4». Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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U-. 118.
Fernsprecher No. 52.
Sonntag, den II. März.
Fernsprecher No. 58.
1900.
Morgen-Ausgabe.
Politische Ueberficht.
Während der Kampf um die Flottenvorlage und die damit unlösbar verbundene Deckungssrage bisher die politische Thätigkcit und das politische Interesse nahezu völlig absorbirten, haben in letzter Zeit noch andere Fragen von weittragender Bedeutung der Flottenfrage das Monopol des öffentlichen Interesses streitig zil machen begonnen. Zu diesen Fragen gehören in erster Linie die Fleischbeschanvorlage und jener andere,seit Jahren heiß umstrittene Gesetzentwurf, ivelcher de» unglückseligen und geschmacklose» Namen lex Heinze nicht mehr los zu werden vermag. In beiden Fragen hat sich eine Mehrheit des Reichstags, in der ersteren eine verhältnißmäßig große, in der zweiten eine knappere Mehrheit, über Beschlüsse geeinigt, gegen die sich nicht nur ein scharfer Widerspruch der Minderheit geltend macht, sondern gegen die auch die Negierung theilwcise einen mehr oder minder lebhaften Widerspruch erhoben hat. In Bezug auf die Fleischbeschanvorlage hat die Negierung freilich den von ihr erhobenen Widerspruch gegen die über die Regierungsvorlage hinansgeheuden Beschlüsse allgemach wesentlich eingeschränkt, während sie in Bezug auf die lex Heinze bisher eine größere Widerstandskraft an den Tag legte. Ihr Widerspruch gegen einzelne Bestimmungen dieser vom Centrnm freigebig bereicherten Vorlage hat denn auch zur Folge gehabt, daß die Reichstagsmehrheit auf einzelne der von ihr geschaffenen Paragraphen, nämlich ans den „Arbeitgeber- Paragraphen" und die Erhöhung der „Schutzgrenze" für Mädchen, Verzicht leistete, um den Rest des Gesetzes zu retten. Dieser stattliche Rest enthält unter Anderm die beiden Paragraphen, welche sich mit der „Reform" der Kunst und des Theaters befassen und gegen die sich in der öffentlichen Meinung und besonders in den Kreisen der Litteratur und der Kunst ein mächtig anwachseuder Sturm der
Entrüstung geltend gemacht hat. Hoffentlich hat diese m ihrer Bedeutung nicht zu unlerschätzende Bewegung dazu bcigetragen, die Regierung in ihrem Widerspruch gegen diese Bestimmungen, der
zuletzt recht lahm geworden zu sein schien, erneut zu bestärken. Vielleicht ist aber diese Bewegung auf die Reichstagsmehrheit selbst nicht ohne nachhaltigen Eindruck geblieben. Jedenfalls wird man der unmittelbar bevorstehenden dritten Lesung der lex Heinze mit angespanntem Interesse cntgeqcnschen müssen.
Ein recht bewegtes Leben herrscht zur Zeit auch in den Parlamenten der anderen europäischen Großmächte, so weit diese sich, was mit Ausnahme des autokratischen Rußland der Fall ist, einer Vertretung des Volkes erfreuen. In Oesterreich bemüht sich das Kabinett Kör der mit redlichem Eifer, den Reichsrath arbeitsfähig zu machen, aber dieses anerkennenswerthe Bemühen hat bisher noch nicht allzu reife Früchte getragen. Der schön klingende Plan der Versöhnung zwischen Deutschthum und Tschechenthum scheitert an den unüberbrückbaren nationalen Gegensätzen und an der durch eine grundverkehrte Politik grobgezogenen Begehrlichkeit der Tschechen. Unter diesen Umständen wird man dem weiteren Verlauf und dem Ergebniß des Reichsrathstagung mit skeptischem Mißtrauen cnigegensehen müssen. .....
