1. Beilage mm Wiesbadener Tagklalt.
Uo. 126. M»rgeu-Au»g«l»e. Freit«-, de« 16. März.
(17. Fortsetzung.) (Nachdruck verböte».)
Kiedeskämpfe.
Von ZSernYard vo,r Urandenvurg.
„Sehr schmeichelhaft." Der Baron von Mengden verbeugte sich dankend. „Aber, wie gesagt, von uns aus kömlen die Verhandlungen nicht wieder augeknüpft werden, Herr von Mondal müßte sich entschließen —"
„Nein, nein, das wird er nie," betheuerte Frau Johanna, und da der Intendant sie fragend anschaute, fuhr sie fort: „Ich weiß, daß es Ihrem Stolz entgegen ist, daß Sie mir ein großes Opfer bringen müßten — aber wie wäre es, wenn Sie morgen nach der „Tannhä»ser"-Vorstellung Herrn von Mondal einen neuen, schmeichelhaften Kontrakt vor- legten, der ihn auf fünf Jahre bände — dann würden auch Sie auf Ihre Kosten kommen!"
„Vielleicht," antwortete der gewiegte Geschäftsmann vorsichtig. „Ihrem Wunsche könnte ich ja entsprechen, aller» dings liegt die Entscheidung nicht allein an mir, aber —* Er ließ die Ringe in der Sonne funkeln, sah ernsthaft eine Weile zu Frau Johanna empor und sagte: „Sie sind zu schön, gnädige Frau, um Sie für irgend etwas auf Erden zahlen zu lassen, jedoch wie die Dinge einmal liegen, Jeder den Kampf ums Dasein aufnchmen und dem Nächsten einen Vortheil abguckcn muß, so mache auch ich eine kleine Bedingung."
„Die wäre?" Frau Johannas Lippen bebten, ihr klopfte das Herz — sie ahnte nicht, was er verlangen könnte.
Der hohe Kunstmäcen fuhr fort: „Sie haben uns durch Ihre Feder oft geschadet, gnädige Frau. Unbarmherzig baben Sie die Schäden der Bühne gegeißelt, das monotone Repertoire verhöhnt, meine besten Kräfte vor den Augen des Publikums lächerlich und unmöglich gemacht. Sie vergaßen, daß wir ein Hoftheater haben, daß wir nichts Freies, nicht einmal eine kleine Realistik bringen können, wollen wir uns nicht allerhöchsten Zorn und durchlauchtigste Ungnade zuziehen. Ich bezweifle nicht, daß Sie oftmals im Recht waren, aber Sie sehen mit schärfer geschulten Augen, Sie empfinden niit reifer entwickelten Sinnen. Lassen Sie mein Volk im Dunkeln, lachen Sie als eingeweihter Augur, aber bei sich zu Hanse, nicht öffentlich — verweigern Sie ein- für allemal Ihre Kritiken, selbst lobende, denn Sie streueu doch einige Pfefferkörner ein, die zu anreizend auf das Kuustverständniß wirken — auch ein Lob kann zum Stachel werden —, kurz und gut, versprechen Sie mir, nie eine Zeile wieder über unsere Bühne, so lauge sie unter meiner Leitung steht, zu schreiben — von heute ab —, so machen wir morgen Abend Herrn von Mondal die glänzendsten Vorschläge!"
Die Hand mit den kurzen Fingern streckte sich aus, zögernd legte Frau Johanna die ihre hinein.
„Schade," sagte sie lächelnd, „die Theaterkritiken waren meine einzige Zerstreuung in den Herbst- und Fri'chlings- monden, aber da es sein muß — hier — ich halte mein Wort."
Wieder zog der kleine Intendant ihre Finger an die Lippen. Er hatte bei dem Vertrage gewonnen, das stand sicher — einen guten Tenor erworben und das Schweigen
eines scharfen Gegners erkauft — was gewann die schöne Frau?
Während er Frau Johanna zur Thür geleitete, fragte er verbindlich:
„Ist es unbescheiden, wenn ich mich erkundige, gnädige Frau, ob Sie ein engeres Interesse an meinen neuen Schützling knüpft?"
„Gewiß nicht," erwiderte sie und drehte sich nach dem Fragenden mp. „Herr von Mondal weilt schon seit einigen Wochen als Gast in unserem Hause, eine warme Freundschaft verbindet uns und es ist natürlich, daß ich mich für seine Zukunft interessire."
„Sicherlich, sicherlich," meinte lächelnd unter vielen Verbeugungen der Baron, „noch Geheimniß, nicht wahr, aber auch ich kann schweigen!"
„Der bekommt eine verständige Schwiegermutter," dachte er bei sich.
Frau Johanna stieg die Treppen hinunter und wunderte sich über sein Gelöbniß, bis die Siegcsfreude alle übrigen Gedanken verdrängte.
Sollte sie es ihm gleich sagen? Was er wohl thun würde — vor ihr niedcrkuieen, den Kopf in ihre Hände verbergen und endlich, endlich gestehen, was sie Beide erfüllte-
Als sie beflügelten Schrittes die Villa erreichte, klang ihr aus den: Speisezimmer lustiges Lachen entgegen. Sie stieß heftig die Thür auf — wahrhaftig, Gerhard, Jngeborg, Walter in heiterster Laune und schon beim zweiten Gang.
„Konntet Ihr nicht auf mich warten?" fragte sie scharf.
„Aber Du sagtest doch, wir sollten beginnen," stammelte Jngeborg verlegen.
