Loge, stützte den Kopf in die Hand, warf einen Spitzenshawl, als wenn sie fröre, um das dunkle, hochgekämmte Haar und zog ihn mit hastiger Bewegung im nächsten Augenblick wieder herab. Ein paar Mal sprach sie über die Schulter zu Jngcborg und die Herzogin unterschied deutlich die leuchtenden dunklen Augen in dem weißen Antlitz, das Einzige, was die Tochter vcu ihr geerbt hatte, die lange, schlanke Nase, den großen, aber nicht unschönen Mund mit den vollen, rothen Lippen — nun lehnte sie schon wieder vornüber und lauschte mit vorgestrccktem Kopf dem Wettstreit der Sänger.

„Merkwürdig," dachte die Herzogin, „sie scheint stark

erregt zu sein und kann ihre Ungeduld kaum meistern — Jngeborgs düsteres Gesicht steht wohl mit dieser Gemülhs- bewegnng im Zusammenhang."

Die Vorstellung war heute Abend wirklich vortrefflich, alle Rollen waren gut besetzt, wenngleich sich Mondals Leistungen weit über die der Uebrigen erhoben. Die Herzogin hätte das zugeben müssen, wenn nicht ihre Aufmerksamkeit zu gelheilt gewesen wäre. Fast unbeachtet verklangen die Melodien an ihrem Ohr, sie verstand kaum, was jetzt den schleunigen Aufbruch der Gäste von der Wartburg verursachte, sie fühlte nicht, wie herzzerreißend Tannhäusers Klagen ertönten, wie er sein bestes Können in die Abschiedsworte legte, von nun au ein Bügelfreier, Geächteter. Sie sah nur, daß er flüchtig die Augen hob, als er von brausendem Beifall zurückgerufen wurde, und daß sein Blick Frau Johannas Loge suchte. Und wirklich — sie nickte und winkte ihm zu, ihr Gesicht, ihr Hals bedeckten sich mit dunkler Röthe, und als er wieder und wieder erscheinen mußte, bemühte sie sich, durch Zeichen mit ihrem Fächer ihn aber- vials zum Gruß zu bewegen. Die Herzogin sah auch, daß Jngcborg weder Hand noch Lippen rührte. Frau Waldsou erhob sich, drängte ihre mädchenhafte, zierliche Gestalt an Jngeborgs Sessel vorbei und stürmte zur Logenthür hinaus, als ersticke sie und als sei ihr der Raum zu eng zum Athmen. Hatte sic die Tochter vergessen? Nach einer Weile stand auch diese auf und trat in den Korridor hinaus, den Kopf tief gesenkt, als drücke ihn eine Schande nieder. War das nur künstlerisches Entzücken gewesen, empfinden große Geister um so viel lebhafter, oder mischte sich in diesen Enthusiasmus ein persönliches Gefühl?

„Haben Durchlaucht die Waldson bemerkt?" hörte sie hinter sich die fettige Stimme der Oberhofmarschallin sagen. „Die Frau benimmt sich ja auffallend, fast möchte ich sagen, unanständig — kokettirt von hier oben mit dem jungen Sänger, die erwachsene Tochter hinter sich! Das arme Kind sah ganz bleich aus. sie must sich ja auch schämen — aber cö geht doch nicht — Durchlaucht müßten veranlassen —"

Die Herzogin warf hastig den Kopf herum:

„Jngcborg ist doch wohl unschuldig daran, wenn ihre Mutter sich excentrisch benimmt," sagte sie scharf, „mau kann sie doch nur bemitleiden. Ich wünsche nicht, daß man ihr die Eigenthümlichkeiten der Mutter nachträgt."

„Scht, scht, Kindchen." mahnte begütigend die alte Durchlaucht, während die Oberhofmarschallin sich beleidigt, glühend wie ein Krebs, in ihre Ecke zurückzog. „Ich werde selbst scheu," schloß sie, „aber Du bist ein tapferes Mädchen, daß Du Dich der Freundin so brav annimmst."

Die Herzogin entgegncte nichts auf dieses Lob.

