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48 . Jahrgang.

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94. Fernsprecher No. 52.

Politische Ueb erficht.

Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand auch in dieser Woche noch immer die Kohlenarbeiter-Bewegung, welche anfänglich eine bedenkliche Zunahme anfwies, aber gerade in den letzten Tagen erfreulicher Weise ins Stocken gerathen ist. Außerhalb der Kohlenreviere des Königreichs Sachsen ist die Streik­bewegung bisher nur sporadisch aufgetreten und im Königreich Sachsen selbst hat sich zwar in einigen neuen Revieren die Streik- kust bemerkbar gemacht, doch hat sich dagegen in einigen der bereits vorhandenen Streikgebiete die Anzahl der Ausständigen nicht un­wesentlich verringert. Wie die Dinge zur Zeit liegen, erscheint die Hoffnung als gerechtfertigt, daß cs weder jetzt noch später zu dem von etlichen Agitatoren gepredigten Generalansstand der Kohlcn- arbeiter kommen wird, umso mehr, da die Socialdemokratie eine gewisse Scheu vor der Verantwortlichkeit für diesen Streik zu haben scheint, und wenig Eifer au den Tag legt, die Ausstands­bewegung zu schüren.

Einen außerordentlichen Eifer legt in dieser Session der Reichstag an den Tag, um einen möglichst stattlichen Thcil des ihm zur Erledigung obliegenden Pensums noch vor den Osterferien zu bewältigen. In der Kommission des NeiclMags haben sich die Mchrheitspartcicn jetzt auch über das vielumstrittene Fleisch­beschaugesetz geeinigt, aber da die Beschlüsse der Kommission in wesentlichen Punkten, so bezüglich der Fleischeinfuhr aus dem Aus­lände, über die Regierungsvorlage hiunuSgchen, wird abzuwarten bleiben, ob die Regierung sich diesen Aenderuugeu fügt, oder ob sie bei ihrem vorher angekündigten Widerstande beharrt. Auch in Bezug auf die lex Heinze haben Verhandlungen zwischen den Mehrheitsparteien stattgefuuden, die allem Anschein nach zu einem positiven Ergcbniß wenn nicht schon geführt haben, so doch zweifellos führen werden. Die Mehrheit, welche in wesent­lichen Punkten, dem Arbeitgeber-Paragraphen, der Erhöhung der „Schutzgreuze" für junge Mädchen und dem Theater-Paragraphen, die Vorlage der Regierung „bereichert" hat, scheint entschlossen zu sein, in der dritten Lesung auf ihre Zusätze, so weit sie nicht den Beifall der Regierung gesunden haben, zu verzichten. Auf diese Weise würde die lex Heinze, die nun bald ein Jahrzehnt die Gesetzgebungsmaschine des Deutschen Reichs in Thätigkeit gesetzt bat, doch noch in dieser Session den Tag ihrer Gcsetzwerdung er­leben, nachdem sie abermals nahe daran war, kurz vor dem Hafen zu scheitern.

Das Hülfsmittel der Verständigungskonferenzen, das man bei uns in Bezug auf das Fleischbeschaugesetz und die lax Heinze in Anwendung gebracht bat, will in Oesterreich nicht verfangen. Die deutsch-tschechische Vcrständignngskonferenz hat zwar in etlichen nebengeordneten Punkten positive Ergebnisse erzielt, aber in der Hauptsache ist die Konferenz bisher resultatlos verlaufen und die Aktien des deutsch-tschechischen Ausgleichs stehen außer­ordentlich schlecht. Unter diesen Umständen ist es nicht ab­zusehen, wie im Reichsrath, dessen Eröffnung am Donnerstag stattgefundcn hat, eine positive Arbeit ermöglicht werden soll. Die Tschechen haben bereits gedroht, daß sie, wenn ihre

g ordcrungen nicht in Bälde erfüllt werden, zur rücksichtslosesten bstruktion übergehen werden. Und so kann man , sich mithin, auf eine neue Ailflage der früheren Kämpfe im österreichischen Reichs­rath gefaßt machen, nur mit dem Unterschied, daß diesmal die bis­her von der Regierung gehätschelten Tschechen dieRolle der „Racker" spielen werden. Jedenfalls wollen wir wünschen, daß die öster­reichische Regierung den Tschechen gegenüber am rechten Ort so viel Energie zeigt, als die früheren Regierungen sie am Unrechten Ort den Deutschen gegenüber an den Tag gelegt haben.

