1. Beilage gmi Wiesb adener Tagklatt.
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P». 104. Morgen-Anssabr.
tk. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Kielreskampfe.
Von Aernhard von Nrandenvnrg-
„Sie ist ein gutes Kind - man kann der Herzogin den Umgang mit ihr gestatten, nicht wahr, ^asscrow. meinte die alte Durchlaucht, und da auch Emma de selben Meinung war, so durfte die Freundschaft unter der Billigung der höchsten Instanzen ihren Fortgang nehmen.
Niemand war über diese Bevorzugung glücklicher als Doktor Waldson. Endlich, endlich wurde seine Tochter anerkannt, endlich kamen die goldenen Schätze ihres Herzens, die sonst nur ihn beglückten, an das Tageslicht; sie wurde gefeiert, geehrt, sie stand auf dem Platz, der ihr allein, nach seiner festen Ueberzcugung, gebührte. Und die blitzenden Augen Jngeborgs, wenn sie ihm aus dem schloß erzählte, ihre Dankbarkeit für das Genossene, die jugendliche Frische, die sich ihres Wesens, ihres Geistes bemächtigte — das war dem guten Gerhard die Entschädigung für die Vereinsamung seines Herzens, für sein bitteres Loos, von seiner Gattin mißachtet zu werden.
IV.
Kamstas»
48. Jahrgang. 1900.
Auch zu Frau Johanna wanderten Berichte über d,e veränderte Lage der Dinge im Austausch mit den knappen «eilen die sie an Mann und Tochter sandte und die diesem Mal durchaus nichts von der inneren Befriedigung, i,n Süden zu weilen und der kleinen Sorgen des Lebens enthoben zu sein, durchklingen ließen. Im Gegentheil, sie schrieb mitzmuthig und verdrießlich. Das Wetter war trübe und regnerisch, von den Bergen wehte es kühl, und eines Morgens hatte der verhaßte Schnee, dem sie doch wahrlich weit genug aus dem Wege gegangen war, Gärten und Villen Straßen und Thäler mit weißer Decke umhullt und war erst nach Tagen der Sonne gewichen Auch ihre alten freunde einige englische und holländische Familien nebst L paar eleganten Junggesellen unbestimmten Alters und unbekannten Vaterlandes, internationale Charaktere, wie sie sich überall Linfindcn, wo gut gelebt wird, hatten aus diesem und jenem Grund das jährliche Rendezvous versäumt und in ihrer Mißstimmung faild Johanna weder Lust noch Muth, mit Fremden Verkehr anzuknüpfen. Mürrisch saß sie m dem kleinen Salon, bemühte sich, draußen vor den Fenstern oder innerhalb der vier Wände irgend etwas Anziehendes zu finden, und gab den Versuch sckon nach wenigen Minuten wieder als erfolglos auf. Ihre Arbeit lenkte sie nicht von den trüben Gedanken ab. Sie hatte sich daran gewohnt, gefeiert, bewundert, gepriesen zu werden, galt es dem Weibe oder der Künstlerin, jedenfalls bedurfte sie dessen zur Erholung, wie die Palme der Sonne zum Wachsthum, die Traube des Windes zum Reifen. Sie nahm die dargebotenen Schmeicheleien für das, was sie waren: für Gewürz, das der schalen Kost des täglichen Brodes erst Geschmack verleiht, das allein nicht vermag, Körper und Geist zu erhalten und doch ein nothwendiger Bestandtheil der kraftreichen Speise sein muß. Ihr Gaumen vermißte den billigen Reiz, ihre Sinne den Weihrauch und sich selbst tadelnd, gestand sie sich doch, daß die Natur, die sie
schön finden sollte, von Menschen, einerlei welchen Werthes und welcher Art, bevölkert sein mußte Dort oben leb e sie einsam genug, — und mochte man sie deshalb verächtlich finden: sie lechzte nach Anerkennung! , , „
Ein paar Mal erwog sie bei sich, ob sie sich aufmachen und zurückreisen sollte: sie sah in Gedanken den ungläubigen, halbdnmmcn Ausdruck bei ihrem unerwarteten Erscheinen
auf Gerhards Gesicht — und Jngeborg — ? --- —
Nein! Sie störte nur, die Beiden hatten sich eingerichtet, ihre Dispositionen getroffen, Jngeborg gefiel sich gut in dem neuen Verkehr, Gerhard machte im Winter nach dem Burcau- schluß seine L'Hombre-Partie im Klub — nein, sic war überflüssig, auch dort erwartete sie nur Einsamkeit. Aber es gab doch noch Mittel, um Abänderung zu schaffen!