In der italienischen Kammer spielt sich ein merkwürdiger parlamentarischer Zweikampf zwischen dem von einer starken Mehrheit unterstützten Kabinett Pelloux und der radikalen Opposition ab, welche ihre numerische Schwäche mit allen Mitteln der parlamentarischen Taktik anszuglcichen bestrebt ist. In dieser Taktik R die radikale Partei von der Opposition allmählich zur versteckten Obstruktion übergcgangcn, um diese langsam, aber sicher in die offene Obstruktion zu verwandeln. Bcharrt die Linke bei dieser nicht sonderlich rühmlichen Taktik, dann wird dem Kabinett Pelloux als letzter Rettungsweg nur noch die Auflösung der Kammer übrig bleiben. . „ ......
Ein leichtes und sorgloses Leben hat auch das franzosilche Kabinett Waldeck-Rousseau nicht, das sich einer recht ungebärdigen Ka mm er gegenübersieht und sein Dasein mühsam von Kampf zu Kampf hinschleppcn muß, wobei die Siege in letzter Zeit recht spärlich geworden sind. Der neueste „Sieg" der Regierung kennzeichnete sich zudem als ein Pyrrhussieg, der einer Niederlage
mindestens wie ein Hühnerei einem Taubcnei glich. In der That hat das Kabinett sich in der Vcrraths-Affaire Philipp nur dadurch am Leben erhalten, daß es einen Theil seiner Autorität opferte und ein unverblümtes Tadclsvotum demiithig lächelnd einstrich.
Einer recht bewegten Tagung erfreut sich auch das englische Parlament. Aber gerade hier, wo am wenigsten Anlaß dazu wäre, erfreut das Ministerium sich einer Mehrheit, auf die seine Thaten ihm keinen Anspruch gewähren sollten. Aber freilich, das Kabinett S a l i s b »ry - C h a m b e r l a i n hat den ausschlaggebenden Faktor des Erfolges für sich. Der südafrika ni sch e Kri e g, dessen erster Theil den Engländern so schwere und verlustreiche Niederlagen brachte, hat eine für die Buren unheilvolle Wendung genommen, die fürs Erste leider anznhalten scheint. Auf den ersten Sieg des Marschalls Roberts bei Koodoosrand ist leider ein zweiter bei Ostfomein gefolgt, und cs kann kein Zweifel darüber bestehen, vaß die Buren einen großen Theil des Oranje-Freistaates mit der Hauptstadt Bloemfontein den Engländern werben preisgeben müssen. Damit und selbst mit etwaigen weiteren Siegen der Engländer ist freilich das Schicksal des Krieges noch in keiner Weise entschieden, und in England selbst beginnt man allgemach einzusehen, daß man sich trotz alledem noch auf einen langwierigen, opferreichen und blutigen Feldzug gefaßt machen muß, da die Buren allem Anschein nach entschlossen sind, bis aufs Aeußerste einen entschlossenen und hartnäckigen Widerstand zu leisten. In England bat man aber umso mehr Grund, diesem Feldzug mit Sorge entgeaenznsehen, als das Vordringen Rußlands in Persien und die Verschärfung des englisch-amerikanischen Streits um den Ricaragua-Kaual deutlich zeigen, daß England seinen etwaigen Gewinn in Südafrika mit einem schweren Manko seiner internationalen Machtstellung recht theuer und mit Wucherzinsen wirb bezahlen müssen.
Ans Slndt und Land.
Wiesbaden, 11. März.
— Gefchichtslrolender. 11. März. 1897: ff Marie Karoline Friederike Prinzessin zu Lippe zu Lemgo. 1897: ff Professor vr. Daniel Sanders zu Alt-Strclitz, hcrv. Lexikograph. 1885: ff Gustav v. Klöden, hcrv. Geograph. 1894: * Prinz Moritz von Schanmbnrg-Lippe. 1883: ff Fürst Gortschakow in Baden-Baden, russ. Reichskanzler. 1879: Furchtbare Ucberschwemmung von Szegedin. 1831: * Ernst Wichert zu Insterburg, herv. deutscher Schiiftstellcr und Dramatiker. 1811: * Nrbain Lcverrier, der. frcniz. Astronom, Entdecker des Planeten Neptun. 1597: Ueber- riimpelung von Amiens durch die Spanier. 1544: * Torquato Tasso zu Sorrento, ber. italien. Dichter. 1486: ff AlbrcchtAchilles, Kurfürst von Brandenburg zu Frankfurt a. M.