Zu dem Kampfmittel der Obstruktion scheint auch die radikale Opposition in Italien ihre Zuflucht nehmen zu wollen, nachdem das Kabinett Pelloux in dem Kampf um die Nothverordnungs- vorlage einen bedeutsamen parlamentarischen Sieg erfochten hat. Wenn das Kabinett Pelloux auch zur Zeit noch über eine Mehrheit verfügt, so hat cs doch angesichts der Unzuverlässigkeit der parla­mentarischen Mehrheiten in Italien und in Anbetracht der drohenden finanziellen Sorgen alle Ursache, mit eigener Sorge in die parla­mentarische Zukunft zu blicken.

Recht bewegt und ungemüthlich geht es zur Zeit im eng­lischen Parlament zu, wo fast Tag für Tag erregte Debatten

(Nachdruck verboten.)

Aus dem Zeben eines kleinen Märtyrers.

Von Thomas Köbor.

Aus dem Ungarischen von Jenö Binder.

Es ist morgens um 7 Uhr, und da cs Winter ist. herrscht fast noch finstere Nacht. Die Magd beginnt ihre Tagesarbeit im Wohn­zimmer, und man hört deutlich das Geräusch der Bürste, mit der sic den Fußboden wichst. Im Schlafzimmer schlafen zwei glückliche Menschen den Schlaf der Gerechten. _ __ r .

. Plötzlich rührt sich etwas neben dem Bett. Zwischen den .eichten Spitzenvorhängen wird ein kleines Händchen sichtbar, das Lagh.aft die Decke eines der großen Betten berührt. Nur das gleichmäßige Athemholen der tief Schlafenden reagirt darauf. Nun guckt ein kleines, rundes Köpfchen zwischen den Vorhängen hervor. Es blickt auf die Schläfer mit weitgeöffneten Augen, und Freude -rglänzt in denselben. Sie haben im Halbdunkel die schlafende

Mama erkannt. „ ...

Wie das kleine, blonde Geschöpfchen dort sitzt, schätze ich es höchstens drei Jahre alt. Aber trotzdem vermag „es mit seinen kleinen, fleischigeu Händchen an der Decke ziemlich, kräftig zu ziehen. Und um seine Lippen spielt ein schalkhaftes Lächeln, als es die Schläferin halblaut anruft: „Mama. Mamachen I"

Wie cs dies ausspricht, und wie es das Erwachen seiner Mama erwartet. sieht mau deutlich den großen Gedanken seiner kleinen Seele: wie wird sich Mamachen freuen, daß ihr kleines Kindchen dort sei. Aber cs ereignete sich etwas ganz Anderes: die Mama, die sich erst nach Mitternacht zu Bette gelegt, stöhnt unwillig, und indem sie sich auf die andere Seite wendet, thut sic, als ob sie nichts gemerkt hätte. .

. Das Kleine glaubte ihr das auch, und deshalb zieht cs nun noch kräftiger au der Decke und ruft lauter: „Mania, Mamal Und um der Mama die erfreuliche Situation noch deutlicher zu machen, setzt es beglückt hinzu: „Klärchen ist schon aufgewacht.

„Ruhig", antwortet ihr seufzend die Mama, »Du stehst doch, daß ich noch schläfrig bin."

Ssrmtttg, den 26. Februar.

über den südafrikanischen Krieg und die ihn begleitenden Neben­umstände stattfinden. Wenn es auch erfrenlicl) ist, daß hierbei wenigstens ein Thcil der Opposition bemüht ist, dem heuchlerischen Herrn Chamberlaiu die Maske vom Gesicht zu reißen, so ist es doch bedauerlich und ein bedenkliches Zeichen für den Charakter der euglischcii Nation, daß die Mehrheit des englischen Unterhauses feierlichst beschlossen hat, die Wahrheit über die Affaire Jameson- Rhodes-Chambcrlain für immer zu unterdrücken. Aber die Wahr­heit hat schon über schwerere Hindernisse als das englische Parlament gesiegt und die Akten über den Fall Chambcrläin dürften trotz alledem und alledem so bald nicht geschloffen werden.

