Jahrgang.
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N«. 103 .
Fernsprecher No. 52.
Freitag, den 2. Wa'rr.
AbgndpjUisnahe»
Fernsprecher No. 52.
1900 .
Deutsches Reich.
Zur lex Heinze.
_ Die Einladung zu der Prolcstkundgebnng gegen die lox Heinze im Saale des Handwerker-Vereins (am nächsten Sonntag) wird, so schreibt uns unser Berliner ^-Korrespondent, morgen veröffentlicht werden. Sie trägt die Unterschriften zahlreicher, im geistigen Leben Berlins in erster Reihe stehender Männer auf allen Gebieten des öffentlichen Wirkens, aus den Parlamenlcn, aus den Kreisen der Universilüt, der Akademieen, der Künste und der Lilteratur. Unter Anderen haben unterzeichnet: Mommsen, Wildeubruch, Wiehert, Begas und Liebermann. Es scheint sich jetzt doch eine nachhaltige Bewegung gegen die dem freien Kunstschaffen drohenden Gefahren entwickeln zu wollen. Es ist aber auch die höchste Zeit, das; es geschieht; denn sonst müßten bie Konservativen und das Centcum ja wirklich glauben, daß sie die Künstler und Dichter selber in ihrer Mehrheit, oder doch zu einem großen Theil auf ihrer Seite haben. Sogar Herr Anton v. Werner ist durch den Kunstparagraphcn in der Fassung zweiter Lesung aus seiner Ruhe aufgescheucht worden. Als Präsident der Deutschen Kunstgenossenschaft und als Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler hat er ein ausführliches Gutachten über die Bedenklichkeit dieses Paragraphen an die preußische Staatsrcgiernng gelangen lassen. Daß sich die Berliner Akademie der Künste als Korporation zu dem von ihr erwarteten Vorgehen gegen den Kunstparagrapheu anfschwingen wird, möchten wir nicht jetzt schon bestreiten,. aber cs ist vorerst wohl nur eine Hoffnung, die hier gehegt wird.
Zum Fall AronS.
Die kleine, aber inhaltsreiche Schrift, in der der ehemalige Privatdozent 0r. Arons die Geschichte des gegen ihn durchgeführten Disziplinarverfahrens erzählt, zeigt aufs Neue, in welchen scharfen Gegensatz das Staatsministerium durch sein Urtheil zur philosophischen Fakultät der Berliner Universität getreten ist. Selbst wer das Urtheil letzter Instanz billigt (und dies thnn ja die Konservativen aller Grade), muß es bei objektiver Würdigung der in Betracht kommenden Umstände als überaus bedenklich empfinden, daß die wohlerwogene Meinung von 43 ordentlichen Professoren für nichts geachtet worden ist. Auch die eifrigsten Scharfmacher werden nicht sagen wollen, daß die Mitglieder der philosophischen Fakultät bei der Urtheilsfüllung etwas Anderes im Auge gehabt haben können, als die Wahrung der ihnen anvcrtrauten moralischen Güter, zu denen nach der Auffassung aller dieser Männer die Sicherung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gegen wirkliche Umsturzbestrebungen gehören muß. Unter den Richtern, die am 22. Juli 1899 Herrn Arons srcigesprochen haben, befinden sich konservative Professoren wie Adolf Wagner, Sering und {
Delbrück, sodann sehr gemäßigte Politiker wie Schmoller, Hermann Grimm und Paulsen. Nun erfährt man freilich (nicht durch Herrn Arons, sondern auf offiziöse» Umwegen), daß auch einige Staatsminister anfänglich geneigt waren, den Angeklagten freizusprecheu. Nachdem eine Zeit laug das Gerücht umgehen konnte, daß das Staatsministerium das Urtheil der Fakultät bestätigen werde, muß man heute sagen, daß diese Darstellung van der Geneigtheit, Milde walten zu lassen, in der That die Glaubwürdigkeit für sich hat. Umsomehr hat man es zu bedauern, daß nicht dcmgcntäß verfahren worden ist. Die Regierung hätte wohl daran gethan, die Rückwirkung ihres Urtheils auf die Stimmung in den Universitätskreisen zu erwägen, und es wäre geradezu unnatürlich, wenn diese Stimmung die der Ergebung in eine höhere Negierungsweisheit sein sollte.
