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Wksbsdeilkr Sanblatt

#8. Jahrgang.

EMeint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PrelS: durch den Verlag PfS- monatlich, durch bte SBoft l Pik. ««» Pfg. viertellahrUch für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

I? 1 ,©©© Avonnenleu.

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Uo. 1067

Fernsprecher No. 52.

Konutag, den 4. Klar;

Fernsprecher N». 52.

I960.

Morgtii«>»spilie.

PoWsche Uebersicht.

Der deutsche Reichstag ist in eifriger Thatigkeit, um nach Möglichkeit mit dem ungeheuren Material aufznraumen. dessen Erledigung ihm obliegt. Richtiger ansgedrückt, befindet sich freilich nicht der deutsche Reichstag, sondern nur cm kleiner Theil des­selben in dieser eifrigen Thatigkeit, denn, die größere Hälf e, die nicht die „bessere" ist. glänzt wieder wie ln.de» früheren Sessionen durch Abwesenheit. Der Reichstag steht wieder völlig im Zeichen der Befchlußunfähigkcit. Gesetzesvorlagen, die langst für die dritte Lesung reif sind, harren vergeblich der Erfüllung ihres Schicksals, denn die dritte Lesung bedeutungsvoller Vorlagen macht den im Reichstag selten gewordenen Vorzug der Beschlußfähigkeit a Ur Bedingung des Gelingens, da sonst das Damoklesschwert der Anzweifelung der Beschlußfähigkeit drohend über der Versammlung schwebt. In parlamentarischen Kreisen macht man sich fürs Erste eine Hoffnung auf eine Abänderung dieses Zustandes der Beschluß- unfähigkest. Auf eine stärkere Frequenz wird der Reichs­tag schwerlich rechnen dürfe», bevor sich die Entscheidung über das Schicksal der Flo ttc nv orla ge vorbereitet. Dieses Schicksal hat sich in letzter Zeit keineswegs geklart, da das Centrum noch keine Anstalten getroffen hat, seine Karten aufzudecken und dies auch schwerlich so bald thun wird. Fürs Erste lassen sich die Acußerungen der CentrumSprcsse dahin zusammeiffassen, daß das Ccntrum erstens nichts weniger als bewillignngslustia sei, daß cs zweitens Sache der Regierung sei, die Bewilllgungsfrcndigkeit des Ecntrunts zu wecken - wodurch, verschweigt vorläufig noch des Sängers Höflichkeit-. und daß drittens die Dcckungssrage noch un- übersteigliche Schwierigkeiten biete. Aus, diesem Verhalten des ausschlaggebenden" Centrums folgt, daß die Aussichten der parlamentarischen Session, die ganz von der Gestaltung des Kampfes um die Flottenverstarkimg abhange», fürs Erste noch

recht Dunkel ^sind-r düsterer freilich noch sind die Aussichten der Parlamentssesfion in O e st e r rei ch. wo mit dem Beginn, der RcicbSratliSlession der zum eisernen Bestand der osterreichi,chcn Politik gehörende Kampf zwischen Deutschthum und Slaventhum aufs Reue seinen Anfang genommen hat. Die von uns niemals aetheilte Hoffniing, daß die deutsch-tschechische Versohnuiigskonferenz einen Wendepunkt in diesen politisch nationalen Kämpfen bedeuten würde erweist sich immer mehr als eitel und unberechtigt.. Der Glaube daß die unersättliche Begehrlichkeit der Tschechen irgend welchen politischen Erwägungen oder den Beschwörungen, des Kabinetts Korber weichen werde, hat sich als ein froinmer Köhler­glaube erwiesen. In der That beginnt das Kabinett es bereits einzusehcn, daß sein Versuch der Versöhnung der Tschechen sich als ausfichtslos kennzeichnet, und daß es wohl oder übel sich zu dem zweiten, praktisch eher durchführbaren Versuch einer Bekämpfung der Tschechen wird entschließen müssen. Aber auch die Tschechen zeigen beträchtliche Kampffreudigkeit, und da sie tn der Obstruktion etwas leisten, durste bte Session des Reichsraths sich ebenso be­wegt wie unfruchtbar gestalten und ein vorzeitiges Ende der Tagung ist in nahe Wahrscheinlichkeit genickt