Aber Herr Chainberlaiu bat Glück. Die letzten Nachrichten vom südafrikanischen Kriegsschauplatz sind nur zu ge­eignet, ihn in England, wo der Erfolg Alles entscheidet, einiger­maßen herausznreißen. Auch wer sich durch den überschwenglichen Sanguinismns der Engländer nicht täuschen läßt und bei den englischen Meldungen sorgsam die Lüge von der Wahrheit sondert, kann sich der Erkenntniß nicht verschließen, daß die Lage auf dem Kriegsschauplatz für die Buren eine sehr schwierige geworden ist. Sie als eine verzweifelte aiiznsehen, ist so lange Mne'Ursache vor­handen, als cs den Buren unter Cronje gelingt, sich gegen die überlegene Armee des Lord Roberts bis zum Eintreffen weiterer Verstärkungen zu haltet;. Im Uebrigen wird man mit der That- sache rechnen müssen, daß die Buren sich auch auf dem östlichen Kriegsschauplatz zum Rückzug genöthigt sehen, um die Vertheidigung ihres Landes zu sichern. Was aber die Aussichten deS Krieges überhaupt betrifft, so wird man nicht vergessen dürfen, daß der schwierigste Theil des Feldzuges für die Engländer erst jetzt be­ginnt, wo sie den Krieg iit das Land des Feindes tragen müssen.

Aus Stadt uttd Zand.

Wiesbaden. 25. Februar.

Znr Geschichte der Postwerthzeichcn.

Die ersten Postwerthzeichcn wurden gegen Mitte des 17. Jahr­hunderts in Frankreich eingeführt, lieber den Erfinder derselben gicbt cs verschiedene Lesarten. Nach der einen zuverlässigeren er­hielt im Jahre 1635 ein Privatmann, dessen Name nicht genannt wird, von der Regierung Ludwigs Xlll. ein Privilegium, nach welchem ihm das alleinige Recht der Beförderung säimntlichcr Stadt, postbriefe von Paris gegen Entrichtung einer bestimmten Summe zugestnnden wurde. Der Pächter gab zu dieiem Zweck Brief­marken heraus, welche ans weißem Papier hergestellt waren und in Schwarzdruck die Inschrift „pari pay6‘‘ siebst Raum für Datum trugen. Wer nun einen Pariser Staotpostbrief be­fördert haben wollte, kaufte sich bei dem Unternehmer Marken, beschrieb dieselben mit dem Datum der Verwendung und klebte sie dann erst auf dkn Brief. Das Beschreiben mit dem Dutum entwcrthete die Marke fstr späteren Gebrauch. Diesen Erstli'ngs- brieftnarken war nur ein kurzes Dasein beschieden. Mit dem Regierungsantritt Ludwigs XIV. (1643) wurde das gewährte Prwileginm zurückgezogen. Die Postvekwallung übernahm die Be­orderung der Skadkpöstbriefe selbst und emittirte im Jahre 1653 Marken und Couverts, welche gleichfalls zur Fraiikirung voii Stadtpostbriefcn stl Verwendung genoinmen werden mußten. Die­selben hatten den Werth von einem Son; die Marken waren ledig­lich Nachbildungen der oben beschriebenen, von dem Privatnnter- nehmer herausqegebenen Marken, die Eöuverts trugen an Stelle eines Werthzeichens auf weißem Papier die vermittelst Buchdrucks hergestellte Inschrift: „par pari paye“. Auch diese offizielle Emission war bald wieder außer Kurs gesetzt, weil lchon im Jahre 1676 die Postgerechtsame Frankreichs wieder an Privat­unternehmer verpachtet und diesen die Verrechnung der Porto­beträge nach eigenem Gutdünken überlassen wurde. Dies die erste Lesart. Nach einer anderen Uebcrlieferung ist einer Frau, der mit dem Hofe Ludwig« XIV. in naher Verbindung stehenden Madame de Longucville, die Erfindung der Briefmarken zu verdanken. Kurze Zeit nach dem Regierungsantritt Ludwigs XIV. wurde Seitens der obersten Postb'ehörde von Paris, unterm 9. April 1644, ein neues Postreglcment veröffentlicht, welches unter anderen lästigen Bestimmungen auch die enthielt, daß der Absender eines jeden Briefs ihn eigenhändig am Postschalter abliefern, ihn baar bezahlen und gleichzeilig seinen Namen nennen mußte. Diese An- ordiiimg, welche augenscheinlich die Ucbcrwachung der Korrespondenz zum Zweck hatte, erregte bald bei Hoch und Niedrig das größte Mißfallen, aber die Negierung glaubte, eine so wirksame

