1. Mage zum Wiesbadener Tagblatt.
Mo. 92. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 24. Februar.
48. Jahrgang. 1900.
' (Nachdruck verboten.)
Aebeskamxfe.
Von Uernyard vo« Arandenvurg.
I.
Langsam senkte sich der Sonnenball und verschwand allmählich hinter den schlanken Thürmen, den spitzen oder treppenförmigen Giebeln der Stadt, die jenseits der großen Wasserfläche den Horizont begrenzte und sich in scharfen Conturen von dem goldgetränkten Abendhimmel abhob. Hier und da leuchtete ein Fenster oder eine Wetterfahne funkelnd auf und blendete das Auge der schönen Frau, die müßig am Fenster lehnte, um sich, wie allabendlich, an dem herrlichen Schauspiel zu erfreuen. Ein leichter Wind hatte sich erhoben; er kräuselte das Wasser zu kleinen, dunklen Wellen auf, das schlanke Schilf am Ufer neigte demüthig das Haupt unter seiner Berührung und die Beobachterin dort oben schauerte fröstelnd zusammen — die Natur und ihre Wesen durchbebie die Ahnung der kommenden Nacht.
Noch immer sahen die Blicke der zarten, zierlich gebauten Frau starr in die Ferne. Ein müder Ausdruck trat in ihr bleiches, edel geformtes Gesicht, aus dem die grauen Augen sich dunkel abhoben, ein Ausdruck, als wären ihre innersten Gedanken: „Oh, könnte ich verlöschen wie das Tageslicht, möchte ich spurlos verschwinden und wäre dieser Abend mein letzter l"
Die Dunkelheit nahm rasch zu, kaum noch unterschied sie einzelne Formen, und wie eine gestaltlose, plumpe Masse sah das Städtebild zu ihr herüber. Sie ließ die Hände vom Fensterkreuz sinken und wandte sich in das Innere des Zimmers zurück. Bon dem Erkerplatz, der ihren Schreibtisch von dem übrigen Raum trennte, stieg sie eine Stufe auf den weichen Teppich hinab und sank in einen der tiefen Stühle, die in einer Ecke zu behaglicher Gruppe zusammengerückt waren.
„Noch immer im Dunkeln?" rief eine fröhliche Stimme und ein blonder Kopf schob sich durch die Portiöre. „Was thut die kleine Mutter, ist sie faul?"
Eine schlanke, biegsame Mädchengestalt flog auf die Sitzende zu und ergriff zärtlich ihre Hände. „Du bist eiskalt — ich werde Licht machen, schon der Anblick wärmt."
Sie entzündete eine hohe Lampe und hob sekundenlang den schützenden Schirm fort, um das Antlitz der Mutter besser unterscheiden zu können. Doch diese hielt abwehrend die Hände von sich und rief flehend: „Laß, Inga, alte Schönheit kann das ploin air nicht vertragen — laß mich im Dunkeln!"
Jngeborg that, wie ihr geheißen, aber sie sagte vorwurfsvoll:
„Wie kann man so eitel sein, wenn man so schön ist wie Du! Ich wollte nur sehen, ob Du Migräne hättest."
Die Mutter antwortete nicht, auch Jngeborg schwieg und setzte sich dicht neben sie.
In dem gedämpften Licht traten die Gegenstände des Zimmers nur halb hervor, es umspann Alles mit einem gleichmäßigen Zauber, ließ die Farben ineinanderschmelzen und schuf dieses eigenthümlich eingerichtete Gemach zu einem anheimelnden Aufenthalt. Nicht als ob die einzelnen Möbel
das Tageslicht hätten scheuen müssen, sie waren alle weder gewöhnlich noch übertrieben in Gestalt und Farbe. Da waren Stühle, Tische, Teppiche und Nippes aus aller Herren Länder zusammengetragen, in gefällige Gruppen nebeneinander gesetzt und dem Auge noch besonders durch dekorative Kunstgriffe, wie sie heutzutage jeder Tapezier versteht, auffällig gemacht. Ein Oelgemälde auf einer schwarzen Staffelei erhob sich vor einer zwecklos ins Zimmer ragenden und nichts abtheilenden Gobelinwand. Man erkannte in dem Kunstwerk, das jedenfalls einer geschickten Hand entstammte, leicht die Züge der Besitzerin wieder; etwas idealisirt freilich waren sie, ihre Nase hatte nicht jenen klassischen Schnitt, noch ihr Mund das Herbe, Hoheitsvolle. Aber die Augen des Bildes blickten auf den Beschauer mit demselben flehenden Ausdruck, wie die dunklen Sterne aus dem bleichen, müden Antlitz, und so reich, wie der Maler sie geschaffen, fielen noch heute die schwarzen Haare in die schmale, schöngeformte Stirn, bis fast herab auf die hochgeschwungenen Brauen. Und so wirkte das Porträt fast beängstigend durch seine Aehnlichkeit und durch den anspruchsvollen Platz, den es einnahm und von dem aus es die Aufmerksamkeit des Eintretenden sofort fesselte, als wolle es Niemanden, auch nicht das lebende Original neben sich, gelten lassen. Auf dem mächtigen Bücherregal standen Statuen des Hermes und der Venus von Milo und stolz blickten sie herab auf die reichen Schätze, die man ihrer unmittelbaren Obhut anvertraut hatte. Daneben sproßten aus der Wand einige papierne Schneeballen und bekränzten einen Bronzewandteller, Geschenke aus Jngeborgs Hand, die aus Pietät ihr unbefugtes Dasein weiterfristen durften. Die schön geschnitzte Kommode mit den Wappcnbildern und messingenen Beschlägen neben dem Ofen neuesten Systems mußte es sich gefallen lassen, daß moderne Sessel und hochbeinige Sammct- tischchen, welche ihr Gleichgewicht nur