Frau Johanna nahm Platz, verstimmt, gekränkt, aus allen Himmeln gestürzt. Mit kurzem Dank legte sie den Veilchenstrauß Walters bei Seite, Jngeborg hatte volle, rothe Rosen bekommen. Nein, es war weder Stimmung noch Zeit zu dem beseligenden Geständniß, sie verschloß das Geheimniß in sich und verschob die Ueberraschung auf den nächsten Abend.
Was hatte die schöne Frau bei dem Vertrage gewonnen?
VIII.
Der Kapellmeister wartete mit geneigtem Haupt und erhobener Hand das Klingelzeichen ab; nun ertönte es, seine Mähne schüttelte sich nach hinten, der Taktstock sank und voll erklang die herrliche Ouvertüre zum „Tannhäuser". Zwar befand sich die Kapelle noch nicht nach Bayreuther Muster in einer Versenkung — man konnte aufmerksam verfolgen, wie viel Anstrengung es den einzelnen Musikern kostete, ihren Instrumenten angenehme Töne zu entlocken —, dafür aber hatte der Intendant die segensreiche Einrichtung getroffen, daß während der Ouvertüre die Thüren geschloffen wurden, und wer außer dem Hof, der auch hier eine Ausnahmestellung hatte, zu spät kam, mußte der schönen Musik auf dem Korridor lauschen.
Frau Doktor von Hagemann benutzte die Muße, die sie und Elise der Unpünktlichkeit verdankten, um sich noch einer genauen Musterung vor dem Spiegel zu unterziehen. Die Mutter probirte es aus, ihr Jabot mit Stecknadeln in andere Falten zu legen, Elise zog mit angefeuchteter Fingerspitze ihre Brauen nach und mühte sich dann, die Hände in die
48. Jahrgang. I960.
Handschuhe zu zwängen. Ein leichter Schritt, von einem gleichmäßigen, klirrenden Geräusch begleitet, kam die teppichbelegte Treppe herauf, zögerte einen Augenblick, wie ungewiß, was er thun solle, und wandte sich endlich muthig den harrenden Damen zu.
Elisens geübtes Ohr hatte in dem Heraufeileuden sofort einen Offizier erkannt und gespannt sah sie von ihrer Beschäftigung auf, den schmalen Korridor entlang.
„Ach, Herr von Brandes! Guten Abend! Unpräcise trotz aller militärischen Vorzüge? Das Zuspätkommen dürfen doch nur wir Damen uns erlauben, uns entschuldigt wenigstens die umständliche Toilette!"
Brandes führte Frau Doktor von HagemannS Hand auf die Lippen und erwiderte der Tochter galant:
„Besser konnte ich es nicht treffen! Ich werde noch für meinen Fehler belohnt und darf Sie begrüßen, gnädiges Fräulein! Wie geht es zu Hause, dem Herrn Doktor und meinem Freund Karl August?"
„Die Beiden kleben mit sehr viel Gummi einige schmutzige Marken in ein großes Album," berichtete Elise lachend, „morgen haften alle Thürdrücker und Stuhllehnen an den Fingern fest, so gründlich wird dieser neue Sport betrieben! Sie müßten sich den Eifer bei dieser Sache einmal ansehen, Herr von Brandes — Sie wissen ja, wie Vater sicki freut, wenn Sie kommen! Die ganze Woche haben wir Sie erwartet; Sie versprachen doch, mich Filetstricken zu lehren, wie Sie es in Amerika sammt anderen Kunstfertigkeiten, Nähen, Stopfen und so weiter, gelernt haben. Alle Utensilien sind mit thcurem Gelde eingekauft — und wer nicht kommt, ist der Professor! Ist das europäische Höflichkeit, die Sie sonst so hoch schätzen?"
Sie hatte in fröhlichem, neckendem Ton gesprochen, und wie sie ihn jetzt strahlend anblickte, hätte sie vielleicht manchen Anderen mit ihrer lieblichen, gewinnenden Art umstrickt. Aber Brandes war gefeit, er verneigte sich nur tief und bethenerte:
„Es bedarf nur eines Winkes von Ihnen, gnädiges Fräulein, um mich zu Ihren Füßen zu sehen —" dabei wies er aber schon auf die Logenfrau, die leise die Thüren aufschloß und zum Eintreten winkte.
Frau Doktor von Hagemann rauschte voran, Elise drückte noch einmal schnell die Hand des Ungetreuen, dann betrat Brandes den Balkon, dessen vier letzte Reihen für die Offiziere der Garnison reservirt waren.
„Na, Brandes, so spät, bleiben Sie nur auf dem Eckplatz sitzen, damit Sie nicht stören," zischelte ihm ein Kamerad zu, während die Zauberin Venus schon mit ihren hinreißendsten Tönen versuchte, den gelangweilten Tanuhäuser von Neuem zu fesseln.
Das war ganz so, wie Brandes es sich gewünscht hatte: durch sein Eintreffen für einen Moment unwillkürlich Aller Aufmerksamkeit auf sich ziehen, einen Sitz bekommen, aus dem man ihn bequem sah, wenn man ihn sehen wollte, dafür ging er sogar einen Abend scharf an Elisens aufgestellten Netzen vorüber.
Eine Weile blickte er mit gespanntem Interesse auf die Bühne, führte dann sein Glas vor die Augen und sondirte den hellstrahlenden Inhalt aller Logen.
(Fortsetzung folgt.)
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