Recht bewegt gestaltet sich auch die Parlamcntstagung m Italien, wo die oppositionelle Linke sich ebenfalls zu einer mit allen Regeln der Kriegskunst betriebenen Obstrnktion rüstet. Diese Obstruktion ist für die Regierung, die fürs. Erste noch eine große Siegesgcwißheit zur Schau trägt, umso gefährlicher, als schon der Verlauf der Parlameutsdebatten in die,er Woche zeigt, daß die Opposition den großen Schlachten, d. h. den entscheidenden Ab-

stiminungen, aus dem Weg geht und sich , ans die Obstruktion in Form des Guerillakrieges wirft, mit der sie unter Umstanden die

gesammtc ParlamentSthätigkcit matt setzen kann.

Diese fruchtbare Taktik scheint die italienische Opposition von den Aufständischen auf den Philippinen.gelernt zu haben, wo sich die Eingeborenen mit Hülfe des Guerillakrieges noch immer gegen die starke Uebermacht der Amerikaner halten. ^Trotz der optimistischen Darstellungen von amerikanisch-offiziöser «eite sickert hin und wieder die Wahrheit über die Situation auf den Philippinen durch und diese Wahrheit besteht darin, daß die amenkainlche .Herrschaft sich noch immer nicht erheblich über das Gebiet von Manila hinaus erstreckt. Noch ist der Aufstand der.Filipinos weder^ge­dämpft noch auch eingeschränkt worden und ihre Widerstandskraft ist in keiner Weise gebrochen. Es wird noch viele Muhe und viel Blut kosten, bis die Amerikaner wirklich Herren auf den Philippinen sind, die sie den Spaniern so leichten Kaufes und froher Hoffnung voll abgcnomme» haben. „ . „

Die Erfahrungen, welche die Amerikaner auf den Philippinen im Guerillakrieg gemacht haben, sollten die Engländer.mahnen die ungeheuren Schwierigkeiten, welche ihnen im südafrikanischen Kriege noch bevorstehen, nicht zu unterschätzen. Wenn.auch der erfolgreiche Vorstoß des Lord Roberts in den Oranic-Freistaat die Buren gezwungen hat, ihre nur schwach betriebene Offenfivtaktlk völlig aufzugeben und sowohl die Belagerung von Ladysmith auf- zugeben, als auch alle ihre Positionen in Natal und >n der Kap- kolonie zu räumen, so darf doch nicht übersehen werden, daß. d,e Stärke der Buren gerade in der Defensive und m> Guerillakrieg liegt. Wenn die letzten Schicksalsschläge, die Kapitulation Cronses und die Verdrängung aus Natal, den Muth und die Entschlossenheit der Bure», was nach ihrem bisherigen Verhalten zu erwarten siegt, nicht gebrochen haben sollten, so werden die Engländer sich auf einen recht schweren und recht blutigen zweiten Abschnitt des Krieges

« machen müssen. Daß die Engländer sich auf einen mit allen n geführten Verzweiflnngskampf gefaßt machen, geht in der Tbc« auch daraus hervor, daß bereits die Adsendung der achten Division nach Südafrika vorbereitet wird. Die Eugländcr trauen strl) nicht die Fähigkeit zu siegen zit, so lange sie den Buren nicht mit fünffacher Uebermacht gegenüberstehen. Mit Bedauern wird man das Schauspiel des Zweikampf« zwischen den Masscnheeren einer Großmacht und de» beiden kleinen Völkern, welche sur ihre Freiheit fechten, weiter verfolgen müssen.

Au» Stadl «rrd ßand.

Wiesbaden. 4. März.

- Grschichtsltalendr»-. 4. März. 1895: Eroberung von Niu-tschwang durch die Japaner. 1889: Regierungsantritt Tsai-tien, Kaisers von'China. 1872: Gründung der Marineakadenne in Kiel. 1857: Frieden zu Paris zwischen England und Persien. 1849: Verfassung in Oesterreich. Alle zur österr. Monarchie gehörigen Länder zu einem Körper vereinigt. 1847: ch T. v. Charpentier zu Brieg, herv. Berg- und Hüttenmann. 1832: r Jean Champomon,

rr > 8. l vif*- 1Q1Q. SlYTifiiA SfcvrtHZftfPn

Entzifferer der Hieroglyphcnschrift. 1813: Abzrig der Franzosen "" Ii» und Einzug der Russen.

von'Berlin und Einzug der Russen. 1768: * Johann Friedrich Kind zu Leipzig, der Dichter der Texte zum Freischütz, Nachtlager von Granada rc.

