1. Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.
U». 98 . Morgen-Ausgabe.
l8, Forlsttzuiig.) (Nachdruck verboten.)
KiebesKiLmpfe.
Von Mernhard von Mrandenvurg.
„Ach, Jngeborg, dies ist ja nur der bescheidene Anfang — mit prophetischem Geist ahne ich allerlei Vergnügungen, die sich an diese stillen Freudenstunden reihen werden, und wenn die kleine Herzogin — sie heißt übrigens Elisabeth und ist zwanzig Jahre — nicht schon ausgelassen ist, nun, so werden wir dafür sorgen! Einen Ball muß Durchlaucht doch anstandshalber geben, die Honoratioren, darunter wir als Leibarzt, folgen — warte nur ab! Was hast Du für Toiletten?"
Das war eigentlich Elisens Feld; auf keinem Gebiet war sie so sicher beschlagen wie auf dem. was augenblicklich Mode war, und mit staunenswerthcr Zungenfertigkeit und Gedächtnißtreue entrollte sie vor Jngeborg glänzende Bilder, in denen sie bald in himmelblauen Wolken dahinschwebte, bald in halbgriechischem Gewand mit klassischer Frisur und Roseuguirlanden einherschrilt. Sie gehörte zu jenen glücklichen Sterblichen, die sich immer hübsch, jede Farbe und jeden Stoff für sich kleidsam und in dieser Zuversicht ihre volle innere Befriedigung finden. Elise von Hagemann war gutmüthig, so lange ihr Niemand beeinträchtigend in den Weg trat, und da Jngeborg weder in Toiletten noch in stoketterieen mit ihr zu rivalisiren versuchte, so fühlte sie sich, so weit ihr oberflächlicher Sinn vermochte, am meisten zu dem klugen, aufrichtigen Mädchen hingezogen. Sie wie ihre Mutter gingen in den« Gedanken an Putz und Vergnügungen auf, lasen nur Modejournale und ventilirten vom Morgen bis zum Abend wichtige Klcidcrfragen. Elise konnte lustig und amüsant erzählen, sie sah haarscharf die Fehler ihrer Nächsten, nach dem alten wahren Spruch aber niemals die eignen. Im Anfang flößte sie Jedem durch ihr elegantes Aeußere und ihre sicheren Manieren Gefallen ein, doch das Interesse schwand, so bald man die schöne Maske ausstndirt hatte und ihre Plaudereien eintönig wirkten. Sie war ein farbiger Schmetterling, in der Sonne lebend und ihre glänzenden Schwingen nur unter dem tvarmcn Strahl entfaltend, während jede dunkle Wolke sie verscheuchte, jeder Regentropfen die Farbe von den zarten Flügeln wusch, ein Geschöpf, das, so lange es jung war, durch seine Frische und Schönheit erfreute, aber vor dessen Alter man schaudern mußte. Ihr selbst jedoch lagen Sorgen und Zukunft in weiter Ferne, nichts bekümmerte sie und mit heiterem Lächeln sah sie jedem neuen Tag entgegen.
Nachdem sie Jngeborg zärtlich geküßt und sich die Theilnahme an den Leseabenden hatte beschwören lassen, verließ sie wohlgemuth das Haus und schlug den Rückweg zur Stadt ein.
Noch lag leichter Reif auf Busch und Baum, das Regeu- wasser in den Geleisen und Rinnsteinen war zu kleinen Spiegeln eingefroren, in denen ein Stückchen Himmel blaute, die Hähne auf den Kirchthürmen glänzten in der Sonne und das liebliche Glockenspiel der Nikolaikirche drang durch die Aare, windstille Luft bis in die Ohren der Wandernden.
Mittwoch» de« 28 . Februar.
Aber sie hatte keinen Sinn für die stille Schönheit ringsum, sie sah nichts von den zackigen Eiskrystallen an den Äcsten, noch von den weißbepudcrten Sträuchern zu beiden Seiten. Nur einmal stand sie einen Augenblick still und schaute sinnend über die breite Wasserfläche, die regungslos unter dem Bann einer dünnen krystallenen Decke lag.
„Wenn's so weitcrfrierl, giebt es bald Eis — ob die Herzogin Schlittschuh läuft? Dann könnten wir —" und eine Unzahl unternehmender Ideen schossen wie Pilze nach befruchtendem Regen in dem Vogelhirn empor. Immer zufriedener wurde das rosige Gesicht unter dem Pelzkäppchen, die Füße traten energisch den hartgefrorenen Boden und ihr schlanker Oberkörper verneigte sich bald darauf, als sie die Anlagen kurz vor der Stadt quer durchschritt, so tief und doch so siegesgewiß vor einem älteren Herrn, daß dieser bewundernd stehen blieb und ausrief:
„Sie sind bezaubernd, Fräulein Elise, der Lenz im Winter, die Rose im Schnee — es fehlt nichts als ein Arm der Liebe —"
„Wollen Sie mich nach Hause geleiten?" fragte Elise schelmisch dagegen und hielt ruhig den heißen Blicken des allen Don Juan Stand.
