48 . Jahrgang.
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Die Russen in Kender-Abbns?
Während die Situation auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz noch immer unentschieden ist und die eine Zeit hindurch recht sanguinische Anschauung der Engländer einer nüchternen Betrachtung zu weichen beginnt, mehren sich in England die Befürchtungen und Gerüchte, daß Rußland sich doch entschließen könnte, die prekäre Lage Englands zu einem thatkrüftigen Vorstoß in Asien zu benutzen. Zwar soll der Czar von Rußland den Vorschlag, Herat zu besetzen, angeblich mit der Begründung abgewiesen haben, daß er in dem südafrikanischen Krieg die strengste Neutralität bewahren wolle. Aber auf eine solche Redewendung, wenn sie überhaupt gefallen ist, wird man nicht allzu viel geben dürfen, denn außer Herat giebt es noch andere wichtigere Punkte, auf die Rußland ein Auge geworfen hat, und eine Besitzergreifung in Asien, die sich nicht gegen anerkanntes englisches Gebiet richtet, bedeutet ja offiziell gar keine Verletzung der Neutralität in dem südafrikanischen Kriege.
Weit wichtiger noch als Herat ist für die Russen die Erlangung eines Hafens am Persischen Golf. Seit Jahren wird Rußland der Plan nachgesagt, die Besitzergreifung des politisch hochwichtigen Hafens Bender-Abbas zu erstreben, und als der südafrikanische Krieg ausbrach, lag die Ver- muthung nahe, daß Rußland diesen günstigen Moment, wo England alle seine Streilkräfte nach Südafrika werfen muß, benutzen werde, um sich am Persischen Golf, den England als seine Einflußsphäre betrachtet, endgültig festzusetzen. In England hat man einen solchen Vorstoß Rußlands seit einiger Zeit befürchtet, und jetzt bringt die „Daily Mail" die sensationelle Meldung, daß ein russischer Kreuzer in Bender-Abbas erschienen sei und daß ein englisches Kriegsschiff und ein Kanonenboot ebenfalls dorthin abgedampft wären.
Diese Meldung ist mit Vorsicht aufzunehmen und es wird abzuwarten sein, ob sie sich bestätigt und ob es sich vielleicht hierbei nur um die Aufbauschung eines politisch minder bedeutsamen Vorgangs handelt. Jedenfalls ist es aber an sich nicht unwahrscheinlich, daß Rußland seine Pläne in Bezug auf den Persischen Golf, die es seit Jahren mit zäher Ausdauer verfolgt hat, jetzt zur Reife bringt, wo es von England, das sich in Südafrika in blindem Eifer festgerannt hat, einen weniger entschiedenen Widerstand erwarten kann. Bereits der Abschluß der russisch-persischen Goldanleihe hat gezeigt, daß Rußland seine Pläne in Persien jetzt mit größerem Eifer zn betreiben gewillt ist. Der Kernpunkt dieser Pläne aber ist die Erlangung eines Hafens am Persischen Golf, und als solcher kommt in erster Linie Bender-Abbas in Betracht.
Für Rußland ist es von größter Wichtigkeit, eine Verbindung vom Kaukasusgebiet nach dem persischen Golf zu erlangen, und die Voraussetzung hierfür ist der Besitz eines Hafens am persischen Golf. Rußland braucht einen solchen Hafen und zugleich die Bahn durch Persien, um von seinen transkaspischen Besitzungen aus einen nahen Weg nach dem Indischen Meere und damit eine schnellere Verbindung mit Ostasien zu haben. In der That plant die russische Diplomatie seit Jahren eine solche Bahn, die über Teheran, Kaschan, Jspahan und Schiras nach Bender-Abbas führen soll, aber dieser Plan ist bisher an dem Widerspruch Englands gescheitert. Mit der Besetzung von Bender-Abbas aber wurde Rußland eine „vollendete Thatsache" schaffen, gegen die kein Widerspruch, sondern nur noch Widerstand nutzen würde! Daß in letzter Zeit von russischer Seite nichts über solche Pläne verlautete, will nichts besagen, denn es ist ein Grundsatz der russischen Diplomatie, durch Plötzlichkeiten zu überraschen und ihre Pläne erst dann bekannt zu geben, wenn sie ausgesührt sind. _ , v „ „
