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Uo. 122. Morgen-Ansgaör.

(1b. Fortsetzung.) (Nachdruck verbotkii.)

KielresKämpfe.

Von Uernl-ard non Urandeuliurg.

»Wie kommen Sie darauf? Ich schlafe immer gut, wie rin Kind, so fest und traumlos, und auch die kürzeste Frist genügt mir zur Erholung. Florenz hat meinen Nerven außerordentlich wohlgethan!"

Mondal wollte die Wendung nicht verstehen, die zum Ueberfluß von einem zärtlichen Blick begleitet wurde. Er dachte bei sich, daß dieser lange Morgenschlummer jedenfalls nicht ausgereicht habe, um auch ihr Aeußeres zu restauriren. Sie hatte Ränder unter den Augen, eine schlechte Gesichts­farbe und unbarmherzig zeigte das Helle Licht, trotzdem sie dem Fenster den Rücken ivandte, die unzähligen Falten und Fältchen in ihrer Haut. Das zarte Morgcnkleid entstellte sie, neben Jngeborg sah sie verwaschen und farblos aus.

Doktor Waldson kam nun auch verspätet an den Früh­stückstisch und schalt sich selbst, daß er seine Büreaustunden versäumt habe.

„Aber es war zu spät geworden," schloß er, „ich kann mich absolut nicht mehr daraus besinnen, tvie ich ins Bett gekommen bin! Aber vergnügt war es, nicht ivahr, Kinder?"

Nur seine Frau sagte verdrießlich „Ja!" Mondal nickte nur und Jngeborg nähte an ihrem Tuch weiter.

.Singen Sie heute Abend, Mondl>l?" fragte Gerhard zwischen zwei Bissen, ohne Ahnung von der schwülen Stille, die seine unschuldige Behauptung hcraufbeschworcn hatte.

„Heute nicht, aber morgen, Herr Doktor — den Tann­häuser. Ja, ja: „ils sont passes, les jours de fete" — das ist hier mein letztes Auftreten, dann heißt es waridern!"

Frau Johannas Hand entfiel klirrend der Löffel, sie star'te wie geistesabwesend in das fröhliche Gesicht, auch Gerhard erhob einen lebhaften Widerspruch:

„Aber was fallt Ihnen denn ein, Mondal, so schnell kommen Sie uns nicht davon! Eben reißen Sie uns aus der Trübsal heraus, bringen etwas Aufklärung in unsere armen, in der Entwicklung zurückgebliebenen Köpfe — und dann lassen Sie uns sitzen, ohne abzuwarten, ob die Saat auf guten Boden gefallen und aufgegangen ist?"

„Wie gut Sie find, förmlich ciceronisch beredt," erwiderte Mondal gerührt und streckte Waldson die Hand hin, die dieser kräftig schüttelte, „aber Sie wissen doch, verehrte Frau, daß ich fort muß! Ich habe mir diesen Winter wahrlich viel Zeit zuni Erholen oder, besser gesagt, zum Faullenzcn gegönnt. Nun muß ich noch einige Gastrollen geben, ich habe sonst in der nächsten Saison kein Engagement. Und das geht nicht. Erstens verträgt mein Beutel keine lange Schlußnoten — er ist nämlich nur knrzathmig — und dann geht es nicht für mich selbst! Ich muß arbeiten, lernen, gezwungen werden zum anhaltenden Fleiß — ich sehne mich nach geregelter ThätigkeitI"

„Das verstehe ich," pflichtete Gerhard bei. „Es ist ein eigen Ding mit dem langen Stillsitzen — Hab' es auch nie vertragen können, man setzt unnützes Fett an und verrostet dennoch. Immer im gleichen, steten Tritt vorwärts, das ist das Beste! Aber leid thut mir's doch, daß Sie fort wollen."

„Ich meine, Sie hofften — Sie wollten in Folge Ihres

Mittwoch, den 14. Miir;.