- Königliche Schautviele. Das nächste Anftreteu der Kgl. preußischen und Kaiser!, und Kgl. östcrreichischeu Kammer ängcrin Frau Lilli Lehmann findet am 5. d. M. als „Norma" und am 7. d. M. als „Brunhilde" in der „Walküre" statt. Die Künstlerin begiebt sich von hier aus nach Paris, wo sic am 11. d. M. in einem großen Konzert singt.

Mariätü-TI,enter Mrgersaal. Seit 1. Marz er. hat ein weltstädtisches Progranini in das Tbeatcr seinen Einzug ge­halten Allein 6 Schannummern weist dasselbe auf, darunter: King Hoö, akrobatischer Lufiakt, Miß Marguerite die hübsche, elegante Trapez-Künstlerin, ferner Carlo und Clanska Romeo, cm japanisch-phantastischer Akt von großartiger Ausstattung. Mr.Hanlev und Miß Marguerite. Hand auf Hand-Kraft-Akrobaten, wobei Miß Marguerite das Phänomen weiblicher Körperkrast bildet. Dann folgt Miß Pilotti, die großartige Hunde- und Katzcn-Drcsseuse, überdie nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung herrscht. Ihr folgen im weiteren Verlauf Mr. Beo, Thicrstimmen-Jmitator, in Nachahmung von Schwein, Pferd, Ente, Nachtigall re. re. Weiter vervollständigen das Programm die Verwandlungs-Soubrette Fräulein Martha Bontclly, sowie das hochelegante Duettisten- Paar Max und Cilli Götzen und das erste österreichische Damen- Orchester „Flora" (Kapellmeister Florian Brücker). 8 Damen,

1 Herr, welches gleichzeitig die Begleitung der Artisteil übernommen hat Jede Nummer ist ein Schlager und wird mit Bravo-Niisen überhäuft, wie denn überhaupt das vorzügliche Programm das Tagesgespräch bildet. Niemand sollte also die Gelegenheit vor. übergehen lassen, dem „Bürgersaal" einen Besuch abzustatten.

— „Tagdlatt'-Sammlmige». Dem „Tagblatt"-Verlag gingen ferner zu: Für die Verwundeten und Hinter­bliebenen der Buren: Gesammelt beim Würfeltpiel 3 Mk. 50 Vf, H. B. 1 Mk., P. R. 5 Mk., von den, Gesangverein „Froh­sinn" zu Engenhahn bei der Feier des 25-jähriaen Stiftungsfestes gesammelt im Lokal des Gastwirths Loos 5 Mk. 60 Pf., durch den Rathsschreiber Conrad aus Dotzheim von einer Gesellschaft aus dem „Kichlen Grund" daselbst 4 Mk., L. und P. 2 Mk., A « X 5 Mk., von dem „Lump", der am Fastnacht-Diensiag Abend im „Nonnenhof", „Gaaseställche", „Rothe Haus", Nestauraut Potbs, „Johannisberg", Pohl, Gcether Streichhölzer und Ansichts­postkarten verkauft hat, den Ertrag von 14 Mk., aus dem Buren­winkel des „Justiz-Restaurant" 10 Mk. 50 Pf., von einer Italienerin der Ueberschuß durch Verkauf von Maaren auf den, Maskenball der „Narrhalla" 4 Mk. 78 Pf. Zur Ausrüstung einer Sanitätskolonne: Gesammelt auf der «traßenmuhle 1 Mk.