Sollte sich die Nachricht der „Daily Mail" auch nicht als zutreffend erweisen, so wird nian sich doch immerhin darauf gefaßt machen müssen, daß der russische Handstreich auf Bender-Abbas früher oder später erfolgt, denn die Ereignisse in Asien drängen förmlich darauf hin. Es bedarf keines Wortes darüber, daß ein solcher Vorstoß Rußlands für den heldenmüthigen Kanipf der Buren gegen die englische Uebermacht von allerhöchster Bedeutung wäre, da cs in Anbetracht der Bedeutung von Bender-Abbas wenig wahrscheinlich ist, daß England eine solche Occupation ohne Widerspruch hinnehmen würde. In diesem Fall würde sich England aber genöthigt sehen, einen Thcil seiner Mcicht- Mittel in Asien zur Geltung zu bringen. Die Bedeutung des Hafens Bender-Abbas liegt darin, daß er an der Nordostküste der Straße von Hormuz gegenüber dem nordöstlichsten Vorsprung der arabischen Halbinsel, also am Eingang des Persischen Golfs, liegt und diesen beherrscht. Durch die Aufrichtung Seiner Oberhoheit über den Sultan von Maskat hat sich England hier neuerdings im persischen ©olf energischer festgesetzt und es wird sich schwerlich leichter Hand von Rußland verdrängen lassen. Als Hafen hat Bender-Abbas weniger Bedeutung, desto größer aber ist
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Arabern unter einem Persien tributpflichtigen Scheich bewohnt. Das Klima ist tropisch und im Sommer unerträglich, der Anbau der Gegend ist gering und der Handel ist sehr zurückgegangen. Durch einen Anschluß an die transkaspische Bahn aber würde sich nicht nur die Bedeutung des Hafens wesentlich heben, sondern er würde auch eine ungeheure strategische Wichtigkeit erlangen und den Russen nicht nur die Beherrschung des Persischen Golfes sichern, sondern ihnen auch einen Weg eröffnen, auf dem Rußland die Herrschaft Englands in Indien jeder Zeit bedrohen könnte. Darin liegt die außerordentliche Bedeutung der Ereignisse, die sich am Persischen Golf abspielen oder doch vorbereiten, und deshalb wird man diesen Ereignissen mit angespanntem Interesse folgen müssen.
Druischrs Deich.
Coulissengerüchte.
Kerlin, 26. Februar.
Mit den von konservativer Seite neuerdings betriebenen Kombinatione» über den Namen des zukünftigen Reichskanzlers steht es in Verbindung, daß jetzt ein Königsberger Blatt meldet, ihm sei von gut unterrichteter Seite mit- getheilt worden, die Aussichten des Fürsten Herbert Bismarck auf den Kanzlerposten seien wieder gestiegen. Jeder Kenner der Verhältnisse wird an dieser Behauptung die ernstesten Zweifel hegen; trotzdem verdient das Gerücht, im Auge behalten zu werden, weil es zeigt, daß wieder einmal hinter den Coulissen Machenschaften im Gange sind, deren Einzelheiten sich noch der zutreffenden Würdigung entziehen, die aber jedenfalls beweisen, daß im hochkonservativen Lager die Hoffnung gestiegen ist, in Anknüpfung an die Schwierigkeiten der Flottenfrage und der Kanalfrage eine neue Lage herbei- zuführen, in der den ostelbischcn Wünschen größere Wahrscheinlichkeit des Gelingens zu Theil werden könnte. Demgegenüber kann nur abermals gesagt werden: Diese Bestrebungen sind zur Zeit ohne thatsächliche Unterlage.. da Fürst Hohenlohe die Verhältnisse und die Pläne seiner Gegner gut genug kennt, um ihnen rechtzeitig begegnen zu können. Die Lage ist indessen voller Unklarheit. Die Verzögerung der Kanalvorlage und die Zurückhaltung der Regierung in Bezug auf die Frage der Kostendeckung der Flottenvorlage ergeben zusammen eine Situation, in der die ausschweifendsten Gerüchte gedeihen. Neuerdings wird ganz ernsthaft davon gesprochen, daß die Regierung — oder vielmehr der eine oder der andere Minister — sich auf eine Reichstags - Auflösung einrichtet und hauptsächlich wegen dieser Wahrscheinlichkeit die Konservativen, deren Unterstützung bei den Neuwahlen gebraucht werden würde, nicht durch vorzeitige Einbringung der Kanalvorlage stutzig machen will, daß also die Kanalvorlage gleichsam ein Opfer sein werde, das der Durchsetzung der Floltenvorlage gebracht werden solle. Indessen wird bei diesen Gerüchten zum Theil mit so überfeinen Berechnungen vorgegangen, daß auch das sonst nicht Unwahrscheinliche wieder aufhört, wahrscheinlich zu sein. So soll es als Beweis gewisser Erwartungen gelten, daß der dritte