Sie packte ihre Koffer, entließ die Dienerschaft die sie sich für den Aufenthalt gemiethet, sandte den Schlüssel an den Billenbesitzer und fuhr davon, hinein nach Italien, dem Leben entgegen, nach dem schönen Florenz!
Und doch hielt die wiederkehrende Lebenskraft nicht einmal bis zum Ziel ihrer Reise vor — wieder verfiel sie in Melancholie und dunkle Grübeleien, ließ unbeachtet die Landschaft vor ihren Blicken sich aufrollen und kmMerte sich kaum um den Wechsel von Tag und Nacht. Als endlich der Zug in die Halle brauste, entstieg sie langsam und schwerfällig dem Coup«, ließ die Menschen ringsum, sich drängen, schwatzen und lachen und starrte m das Gewirr, als müßte von irgendwoher ein Retter, ein Befreier, eine
hilfreiche Hand für sie kommen- —
T „Meine Gnädigste. sind^Sie es wirklich? ^ch glaubte, mich zu täuschen, bis mich ein Blick dieser grauen, welt- durchdringenden Augen traf — sie sind unverkennbar! Wie ich mich freue, Sie gleich hier zu treffen ern direkter
Gruß aus der Heimath!" , „ m .
I Johanna hörte, ohne vor Freude über dieses Wunder, das sie herbeigesehnt, Worte zu finden. Das war er ja wirklich, Walter von Mondal, der da vor ihr stand, die mittelgroße Gestalt in den Hellen Mantel geschlagen, die Arme schon beladen mit ihrem Gepäck und darüber das schöne, offene Gesicht mit den lebhaft sprühenden Augen. Aber in dem Moment sah sie kaum seine äußere Schönheiß sie lauschte seiner weichen Stimme, sie ließ ihn sur sich sorgen wie ein Vater für sein Kind Willenlos gehorchte sie seinen Anordnungen; in seinem Gasthaus seien so schone Zimmer frei, gerade für sie geeignet, so ruhig und behaglich — sie nahm seinen dargebotenen Arm und schritt unter seinem sicheren Geleit hinaus aus dem lebhaften Gewühl. Immer noch lobte er die Gunst des Schicksals, das ihn in ihren Weg geworfen, und versprach sich goldene Tage von dem Beisammensein. Sie war zu glücklich zum Reden, ihr war, als sei er ihr nächster Verwandter, als habe nur er gefehlt, um sie für die Unbill der letzten Wochen zu entschädigen, und ein warmes Gefühl, das Bewußtsein, sich selbst wiedergcgeben zu sein, zog berauschend m ihr Herz ein. Sie lachte über seine harmlosen Spaße so herzhaft, daß er sie dankbar anblickte — ach, er ahnte >a nicht, me lange sie nicht mehr gelacht hatte, wie weit entfernt sie von aller Fröhlichkeit gewesen war, wie geschieden durch eine tiefe Kluft. Und mit silbernem Lachen, mit frischer Herzlichkeit und kleinen Kavalierdiensten überbrückte der ;nnge Sänger diese Schlucht, die sie von Welt und Menschen getrennt
hatte und geleitete sie mit ruhiger Bewegung, als verstände es sich von selbst, an das retlungbringende Ufer zuruck.