— Uariötö - Theater „Kiirarrsaak". Nur noch einige Tage wird das interessante Programm dauern, um dann am 16. d. M. einem gleich guten Platz zu machen. Heute Sonntag findet wie üblich große Künstler-Matinee von 11'/, bis 1'/, Uhr der freiem Eintritt statt und die Nachmittags- und Abend-Vorstellungen werden sich wie üblich gestalten. Am Dienstag, den 13. d. M., 8 bis 11 Uhr, findet eine Gala-Vorstellung und Gratis-Verloosung eines 8 Wochen alten Schaflammes statt, wozu jeder Besucher ein Frciloos erhält, und zwar ist die Nummer auf dem Programm vermerkt.
— Der Uortrag der Frau Marie Locper-Housselle, welcher am Freitag, 6 Uhr, im „Lehrerinnen-Vcrein" stattfand, war von einer zahlreichen Versammlung von Damen besucht, die mit gespannter Aufmerksamkeit dem 17--stündigen Vortrag über „Die Erziehung der Mutter" folgten. Die Rednerin begann mit einem Rückblick auf die Zeit vor 100 Jahren, wo sich in allen Kreisen ebenfalls ein lebhaftes Bcdürfniß nach einer gründlicheren und tieferen Frauenbildung geregt hat, um so lebhafter hervortretend durch die Zerrüttung des Familienlebens und die Mißachtung der heiligsten Pflichten der Frau und Mutter. Sic stellte manche Aehnlichkcit der damalige» Zustände mit den heutigen fest, trotz der fortgeschrittenen Kultur auch heute noch einen Mangel an wahrhafter Bildung der Frau, Abneigung gegen den Mutterberuf und Ueberlassnng der Erziehungspflichten an fremde bezahlte Hülfe. Zur Aendernng dieser Zustände forderte “
sie eine Vervollkommnung
der Bildung aller Klassen, besonders aber der Miittcr. Diese zu erreichen, verlangte sie ein eingehendes Studium Pestalozzis und Fröbels und eine auf ihre Lehren gestützte und sie verwirklichende Erziehung, damit die zukünftige Frau und Mutter eine harmonische Ausbildung zur selbständigen Arbeit erlange. Vor Allem müsse dies Aufgabe der Mädchenschule sein, freilich einer anderen als der jetzt bestehenden, einer Schule, für die sie folgende Forderungen auf- stclltc: Die neue Mädchenschule soll eine harmonische Ausbildung aller Kräfte, eine lückenlose Bildung erzielen, aller Unterricht soll an das Leben anknüpfen, und Alles, was die Kinder lernen, soll den Zweck haben, sic zum selbstthätigen Menschen zu erziehen. Freilich wird dies Ziel bei den heute noch bestehenden großen Schulklassen und der Fülle des Lehrstoffs nicht zu erreichen sein. Den deutschen Sprachunterricht wünschte sie als Mittelpunkt und Hauptgegenstand geschätzt zu sehen, er soll die Entwicklung des Sprachgefühls, die Schärfung des Denkens befördern. Als neue Gegenstände verlangte sie Gesundheitslehre und Pädagogik; verbunden mit einem Fröbel'schen Kindergarten soll das Studium der Pädagogik den Mädchen nicht Theorieeu oder Systenie, sondern Bezugnahme der erworbenen Kenntnisse auf das Seelenleben des Kindes lehren, immer wieder fußend auf die Lehren Pestalozzis und Fröbels. Damit aber in den Schulen dies gelehrt werden kann, verlangte die Rednerin vor Allem dafür aus- gebildete Lehrerinnen, die durch gleiches akademisches Studium den Männern gleichstehen an Bildung und Wissen, sodaß sie mit ihnen gleichberechtigt wirken können an dem großen Ziel der Vervollkommnung des Menschengeschlechtes.
