1 . Anlage ?uin Mesbllüener Tagblatt.
Uo. 116. Morgen-Ausgabe.
(12. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Krebrslranapfe.
Vo» ZSernhard von Mrandenknrg.
„Sieh doch, Elisabeth, die alle Geheimräthin, befollctivt — und wie tief! Ich muß nächstens einen Erlas; hcraus- geben — diese Blöße ist bcmitlcidensmerih! Ah, der Herr Professor Helmer — sehr schöne, neue Zähne! Elise Hage- mann ist wieder so geschnürt, daß sie kaum athmen kann; ich werde einmal meinen gelehrten Leibarzt auf diese verbotenen Preßversuche in den eigenen vier Wänden aufmerksam machen. Und die Mutter! wie ein gekochtes Huhn und so voll Gift trotz des lieblichen Lächelns! Guten Abend, guten Abend! Aha, meine Herren Offiziere! Elisabeth, ist das der Freiherr von Brandes? Sehr hübsch, ganz auffallend hübsch, das muß ich sagen — gefährlich schön! Am Hof von S. war einmal-"
Durchlaucht seufzte leise und sah der stattlichen Gestalt in dem blauen Husarenrock nach. Irgend eine alte Reminis- cenz mochte in ihr aufdümmern, eine kleine Episode, die sie der Nichte lieber nicht mittheilte; jedenfalls keine ganz standesgemäße Neigung, die sie eben halb durch den Seufzer verrathen hatte. Fürstinnen haben noch mehr als andere Frauen das Vorrecht, zu lieben und zu entsagen.
Auch Herzogin Elisabeth blickte träumerisch in die Richtung, die Brandes, durch die kreisförmige Marschrichtung gezwungen, nehmen mußte. Schon als sie ihren Platz hier oben betrat und ohne sonderliche Neugier die Reihe der Geladenen überflog, waren ihre Augen plötzlich von einem Blick gefesselt worden, der so fest an ihr haftete, daß sie sich kühl abwandte. Aber nach einigen Minuten sah sie scheu noch einmal hinüber und wirklich, der junge Offizier schaute sie noch immer starr an, ohne das Unpassende seines Benehmens zu enipfinden. Die kleine Herzogin wußte nicht, wie hübsch sie sich dorten ausnahm, welch wirksame Folie die gute vertrocknete Durchlaucht für sie war. Sie empfand nur, daß in diesen ruhigen Blicken ein Geständniß lag, und trotzdem sie sich über die Kühnheit empörte, empören mußte, fühlte sie eine seltsame Erregung.
Nun verfolgte sie ihn sogar und sie hoffte, sie wünschte, er möchte sich noch einmal zu ihr umwenden.
Feierlich und würdevoll rtahm der Nnndgang seinen Verlauf, Durchlaucht quittirte mit leichtem Kopfnicken die Ehrenbezeugungen, aber sie vergaß, Bemerkungen zu machen. Nun stockte die langsame Bewegung ganz, die Hauptwürdcn- trägcr waren wieder bis an die Stufe des kleinen Empors gedrängt, Jeder stand auf seinem alten Platz. Die Musik schloß mit vollen Accorden und man wartete, daß Durchlaucht sich ins Nebengemach begeben würde, um der Jugend zu dem nöthigen Raum und ihrem Recht zu verhelfen.
Die Herzogin hob die Lider, und angstvoll, als beginge sie ein Unrecht, aber unwiderstehlich hafteten ihre blauen Auzcn auf dem stolzen, gebräunten Gesicht, das über die Menge hinausragte und unter der Wiederkehr ihres Blickes hell aufleuchtete.
Es tvar merkwürdig, auch Prinzeß Ulrika schien gerade in jetter Ecke etwas zu suchen, und es bedurfte einer devoten Mahnung des Oberhofmarschalls, ehe sie sich von ihrem Sessel erhob.
Samstag» den 16. Marx.
Der Ball begann. Die ersten Tänze der Herzogin waren in festen Händen, erst später durste sie selbst einen flotten Offizier oder einen eleganten Assessor befehlen. Sic war heute nicht so eifrig im Tanzen tvie sonst, nachdenklich sah sie ans die wirbelnden Paare herab. Jetzt drehte Jngeborg sich mit ihm vorbei, Beide lachten und plauderten trotz der rauschenden Walzcrklängc, ach ja, sic waren intime Jugendfreunde! Eine Weile später trat Brandes mit Elise' zum Lancier an. Die Herzogin wurde unruhig — cs mar doch Unrecht, daß er die arme Elise so quälte! Das Beste wäre, sie würden sich bald verloben, bald, vielleicht noch hente Abend — und int raschen Impuls sagte sic zu ihrem dicnst- thuenden Kavalier:
„Ich wünsche zur Mazurka den Freiherrn von Brandes!"
Der Kammerjunker verneigte sich tief und verlor sich im Gedränge, um den Glücklichen zu benachrichtigen. Die Herzogin saß mit znsammengezogenen Brauen da, nun würde sie ja sehen, was eigentlich an ihm ivar und ob es sich lohnte, daß Elise sich um ihn grämte. Ihre Aufregung wuchs, sie begann mit ihrer nächsten Umgebung ein Gespräch, sie fühlte das Nahen irgend einer Gefahr-
„Hoheit befahlen!"
Sie legte ihre Hand auf seine Schulter, sie reichte ihm die Rechte und ließ sich willenlos von ihm leiten, einmal durch den Saal, noch ein zweites Mal bis zur Mitte. Plötzlich hielt sie inne und bat:
„Führen Sie mich zurück, Herr von Brandes, es ist so heiß—"
„Wie Hoheit befehlen!"