Ihr schauderte, wenn sie sich der vergangenen Tage erinnerte; wie thöricht war sie gewesen, sich 'u Launen nnd Trübsal einzuspinnen! Mit raschem Griff streifte sie Alles von sich ab, was noch von dem grauen Nebel an ihr hmg. sie war frei, das Leben, heiterer Genuß, fröhliche Gesellschaft — Alles >var ja noch vorhanden, tvar ikllr m ihren Gedanken verstorben, sie durfte Alles. Alles genießenW beflügeltem Schritt folgte sie ihrem Begleiter offenen Sinnes nahm sie die Schönheit ringsum aus, tief athmete sie die balsamische Luft ein.
Wie ein Kind jubelte sie über d,e hoch!,egenden Hotel- zimmcr, immer wieder blickie sie von ihrem Balkon herab auf die Stadt, die auf beiden Seiten des Arno, von an- muthigen Hügeln und diese wieder von den hohen Gipfeln der Apennincn begrenzt, sich hin erstreckt. La bella So schön hatte sie es kaum Mials in früheren Zähren
^^JhreÜ, Koffer entnahm sie -in leichtes schwarzseidenes Kleid, legte eine matte Perlenkette um den Hal8, und als sie den große» Speisesaal betrat, richteten sich Aller Blicke auf die zierliche, vollendet gebaute Gestalt, die so siegreich den Kopf mit dem schwarzen, dichtgelockten Haar auf den abfallenden Schultern trug und ruhig die allgemeine Uuf merksamkeit wie einen Tribut, ihrer Schönheit gezollt. Ji t- nahm. Mondal eilte ihr entgegen; sie saß an seincr L-eite, mit einem vollen Rosenstrauß hatte er ihren P atz gesttMuck . Der junge Sänger war mit den langer weilenden Gästen bekannt, er hatte schon die Ankunft der beruh inten Frau verkündet und es galt für eine bencidenswerthe Ehre ihr vorgestellt zu werden. Frau Johanna nahm mit leichtem Neigen des Hauptes die Begrüßungen entgegen, e» brauchte Niemand zu wissen, wie froh, wie glücklich sic im Innern war. Aber sie konnte der Freude nicht gebieten die aus ihren dunklen Augen strahlte, auf den marmorb eichen Teuit einen rosa Hauch zauberte und verklärend über ihrem ganzen Wesen lag. Sie gab sich liebenswürdig und ungezwunge,, erzählte in komischer Uebertreibung über die Kalte und Einsamkeit an der Riviera, sie riß 'hre Zuhörer durch ihren Witz und ihre Beredsamkeit hin und Mondal sah stolz um sich, in dem glorreichen Gefühl, daß man ihm diesen Stern
^ Nach der Tafel zog Johanna sich sofort zurück. Das war ihre Taktik ' Man hatte vorläufig genug von einander und bedurfte der Erholrmg, um sich am Abend m.t desto größerem Interesse entgegenzusehen. Sie ruhte eine Stunde auf ihrer Chaiselongue, las den Beginn einer neuen Novelle, die Mondal ihr empfohlen, und scbloß eine Zeit lang schläfrig die Augen. Dann erhob sie sich neugestäM, klingelte nach dem Thee und setzte sich zur Arbeit nieder.
Wie war es nur möglich? Wochen ang hatte sie über die Entwickelung einer Novelle gegrnbelt, der Plan schien ibr aekünstelt unwahr — und Mitten im Satz hatte sie abgebrochen"' Sst lächelte über sich.selbst. Di- Lösung ergab sich, ohne daß einer der in die Handlung Verwickelten m einem verzweifelten Schritt oder einer unlogischen That gezwungen^ werden mußteDie Feder flog Wer das Papier, in knapper Form reihten sich die Satze aneinander.
(Fortsetzung folgt.)
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