am Boden zu finden schienen, umbarmherzig vor ihre Schildereien gerückt waren, und zwischen die langgestielten venetianischen Vasen, deren durchsichtige Thiergestalten weit geöffnete Mäuler zur Blumenaufnahme hinhielten, hatten sich allerlei Gläser und Porzellane gedrängt, billige Waare, wie sie in jeder Stadt die Läden darbieten. So spiegelte sich in dem Gemach trotz der momentanen Ruhe in dem friedlichen Schein der Lampe ein Kampf ab: der Kampf zwischen angeborener und anerzogener Gleichgültigkeit gegen Schönheit und Geschmack mit dem heißen Bestreben, das wirklich Schöne zu verstehen, es zu erfassen und dem eigenen Charakter und der Auffassung einzuprägen. Und wie sich ein Talent, das sich selbst zur Entwicklung bringt, dem Niemand eine stützende Hand reicht und das in seiner Umgebung nur auf Unverstand oder gar auf Widerwillen stößt, den eigenen Weg sucht, der deshalb auch oft von dem Ziel abweicht und durch bizarre Kreuzpfade in Verwunderung setzt, gerade aber dadurch häufig am besten seine Eigenart bewahrt, so war es auch Frau Johanna ergangen. Auch sie hatte nicht Alles abstreifen können, was ihr von der Atmosphäre, in der sie groß geworden, noch anhaftete, und wieder hatte ihr Charakter sich zu sehr gefestigt, um das zu verwerfen, was sie als gut und schön befunden, mochten auch Andere, Kunstverständigere, es verdammen. Ihr Wohnraum zeigte bei ihr mehr noch als bei anderen Menschen ihre Individualität, und wie sich in ihr Widersprüche häuften, wie keine ihrer edlen Anlagen
völlig zur Blüthe gelangt >var, wie immer wieder, trotz ihres Bemühens und ihrer Arbeit, die Schärfen und kleinlichen Regungen ihrer Seele durch die stark aufgetragene Paste hindurchschimmerten, so war dieses Zimmer im Einzelnen schön, im Ganzen weder harmonisch noch geschmackvoll.
Das empfand Jngeborg, während ihre lebhaften Augen nmherschweiften, nur daß sie nicht definiren konnte, woran der Fehler lag, noch bestimmen, wie mau hätte helfen können. Das große Bild der Mutter irritirte sie, und doch war es ein edles Kunstwerk und die feinen Züge, von dem röthlichen Schein übergossen, schienen Leben zu athmen — und ebenso empfindlich hatten sie vorhin die Worte ihrer Mutter berührt, ihrer geliebten Mutter, zu der sie aufschaute wie zu einer lieblichen, klugen, glückspendenden Göttin und die doch plötzlich wieder durch eine fast kindliche Aeutzerung, die zu ihren übrigen Meinungen und Anschauungen im direkten Widerspruch stand, selbst den Glorienschein zerstörte und sich Jngeborgs klaren, durchdringenden Augen wie eine räthscl- hafte Sphinx zeigte. Wie konnte einer Frau, die nicht nur um ihrer Klugheit, ihres Wissens und ihres großen Talentes willen, sondern ebenso sehr wegen ihrer äußerlichen Vorzüge, gewinnenden Liebenswürdigkeit und lebhaften Temperaments allgemeine Verehrung genoß und die geistvollsten Männer und Frauen an sich fesselte, wie konnte einer solchen Frau, deren Ruhm schon unter den Lebenden weithin erscholl und der in der Nachwelt erhalten bleiben würde, darüber die Sorge nahen, daß auch ihr Antlitz von der Zeit berührt würde und nicht unvergängliche Jugend bewahre?! Wie war es möglich, seine Seele nur dem Schönsten zu öffnen, in Wort und Schrift zu predigen, daß nur die Nächstenliebe dem Leben Inhalt und Werth verleihe, und seine Befriedigung nur in der eigenen Vervollkommnung zu suchen, wenn man im nächsten Augenblick wieder über die nichtigsten Dinge klagte und nicht im Stande tvar, über solche Kleinigkeiten sich zu erheben?! Was lag daran, ob die Haut faltig, das Haar weiß, die Gestalt gebeugt wurde — ach, Jngeborg hätte häßlich wie die Nacht sein mögen, wenn sic dafür die geistige Bedeutung der Mutter erlangt hätte!
Die Augen der beiden Frauen begegneten sich, dann glitten die Blicke der Tochter mißmnthig weiter; wieder lag in dem Antlitz Frau Johannas ein sehnsüchtiger Ausdruck und unbefriedigt und hungrig schrie die Seele in ihr: „Gieb mir noch einmal volle Jugend zurück, auch ihre Sorglosigkeit, ihre Fähigkeit für Glück und Genuß — ach, noch einmal jung sein, das Leben genießen in vollen Zügen, lieben und geliebt werden, nur einmal, ein einziges 9M ans tiefstem Herzen sagen können: ich bin glücklich!"
Draußen klingelte es und Jngeborg erhob sich rasch: „Ich werde öffnen, es ist Vater!"
Sie lief auf den Korridor hinaus und trat bald darauf, zärtlich am Arme eines starken, breitschulterigen Mannes hängend, wieder ein. Ein rundes, blühendes, von einem dichten Vollbart umrahmtes Gesicht, auf dem sich die Befriedigung abmalte über die Heimkehr, neigte sich zu Frau Johanna hinab, und während die blassen, unter schweren Lidern sitzenden Augen gutmüthig durch die goldene Brille blinzelten, fragte er besorgt, die Worte langsam und gedehnt aussprechend: „Ist Dir nicht wohl. Liebe? Du siehst so abgespannt aus."
(Fortsetzung folgt.)
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