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B=^j i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatt s. is===»)

Nr. 80» Mittwoch» 7. April. 1915.

{10. gortfe&inta,]

Var adlige Zreihaus.

Nachdruck verboten.

Roman von Albert Petrrfr«.

Das junge Mädchen saß anr Bormittag des 24. am Fenster des Zimmers, welches über dem Laden lag, und vlickte träunrend hinab auf das Straßentveiben.

Jin Hafen drüben lagen nur einige Ewer, welche in Gardby beheimatet waren. Aus den Kajüten stieg feiner Rauch in die klare Winterluft und verriet, daß Der Schiffer es sich behaglich gemacht hatte. In den Gassen eilten die Menschen mit Tüten, Paketen und Tannenbäumen umher, dann und wann schritt eine Familie mit Kränzen vorbei, damit auch Die Toten ihre Weihnacht hätten.

Die Sonne war am späten Morgen flammend rot guf scharfumränderten Ball aufgestiegen, aber bald hin­ter bleigrauen Wolken verschwunden.

Und während Grethenfraucke träumend aus dem Fenster blickte, taumelten schon die erstell großen Flocken an die Scheiben.

Auf dein Antlitz des jungen Mädchens lag ein weh. mittiger Zug. Er — er wird mich ja doch nicht mögen, mich mit deni entstellten Gesicht. Und unwillkürlich fuhr sie mit der Hand nach Stirn und Wange, und die Finger fiihlten die langen Linien, die sich furchend in die Haut zagen. —

Den ganzen Tag über währte das lustige Schnee­treiben. Der Kaufnrann meinte bei Tisch unlustig, daß bei diesem Wetter die Haniburger Diligence wohl auf der Landstraße stehen bleiben könnte.

Aber am frühen Nachmittag blies der Postillon aus nassem Horn krächzende Töne durch die Gaffen, und wer Postsachen erwartete, rief lachend: „Trara, die

Post ist dal" und eilte durch den Schnee zum Posthause, das in der ,/großen Straße" lag.

Die Dämmerung brach ein, auS diesem lind jenem Fenster strahlte schon rötlich-gelbes Kerzenlicht.

Frau Wilmsen stand mit der Köchin und Grethen- fvaucke a»n glühenden Herde. Aus den brodelnden Töpfen wurden immer neue Berge von „Förtchsn", dem Wsihnachtsgebäck, gefischt.

Um stoben Uhr fand die Bescherung des Personals statt. Und da erfuhr es' Henning Tiedemann, daß ihm der Vorschlag gemacht wurde, von Ostern bis Michaeli gegen Lohn von 20 Courant-Mark und frei von Kopf­steuer als Gehilfe bei Wilmsen zu bleiben.

„Soviel vevdient bei uns auf'm Hof die Dienstdeern guch", flüsterte ein Lehrling, der von der Marsch stammte, „nimmst du das an?"

Natürlich würde Henning annehmen. Mer er er­widerte von oben herab: „Will mir das denn doch

gründlich überlegen."

Der andere lächelte spöttisch, aber trotz der gekränk­ten Eitelkeit fühlte Henning sich doch wie von einer ge- Heimen Angst befreit; er blieb ja in den gewohnten, Gm vertrauten Verhältnissen.

Und als er am zweiten Festtage bei feinen Eltern prettte. erkl ärt« «r seiner Mutter: „Wilmsen hat mich

behalten wollen, und es ist gut, wenn ich immer im Geschäft bleibe. Du verstehst ja, nicht?"

Tilde nickte, aber ihr Mann tvarf seinen: Sohn einen Blick zu, der diesen verwirrt machte.

Am Christabend war der große Saale in: Geschäfts­hause der Wilmsen hell erleuchtet.

Auf dem blendenden Tischtuch der langen Tafel glänzten die Teller und Schüsseln, glitzerten die Gläser.

Dr. Witte hatte sich schon eingefunden, und jetzt trat Vetter Friedrich Klasen ein. rieb sich am Kainin die roten Hände und fuhr sich über die immer größer werdende Glatze. Dr. Callisen, welcher im vorigen So,innrer verwitwet war, saß im grohen Ohrenstichl unter dem Ölbild des Herrn Lorenz Wlldsen Wilmsen selig und klagte Grethenfraucke das Leid des einsamen alternden Mannes.

Jetzt trat die Hausfrau ein.

„Tante Lisbeth hat geschickt, daß sie bei diesem Schneewetter nicht kommen kann, also sind wir voll­zählig. Grethenfraucke, spiele die Weihnachtsweise."

Und das junge Mädchen jetzte sich ans Spinnet, und die schlichten Töne des „Es ist ein Rvs entsprungen" klangen durch den Raum.

Die Anwesenden sangen mit. Vetter Friedrich Klasen brüllte mehr laut als wohlklingend.

Nachdern alle Strophen gesungen waren, setzte man sich zu Tisch. Köchin und Dienstdeern, beide in schwar­zen Kleidern, Nreißen Schürzen und „Hamburger Rau­pen" auf den: glatt gescheitelten Haar, trugen die großen Flachschüsseln mit -den Festkarpfen auf.

Herr Wilmsen wünschte „Frohe Weihenacht, und daß jeder Fisch von: Teller gebracht", »vorauf Dr. Callisen „Au, au" rief. —

Vetter Friedrich Clasen aber belehrte seinen Ber- wandten, daß dieser alte Gastspruch allmählich durch einen neuen verdrängt werden würde.

„Und?" fragte man, und Vetter Friedrich, hochbe- friedigt, Daß aller Augen aus ihn gerichtet rvaren, dekla­mierte mit Würde:

„Das Essen erfreue sich schnelleren Gangs Als die hamburgisch-dänische Deligence."

„Nun, wir leben ja im Sterbealter der Postkutschen", meinte Dr. Callisen tröstend.

„Aber in Norddeutschland und unseren Herzog­tümern ist die Eisenbahn noch nicht einmal im Kindes- cckter", antwortete Herr Wilmsen.

,^Haniburg will doch schon eine Dampfbahn nach Bergedorf bauen", warf Dr. Witte ein.

„Pah. von Hamburg nach Bergodorf — da kann man ja rüber spucken", rief Vetter Friedrich, tvas chm einen leise strafenden Blick der Hausfrau eintrug.

„Es sind fast drei Stunden Wegs für einen guten Fußgänger", verteidigte der Lehrer.

„Und der Dampfzug wird vier Munden brauckM . lachte Cläsen.

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