50 Pf. Für die Ucberschwemmten in Ostpreußen: Von Frau Konsul Vollmer 20 Mk.

— Trichinose beim Hnndr durch die Kalte ist insofern

sehr wohl möglich, als diesem letzteren Thier, ohne von seiner Rolle in der Ucbertragung ansteckender Krankheiten, wie Pest, Lnngen- iind Brustfellentzündung, zu reden, auch die Ucbertragung der Trichinen, deren hauptsächlichster Trkkger es bekanntlic» ist. zur Last fällt. Denn, wie die „Deutsche Jäger-Zeitung" hervorhebt, vor­nehmlich durch das Fressen von Ratte» bekommt das Schwein Trichinen. Aber nicht allein dem Schwein kann dieses Mißgeschick passtrcn. Der Hund ist demselben, wie man seit mehreren Jahren fcstgcstellt, ebenso ausgcsetzt. Die HauvtansteckungSquelle ist auch beim Hunde das Fressen von Natten. Als Gesundheitsstörung wird bei diesen erkrankten Thieren nur ein einfacher Magen-Darmkatarrh (Anorexie und Durchfall) beobachtet. Trotzdem aber könneu spater die Trichinen weitere Verhecrungeii annchtcn. und, man sollte daher nie dulden, daß Hunde, welche Ratten todtbemen, sie auch auffressen.

— Eine fidele Gretzmntter. Auf einem der zu Fastnacht in Flörsheim abgehaltenen siebe» Maskenbälle mit Preisver- thcllung wurde einer Frau, welche 8 Jahre Wittwe und >chon 6 Jahre Großmutter ist, von der Jury der erste Preis zuerkannt. Die lebenslustige Frau Großmutter erschien als —Baby verkleidet.

— Kleine Notifttr. Der „Architekten- und Ingenieur- Verein" hält seine fünfte dieswinterliche Versammlung am Dienstag, den 6. März c., Abends 8 Uhr, im Restaurant „Tivoli , Luisen-

(Nachdruck verboten.)

Berliner Stimmungsbilder.

Von Pari! Lindenberg.

Frühlingsahnung. - Ach. das Wetter! - Allgemeines Kranksein.

- Unsere spanischen Gäste. - Vom Orden des Goldenen Vließes.

- Hubert Herkomer. — Ein Besuch be, ihm. — Max Halbe. —Josef

Lauffs „Eiscnzahn".

Seinen ersten, ach, leider nur zu kurzen Besuch hat uns an- 'angs der Woche der Frühling gemacht mit lockendem Sonnen­schein und linder Luft, und hat uns die Seelen erfüllt mit neuem Hoffen, mit neuen, Erwarten, daß endlich, endlich doch diese lange, trübe Winterszeit ihr Ende finden wird. Während des ganzen Januar, so haben uns die Meteorologen ausgerechnet, hatten wir gerade neun Stunden die Sonne zu sehen und zu füllen, be- kommen, und für den Februar wird die Rechnung auch nicht viel günstiger ansfallen — kein Wunder, daß Alles klagt und Alles iammcrt, und daß es kaum einen Haushalt in Berlin gicbt, der nicht von Krankheit betroffen wurde. Denn in der feuchtenLuft, rn Nebel und Dunst, unter dem trüben, grauen Himmel gedeihen und erstarken so recht nach Herzenslust die Quälgeister der modernen Menschheit, die Microben und Bazillen und wie sonst ihre Familien­namen lauten, und führen wahre Jubcltäuze auf, daß ihnen dies­mal ein so großer Wirkungskreis eingeräumt ward. Unter dem allgemeinen Kranksein hat während der letzten Wochen der gesell­schaftliche Verkehr sehr gelitten, und in den Theatern und Konzerten war das unaufhörliche Husten, Kratzen, Räuspern, Schnauben oft garilicht mehr zum Ertragen, selbst der Gesundeste mußte sich be, diesen Zusammenkünften der Erkälteten allmählich elend suhlen. Und da leuchtete plötzlich solch echter und rechter Frühlingssomitag hinein in das mißvergnügte Berlin. Thüren und Fenster öffneten sich schnell, und hinaus strömte Alles, was Beine hatte, und ver- wundert horchten die ernsten Kiefern des Grunewaldes und der

