1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatl.
Wo. 112. Worgerr-Ar »gäbe.
Donnerstag» den 8. Miirz.
48. Jahrgang. 1900.
( 10 . Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
AebeskiLmpfe.
Von Bernhard von MandenSnrg.
Er nickte ihr zu und sie eilte mit ihrem Schlüsselkorb am Arm die Treppen hinunter.
„Ein reizendes Ding, klug und verständig, so natürlich und ungezwungen, wie sie als Kind war — dabei groß geworden in dieser ungesunden Luft zwischen einer vergnügungssüchtigen, eitlen Frau, die zum Ucberfluß auch noch rasend ehrgeizig ist, und einem gutmüthigen, alten —"
Das letzte Wort verschluckte er geschwind, Doktor Waldson kam langsam und kurzathmig die Stufen hinauf und eben erglänzte seine kahle, rothe Glatze über dem Absatz. Ferdinand eilte ihm entgegen und die Begrüßung war von beiden Seilen herzlich und freudig.
„Gedenken Sie längere Zeit hier zu bleiben oder statten Sie der alten Heimath nur einen vorübergehend kurzen Besuch ab?" fragte der Advokat, als sie kurz nachher an Jngeborgs Theetisch Platz genommen hatten.
„Wir haben noch nicht Muße gehabt, von der Zukunft zu reden, die Vergangenheit, besonders die Aufzählung alter Wunden, die mir Jngeborgs kräftige Hand einst geschlagen, beschäftigte uns ganz, nicht wahr, Kleine?"
Jngeborg nickte ihm lächelnd zu, sie bereitete eine Unzahl belegter Brödchen für den Vater. Auch Ferdinand aß eine Weile mit gutem Appetit, dann begann er wieder:
„Aber nun sollen Sie meine hochfliegenden Pläne erfahren ! Sehen Sie mich einmal an, Herr Doktor Gerhard Waldson: also ich, das verkommene Genie, der prächtigste Sargnagel und so weiter, ich bleibe hier in dieser Stadt und trete in das hiesige Regiment als Offizier ein — Punktum!"
Dem guten Gerhard blieb ein halbes Ei in der Kehle sitzen und Jngeborg rettete ihn mit Mühe und eifrigem Klopfen von einem jähen Ersticknngstode.
„Aber wie ist denn das möglich?" fragte er, als er seine Fassung zurückgewann. „Wissen Sie das auch bestimmt oder bauen Sie nur Luftschlösser, und dann — entschuldigen Sie die Indiskretion, aber wir sind ja alte Bekannte — wovon wollen Sie das machen?"
Ferdinand nickte ihm spöttisch zu:
„Die Hauptsache, der nervn« rerum, ist da — ich danke für die Theilnahme! Meines Vaters Bruder ist gestorben, der nie etwas von mir missen wollte und mir zwei Thaler schenkte, als ich ihn einst um ein paar taufend Mark bat. Nun hat ihn der Tod überrascht, ehe er zu meinen Ungunsten testiren konnte, und: „Mein ist der Helm und mir gehört er zu!" Von Amerika habe ich mich leichten Herzens getrennt; zum Farmer eigne ich mich nicht, das war mein letzter, dornenvoller Beruf — von allen anderen angenehmen Beschäftigungen, die mir vorm Verhungern helfen mußten, schweige ich gern, schmutzige Arbeit in schlechter Gesellschaft und knappe Bezahlung — das ist das Loos in dem vielbesungenen Eldorado — und man kann noch froh sein, wenn man den vielumworbenett Posten eines Bierwagenführers oder eines Gläserreinigers in einem Gasthaus erhält. Dort also hielt mich nichts — nicht einmal ein Paar schöner Augen, Jngeborg! — und da ich ja kein Verbrechen begangen, weder gestohlen noch falsche Wechsel ge
macht habe und mein guter Vater damals mit seinem Letzten meine Schulden bezahlt hat, so gestattete ich mir eine Anfrage beim hiesigen Kommandeur. Nach einigen Wochen geduldigen Wartens kam die Antwort. Sie lautete: „Ja," trotzdem man sich sicher nach mir und meinem Leumund erkundigt hat. Ich reiste seelenvergnügt ab, hätte ich nicht wieder Offizier werden können, so wäre ich drüben geblieben. Heute Mittag habe ich mich vorgestellt, dann mit dem Schneider konferirt und mir eine Wohnung gesucht — ach, es ist doch ein Glück, wieder in einen geachteten Stand einzutreten und feste Stellung zu bekleiden! In Amerika lachte ich noch über diese altmodischen Vorurtheile — eine Stunde im Kasino, der anständige kameradschaftliche Ton, die Disciplin, der ganze äußere Chic, kurz, ein Frühschoppen hat genügt, um den letzten Rest von Insubordination aus meinem verwilderten Gemüth zu fegen."
„Und wie sind Sie gerade auf unsere Stadt verfallen?" fragte der Advokat und klopfte mit dem Theelöffel an sein Glas, zum Zeichen, daß es geleert sei.
,, 0 n rsvient toujonrs ä ses premiers amonrs,“ erwiderte Ferdinand von Brandes lachend und sah herausfordernd auf Jngeborg. Doch diese hielt geduldig seinen bewundernden Blicken Stand und entgegnete heiter:
„Richtig — da wird sich ja Marie Stndemann über Deine Rückkehr freuen! Weißt Du noch, wie Du meine unschuldigen Kinderhände dazu benutztest, um der einzig Geliebten die ersten von unseren Beeten gestohlenen Veilchen zu übersenden? Eiu Zettelchen bewahre ich noch oben, ich hatte nie Gelegenheit, es an seine Adresse zu befördern. In kalligraphischer Schönschrift birgt es den verlockenden Inhalt: „Wie schön wird es klingen, wenn Du erst Frau Professor Marie von Brandes heißt!" Du beabsichtigtest damals noch, Jurist zu werden, und auf der untersten Stufe Deiner Ruhmesleiter stand der „ordentliche Professor der königlichen Universität"! Allerdings, Marie Studemann ist inzwischen eine ehrsame Apothekersfrau geworden und besitzt sieben Sprößlinge, aber trotz alledem könntest Du ja doch zu dieser Liebe reumüthig zurückkehren."