7 2. Marz. Im Rcichsamt des Innern wird gegen
wärtig an einem Rothwein-Ge setz entwarf gearbeitet, worin an Stelle der bisherigen Deklarationspflicht ein vollständiges Verbot der Herstellung von Kunstwein treten sott. Auch diese Vorlage soll mit möglichster Beschleunigung an den BnndcSrath und den Reichstag, gebracht werden, wo voraussichtlich ihre Annahme auf nicht zu große Schwierigkeiten stoßen wird.
, * Rnndschan im Ueichc. Prinz Heinrich, der den ersten Tag seines Urlaubs in .Hamburg verlebte, besuchte dort gestern, wie die „Franks. Ztg." schreibt, 'um 2 Uhr Mittags die Börse. Er wurde von dem Präsidium der Handelskammer auf die Gallerie geleitet und begrüßte von da durch Verneigen die unten versammelten Börscnbcsnchcr. Der Vorsitzende der Handelskammer, Wormann, der neben dem Prinzen stand, begrüßte diesen als Vertreter der Flotte, für deren Vermehrung „die ganze hambnrgischc Liansmamischaft" (allerdings mit verschiedenen Ansnahnien. Red.) eintrete. Zur Uebcrraschnng der Börse ergriff hierauf Prinz Heinrich das Wort. Mit scharfer heller Kommandostnnme sagte er, daß er alle Lobsprüche ablehne und sich lediglich als Werkzeug seines Kaisers ansehe. Er schloß mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser. '
Deutscher Reichstag.
G KrrN», 1. März.
Am Buudesrathstisch v. Bülow. Tagesordnung: Etat des Auswärtigen Amtes. Slbg. Gradnauer (Loc.) findet, daß die ReichSregicrung eine eigenartige niid befremdliche Rolle bei der Friedenskonferenz im Haag im Vorjahre gespielt habe. DerStaats- sekretar habe auch bisher noch niemals Gelegenheit genommen, darüber zu sprechen. Die Regierung habe nicht einmal die von den Machten vereinbarten Dcklarationc» amtlich veröffentlichen lassen. Sie habe sich wohl der Konferenz-Ergebnisse geschämt. Von irgend welchen Erfolgen betreffs Beilegung von Streitigkeiten könne gar nicht die Rede sein, und was für eine Delegatioii habe Deutschland nach dem Haag geschickt! ilnsere politische Schaubühne scheine eine scheinheilige zusein. Ans der cinenSeiteVcrbeugungcnvor den wohlwollenden Absichten des Czarcn.und der andere Theil Verkündung des Evangeliums von der nnerlöstcii Sünde. Kurz nach Schluß des Friedenskongresses habe Eiigland seinen frevelhaften Angriff gegen die Buren gerichtet und ' die anderen Mächte ließen dies ruhig geschehen und jetzt bringe Deutschland die neue Marinevorlage! Welch er» Widerspruch! — Staatssekretär v. Büloiv spricht dem Vorredner seinen Dank dafür aus, daß er ihn, Gelegenheit gebe zu Aufschlüssen über die Stellung Deutschlands zur Friedenskonferenz. Deutschland sei stets ein Freund des Friedens gewesen und rüste nur zur Vertheidigung seiner Territorien. Deutschland habe daher den Konferenzvorschlag des Czaren
gern angenommen, nachdem festgestellt worden sei, daß territoriale Acndcrunge» ans der Konferenz nicht erörtert werden sollten. Die vereinbarten Konventionen würden dem Reichstage vorgelcgt werden, sobald sie ratifizirt worden seien. Deutschland ser uii Einzelnen stets bereit, friedensförderlichen Vorschlägen bei- ziistimmeii. In Bezug auf die Einschränkung der Rüstungen habc die deutsche Regierung m, Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit gegenüber dem deutschen Volke keine Konzessionen machen können. Redner verliest alsdann ein an alle deutschen Missionen ergangenes Cirkular des Auswärtigen Amtes, daß cs in maßgebenden politischen Fragen keine andere Rücksicht gebe, als die'auf das Wohl des deutschen Volkes unter voller Wahrung unserer unveräußerlichen souveränen Rechte und der Wohlfahrt des deutschen Volkes, llnser Verhalten auf der Konferenz habe unsere Beziehungen SU den übrigen Machten nicht verschlechtert, sondern gebessert. Was den deutschen Dclegirten