Fernsprecher No. 52. 1999.

Kontrolle der gesammtcn Einwohnerschaft von Paris sobald nicht entbcbrcn zu können und hielt die gegebene Bestimmung aufrecht. Erst als sich auch der „allerchristl'.chste König" Ludwig XIV. in seinen unzähligen Liebesabenteuern durch die Post beobachtet sah und die bestehenden Posteinrichtungen als „allergnädigst abscheulich" zu benennen geruhte, sann man auf Mittel, dem längst empfundenen Uebelstand Avhülfe zu verschaffen. Damals, erzählt man, war es die schöne Frau v. Longucville, die Vertraute des königlichen Gensralintendanteii Fouauct, welche zuerst auf die Idee kam, durch Einführung von Briefmarken und gleichzeitige Aufstellung von Brief­kasten das schwierige Räthsel in einer nach allen Seiten hin be­friedigenden Weise zu lösen.Durchkönigliches Dekretvom8. August 1673 wurde die Einführung von Briefmarken und gleichzeitige Auf­stellung von Briefkasten genehmigt. Die neuen Brjcfmarkcn hießen „billets“, weil sie die Form von Papierstreifen hatte». Sie wurden nur in einem Werths zum Betrage von „1 Sol" ausgegeben und trugen die Inschrift „pot-t paye“; man legte sie nach Art unserer Kreuzbandstreifen um den Brief und befestigte sie durch das Siegel. Die Entwcrthung der „billets“ wurde vom Absender in der Weise bewirkt, daß der Tag des Gebrauchs auf denselben nicdergeschrieben wurde. Ob die Erfindung der Briefmarken aus dem Jahre 1635 oder gar erst ans dem Jahre 1673 datirt und wem die Erfindung überhaupt zuzuschretben ist, ob der Frau v. Longneville oder dem Pächter der Stndtpost von Paris, erscheint nach Vorstehendem zweifel­haft. Soviel steht;edoch fest, daß man gegen Mitte des 17. Jahrhunderts in Paris zuerst Briefmarken und Freicouverts zur Anwendung gebracht hat, daß diese jedoch nur kurze Zeit kurstrten und in der damaligen leichtlebigen Zeit bald so ganz und gar in Vergessenheit gcriethen, daß unserem 19. Jahrhundert die Wiederaufnahme und Weiterausbildunq dieser Idee Vorbehalten blieb. Während des ganzen 18. Jahrhunderts nämlich, in welchem sich das Postwesen Hauptsächlich in Deutschland zu einer hohen Blüthe entfaltete und ans welchem uns zahlreiche Dokumente über Verkehrseinrichtungen vorliegen, ist nirgends eine Spur zu entdecken, welche ans die Be­nutzung von Briefmarken hindeutet. Die Verrechnung der Franko­beträge hatte damals große Schwierigkeiten für die Postvcrwaltungen und man suchte deshalb das Frankiren der Pollsendungcn so zu ver­hindern, wie man cs gegenwärtig durch Einführung ooii Strafporto bei unfrankirten Sendungen zu befördern strebt. Erst im Jahre 1812 taucht wieder eine Spur von Briefmarken auf, indem sich um diese Zeit schottische Schiffahrtsgesellschaften zur Frankirung der von ihnen beförderten Briefe und Packete einer Art Marken bedient haben sollen. Doch fehlen hierüber alle genaueren Nachrichten. Bon einer hierauf im Jahre 1818 erschienenen Couvert-Emission Sardiniens läßt sich schon Näheres berichten, weil von dieser noch Original-Exemplare erhalten sind, z. B. in der Sammlung des Kaiserlichen Generalpostamts in Berlin. Es wurden drei verschiedene Werthe ansgegebcn, zu 1b, 25 und 50 eentosimos. Das Papier, aus welchem die Couverts hergestellt wurden, war bereits miiWaffcrzeichcn versehen, die Art und Weise ihrer sonstigen Anssü brnng jedoch eine sehr primitive; an Stelle des Markenstempels war tu blauer Farbe mittels Handstempels ein Courier zu Pferde abgedruckt. Dieser ersten Emission folgte im Jahre 1820 eine zweite, welche sich von der früheren nur dadurch unterschied, daß der Werthstempel farblos und sn rslist ansgefnhrt war. Es scheint von diesen Couverts wenig Gebrauch gemacht worden zu sein. Nach kurzer Zeit waren auch sie wieder außer Kurs gesetzt und vergessen. Bon da ab ver­ging abermals eine lange Reihe von Jahren, ehe die Idee, durch Einführung von Postwerthzeichcn den seit Beginn der Dampfschiff­fahrt und durch Vervielfältigung der Verke'hrssirnßen sich stciig steigernden Briefverkehr von lästigen Fesseln zu befreien, für immer festen Fuß gewinnen konnte. Sir Rowland Hill, der Reformator des englischen PostwescnS, ivar es, welcher bei seinen Studien über Umgestaltung der Posteinrichtungen und über Ermäßigung der Portosätze zu der Ansicht gelangte, daß die Einführung' von Postwcrthzcichen und die Verrechnung des Portos, solche vermöge der Vortheile, welche hieraus für Postverwaltung und Publikum voraussichtlich erwachsen mußten, wesentlich zur Durchführung seiner großartigen Pläne beitragen würden. Am 7. Juli 18N wurden in Folge dessen dem Parlament gleichzeitig mit dem Kommissionsbcricht, der die Einführung der von Hill in seinem Werk „Die Reform des Postwesens, ihre Bedeutung und Ausführ­barkeit" zuerst angeregten Verbesserungen befürwortete, die ersten von Dickinson nach Hills Anleitung entworfenen Couoertessays (Probcabdrücke) vorgelcgt. Es dauerte zwar noch 3 Jahre, ehe Regierung und Postbehörde ihre Abneigung gegen Hills Vor­schläge überwunden hatten und ehe die letzteren prak-

