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1. Beilage zum Meslmüener Tagblatt.

Uo. 119. Al»end-A«sKRl»e.

Wsnlag, den 12. Mar;.

48. Jahrgang. 1909.

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Die Tugend übt sich schlecht im Glück; das Unglück K Das ist der Bode», wo das Edle reist.

Das ist der Himmelsstrich für Menschengröße! jj

Th. Körner. £

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(29. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Rechte des Herzens.

Erzählung von Walther Schmidt-Käßler.

Er war stolz auf sich selbst und auf sein diplomatisches Genie, und er hatte vollstes Recht, es zu sein. Er hatte gleich beim Eintreten einen alten Mönch nach der Zelle des Bruders Nicola gefragt, und dieser hatte ihm den Bescheid gegeben, daß derselbe jeden Augenblick aus der kleinen Pforte kommen müsse, die zum Garten des Metropoliten führt, da er dort Geschäfte gehabt. — So hatte Leo denn gewartet, war, wie alle harmlosen Fremden, die das Kloster besuchen, auf dem Vorhof umhergewandert, hatte mit scheinbarer Aufmerksamkeit die Architektur jeder Kleinigkeit, jede In­schrift betrachtet, ohne die kleine Thür auch nur einen Augenblick aus den Augen zu verlieren.

Endlich öffnete sich diese, und ein Mann trat heraus, wie sich Leo wohl Johannes, den Lieblingsjünger des Herrn, denken würde, ernst und schön, mit düsteren, seelenvollen Augen und feinen, durchgeistigten Zügen.

Das mußte er sein!

Schnell entschlossen trat er auf den Mönch zu und lüftete den Hut mit der Frage, ob er das Kloster be­sichtigen könne, obwohl er heute der einzige Fremde zu sein scheine.

Freundlich und gefällig erklärte der Andere, der ein vortreffliches Deutsch sprach, sich bereit, den Herrn zu be­gleiten, da er gerade zwei Stunden frei habe, und neben­einander schritten sie auf das Kloster zu.

Leo klopfte ein wenig das Herz.

Er wußte selbst nicht recht, woher er all den Muth nahm, hier Schicksal zu spielen und in zwei Menschenleben einzugreifen mit seinem eigenen Willen! Wenn das Werk nicht gelang, das er sich vorgenommen hatte?!

Dann war es nicht seine Schuld. Seine Absicht war ;s, ein Gott wohlgefälliges großes Werk zu vollbringen, eine Lebensthat zu vollführcn, von der er im spätesten Alter noch mit Genugthuung zehren würde.

Er plauderte mit seinem Führer ununterbrochen und schien schnell seine Sympathie gewonnen zu haben; denn auch der Mönch wurde redselig und schien an dem Fremden außerordentlichen Gefallen zu finden.

Sie betraten die Katakomben und gingen langsam mit einem gewissen Weihegesühl, das hier Jeden überkommt, durch die Wohnstätten der Todten. An einem der Särge blieb Leo stehen:

„Ob all diese hier, die droben dereinst im Lichte ge­

wandelt, wohl wirklich in den stillen Klostermauern das ge­funden haben mögen, was sie suchten — das Glück?"

„Wer kann das wissen?" antwortete Nicola; jedenfalls aber fanden sie Eines da droben gewiß — Ruhe!"

„Ruhe!" wiederholte Leo. „Schon das ist viel, un­endlich viel für Denjenigen, der so in Stürmen und Wettern des Lebens stand, daß er den Entschluß fassen konnte, für ewig mit der Welt abzuschließen und sich hier zu begraben!"

„Wer sein Glück vorher für immer eingesargt und da­mit schon seine Seele begraben hat", entgegnete Nicola, „der bedarf keines großen Entschlusses inchr, seinen Leib hier auf diese stille Insel zu retten, wo wenig Irdisches mehr ihn berührt."

„So hat eigentlich jeder der Männer, die hier droben leben, für immer abgeschlossen?" fragte Leo.

„Ja", klang es zurück, und leise sügte der Mönch hinzu: „Sonst wäre es nicht zu ertragen! — Wer mit Hoffnungen hier hinaufginge, der lhäte besser, drunten in den Fluchen des Dniepr Ruhe zu suchen — dort fände er sie eher!"

„Aus dem Kloster giebt es keine Rückkehr in die Welt?"

„Keine!"

„Kein starker, gewaltiger Entschluß könnte die Fesseln dieses Bundes brechen, wenn sich zum Beispiel Einen,, der abgeschlossen zu haben glaubte, als er hierher kam, doch mit einem Mal ein neues, sonniges Lebensziel inmitten aller anderen glnckberechligten Menschen böte?"