betreffe, so habe sich derselbe durchaus taktvoll benommen und durch eifrige Mitarbeit zum Gelingen der Konferenz bciaetragen. — Abg. Lieber mann von Sonnen der g (Antis.) fragt an, wie cs mit den Entschädigungen stehe snr die deutschen Vermögens-Einbußen in Samoa, sowie für die Beschlagnahme deutscher Schiffe durch England. Reoner macht des Weiteren den Staatssekretär aufmerksam auf den bekannten Prozeß der Telcgraphen-Büreaus Wolff und Hirsch. Da sei fcstgestellt worden, daß die Wolff'schen Telegramme zuerst dem Herrn Bleichroder vorgelegt wurden. Das Reich sei aber doch, nicht der Compagnon des Herrn Bleichrödcr. (Präsident Gras B a l l e st r c m kann nicht begrcifeii, wie diese Sache Mit dem Auswärtigen znsammenhänge.) Redner fährt fort: Das Auswärtige Amt bediene sich bekanntlich des Wolff'schen Telegraphen-Bureaus, um die offiziellen Meldungen zu verbreiten. Es bestehe ein Vertrag mit dem Wolff-Bürcau.' — Unterstaats- sekretar Nichthofen bemerkt bezüglich Samoas, der König von Schweden solle Schiedsrichter sein und werde darum ersucht werden, sobald der amerikanische Senat den Vertrag ratifizirt habe. Was die Entschädigungen für die Schiffsbeschlagnahmen anbelauge, fo müsse erst die Kostenrechnung gemacht werden. Die Vorarbeiten dazu seien, im Gange. Die Bezichtigung, daß das Wolff- Burcan mit seinen Nachrichten Mißbrauch zu Börsenzwecken treibe, sei bisher völlig uncrwiesen geblieben. Wenn sich etwas Derartiges hcransstellen sollte, dann würde das Auswärtige Amt sofort von seinem Vertrage zurückgehen. — Abg. S t a n d h (kons.) führt Beschwerde über den verzögerten Aufenthalt deutscher Postdampfer in Kapstadt. — v. Richthofen
erwidert, daß diesbezügliche Verhandlungen mit London schwebten. — Abg. Böckcl (Antis.) bezeichnet die Friedens-Konferenz als eine
.wenigstens Seitens Englands. Weshalb hätter/daim die Machte nicht bcu Muth, im Transvaalkriege zu interveniren, und
wie sei cs mit Deutschlands angeblicher Neutralität bestellt angesichts der Krupp))!,cn Lieferungein Er frage die Regierung, ob irgend-
welche Beziehungen zu Cccil Rhodes beständen, geschäftliche' oder- sonstige. — Abg. Bebel (Socialist) erklärt dem Abgeordneten Liebermann, er theile dessen Urtheil über den Krieg gegen die Buren, aber das schließe nicht aus, daß er sich von der Engländer-Fresserei Licbermanns fern halte. Licberniann
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habe jedenfalls Behauptungen aufgestellt, an die er selber gar nicht glaube. Mcepräsident v. Frege unterbricht den Redner. Es gehe
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nicht an, einem Abgeordneten zu sagen, daß er seine Behauptungen selbst nicht glauben könne. (Große Heiterkeit.) — Abg. Lieb ermann von Sonncnberg (Antis.) glaubt, die Sache mit dem Wolff'schen Bürcan liege doch so, wie er sie aufgcfaßt uiid das Auswärtige Amt sollte der Sache näher treten. Wenn an der
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Börse nachgefragt würde, würde man vielleicht hören, daß ein Bankier fortwährend mit Wolff'schen Nachrichten operire. Redner
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wendet sich dann gegen den Abaeordiietcn Böckel in der englischen Frage, welcher offenbar die Stimmung des Landes nicht kenne, wenn er behaupte, daß dieselbe nur eine vorübergehende Erscheinung sei. (Heiterkeit.) — Abg. Kirsch (Ccntrum) fragt an ,, ob nicht , auch der Grcnzregnlirungs - Vertrag mit Oesterreich bezüglich eines Streitgebietcs an der Przcmsa dem
(Nachdruck verboten.)
Gin nenttzigjähriger Uontifrv.
unausgesetzt fleißigsten und eifrig gepflegten Studien verlassen hatte, trat er in die Prälatur ein und Gregor XVI.
Zum 90. Geburtstag S. H. des Papstes Leo XIII., gcb. am 2. März 1810.