Sie entließ ihn mit leichtem Dank, aber er stand noch immer vor ihr und sie besann sich, daß sie ihm einige Woptc gönnen mußte.
Beim Sprechen gewann sie ihre Haltung zurück, sie sah ihn freundlich an, ohne daß eine Miene ihre Bewegung verrathen hätte, und in gnädiger Theilnahme erkundigte sie sich, tvie es ihm im alten Heimathlande gefalle und ob er nicht die langgenossene Freiheit entbehre.
. »Ich bin unsagbar glücklich, daß ich wieder die alten Fesseln tragen darf, Hoheit," cntgcgncte er, „je mehr Freiheit man genießt, um so mehr sehnt man sich darnach, von einem Wort, von einem Blick.regiert zu werden und eine Macht, der man sich beugen muß, über sich zu fühlen."
Die Augen der kleinen Herzogin weiteten sich vor Schreck, aber in leichtem Ton, als beantwortete er nur ihre Fragen, fuhr Ferdinand von Brandes fort:
„Wir passen nicht in jene Verhältnisse, uns liegen Ehrfurcht vor allem Möglichen, Respekt und Subordination im Blut. Wir wissen nichts mit der güldenen Freiheit a»zu- fangen, sie verliert in unseren Händen an Werth und verlangend schauen unsere Blicke nach einem Monarchen, einem höchsten Vorgesetzten, einer Herrschaft aus, der wir schuldigen Tribut zahle» können. Wir müssen, wenn wir nicht Herren sind, Knechtsdienste thun, Körper und Seele einem Andern verdingen können, ihm gehorchen bis zum letztem Alhemzuge, bis zum letzten Gedanken — erst dann, ja dann sind wir glücklich!"
Er verneigte sich und trat zurück.
War das Philosophie, der Extrakt seiner Erfahrungen, die er drüben gewonnen? War das Hohn? Aber nichts Sarkastisches hatte in seinem Ton gelegen, nur einen tieferen
48. Jahrgang. I960.
Sinn schiercen seine freimüthigen Worte zu bergen. Jedenfalls aber, wenn er so dachte, so treu an dem Hergebrachten hing, so brauchte Elise sich nicht unnützer Sorge hinzugeben, dieser Mann wußte, was Sitte und Anstand von ihm forderten, er würde die alten Gesetze kaum verletzen. Es sei denn, sein Herz spräche — heißem Verlangen würde er gehorchen -
Die Herzogin befahl eifrig Tänzer, sie legte die anfängliche Zurückhaltung ab, sie lachte nnd scherzte und in ihrer sprudelnden Fröhlichkeit passtrte cs ihr, daß sie den Freiherrn von Brandes durch drei Tänze auszeichuete und bei der Tafel, höchsten Anordnungen zuwider, mit ihrem Kavalier neben Jngeborg trat, die von dem Freunde geführt wurde.
Es tvar ein herrliches Fest, auch Durchlaucht amüsirte sich gut, fand Gelegenheit zu allerlei boshaften Bemerkungen und gestand Emma Gusserow beim Auskleiden freimüthig, daß der amerikanische Offizier frappante Aehnlichkeit mit ihrer Jugendliebe habe, und wenn nicht der Name tunte, so könnte man glauben — Nun, das sei ja trotzdem kein Hinderniß und Gnsseroiv möchte sich nach dem Herkominen dieses Herrn erkundigen.
Emma suchte kopfschüttelnd Durchlauchts intimste Kleidungsstücke auf und begriff nicht, wie leicht die Kinder der Welt auf Vermuthuugcn kommen können, die ohne Weiteres die Manen der seligen Freifrau von Brandes beleidigten.
.Noch in einem andern Flügel des Schlosses beschäftigte man sich lebhaft mit dem schönsten Offizier der Garnison, nur daß hier sein Nanie nicht genannt wurde, obgleich sich sein dunkler Lockenkopf in die Träume hincinwagte, und daß Herzogin Elisabeth die ganze Nacht, an die Schulter einer blauen, silbergestickten Attila gelehnt tanzte, als hätte sie nur diese für ihre Traumbilder befohlen.
Auch Jngeborg fuhr von dem Ball in heiterer Stimmung nach Hause. Die Walzcrmelodien klangen in ihrem Ohr nach, noch einmal sah sie den strahlend erleuchteten Saal, die glänzende, dnrchcinanderschwirren'de Menge vor sich, noch einmal ließ sie sich von dem Zauber, der in berauschender Musik, fröhlicher Gesellschaft, wohlthuender Bewunderung liegt, gefangen nehmen und genoß in Gedanken die dem Alter unverständlich gewordenen Freuden, die ein solches Fest für die Jugend in sich birgt. Jngeborg gehörte nicht zu den meistnmworbencn, gefeierten Mädchen, die durch den fesselnden Reiz ihrer Erscheinung, unterstützt durch ein kluges Maß von Koketterie, im Sturni die Herzen erobern. Sie besaß ein ganzes Kontingent guter Freunde, aus ehemaligen Be- wunderern entstanden, die sich um ihre Tänze stritten, sie mit einem festen Hofstaat umgaben und sie für das liebenswürdigste, verständigste Mädchen erklärten. Wirkliche Bewerber hatte sie nur wenig; sie cntwaffnete die Schmeichler durch ihre Frcimüthigkcit und war zu ehrlich, um Ernst- gesinnte lange in grausamer Ungewißheit schmachten zu lassen. Nie spielte sie mit der cntgegengcbrachten Liebe, deren Werth sie richtig schätzte, obgleich ihr junges Herz kaum jemals anders als von einer flüchtigen Schwärmerei, wie sie nun einmal von Tanzstunden nnd Schlittschnhbahnen unzertrennlich ist, berührt worden war.
(Fortsetzung folgt.)
Heute Samstag Abend
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