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1. Beilage zum Wiesbadener Tagblait.

Na. 128. Morgeii-Ansga1»e.

(18. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Kiebeslrnmpfe.

Von Uernhard von Wraudenöurg.

In der rothauSgeschlagenen, von einem mächtigen Wappenschild bekrönten Hofloge, die sich in der Mitte des RangeS befand, thronte auf dem vordersten Stuhl Durch­laucht, halb verborgen durch einen Niesenfächcr, ab und zu das Riechflacon an die Nase führend. Neben ihr, die Venus musternd, saß die Herzogin; unter Brandes Beobachtung ließ sie die Lorgnette fallen, und indem sie der Tante eine Bemerkung zuflüsterte, sah sie flüchtig zu ihm hinüber. Brandes verneigte sich leicht, die Herzogin senkte fast unmerklich das Haupt, dann wandte sie sich der Aufführung wieder zu. Hinter den beiden hohen Damen saßen drei Hoffräulein mit mageren Schultern und schwanbesetzten Ballumhängen wie drei arme, frierende Vöglein. Die rechte Ecke des Raumes wurde fast ganz ausgefüllt von einem feurigen rothen Atlas­kleid, das die üppige Gestalt der Oberhofmarschallin um­schloß; an ihrer Seite standen zwei flaschengrün bezogene Kammerherren gleich zartem Spargclkraut um eine Riesen­tomate. Der Eingang des fürstlichen Sonderappartements war durch schwere rothe Portieren verhängt, hinter denen in einem kleinen, behaglichen Foyer eine milde rosa Ampel strahlte. Die übrigen Logen des ersten und zweiten Ranges wie auch das Parquet waren dicht besetzt — das Vergnügen, die höchsten Herrschaften beobachten zu können, ließ man sich nicht gern entgehen.

Durchlaucht summte manchmal verstohlen einige Takte mit, die freilich dadurch nicht melodischer wurden, denn ein starker Schnupfen war im Anzuge und die Musik sollte dieses Mal gleich dazu dienen, der armen Nase etwas Luft zuzuführen. Da aber die Kunst sich nicht gern zu Sklaven­diensten hergiebt, so nahmen die Athmungsbeschwerden trotz des ästhetischen Mittels zu.

Herzogin Elisabeth kam auch nicht zum Genuß des Ge­botenen. Sie sagte allerdings „sehr schön", als sich der Vorhang senkte, aber heimlich hatte sie die Minuten gezählt und berechnet, wie lange es her sei, seit sie der Tante etwas gesagt, und wann sie wieder unauffällig den Kopf nach dem Balkon hin drehen könne. Es wurde häufiger, als sie eigentlich beabsichtigte, aber der arme Mensch wartete uner­müdlich auf ihren Blick und sie mußte immer von Neuem untersuchen, wie lange er diese Stellung aushalten konnte. In kurzer Zeit hatte die kleine Herzogin Heucheln und Sich- verstellen gelernt und sie machte Fortschritte in diesen Künsten, ohne sich selbst Rechenschaft darüber zu geben. Sie dachte und that sonst nichts, von dem sie nicht ihrer Tante oder den Freundinnen Mittheilung gemacht hätte — ihr Interesse für den schönen jungen Offizier verschloß sie sorgfältig in ihr Inneres, bemühte sich, gleichgültig auszu­sehen, wenn zufällig sein Name genannt wurde, und verrieth durch nichts ihre innere Unruhe in seiner Nähe. Sie ver­fuhr nicht raffinirter als ein anderes, junges Mädchen in Liebessachen; es scheint ja, als entwickelten sich im Frauen- herzcn alle Kräfte, sobald Gefahr droht, und diese verweigern jede Unterstützung von außen, bis der Stolz vor der sieg­reich einziehendcn Liebe hinsinkt. Niemand in der Herzogin

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Samstag» den 17. Marx.

Nähe hatte bisher eine Ahnung von den Vorgängen in ihrer Seele, Niemand hätte gewagt, ihr eine menschliche Schwäche zuzntranen.

Elise von Hagemann hatte keinen Blick von Brandes verwandt, seit sie an der Seite ihrer Mutter Platz genommen hatte. Sie fühlte instinktiv aus seinem Betragen heraus, daß er nicht nur in seinem Interesse für sie erkaltet, sondern daß in dieses eine neue Neigung geschlichen sei. Sie witterte aus seiner Eile und seinem Fortdrängen, daß die Feindin im Theater wäre, und sie beschloß, ihn zu beobachten, um vielleicht noch heute auf die Spur seines Geheimnisses zu kommen.

Mit Erstaunen und Empörung bemerkte sie die stumme Begrüßung zwischen der Herzogin und dem Freiherrn und mit wachsender Wuth konstatirte sie die ausgetauschten Blicke — das ließ denn doch schon auf eine geheime Verständigung schließen! So handelte eine Herzogin an der Freundin, die ihr im kindlich offenen Vertrauen das Herz erschlossen hatte, so verrieth sie dieser Brandes, dem sie mit so viel Liebe entgegengekommen war! Wer hätte solche abscheuliche Koketterie in den treuherzigen blauen Augen vermuthet, wer konnte hinter dieser Natürlichkeit eine geschickte Jntriguantin ahnen! Natürlich spielte sie nur mit Brandes, machte ihn in sich verliebt und reichte hohnlachend irgend einem Fürsten die Hand, wenn sie aus der Langweile des Städtchens befreit. wurde. Er aber, der Weitgereiste, Tieferfahrene, der mit seiner Menschenkenntniß, seiner Weltverachtung prahlte, er ließ sich blindlings durch dieses kokette Spiel gefangen nehmen, wurde seiner Liebe, die eigentlich schon vollen Anspruch auf ihn hatte, untreu — nur um sich von den Rädern des hoheitlichen Triumphwagens zermalmen zu lassen. Oh dieser Elende, dieser Feigling, der sich durch äußern Glanz so blenden ließ — Elise trommelte mit ihren Füßen und biß zornig die Zähne aufeinander. Aber sie würde ihm schon Bescheid sagen, ihn warnen, ehe es zu spät war und er in sein Verderben rannte; großmüthig wollte sie ihm den Abgrund zeigen, dem er zutaumclte, und voll Edelmuth sprechen: „Sieh' her, ich rette Dich, weil ich Dich liebte — Deine Strafe soll sein, daß ich mich auf ewig von Dir wende!" Das würde er sich nicht gefallen lassen — und wer weiß, vielleicht würde sie dann doch Mitleid vor Recht ergehen lassen, gerührt durch sein Gestündniß, daß er sich ohne sie tödten müsse —-