Von I)r. R. W. Lintner.
Der Psalmist singt: „Unser Leben währet siebenzigJahre, und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen .... Es führet dahin, als flögen wir davon."
David getraut sich nur, achtzig Jahre zu denken, und dann fällt ihm schon die ungeheure Last dieses Alters und die Mühe und Arbeit der vergangenen Jahre, die ein solches Alter herbeiführten und zuließcn, ein und — er hört auf zu zählen. Sein Resumö geht dahin, daß es dahin fährt, als wenn der Alternde selbst davon flöge.
Und nun ein Alter von 90 Jahren.
David schweigt darüber gänzlich.
Desto mehr bleibt für uns übrig, darüber zu reden, zumal der Neunzigjährige, dessen wir mit diesen Zeilen gedenken wollen, Niemand Anderes ist, als der einstige Joachim Pccci aus Carpineto, der als Oberhaupt der katholischen Kirche heute sein neunzigstes Lebensjahr vollendet hat und ins einundneunzigste einzntreten sich anschickt — Leo XIII.!
2ln Körper schwach und schwächlich, nur ein Hauch noch, nur ein Schatten einstiger Fülle der Gesundheit und blühendsten Lebenskraft, steht Leo XIII. an der Schwelle dieses neuen Jahrhunderts; aber in dem schwachen, hinfälligen Körper welche Seele!
Zu Carpineto bei Anagni ward der ehrwürdige Neunzigjährige am 2. März geboren. Er stammt aus wohlhabender Familie. Seine erste Erziehung erhielt er in dem vortrefflichen Collegio romano.
Nachdem er noch die Academia pontifieia, ein berühmtes theologisch-priesterliches Kircheninstitut. drei Jahre unter fast
ernannte ihn nicht nur zu seinem Hausprälaten, sondern auch seiner großen wissenschaftlichen, wie diplomatischen Befähigung wegen zum Delegaten in Venevent. Leos Wirksamkeit als solcher wird ihm stets ehrenhaft anerkannt
bleiben.. Denn es gelang seiner umsichtigen Besonnenheit, sowie seiner wühlgeschulten Energie das Brigantenthum erfolgreich und dauernd zu unterdrücken, welche Thätigkeit ihn seiner Kirche so überaus werth und wichtig erscheinen ließ, daß er die wichtige Legation von Spoleto und später die von Perugia erhielt.
Seine Präkonisation zum Erzbischof von Damiette in pavtibns infidelium hatte zur Folge, daß er im Jahr 1843 als Nuntius nach Brüssel gesandt wurde, wo er sich wieder auszelchnete, indem er der katholischen Kirche Belgiens zu ihrer freien und staatlich unangetasteten Stellung von heute verhalf. Auch wußte er sich durch seine Klugheit sowohl als auch seine spontane Leutseligkeit die hohe Gunst des Königs Leopold I. zu gewinnen.
Die Gesamnilheit seiner bisherigen unleugbaren Erfolge auf kirchlichem wie politischem Gebiet bewirkte seine Abberufung von Brüssel und seine im Jahr 1845 erfolgte feierliche Erhebung zum Erzbischof von Perugia. Nicht lauge darauf erstieg er die höchste Spitze kirchenfürstlicher Gewalt unter dem Papst, indem ihn dieser zum Kardinal ernannte und in petto rescrvirte. Auch Gregors Nachfolger, Pius IX., ließ ihn auf den Raih des Kardinals Antonclii in seinem Bisthum Perugia und bestätigte ihn am 19. Dezember 1853 als Kardinal.
Getreu verwaltete Leo sein Bisthum und wußte auch durch dessen Annexion mit der italienischen Staatsregierung noch in gutem, durch die Verhältnisse, denen er sich in Selbstverleugnung fügte, bedingtem Einvernehmen zu verbleiben. Von überaus stattlichem, würdig-ernstem Aeußern, feiner Bildung, taktvollen und liebenswürdigen Umgangs- formen, aufrichtiger, tiefer, herzlicher Frömmigkeit und übet alles Lob erhabener Reinheit seines Lebenswandels erlangte er bei Allen, mit denen er in Berührung und engeren Verkehr kam, dieselbe ungetheilte große Beliebtheit, deren er sich noch jetzt bei Allen erfreut, die in Vergangenheit und Gegenwart mit ihm in Verbindung treten.
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