Band von des Fürsten Bismarck „Gedanken und Erinnerungen" plötzlich als garnicht vorhanden ausgegeben wird. Die Finesse dabei soll die sein, daß durch die Ab- streitung der Existenz dieses Bandes die Bürgschaft dafür zu gewähren wäre.daßFürst HerbertBismarck seinen vollen Frieden mit den bestehenden Verhältnisse» gemacht habe. Man weiß nicht, wer mit der Ableugnung des Vorhandenseins des dritten Bandes getäuscht werden soll. Aller Welt ist es bekannt, daß dieses Buch fix und fertig im Besitz der Firma Cotta ist, und daß es jederzeit erscheinen könnte, wenn der ältere Sohn des ersten Reichskanzlers die Genehmigung dazu geben wollte. Es ist ja nicht anzunehmen, daß er diese Genehmigung ertheilen wird, denn die Veröffentlichung würde die äußerste Sensation machen und in der That wie ein Schwärmer aus einer Raketenkiste wirken. Aber dies wenigstens soll man der öffenllichen Meinung nicht ein- reden wollen, daß das Buch garnicht geschrieben worden ist. Es ist geschrieben, es enthält die Geschichte des Zerwürfnisses des Fürsten Bismarck mit dem Kaiser, es nimmt kein Blatt vor den Mund, und es wird aus hundert Gründen und noch einem zurückgehalten. Auch wenn Fürst Herbert Bismarck es Schwarz ans Weiß bestätigt bekäme, daß er niemals wieder aus der Rolle eines Privatmannes in die eines verantwortlichen Ministers zurückkehren werde, würde er doch Anstand nehmen, die Erlaubniß zur Drucklegung und Herausgabe des zweifellos sehr offenherzigen dritten Bandes zu ertheilen.
Aus dem Abgeordnetenhause.
Nach der ersten Lesung der Waarenhaussteuer-Vorlage im Abgeordnetenhause weiß man noch weniger als vorher, wo in diesem Gesetz Vernunft und Gerechtigkeit stecken sollen. Herr v. Miguel kann zehn Reden nach der Art der heutigen hallen, die Herren Roeren und v. Brockhausen können hundert Mal auf eine Entwickelung schimpfen, die ihnen
laufen, daß die Staatsmacht mißbraucht werden soll. Selbst wenn man sich auf den Standpunkt stellen wollte, daß dies um höherer Zwecke willen zugelassen werden dürfe, so fällt sogar diese Entschuldigung im vorliegenden Falle fort: Denn die Waarenhaussteuer wird einzig dazu dienen, bethörten Lärmmachern einen Stein statt des Brodes zu reichen. Keinem Kleingewerbtreibenden wird sie helfen, den Waarenhäusern wird sie nichts schaden, den Nachtheil wird nur das verbrauchende Publikum haben, und ein dürftiger Vortheil wird den Gemeinden erwachsen, die nicht nach ihm begehren. Der ehrliche Fanatismus eines Roeren, der wie Achill an den Mauern Trojas wüthet, verdient wenigstens Respekt; für die beiden Reden des Herrn v. Miguel ist eher das Gefühl mitleidigen Staunens am Platze. Die Gefahr besteht, daß die Kommission die Vorlage noch verschlechtert, und daß Herr v. Miguel sich das gefallen lassen wird.
Gegen die lox Heinze
wendet sich ein Antrag, der beim Vorstand des Vereins „Berliner Presse" eingebracht wurde und demnächst eine Ver- sanimlung des Vereins beschäftigen wird. Der Antrag lautet:
„Der Verein „Berliner Presse", als Vertreter des Schrlftthums der Reichshauptstadt, spricht seineUeberzengung dahin aus, daß die §8 184 a und 184 b der sog. „lex Heinze" der deutschen Kunst schädlich und ihrer unwürdig sind. Die Fassung dieser vorgeschlagenen Bestimmungen ist unserer Meinung nach eine derartige, daß sie die unentbehrliche Freiheit in der Ausübung des Kunststudiums, des Kunstschaffens und der Kunstverwerthung aufs Empfindlichste beeinträchtigcnwiirden. Durch die DehnbarkeitderBegriffe „gröbliche Verletzung des Scham- und Sittlichkeitsgefühls", „Aergerniß zu erregen geeignet", zumal mit dem Zusatz „ohne unzüchtig zu sein" müßten in der Praxis zweifellos Gebiete der echten Kunst betroffen werden, die der Gesetzgeber selbst gar nicht im Auge haben kann. Wir sind der Ueberzeugung, daß die Annahme dieser Paragraphen in der Reichstagssitznng vom 7. Februar d. I. nur zu erklären ist durch eine von Grund aus falsche Auffassung vom innersten Wesen der Kunst und des künstlerischen Lebens. Wir erkennen hier zu unserem schmerzlichsten