„Durchlaucht begiebt sich ins Foyer," sagte Frau Doktor von Hagemann, „hörst Du nicht, Elise? Du trittst fort­während auf meiner Schleppe herum, wollen wir nicht auch unsere Aufwartung machen?"

Die Tochter besann sich einen Augenblick:

„Lust habe ich nicht — aber es ist doch wohl besser, wir gehen!"

Sie brauchte Beweise, denen gegenüber kein Leugnen half und die dem Schuldigen zeigten, wie sehr er von ihrer Großmuth abhing. Das, was sie bis jetzt beobachtet, konnte als eine bloße Zufälligkeit gedeutet und Anzüglichkeiten daraufhin würden ihr nur als Neid und Bosheit gedeutet werden. Sie hütete sich wohl, zu verdächtigen, ehe sie Waffen zur Vertheidigung besaß.

Durchlaucht hielt in ihrem Foyer Cercle. Die Hof­gesellschaft meldete sich bei dem dienstthuenden Kammerherrn zum Empfang und dieser sorgte dafür, daß der kleine Raum

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48. Jahrgang. 1800.

nicht überfüllt sei, noch daß man zu lauge tveilte. Wenn er neue Namen meldete, so war dies zugleich der Wink für die Empfangenen, sich zu verabschieden. Zweimal hatte nun schon das Publikum gewechselt, der Freiherr von Brandes stand noch immer vor der Herzogin und ignorirte das alte Herkommen und des Kammerherrn gelindes Räuspern. Was nahm sich dieser junge Mann heraus — wenn Hoheit tausendmal mit ihm lachte und plauderte, er mußte seiner Pflicht eingedenk sein! Nun begann sogar Durchlaucht auch noch ein Gespräch mit ihm und übersah dabei ganz den Professor Helmer, der seinen Johanneskopf mit dem schlichten, langen Haar unter salbungsvollem Lächeln senkte, das die schönen, neuen Zähne bloßlegte. Auch die Frau Gehcim- räthin knixte schon zum dritten Mal zwischen ihren beiden rothblonden Töchtern, die Prinzeß lachte laut über ein amerikanisches Jagdabenleuer, das Brandes mit vollkom­menem Ernst vortrug und das sich in seiner Wunderbarkeit kaum von seinen deutschen Brüdern unterschied. Aber nun mußte Durchlaucht niesen und wandte dabei ihre kleine Nase von dem Erzähler ab:

„Hatschi — guten Abend, Herr Professor, schön, daß Sie da sind! Hatschi, hatschi! Guten Abend, Frau Geheim­rath, Ihr Herr Gemahl nicht hier?"

Die Angeredete bedauerte lebhaft.

„Schade! Ich hätte ihm gern gedankt — er hat meinen Prozeß um den Fullberger Erbwald glücktich in letzter Instanz verloren, ich bin ihm sehr verpflichtet!"

Die Frau Geheimrath und ihre Sprößlinge versteinerten fast in ihrem Knix und der Kammerherr fand es an der Zeit, die Scene zu ändern.

„Frau Doktor von Hagemann nebst Tochter, Baronin von Secken, Comtesse Frohnsberg, Graf und Gräfin Maiteil"

Bei der Nennung der ersten Namen sahen die Herzogin und Brandes sich flüchtig und verständnißvoll an. Elisabeth lächelte ein wenig und ging den Eintretenden einen Schritt entgegen.

„Liebe Elise, wie schön, daß ich Sie sehe, Jngeborg scheint mich heute Abend zu vernachlässigen! — Wie gefällt Ihnen Mondal als Tannhüuser — ausgezeichnet, nicht wahr? Ich finde, es ist seine beste Rolle."

„Darf ich Hoheit einmal „Dir, Göttin der Li — iebe" Vorsingen?" fragte Brandes ernsthaft, „Hoheit werden ge­stehen müssen, daß Herr von Mondal einen ebenbürtigen Rivalen hat."

„Nur im Gesang?" warf Elise ein und fügle^ auf Brandes erstauntes Gesicht hinzu: „Er verstellt sich pracht­voll, Hoheit — Herr von Brandes ist ein vollendeter Komödiant! Als ob nicht Jeder wüßte, daß er und der göttliche Sänger noch auf anderem Felde neben einander kämpfen! Aber wir verrathen ihn gegen Niemand, nicht wahr, Hoheit — wir schwören Discretionl" und sie erhob feierlich den Fächer.

Was meinte sie damit? Sollte Brandes also Jngeborg doch — ?

Der junge Offizier hatte sich zuerst gefaßt und in ver­bindlichem Ton erwiderte er:

„Fräulein von Hagemann ist eine so gewandte Partnerin, daß man auch ihr Spiel für Ernst halten könnte! Aber eS läutet zum Wiederbeginn, ich empfehle mich, Hoheit!"

(Fortsetzung folgt.)

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