„Ich wüßte Keinen", antwortete der Mönch, „dem jemals hier diese Wahl vor Augen gestanden hätte; den fast Alle hängen doch hier von Kindheit an an den Dogmen unseres Glaubens, den sie ja brechen müßten, nm ein neues Leben zu beginnen! Wer hier alt zu werden beginnt, ändert sich nicht mehr, und die seurigste Seele wird still und zahm in dieses Lebens stetem Einerlei. — Ueberdies — wie sollte hier au einen der lebendig Begrabenen die Versuchung heran- tretcn, in welcher Form, in welcher Gestalt? — Ich kenne nur einen Genius auf der Welt, der mächtig genug wäre, Todte aus den Gräbern zu erwecken, und dieser lächelnde heidnische Genius verirrt sich nicht hier herauf zu uns Todten." „ ,

„Darf ich wissen, was Sie meinen?" fragte Leo lene, indem er die Hand des Priesters ergriff, die dieser ihm nicht entzog.

Nicola nickte kaum merklich und flüsterte:

„Die Liebe!" — „ „

Dann blieb es still, ganz still. Nur das Licht warf seinen röthlichen Schein über die enge kühle Felsengrotte, und vor ihnen, von dem golddurchwirkten, längst verblichenen Priestcrkleid bedeckt, lag der stille Todte.

Noch immer hielt Leo die Hand des Mönches in der seinen und begann dann, gleichfalls überwältigt von der eigenartigen, wohl einzig dastehenden Stimmung, die hier auf sie Beide einwirkte:

„Verzeihen Sie mir, wenn ich auf Dinge zu sprechen kam, die Ihnen fremd sind, wenn ich mit neugierigen Fragen Gedanken in Ihnen erweckt habe, die Ihnen sonst

fern liegen. Aber ein Etwas, das ich nicht zu beschreiben vermag, zieht mich zu Ihnen hin, als kannte ich Sie schon lange, als müßten Sie mir mehr sein als nur der Führer, der einem neugierigenMeltreisenden die Schätze und Sehens» Würdigkeiten zeigt! — Es giebt Stimmungen im Leben, die sich nicht beschreiben lassen, Stunden, die einen fast magischen Zauber ausüben, und so mag wohl die seltsame Umgebung hier mich veranlassen, in dieser Grabesstille den „Menschen" an meiner Seite zu fühlen!"

„Es bedarf dieser Bitte um Verzeihung nicht, Herr", entgegnete Nicola, indem er Leos Hand drückte. „Unser Empfinden begegnet sich,- und ich habe Ihnen zu danken!

— Ich habe zu Ihnen, der Sie mir fremd — und doch bekannt sind — ein Gefühl, das ich gegen keinen Anderen sonst habe — Vertrauen! Ist es der Ton Ihrer Stimme, die Art mit mir zu sprechen, die ein tiefes Gemüth voraus­setzen läßt, ich weiß es nicht. — Ich liebe die Deutschen, ihre Dichter und Philosophen — vielleicht ist es auch Ihr deutsches Wesen, das mich so anheimelnd berührt. Es thut mir wohl, einmal mit einem Menschen plaudern zu dürfen von anderen Dingen als von Messe und Hora."

„Sie lesen deutsche Philosophen?" fragte Leo erstaunt.

„Ich kenne sie Alle! — Nichts Weltliches ist mir fremd

— als das Glück!" Um seinen schönen Mund zuckte ein bitteres Lächeln, und als Leo ihn nicht unterbrach, fuhr er fort: „Ich weiß nicht, was mich heute überkommt; aber uür ist, als befände ich mich mit Ihnen, dem Fremden, der mit einem Wort eine entschlafene Welt in mir erweckt hat, in diesem Augenblick nicht mehr unter anderen Lebendigen, als märe ich gemeinsam mit Ihnen verschüttet hier in dem Hause des Todes, des ewigen Schweigens, als hätte ich einmal das Recht, Alles auszusprechen, was ich in mir trage, weil es begraben bleibt mit all dem Begrabenen, und nicht mit uns emporsteigt in die große Allgemeinheit."

„Und das soll es auch!" antwortete Fröben warm, „eS soll Ihr Geheimniß bleiben, auch wenn es in der Brust eines Anderen ruht, der wieder hinausziehl in das Lebens­gewühl, in den Lärm des Tages. Die unbedachten Worte von mir haben vielleicht ein Wunder gethan in diesem großen Heiligthum, das Wunder, indem sie zwei Menschen einander nahe gerückt in einem Augenblick, zwei verwandte Seelen, die sonst wohl Jahre gebraucht hätten, um sich kennen zu lernen!"

Nicola starrte den Sprecher an mit verwunderten Augen wie eine Vision und schwieg.

„Haben Sie keinen Freund, dem Sie sich vertrauen können?" fuhr Leo fort.

Nicola schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe keinen und darf keinen haben unter den Brüdern; denn keiner könnte mich verstehen! Was ich empfinde, ist gegen alle Regel unseres Glaubens, und ich selbst habe das Unglück gehabt, seit Jahren eigenmächtig zu denken, mir meinen Gott anders vorzustellen als die Anderen!"

(Fortsetzung folgt.)

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