„Nun höre Einer diese Katze," rief Ferdinand, sich ver- thei^gend, „zuerst heuchelt sie Freundschaft, dann verräth sie schnöde meine Geheimnisse, aber ich werde mich rächen!"
„Lassen Sie gut sein, Brandes," warf Gerhard Waldson dazwischen, „etwas Anlage zum Don Juan war bei Ihnen von Jugend an vorhanden, soll sich nachher auch ziemlich entwickelt haben, wie ich hörte," und während Ferdinand und Jngeborg sich von Neuem in gemeinsame Erinnerungen vertieften, bewachte er aufmerksam das Gesicht des Heimgekehrten und schloß bei sich, daß dem Anschein nach auch drüben das Feuer seiner Leidenschaft lustig geflackert haben mußte.
Ferdinand von Brandes hatte für den hübschesten Jungen der Stadt und, als er erst die kurze, schnurbesetzte Attila trug, für den schönsten Offizier seiner Garnison gegolten, ja, wie viele Damen behaupteten, war er der schönste Mann, den man sehen konnte.
Auf der großen, elastisch gebauten Gestalt saß ein Kopf von vollendeter Form. Dichte schwarze Locken hoben sich von der breiten Stirn, unter der ein Paar herrlicher dunkler Augen hervorblihte. Die feine, gebogene Nase, die hoch- geschwungenen Lippen waren von klassischem Schnitt und das glattrasirte, etwas vortretende Kinn wurde durch ein
tiefes Grübchen noch markirler. Seine schlanken Glieder ivaren von allerlei Sport gestählt. Hände und Füße von aristokratischer Feinheit und doch war der Vorzug seiner hervorragenden Schönheit die Männlichkeit, die auch aus seinen mit Bewußtsein getragenen Zügen sprach. In tadelloser, einfacher Eleganz war er gekleidet, und Gerhard dachte, wie gut die helle Uniform zu der leichtgebräunten Gesichtsfarbe stehen würde. Noch immer konnte er den Namen „Adonis" beanspruchen, wie er von den Kameraden seines früheren Regimentes genannt worden war, auch heute noch leuchteten Sicherheit und Siegesbewußtsein aus seinen flammenden Augen und klangen aus seinen Reden, die er mit weltmännischer Gewandtheit beherrschte. Aber Gerhards sah auch die feinen Linien, die sich auf die Stirn und in die Mundwinkel gedrängt hatten und die deutlich davon sprachen, daß der Sturm des Lebens nicht spurlos an. diesem trotzigen Körper vorübergebraust war. Das war kein in Fülle und Kraft prangender Stamm mehr, ein gut Theil seiner Elastizität, seiner jugendlichen Frische hatte er eingcbüßt und im Kampf ums Dasein von der ursprünglichen Kraft wohl gegen reifere Erfahrungen, aber auch gegen Ermattung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten eingetauscht.
Forschend glitten Gerhards Züge weiter auf seine junge Tochter. Wie leicht könnte sie sich von diesem glänzenden Acußern berücken lassen und ihr Herz dem Jugendfreunde zumenden — und das hätte Gerhard dock, nickt gewünscht! Aber heiter und unbefangen lehnte sie in ihrem Sessel hintenüber, die Hände im Schooß gefaltet, den Schlüsselkorb wie eine gute Hausfrau am Boden neben sich. Das dunkle Hauskleid saß eng um ihre volle und doch zierliche Gestalt und die weißen Spitzen des Kragens ließen ein Stückchen des zarten Halses frei. Ihr Kopf mit dem schweren, dunkelblonden Haar ruhte an dem Polster, die großen, dunklen Sterne, die ihre Farben so räthselhaft wechseln konnten wie die Augen der Mutter, glänzten aus dem bleichen Gesicht, die rothcn Lippen waren halb geöffnet und kleine, blendend weiße Zähne blinkten zwischen ihnen hervor. Sie war nicht schön, doch ersetzten ihre natürliche Frische und Annmth die fehlende Regelmäßigkeit der Züge und sie gewann an Reizen beim Sprechen und Lachen.
Für Gerhard Waldson war sie das vollendetste Geschöpf, das Gott je geschaffen, er hätte sich nicht gewundert, wenn sie es von heute ab auch für Brandes, der auf seinen Irrfahrten gewiß nicht vielen so reinen, lieblichen Frauen begegnet war, geworden wäre und wenn er die Hand nach diesem Götterbild ausstreckte.
Gerhard räusperte sich erregt, Ferdinand wäre ihm nicht der Rechte gewesen — wenn er doch verhindern könnte, daß Jngeborg tiefer für ihn empfände! Er strich sich mit der Rechten über das glühende Gesicht und stöhnte. Jngeborg wandte sich ihm zu, sie ließ sich von Ferdinand über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Stadt ausfragen und erzählte von dem Aufschwung, den das'Hofleben in neuerer Zeit genommen habe.
„Das ist ja ein achtes Weltwunder," bemerkte Ferdinand, „und das Alles hat eine kleine Herzogin bewirkt, aus dem harten Fels süßes Wasser entlockt? Nun, ich bin sehr neugierig auf die moderne Nachfolgerin Mosts! Sieht sie aus wie eine gütige Fee?"
(Fortsetzung folgt.)
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