— Eine Versammlung der Mitglieder der „Gemeinsamen Orts- krankcnkasse" findet, wie schon kurz erwähnt, Montag, den 11. d. M.. Abends 87-2 Uhr, in der Turnhalle Wcllritzstraße 41 statt. In derselben berichtet der Vorstand der Arbeitnehmer über seine Thätig- keit im verflossenen Geschäftsjahr, ferner soll zu der freien Aerzte- wahl Stellung genommen werden. Ein Besuch der Versammlung, hauptsächlich wegen des letzten Punktes der Tagesordnung: freie Acrztewahl, ist sehr zu empfehlen.
— Karonin v. Rahden, geb. Engenie Weiß, die bekannte Schnlreiterin. die vor einiger Zeit noch im hiesigen „Walhalla- Theater" das Publikum durch ihre Reitkunst enthusiasmirte, liegt in Nizza schwer krank darnieder. Auf beiden Augen erblindet, konnte sie bereits seit zwei Monaten nicht mehr ihrem Beruf nach- gehcn. Sie ist dadurch jetzt in große Roth gerathen. Ihre Pferde mußte sie aus Mangel bereits verkaufen. Eine rührende Schilderung über die traurige Lage der Dome veröffentlichte unter dem Titel „Das Ende der Schnlreiterin; eine Bitte" Frau Elsbeth Meyer- Förster in der Kolonie Grnnewald, Boothstraße 41. Berlin. (Vielleicht thut einer der vielen reiche» Sportfreunde Wiesbadens etwas, um Frau v. Rahden in ihrem Elend zu helfen. Die Red.)
o. GinjährigFreimUligen-Prüfung. Zu der Frühjahrs- Prüfung vor der Prüfungs-Kommission der Kgl. Regierung dahier hatten sich ursprünglich 18 Kandidaten gemeldet, von denen jedoch nur 10 erschienen find. Dieselben wurden in den Tagen vom 5. bis 10. d. M. in zwei Abtheil»»gen geprüft. Das Resultat war gegenüber anderen Orten ein günstiges, indem von den 10 Kandidaten 6 bestanden und den Berechtigungsschein erhielten.
— Krematorium in Mai,,;. In einer gemeinschaftlichen Vvrstandsfitzung des Mainzer und Wiesbadener Feuerbestattungs- Vereins wurde ein Preisausschreiben zur Gewinnung von Plänen für das in Mainz zu errichtende Krematorium beschlossen. Die nach einem Voranschlaq des Mainzer Stadtbauamts auf etwa 60,000 Mk. veranschlagten Baukosten sind, wie bekannt, zu zwei Dritteln gedeckt.
o. Akte der freiwilligen Eerithlsbarlreit. Seit der Einführung des bürgerlichen Gesetzbuchs hat sich die Meinung verbreitet, Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit könnten nur noch durch Notare vollzogen werden.' Dem ist jedoch nicht so, und es sei hier
mit ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Beglaubigungen in Stockbuchssachen, insbesondere Spezialvollmachten, Anträge auf Jmmobilicn-llcberschreibnngeninfolgeErbübcrgangcS.Aufnahmcnvon Kaufverträgen. Bestellungen von Hypotheken, Löschungen von Hypotheken und sonstigen dinglichen Berechtigungen auf Grundstücken un Gebiet desvormaligenHerzogthumsNassau werden immer noch durch die bestehenden Feldgerichte und Bürgermeister nach
(Nachdruck verboten.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Liudenberg.
.Das Alte stürzt —— Vom neuen Berlin. — Das Akademie- Gebäude. — Seine Geschichte und' seine Vielseitigkeit. — Bevorstehende festliche Tage. — Anton v. Werners Jubiläum. — Was Werner der Kunstakademie war. — Die Herkomer-Ansstellnng. — Das Emailbild des Kaisers.