Bedauern aufs Neue den beklagenswerthen Mangel an wahrhaft künstlerischem Verständniß, an den» weite, selbst gebildete Kreise unseres Volkes zum unberechenbaren Schaden unserer nationalen Kultur kranken. Leider geht die Betrachtung und Be- urtheilung von Werken der Dichtung und bildenden Kunst allzu sehr vom Stofflichen aus, und cs wird verabsäumt, gerade das entscheidende Moment, die künstlerische Verarbeitung des Stoffes, in erster Reihe oder doch gebührend zu berücksichtigen. Das „Unzüchtige" ist bereits nach dem bestehenden Gesetz strafbar. Ein Stoff aber, der an sich, ohne unzüchtig zu sein, vielleicht bei Manchen Aergerniß zu erregen vermöchte, kann sehr wohl — und viele der ersten Meisterwerke aller Zeiten bezeugen es — eben durch die künstlerische Verarbeitung m die Hohe des rein Aesthetisch-Schönen erhoben werden. „Die Entscheidung darüber, ob dies Ziel erreicht, ob der Stoff thatsächlich in das Gebiet des Aesthctischen erhoben ist, kann jedoch niemals Aufgabe des Strafrichters sein, da der Berufsjurist im Allgemeinen die für derartige feine ästhetische Unterscheidungen erforderliche Vorbildung weder hat, noch haben kann. Will man in den hier angeregten Fragen reformatorisch wirken, so soll man dies Amt nicht dem «Strafrichter, sondern dem Volkserzieher zumeist». Die Anleitung der Jugend
Dichtungen aus Vergangenheit und Gegenwart bt wird, oe'
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Kunstwerke und _ _ .
zugänglich gemacht wird, desto mehr werden der Einzelne und die große Mehrheit die Fähigkeit erlangen, ästhetisch zwischen echter Kunst und verwerflicher Spekulation auf den Sinnenreiz zu unterscheiden."
Der „Verein Berliner Presse" soll daher an die verbündeten Negierungen die dringende Bitte richten, in ihrem Widerstand zu beharren und den bezeichneten Vorschlägen im Interesse der Kunst die Zustimmung zu versagen. Der Verein „Berliner Presse" soll ferner für die bevorstehende dritte Lesung die Bitte an den Reichstag richten, die in Rede stehenden Paragraphen abzulehnen. — Die Antragsteller befinden sich da leider in einem Jrrlhum. Die Negierung opponirt nur dem Theater-Paragraphen (184 b), nicht aber dem „Schamgefühl"-Paragraphen (184 a), der eigentlich noch schlimmer ist als der andere. Vom Reichstag ist auch nicht viel zn erwarten — Alles liegt an der öffentliche» Meinung, geradeso, wie bei der Umsturzvorlage. Die öffentliche Meinung ist aber diesmal von einer verblüffenden Trägheit, und die bildenden Künstler finden noch immer kein Wort.
* * *
* Kerttn» 27. Februar. Zum Tischlerstreik nahmen die Sargfabrikanten Stellung. Es wurde beschlossen, sich den Arbeitgebern in der Tischler-Branche anzuschlicßen, den Betrieb einzuschränken und 20 pCt. der beschäftigten Arbeiter 511 entlassen. Hierdurch werde» 300 Arbeiter beschäftigungslos.
* Die Kegriindnng des UrthrUo des Staals- miniftrrtums gegen den Privatdozcntcn vr. Arons, das wir bereits mitgetheilt haben, und welches dem vr. Arons die Eigenschaft als Privatdozenten abspricht, liegt jetzt dem „Vorwärts" vor. Sie lautet folgendermaßen: „Nach dem eigenen Zugeständnis; des Angcschuldigten steht fest, daß er der socialdcmokratlschen Partei angehört und es sich angelegen sein läßt, ihre Bestrebungen zu unterstützen und öffentlich zu fördern. Die Disziplinarvehöroe erster Instanz nimmt an, daß der Angcschuldigtc sich dadurch noch nicht in Widerspruch mit seiner Stellung gesetzt habe, solange er in seiner Agitation gewisse Grenzen des Taktes und Anstandes beobachtet und sich aller ungerechten, unwahren Behauptungen und gehässigen Angriffe enthalte. Dieser Ansicht kann nicht beigetrcteu werden. Die socialdemokratische Partei erstrebt den Umsturz der gegenwärtigen Staats- und Rechtsordnung mit Hülfe der zur politischen Macht gelangten Arbeiterklasse. Die bewußte Förderung dieser Bestreblillgeir ist unvereinbar mit der Stellung eines Lehrers an einer königlichen Universität und der sich daraus ergebenden Verpflichtung, die jungen Leute, welche sich dieser Anstalt anver-