ä ungfernhaide auf, daß die Berliner Jodler schon so früh ihren sinterschlaf beendet hätten und unverzagt gleich aufs Neue fragten, wer den „schönen Wald hoch da droben auferbaut", wahrend Andere sich noch immer nicht deuten konnten, „daß sie so traurig find! — — Aber, ach, es war nur eine kurze Freude, die uns so eine kleine Ahnung von Frühlingserwachen gebracht, grau dämmerte der Aschermittwoch über Berlin herauf, und Frau Holle zeigte uns, daß sie noch genug Vorrath in ihren Wolkensäckcn berge -, lustig wirbelten die Flocken hernieder, und mit scharfem Nordost blies der „Alte im grauen Bart" durch die Straßen der Stadt, daß einem schleunigst alles Frühlingsmäßige verging und man reuevoll wieder zu Pelzkappe und Winterinantel griff I

Und mit solchen Wettern,ucken empfangt die deutsche Kaiser­stadt ihre Gäste aus dem Süden l Am Donnerstag ist ja hier die spanische Gesandtschaft eingetroffen, die dem Kronprinzen den höchsten spanischen Orden, den vom Goldenen Vließ, überdüngt,

an ihrer Spitze Don Cristobal Colon dela Cerba. Herzogvon Veragua, der letzte Nachkomme Christoph Columbus'. Der Empfang, auf dem Bahnhdf war feierlicher Art, und mit großem Pomp wird auch die Ordensverleihung im Schloß selbst vor sich gehen, die doppelte Bedeutung hat: Zunächst legt sie Zeugnitz ab von den gegen­seitigen guten Beziehungen zwischen den beiden Landern, die m regeln wirthschaftlichein Austausch stehen, daun aber tritt zum ersten Mal „ach Abschluß seiner Erziehung der Kronprinz als solcher öffentlich auf, in seiner Würde als Thronfolger, ,n der wir ihn von nun an erblicken werden. . _..

Auch Orden haben ihre Geschichte, haben ihre Schicksale und können zu allerhand Betrachtungen anregen: als vor bald fünf­hundert Jahren der Orden vom Goldenen Vließ,gegründet wurde, da ging im spanischen Weltreich die Sonne nicht unter, heute hat Deutschland einen Theil der Erbschaft dieses einstigen spanischen Weltbesitzes angetrcten, auf den Karolinen wehen die schwarz-wciß-rothen Farben, und Spanien ist sehr an der Freund­schaft des Deutschen Reichs gelegen, dessen moralische Unterstützung allein schon schwer wiegt im Rath der Völker. Vielleicht fugte es ein freundlicher Zufall, daß der jugendliche Kronprinz dnSfilbe Ordenskleinod erhält, welches Fürst Bismarck getragen;, letzterer empfing das Goldene Vließ — dessen Gründung durch Philipp von Burgund übrigens mit einem von diesem geplanten Krcuzzug gegen die Türken zuscimmenhiug! — in den 70er Jahren, wollle es aber „mit Protest" znrückgeben, als ihm kurz danach eine Rechnung von, irre ich nicht. 10.000 Mk. als „Ordens-Spesen" überreicht wurde. Seine auf diese unerwartete Nota gesetzte handschriftliche Be­merkung mag deutlich genug gewesen sein, denn er behielt den Orden und hörte nichts mehr von der Begleichung der Spesen,.

Einen anderen fesselnden Gast beherbigt Berlin seit wenigen Tagen, einen Fürsten der Kunst, Hubert Herkomer, der m Kurzem eine Ausstellung seiner Werke int Schulte scheu Gemälde-

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Salon veranstalten wird. Welch elgentbumlich anziehende Erscheinung, große Künstler, der in seinem Streben sich nie genug thim kann

dieser große Künstler, der in seinem Streben sich nie genug thim kann und der, gleich den ersten Meistern allerZciten, auf deir verichiedensien Gebieten der Kunst das Höchste zu erreichen trachtet und es mit genialem Können, mit eisernem Fleiß, mit unermiidlicher Willenskraft auch erreicht. Der erste persönliche Eindruck ist ein. mochte ich lagen, fast ganz englischer: die hohe, schlanke Figur in tadellosem Schwarz, das Wesen zunächst abwärtend, gemessen, das etwas,längliche, von langen, ergrauenden Haaren eingerahmte Gesicht völlig wortlos, die Unterhaltung anfangs mit mancherlei englischen Worten und Ausrufen durchsetzt, als ob die deutsche Sprache nicht recht dem Gedankengange des Redners zu gehorchen vermöchte. Aber wie bald ändert sich das Bild: Die erst so ruhigen Züge beleben sich mehr und mehr, klar und gütig blicken die klugen blauen Augen, ivarm und herzlich ist der klaiiavolle Ton der Stimme, die Herr­schaft üher die Sprache ist vollkommeu, und von Allem, was ihn bewegt und beseelt, plaudert Herkomer in anregendster, liebens- würdiaster. mittbeilsamster Weise, und wenn man Abschied von