Herr Friedrich Junker, von Haus aus Holzhündler, in seinen Mußestunden, deren er nicht wenige hatte, Schöngeist, Poet, Uebersetzer dramatischer Werke ins Deutsche aus allen möglichen Sprachen, hatte sich durch seine Schlagfertigkcit, mehr noch durch seine Freundschaft mit einem wirklichen, lebenden Dichter, in der ganzen Stadt den Ruf eines höchst geistvollen, scharfsinnigen Mannes erworben. Er hielt auf allen Hochzeiten und bei feierlichen Gelegenheiten Toaste, improvisirte gern, wie er es nannte, bei heiteren Festen die Trinksprüche, trotzdem man sich heimlich zuflüsterte, daß er nach fleißiger Aufzeichnung sich die Verse laut in seinen vier Wänden cinzuprügen pflegte. Sein Urtheil bei Premieren und dem Debüt junger theatralischer Kräfte war maßgebend, sein Spott gefürchtet, wie sein Witz anerkannt, kurzum, Herr Friedrich Junker hatte das Vorrecht, mit älteren Damen einen kleinen Scherz zu machen und den jüngeren, unbegrenzt seine Verehrung zu bezeigen. Die etwas stechenden Augen unter merkwürdig hohen Jochbogen, die stark gekrümmte Nase und die schmalen Lippen in dem . hageren, nur mit einem hochgewirbelten grauen Schnurrbart geschmückten Gesicht, dazu das halb begehrliche, halb sarkastische Lächeln gaben ihm den Ausdruck eines Mephisto, eines Faun, wie weniger Höfliche behaupteten, den NNkZ Enlen- spiegels.
„Und woher des Weges, mein schönes Kind?" fragte er, nachdem er sich über Elisens schmeichlerische Rede genug gefreut hatte. „Hat der Herr Papa die Spaziergänge verordnet oder diktirt sie Ihr Herz? Aber was säge ich! Selbst die Sonne vermag nicht, die Rinde Ihres Herzens zu schmelzen — und doch sehen Sie nur, wie kokett die schöne alte Dame heute lächelt" — und der alte Schwärmer sah dankbar und gerührt auf den gefrorenen Fluß, dessen Oberfläche von lausend Sonnenstrahlen getroffen aufglitzerte. „Wissen Sie das Neueste, Fräulein Elise? Unser schöner Sänger, Walter von Mondal, kommt nicht, muß feiner
48. Jahrgang. I960.
schwachen Lunge lprgen in den Süden, ja, ja, schändlich!" Und ohne erst Elisens Bedauern abzuwarten, von ihrem Anblick und dem landschaftlichen Reiz momentan gesättigt, schritt er mit eiligem Abschiedsgruß davon. Er genoß, wo es sich ihm bot, und wandte sich von dem Gegenstand seiner Bewunderung, um ihn in der nächsten Sekunde vergessen zu haben. Darin paßten sie gut zu einander, der alte Mann und das junge Mädchen!
Aber Elise ließ sich nicht gern so abspeisen, und wenn sie ihm nicht die wichtige Neuigkeit über Mondals Erkrankung verdankte. Herr Friedrich Junker hätte lange wieder ans einen „Lenz im Winter" warten können.
Sie kam gerade zeitig genug nach Hause, um zu entdecken, daß ihr kleiner Bruder Karl August über ihre Schachtel mit Pralines hergefallen sei, und es gab heftigen Streit zwischen den Geschwistern. Oh, Elise von Hagemann war durchaus nicht immer so sanft, so liebenswürdig, wie sie nach außen hin schien, und Karl Augusts kleine, abstehende Ohren zeigten bei Tisch deutlich, wie fest diese schlanken, feingliedrigen Finger greifen konnten. Aber mit dem schlechten Gewissen eines Sünders wagte er es nicht, anders als durch Fratzenschneiden über seinen Teller weg an der Schwester Rache zu nehmen.
Der Doktor, ein behäbiger, friedliebender Herr, mit einem zärtlichen Herzen für die Seinen, aber gewaltiger Scheu vor seiner übermäßig großen, sehr mageren Frau, merkte an der Stille, daß in den häuslichen Coulissen ein Melodrama gespielt habe. Aber er fürchtete die scharfen Worte seiner Angelika, die mit einem klagenden Ausdruck, als säße sie beständig auf Stecknadeln, die Suppe aufschöpfte, und in seinem Innern gelobte er sich. Karl August für die gefärbten Ohrmuscheln zu entschädigen — zwei Männer gegen zwei Frauen, das war wenigstens noch ein ehrlicher Kampf!
Dem Doktor war eigentlich nur in seinem Studierzimmer, mit den alten Studentenbildern an der Wand, dem letzten Ueberbleibsel einer seligen Zeit, recht behaglich. Angelika war keine liebenswürdige, aufopferungsfreudige Gattin. Ihrem Naturell verdankte man häufigen Dienstbotenwechsel, sicherlich auch, daß die Milch bei der säuerlichen Miene, mit der sie betrachtet wurde, öfter gerann als in anderen Haushaltungen. Elise ging in ihren Zerstreuungen auf und nur Karl August hatte eine leidenschaftliche, blinde Verehrung für seinen Vater, hinter dessen Papierkorb er den einzigen Schutz gegen Nachstellungen und Züchtigungen fand
Die beiden Auguren blinkten sich bei der ungemüthlichen Mahlzeit mit den Augen zu, was von Seiten des Doktors bedeutete: „Ich-Weiß schon - komm' nur nachher zu mir!" und von Karl August ais ,Du kannst bei mir Soldatenspielen — ich habe auch Chükoladecigarren!" ausgelegt wurde. Aber sie verstanden sich doch nnd^waren glücklich in dem Einverständniß, glücklicher als iStifc -und ihre Mutter, die sich sehr ärgern mußten, daß die PutzmacherM trotz aller Drohungen einer Bekannten den Hut genau wie Elisens garnirt hatte. Man wurde doch nie seines Lebens froh I
(Fortsetzung folgt.)
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