Anf Klärchen ist diese Argumentation ohne jede Wirkung. Denn wenn sie schlafen gehen muß, wenn Mama noch nicht schläfrig ist, so kann sie doch auch aufwachen, wen» Mama noch schlafen möchte. Darum kniet sie auch bereits in ihrem Bettchen, und Liebe durch­zieht ihr kleines Herz, als sie ihr Mütterchen nun bereits ganz deutlich erkennt. Sie beugt sich zu ihr hinüber, daß sie fast hinausfällt.

„Marsch zurück", schreit die Mama sie mit der Nervosität eines aus dem Schlaf gestörten Menschen an. „Du bist ein böses Kind, wenn Du Deine Mama nicht schlafen läßt."

Klärchen fährt zurück, ja im ersten Schrecken verkriecht es sich sogar wieder in den Falten seines Äettchcns. Mit weit geöffneten

nckcn ein wenig, als ob sie weinen olgcndes:

Äugen denkt eS nach, die Lippen wollten. Und es denkt ungefähr „

„Ich wäre ein böses Kind? Ich wollte mein Mütterchen küssen, ist denn das etwas Böses? Mütterchen sagt immer: küsse mich! Und jetzt, da ich erwacht bin, will ich sie küssen. Mama wird sich darüber gewiß freuen, sie scherzt gewiß nur."