ihm nimmt mit festem Druck der Hand, so suhlt man sein Leben um eine Feierstunde bereichert. Ohne je seiner innigen Dank­barkeit zu vergessen, die er seinem zweiten Vaterland, England, zu zolle» hat für innere und äußere Förderung feiner künstlerischen Entwicklung, ist Herkomer doch im eigentlichen Herze» und Wesen em treuer Deutscher gebtiebeu. „Je älter ich werde, desto starker fühle ich die Kraft der deutschen Erde, die Anziehung des Hcimath- landes", so äußerte er sich gelegentlich zu dem Schreiber Dieses, und je öfter ich nach Deutschland komme, desto trauter und tiefer berührt mich Alles. Hier fühle ich mich durchaus verstanven. und ich habe die Empfindung, daß ich in Deutschland keine Nerder. keine Feinde besitze". Durchdrungen von echter Uebcrzcngung, sprach Herkomer dann von der großen Zukunft der germanischen Volker, die sich anschicktcn, die Welt zu beherrschen, und die sich auch dieser Aufgabe gewachsen zeigen würden. Ger» kehrt er, in der Unter- haltüng zu den eigenen Jugendkäinpse» zurück, ui einzelnen Zügen berichtend, wie völlig arm seine Eltern gewesen, wie sie und er aber nie darair gezweiselt, daß das Geschick sich andern »nd ihnen nach manchen Leiden iiud langem Darben reiche Frirchte bc- scheeren würde. Und das hat sich denn auch erfiillt, und zu den goldenen Früchten gesellte sich voller, imniergrunender Lorbeer, den Deutschland am freudigsten seinem wiirdigeu Sohne reicht.

O, er ist nicht leicht zu ernngeii, der den Erfolg frych krönende Lorbeer, wer hätte das bitterer erfahren als Max Halbe, der im Deutschen Theater mit seinem vieraktigen Drama: „D a s t au \ e nd­jährige R e i ch" einen höhnischen Abfall erlitten. Es liegt etwas Tragisches und Ergreifendes in dem Schicksal dieses Dichters, ferner „Jugend" begeisterte Zustinimung gefunden, auf die größten Erwartungen gesetzt wurden, und der trotz Schaffens immer vergeblich und vergeblich, iiach dem greift, der ihm doch einst so sicher dünkte! Wie viele froh ooffnungcn hat er schon in Trümmer fallen sehen, dieser sympathische Poet, wie viele schwere Stunden durchlebt, m denen das Publikum mit grausamem Spott nufnahm, was ihm hoch und werth erschienen! Muß er nicht endlich den Glauben a» sich felbst verlieren, wie cs schon Seitens vieler seiner Anhänger ge­schehen. und was dann, was dann?-

Das Schauspielhaus brachte am Fastnachtsabend das wegen der Hoftrauer um mehrere Wochen verschobeiie hlstoriscqe Schauspiel von Josef Laufs: „Der Eisenzahn". Der Inhalt des Stückes ist ja von seiner Erstaufführung m Wiesbaden her bekannt, es behandelt den Widerstand ernes Theils der Berliner Einwohnerschaft gegen Kurfürst Friedrich den Zweiten, den Sieg des Fürsten über die Empörer, den Sturz des steinernen Roland, mit dessen Vernichtung auch die einstige, fast republikaiiischc Selbst­ständigkeit der Stadt begrabe-» wurde. DieJnscen'.rung des Stucks war ungemein stimmungsvoll, die Darstellung selbst war rn manchen Theilen matt und schadete der Dichtung; der Kaiser wohnte,m einer Seitenloge der Aufführung bei, dw bem Verfasser häufige fSpvtinrmfe brachte.

der mit welchen emsigen Lorbeer gehegte sonst so