48. Jahrgang. 1990.

Auftretens hier mit dem Intendanten einen Vertrag schließen und Sie hätten schon Anerbietungen bekommen?" fragte Frau Johanna mit mühsam klingender Stimme, den Thee- löffel in den zitternden Fingern balancirend.

„Ich hoffte, gewiß, Verehrteste — aber ich merke nur zu deutlich, daß man mich Hinhalten will," log Mondal mit kecker Stirn, „unter der Hand ist man in Verbindung mit einem bekannten Wagnersänger getreten, das habe ich erfahren. Und um den Lückenbüßer zu spielen oder abwarten zu sollen, ob eS nicht doch etiua noch ein Plätzchen für mich giebt — nein, das thue ich nicht! Ich entsage lieber vor­her und stelle mich bei Zeiten anderen Bühnenleitern vor. Man muß nicht ans Kosten des Stolzes seinem Brod nachjageu."

„Bravo!" und Gerhard nickte ihm Beifall zu. Was 'dieser Sänger für vernünftige Ansichten entwickelte! Der solide denkende Advokat, der eigentlich einen Künstler gar nicht mit zu der arbeitenden Menschenklasse rechnete, hätte ihm nicht so viel Energie und Ehrgefühl zngetraut und that ihm ini Stillen Abbitte, während er sich laut nach seinen Aussichten erkundigte.

Walter von Mondal lachte.

„Aussichten — so weit der Himmel blaut und so lange noch ein Lied gepfiffen, eine Melodie getrommelt wird! Ich bin gar nicht darum verlegen, ich fahre wie ein alter Troubadour von Stadt zu Stadl und bleibe irgendwo mit schmalem oder großem Salair hängen, wo ich es am wenigsten erwartete."

Gebunden hatte er sich also, Gott sei Dank, noch nirgends! Dieser Trost überwog für den Augenblick Frau Johannas Schmerz, daß er das Abschiednehmen als etwas Selbstverständliches. Leichtes betrachtete. Sie konnte ihn noch für sich retten und sie beschloß, alle Mittel zu versuchen — auch dieses Mal heiligte der Zweck dieselben — und der Zweck, um den es sich hier handelte, uni den sich ihr ganzes Dasein drehte, war, ihn in der Nähe zn haben, sich nie, nie von ihm trennen zu müssen.

Gerhard Waldson erhob sich, um in die Kanzlei zu gehen, und Mondal bat, ihn begleiten zn dürfen, da er zur Probe müsse.

Alle Vier trennten sich wie gute Freunde von einander, Jngeborg begleitete die Herren sogar bis zur Garlenpforte. Mondal merkte ihr an, daß seine Eröffnungen ihr einen Stein vom Herzen gewälzt hatten und daß sie mit Eifer danach strebte, ihn liebensivürdig und zuvorkommend zu behandeln. Ihre freundliche Art stach sehr gegen ihre frühere Zurückhaltung ab und er dachte, während er neben Doktor Waldson in den schönen Tag hineinwanderte:

„Schade, daß sie mich ohne jedes Bedauern scheiden sieht! Sie ist wirklich hübsch und ein besseres Hausmütterchen könnte man sich nicht wünschen! Aber sic wird wohl nur drei Kreuze hinter mir her schlagen."

Ein leiser Seufzer stahl sich von seinen Lippe», im Ganzen hatte er doch seine Zeit und Muße recht schlecht verwandt!

Inzwischen hatte Frau Johanna sich in ihr Arbeits­zimmer begeben, mit der strengen Weisung, sie nicht zu stören. Die Hausfrauensorgen ruhten ein- für allemal auf Jnge- borgs Schultern, zuweilen gab sie selbst wohl einen Befehl über die Zusammenstellung des Menus, gewöhnlich aber überließ sie auch dies der Tochter. Besuche wurden nur zu

bestimniten Stunden angenommen, heute wünschte sie Niemand zu sehen.