Und in dieser festen Ucberzengung setzt sie sich wieder auf, zieht wieder recht kräftig an der Decke, und wie Eine, die ihre? Sache sicher ist, ruft sie aus voller Kehle:

„Mamachen, Klärchen will Dich küssen."

„Mein Gott, mein Gott", stöhnt die arme Mama, „man

kann

Ich nie ausschlaffn.. So komm'denn,. Du böses Kind," aber liege

still, sonst lege ich Dich wieder in Dein Bettchen zurück."

Klärchen kümmert sich wenig um die drohende Klausel und läßt sich in das große Bett heben, ohne sich zu irgend etwa« ver­pflichtet zu haben. Sie umfaßt das Mütterchen, die durch die süße, weiche Umarmung bereits ausgcsöhnt ist, aber da ereignet sich plötz­lich eine neue Sensation. Im anderen Bett entdeckt Klärchen einen Schnurrbart, den sie unbedingt ein wenig zupfen muß. Darüber pflegt sich Papa zu freuen, erfreuen wir ihn also.

Aber es stel schlecht aus. Papa schlägt ihr sehr energisch auf die Hand. Zugleich schreit er die Mama an:

„Wenn Du nicht Sorge trägst, daß ich niich ausschlafen kamt, werde ich mein Bett im Speisezimmer ausschlagen. Wa» denkst Du denn? Wie soll ich einen klaren Kopf behalten, wenn ich nicht ausschlnseit kann?"

„Aber Lieber, was soll ich denn thun? Auch ich möchte noch gern schlafen, kann ich denn dafür, daß dieser Nichtsnutz mit den Hühnern erwacht?"

„So lege das Kind später zu Bett, oder lasse cs zeitiger hinaus- iragen, aber etwas müßt Ihr mit ihm thun."

' Klärchen entnimmt ans diesen Worten so viel, daß Papa nicht aus Scherz auf ihre Hand geschlagen. Infolge dessen empfindet es bitteres Weh im Herzen, und es beginnt laut zu weinen. Und dies hatte dreierlei zur Folge. Erstlich wurde Papa noch wiithender und erklärte, daß, falls es tiicht sofort still sei, er es gründlich durchprügele. Anderntheils erbarmt sich nun Mütterchen ihrer, und um es vor der Strafe zu schützen, drückt sie Klärchen ans Herz und überhäuft es mit Küssen und Liebkosungen, was Klärchen „n- gcmcin wohlthnt; aber drittens eilte auf das laute Weinen hin auch das Kindermädchen mit wirrem Haar herbei, worauf Papa den Befehl ertheilt: „Nehmen Sie den Schreihals sofort hinaus."

Das Kindermädchen langt sofort nach Klärchen, die sich ver­kriecht und sich an Mama schmiegt, was wieder aus doppelter Ursache geschieht. Ihre durch die rauhe Behandlung erschreckte Seele hatte sich in den Armen ihrer Mutter beruhigt, und das Kindermädchen will nun diesen wohlthätiacn Genesungsprozeß stören. Man ntöge sich nur die Maina selbst denken, wenn man le so aus den Armen Pavas gewaltsam reißen würde, wenn sic in rgeitd einem schweren Leid bei ihm Trost sucht! Anderntheils herrscht im Schlafzimmer sibirische Kälte, während cs unter der Decke schön warm rst. Und Klärchen nimmt man immer in dieser grimmigen Kälte ans dem Bett, weil dies sehr gesund sein soll.

„Nun, wird es endlich?" brummt Papa aufs Neue.

„So geh' doch schön, mein Goldpüppchen, sei gut und fol ' dem Papa. »

Klärchen vertheidiat sich, so lange sie kann, und als endlich durch den Gewaltakt der drei scindlichcn Mächte ihre Fühch-n in der kalten Luft herumzappeln, giebt ihr bitterliches Schluchzen neuerdings Grund, zu konstatiren, daß man das Kind strenger halten muffe, da man sonst mit ihm tticht auskommcn könne.

Nach Verlauf einer halben Stunde rührt sich der Herr Pap« > und stöhnt: