Nr. 81.
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblalts. ü
Donnerstag. 8. Npril. _
( 11 . gortfeöuna.)
Das adlige Aeihaus. *,«**{ ****.
Roman von Albert Petersrn.
Vor der Haustür des Geschäftshauses am Zingel trennten sie sich, nachdem sie sich noch ein frohes Neu» fahr gewünscht hatten. Dr. Witte begab sich, als Grethenfraucke die hohe Treppe ihres Elternhauses hinaufstiog, Lurch die dunklen Straßen in ferne >zung. gesellenbehausung. . . ^ .
Er zündete die Lampe an, warf ernrgen Dorf rn den kleinen Ofen und steckte sich die lange Weife an.
In der Ecke neben dem Bett standen einige Naschen
Rüdesheimer. „ ,
„Mit doulschem Wern stobt an,
Dem neuen Jahr zur Ehre,
Es geb' dem deutschen Mann Die gute blanke Wehre . . ."
summte Dr. Witte, lächelnd auf die Naschen blickend.
Mächtige Rauchwolken füllten bald das kleine behagliche Gemach. Aus dem Ofenloch fiel roter Feuer- schein glänzend auf den Fußboden. Von den Wänden grüßten Bücherreihen, gekreuzte Schläger, Mütze und Buvschenband, Kupferstich von dem Philosophen Fichte und dem Dichter Arndt, mitten in sommerliches Grün getaucht die stolze Wartburg.
Dr. Witte schnitt sich einen Gänsekiel und begann zu schreiben. Der warme Lampenschein lag auf seinem frohlächelnden Gesicht, spielte in seinem goldigen Haarschopf. Und Dr. Witte schrieb:
„Meine geliebte Traut, nun ist Weihnachten dahin. Einige Stunden noch, und das neue Jahr bricht an, unser Glücksjohr. Ich habe schon ausgerechnet, daß Ostern in den März fällt. Vierundachtzig Tage noch, und ich halte Dich in den Armen."- 7 -
Die Diligence fuhr ratternd aus der Stadt hinaus in die prangende Frühlingslandschast.
Grethenfraucke stand allein im Zimmer am Fenster und sah den gelben Wagen vorüberfahren. Sie wußte, wer davonfuhr, sie hatte von ihm selbst gehört, daß er zur Braut fichr. Er war so mit seinem Glück beschäftigt gewesen, daß er nicht bemerkt hatte, wie bleich das junge Mädchen plötzlich geworden.
Jetzt, da Grethenfraucke allein war, schlug sie die Hände'vors Gesicht und weinte bitterlich.
Sie ertrug es in dein Zimmer nicht. Sie strich die Dränen von Wangen und Lidern und eilte in den Garten. Zwischen Tulpen und Veilchen schritt sie ein- her und dachte an all ihr Haffen, Bangen und an den Schmerz ihrer jungen Liebe.
Als sie nach einer Weile den Garten mit fernem Knospen und Grünen verließ, war sie rrchiger geworden.
Und als sie auf dem Hofe Henning begegnete, der gebläht in seiner neuen Würde als Gehilfe daherstolzierte. reichte sie ihm freundlich lächelnd die Hand und gratulierte ihm.
Henning war ein wenig verlegen, aber als er nachher die Speichertreppe emporstieg, dachte er: „Haha, tzte gelte ich auch dir schon etwas. Ne, ne, ein, Mäd- mit zerhacktem Gesicht kommt für mich nicht in Be- &t, Wenn du noch so aussähest wie Rieke Meeß —"
Rieke Meeß war die Tochter des Schusters mr Nebonhause und machte Hennings Kopf und Herzen viel geheimen Kummer. Sie war ein stattliches Mädel mit frischem Gesicht und reizenden braunen Locken.
Das einstimmige Urteil der jungen Männer lautetet ,/3e is een bannig smucken Deern."
Natürlich stand es für Henning fest, daß er leicht Riekes Gunst erringen könnte. Und er, ja, er mochte das blühende Mädel gern. Aber gerade in diesen Tagen seiner neuen Würde war der alte Traum, der während der Lehrlingsjahre manche harte Probe hatte bestehen müssen, wieder zur Geltung gelangt. „Jetzt bin ich Gehilfe, nun muß sich alles von selbst niachen, bis ich — bis ich Herr dieses Geschäfts bin und mir das adlige Freihaus gehört. Und da hinein paßt Rieke Meeß nicht, nein, ausgeschlossen."
Und Hennings Selbstgefühl wuchs, als Herr Wilm- sen ihn am Abend vor Ostern zu sich in sein Privatkontor rief.
„Sie sind jetzt Gehilfe, Tiedemann —" Henning durchrann ein seliges Gefühl bei dem „Sie" -— „es ist Ihnen vielleicht nicht ganz angenehm gewesen, daß ich Ihnen riet, noch bis Michaeli hier zu bleiben. Sie sind aber noch ein wenig ungeschickt im Verkehr mrt den Kunden, gegen die einen verlegen, gegen die anderen schroff, es fehlt die gleichmäßige Freundlichkeit. Ich glaube, Sie werden sich bester für die Kontorarbeiten eignen. Und wenn Sie bis Michaeli weiter ihre Pflicht tun, nehme ich Sie gelegentlich mal ins Kontor, damit Sie sich mit der Korrespondenz und der Buchführung vertraut machen. Ich will anerkennen, daß Sie stets bemüht gewesen sind, ihre Sache gut aus
zuführen."
Herr Wilmsen gab ihn: die Hand, und Henning versuchte eine Verbeugung zu machen, die allerdings so vollkommen mißlang, daß Herr Wilmsen ein Lächeln nur mit Mübe unterdrücken konnte.
Henning aber prählte nachher feinen Eltern gegenüber, und Tilde Tiedemann hörte mit leuchtenden Augen zu. ..
Jeder Nachbarin erzählte sie: „Weißt du all, mien Henning is Gehilfe geworr'n."
Die Waschfrau Lene Schwarz meinte allerdings k „Na, >dat wart in jedet Jahr buch een."
„Du dummes ohl Waschwief", brummte die ärger
liche Tilde giftig.
Im Saale des Hotels zum Weltmeer spielte die Fiedel zum Oster-Montagstang auf.
Monsieur Pierre Noir hatte über Lord Byron den Sieg davon getragen; auch in Gardby drehten sich die Paare jetzt im „verwerflichen Schauspiel", dem Walzer.
Handwerkstöchterchen und Gesellen schwebten oder stampften zu Monsieurs Geigenfpiel dahin. Und die hübsche Rieke Meeß tanzte nun schon zum vierten Mal« mit dem neugebackenen Gesellen Klaus Maftchießen.