Wenn in dem modernen Berlin, das — glücklicher Weise zu Unrecht — oft mit den neuen amerikanischen Städten verglichen wird, das Auge zufällig auf ein altersgraues, vergilbtes Gebäude fällt, welches uns von längstvergangenen Zeiten erzählt, so freut man sich doch darüber und erinnert sich gern daran, daß auch die so jugcndfrifch und flott ausschauende Reichshanptstadt eine geschichtliche Vergangenheit hat, von der uns steinerne Erinnerungszeichen berichten. Diese Freude ist ja allerdings selten, denn das alte Berlin ist gehörig „aufgemischt" worden, um einen echten Spree-Athener Ausdruck zu gebrauchen, und aus dem Schutt und Mörtel früherer Jahrhunderte stieg glänzend und erfolgverhcißend das neue, das jngendstarke Berlin herauf, welches,immer weiter und weiter feine Arme ausstrcckt und von seinem fröhlichen, gesunden Wachsthum jahraus, jahrein beredtes Zeugniß ablegt. Selbst in jenen Theilen, ans denen das heutige Berlin sich entwickelt hat, ist gehörig Bresche gelegt worden, in die Reste der einstigen kurfürstlichen und königlichen Stadt, und wo noch vor Kurzem ehrwürdige Bürgerhäuser standen, die den Krönungszug des ersten preußischen Königs miterlcbt, erheben sich petzt riesige Kaufhaus- und Miethspaläfte, die fast über Nacht mit ihren fünf und sechs Stockwerken cmporgeschossen sind. ^
Auch die Linden, die gedächtnißreicheTriumphstraße Berlins, sind während der letzten Jahrzehnte wesentlich verändert worden und gehen neuen, wichtigen Umgestaltungen entgegen. Dort der schwere, graue steinerne Koloß an der Ecke der Eharlottenstraße und Linden, er wird nicht mehr lange so wuchtig und trotzig dastehen, die Tage dieses Akademie-Gebäudes sind gezählt, der Neubau der Bibliothek wird hier seinen Platz erhalten, die Kunstjünger aber werden nach Charlottenburg übersiedeln, wo ihnen ein prächtiges, zweckmäßigeres Heim ersteht. Mit der Akademie aber schwindet wieder ein gutes Stück des historischen Berlin dahin, zum
Theil noch aus der Zeit des Großen Kurfürsten, zum Theil aus der des Alten Fritz stammend. „Ein wunderbares, ein Nicsen- gebäude das! Ein Pantheon aller Künste und Wissenschaften! Ein Tempel für Minerva — Preußens Minerva, die auch Schild und Lanze zu führen weiß. Rings die Musen, in der Mitte Mars. Asyl der Künstler und Rennbahn der Kavalleriepferde. Die Trompete der Ulanen durcheinander wirbelnd mit der Trompete Famas, die in einem Kämmerchen hier der akademische Historiograph des Landes zu blasen hat. lieber der akademischen Uhr sollte aus der Mauer ein Pegasus springen, den» das Pferd ist es, dessen geflügelter oder' auch nur hnfbeschlagener Bedeutung dies ganze gewaltige Quadrat gewidmet ist." So schilderte einst sehr hüblch Karl Gutzkow diesen schwerfälligen Kasten, in dem er als Sohn eines Bereiters des Prinzen Wilhelm geboren ward und seine Jugendzeit verlebte. , „
Ja, dies Akademie-Gebäude war stets, und zwar bis heutigen Tages, vielseitiger Benutzung unterworfen worden, als Heimstätte eines Theils des Königlichen Marstalls, einer Kavallcrie- Äbthcilnng, der Akademie der Wissenschaften wie der schonen Künste, früher noch einer Sternwarte, einer, Druckerei für Gelehrte und einer mit den Hörsälen des „medizinischen Kollegiums" verbundenen Anatomie; auch die Wagner'sche Gallerie, der Stamm der späteren National-Gallerie, war hier untcrgebracht, in den nach den Linden zu gelegenen Sälen aber fand geraume Zeit hindurch alljährlich die Akademische Kunstausstellung statt. Mehr kann man wirklich nicht verlangen! Doch halt, beinahe hätte ich noch etwas sehr Wichtiges vergessen: nach der über dem Hauptcingang an-