Sie schloß die Doppelthür fest hinter sich zu, sic wollte mit sich allein sei». Sie brauchte Ruhe und Beherrschung, um sich in das Firrchtbare zn finden.

Trennung — Abschied! Vielleicht auf immer, jedenfalls aus lange Zeit, in der fremde Frauen Gewalt über ihn erlangten, sein Herz Liebe verschenkte und ihrer vergaß! Und das Wort, das alle diese Schrecken in sich schloß, mit lächelndem Munde hatte er eS gesprochen, als handle es sich um einen Spaziergang!

Ihr glänzendes Luftschloß, in das sie nun schon seit Monden ihre Träume trug, stürzte in sich zusammen, macht­los sollte sie zuschauen und sich von den stürzenden Trümmern tobten lassen. Verstand er nicht, was in ihr vorging, daß er ihr mit gleichgültigem Munde Höllenqualen verursachte? Hatte sie sich in seiner Neigung geirrt, seine Blicke, sein Lächeln falsch gedeutet — war seine Liebe nur ein Gebilde ihrer Phantasie, hatte sie sich vergebens bemüht, ihm zu gefallen, ihm ihre Zuneigung zu beweisen? Waren die seligen Tage im Süden vergessen, bewahrte nur sie noch die Erinnerung an das Glücksgcfühl, das die Nähe des Geliebten verleiht, die Freude an dem Beisammensein, an die Be­friedigung, gleiche Gedanken, gleiche Ansichten, denselben Geschmack zu theilcn? Hatte sie sich geliebt geglaubt, weil sie selbst liebte und weil ihr dieses Gefühl zum ersten Mal das Leben lebenswerth zeigte? Oh, wie bitter war es, einzelne Scenen, die ihr fast heilig waren, an sich vorüber- zichcu zu lassen, nicht, iveil die Erinnerung sie dem über­vollen Herzen vorzaubert, sondern weil der Zweifel an ihrer Wirklichkeit rüttelt, die Angst »ach jedem Halm zur Rettung greift und die unerbittliche Wahrheit dem gemarterten Gehirn beweist, daß diese Einzelheiten ebenso gut auf Freundschaft tvie ans Liebe zurückzuführen sind! Wie sehr die schönen Stunden bei dieser peinlichen Secirung an Glanz und Zauber verlieren, wie die Nichtigkeiten, die nur durch heiße Empfindung in heilige Begriffe verivandelt sind, in sich znsammenfallen, wie profan und nüchtern der Aufenthalt in dem kahl eleganten Hotel wird, wenn er all seiner geheimen Reize entkleidet ist!

Frau Johanna warf sich stöhnend auf die Chaiselongue und verbarg das Antlitz in die Kiffen. Sie wollte nicht den Tag, nicht die Sonne sehen, die in goldenen Streifen Millionen Stäubchen über dem Schreibtisch tanzen ließ. Sie wollte tlichts mehr wissen vom Leben, von der Außenwelt, von ihren Nächsten — und wie sie im Gram an jenem kalten Herbstabend gesprochen, so dachte sie jetzt in dem sieg­reichen jungen Frühling: „Oh, könnte ich vergehen!"

Das Glück war endlich gekommen, leise halte ihre Seele das Rauschen seiner Flügel vernommen, im leichten Kuß hatte es ihre Stirn berührt — und da sie verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, ihm anbetend ihr Herz zum Opfer darbrachte, wandte es ihr den Rücken und flog hohn- lachend davon, ungerührt von ihrer Verzweiflung. Wie viel unglücklicher war sie heute als damals! Sie kannte wohl freudloses Dahinlebcn, dem aber keine bittere Enttäuschung vorangegangen war, nun sollte sie dem Glücksbecher entsagen, ehe sie die Lippen genetzt und seinen berauschenden Schaum geschlürft hatte.

(Fortsetzung folgt.)

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