Der letzte Akt begann und sie wußte, dast die ganze Aufmerksamkeit des Hofes sich nun auf Frau Waldson wenden würde. Wenn sie die Frau doch hätte warnen können, um Jngeborgs willen! Aber durch wen? Sie sah angstvoll zum Balkon, die Offiziere zischelten unter einander, Brandes war nicht mehr unter ihnen. Da — da trat er in Waldsons Loge, sprach leise einige Worte mit Jngcborg und nahm den leeren Platz neben ihr ein. Zu welchem Zweck — hatte Elise von Hagemann recht? Frau Johanna begrüßte ihn freundlich und lehnte sich dann ruhig in ihren Sessel zurück, offenbar genirte sie seine Anwesenheit. Die Herzogin jubelte — natürlich, nur deshalb war er zu

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Jngcborg gegangen, als echter Kavalier — er wußte, daß sic seine Thal nicht mißverstehen würde! Aber der Nutzen seines Besuches schwand, als der Pilger müde und gebrochen aus Nom zurückkehrte. Dieselbe Unruhe ergriff Frau Johanna, dasselbe Spiel mit Fächer und Tuch begann und immer mehr steigerte sich ihre Aufregung. Was kümmerte es sie, was die Leute ringsum empfanden und dachten? Sank der Vorhang, so erhielt er den Beweis ihrer Liebe — sie wußte, der Intendant würde ihm ihre Fürsprache nicht verschweigen — er würde den Kontrakt unterschreiben und ihr Schicksal, ihr Glück waren besiegelt!

Sie hörte nicht, daß Brandes zu ihr sprach, sie merkte nicht, daß er besänftigend die Hand auf ihren Arm legte, ein paar Mal sah sie ihn mit sieberglünzendeu Augen au, ohne ihn zu verstehe», noch seine Worte zu beachten.

Die letzte ergreifende Scene fesselte auch die Herzogin, sie hatte ganz ihren Beobachtungsposten vergesse».

„Unerhört, ganz unerhört!" sagte Durchlaucht neben ihr, Elisabeth wußte gleich, auf wen sich der Tadel bezog.

Frau Johanna stand aufrecht, sie rief Beifall, ein Jauchzen klang aus ihrer Stimme, sie winkte mH Tuch und Hand und wieder blickte Mondal zu ihr empor.

„Die Frau ist wahnsinnig!" schloß die alte Prinzeß aus tiefster Ueberzeuguug ihr Unheil ab. „Kammerherr von Sackes, ich wünsche morgen Früh den Herrn Intendanten zu sprechen, er mag sich um den Lebenswandel seines Tann- häusers kümmern."

Die Hofequipageu, von neugierigem Publikum umdrängt, nahmen die Damen mit ihren Begleitern auf und in schlankem Trabe führten die Pferde ihre Last durch die stillen Straßen bis vor das Schloß. Auch die zu Fuß Heimwaudeludev störten nur auf kurze Zeit mit lebhaften Stimmen die nächt­liche Ruhe, sie verschwaudeu schnell in den ernsthaften, alten Giebelhäusern und die Laternen warfen ihr zitterndes Licht auf leeres Pflaster und verlassene Trottoirs.

Im Theater hatten die Logenfraueu mit hurtigen Händen schützende Bezüge über Sessel und Polster gebreitet, das Gas erlosch in den Korridoren, der eben noch von Toiletten und Kerzen strahlende Raum beherbergte nur Schweigen und Dunkel.

In den Garderoben eilte mau sich zum Fortkommen. Mondal hatte das Büßergewand abgeworfeu und ließ sich die Schminke von den Wangen reiben. Er war müde und abgespannt und sehnte sich au den friedlichen Tisch der kleinen Villa.

Es klopfte au seine Thür und auf sein ungeduldiges Herein schlüpfte der geschmeidige Intendant, gefolgt von dem Kapellmeister, durch die Spalte.

Mondal sah verwundert auf die Eintretciiden. Was bedeutete dieser späte Besuch?

„Eine vortreffliche Leistung, mein junger Freund!" sagte mit schmeichlerischem Lächeln der Baron und klopfte ihm aus die Schulter.

„Gewiß," bestätigte der Kapellmeister, „nur einmal setzten Sie zu spät ein, im zweiten Akt, habe mir den Takt bemerkt — nun, das findet sich schon —"

„Wer weiß, wann ich wieder unter Ihrer Leitung singen werde, Herr Kapellmeister," erwiderte Walter von Mondal ruhig, „bis dahin bessere ich mich wohl noch."

(Fortsetzung folgt.)