S ebrachtcn Uhr richtete viele Dccennien hindurch ganz Berlin die Ihren, Niemand, der eine Uhr in der Tasche hatte, ging Einstmals vorüber, ohne daß er nicht seinen Zeitmesser nnt jenem da oben verglichen hätte. Bon den einfachen Stuben, den sthlichten Sälen, den Ateliers ging unendlich viel Befruchtung auf wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiet aus. Gelehrte und Künstler von Weltruf wirkten hier und schufen Werke, die wesentlich dazu beitrugen, den Ruhm Berlins, Preußens und Deutschlands m alle Lander
Und nun werden auch hier bald Spitzhacke und Schaufel ihr Amt verrichten und werden die festen Mauern ruederlegeu, die Zeugen vieler bedeutsamer Ereignisse gewesen. Aber vorder wird das'Akademie-Gebäude noch festlich e T a g e sehen, man rüstet sich ja bereits seit Langem zur würdigen Feier des 200-jahrigen
Bestehens der Akademie der Wissenschafte», die in zwei Wochen stattfinden wird. Aber auch die nächste Woche schon wird Sang und Klang, wird Jubel und Trubel in die Hallen des grauen Hauses bringen, begeht doch der Direktor der Kunst-Akademle, Anton v. Werner, 'daSFest seiner25-jäh rigen Direktions- Thätigkeit und sind aus diesem Anlaß mancherlei freudige Veralistaltnngcn geplant. „Viel Fciiid', viel Ehr'", das kann auch Anton' v. Werner von sich sagen. Ehren hat er genug eiugesammelt und neue werden sich jetzt zu den bisherigen gesellen, und an Feinden hat es ihm nie gefehlt, dazu ist Werner eine viel zu starke und kampsfrohe Natur, io ein bischen Diktator, der das, was er sich vorgenonnncn hat, auch erreicht, und wenn ihm noch so viel Widerstand entgegengesetzt wird. Derartige Männer aber sind sympathischer wie jene elastischen Ja-Nicker, die nur immer anfpassen, woher der Wind weht, um schnell ihr Mäntelchen nach dieser Richtung hin zu hängen und sich mit diesem Mäntelchen dann tüchtig anfblasenl Von solcher Ansgeblasenheit weiß Werner nichts; er ist stets offen und natürlich geblieben, mit einem wirklichen Stich ins Berlinische, und ob er mit'einem frischgebackenen Kunstjünger spricht, ob er mit einem Minister verkehrt oder den Kaiser durch die Ausstellungen führt, Ton und Wesen bleiben sich gleich, sind immer auf das Ge- müthliche, das Jnsichgcfestigte gestimmt, und man erkennt in seinem ganzen Sichgeben stets den Meister wieder, von dem die flotten, prächtigen, von echtem Humor durchwehten Zeichnungen zu Scheffels Dichtungen stammen.
Auch im Leben Anton v. Werners hat es nicht an schweren und sorgenvollen Stunden gefehlt, er hat in Frankfurt a. O., seinem Geburtsort, eine harte Lehrzeit durchmachcn muffen, che cs ihm ermöglicht ward, 1859 die Berliner Akademie zu beziehen. Drei Jahre später wandte er sich nach Karlsruhe, um dort seine Studien unter Lessing fortzusetzcn, weilte 1867 in Paris, von 1868 bis 1869 in Italien, machte den deutsch-französischen Krieg im Hauptquartier des Kronprinzen mit und siedelte sich dann in Berlin an, mit Aufträgen zu großen geschichtlichen Gemälden überhäuft. 1875 wurde er zum Leiter der Kunst-Akademie berufen und hat diesen schwierigen und verantwortlichen Posten stets mit vollster Hingebung und mit erstaunlichem Fleiß verwaltet, unermüdlich tdätlg dabei schaffend, und daneben als Vorsitzender de? „Vereins Berliner Künstler" auch diesem Nutzen und Erfolg bringend.^ Als Werner vor einem Vierteljahrhundert die Direktion der Kunst- Akademie übernahm, war, wie man zu sagen pflegt, mit dieser nicht
