I. Beilage ;nm Wiesbadener Tagblatt.
Mo. 88. Morgen-Ansgabe,
Donnerstag, den 22. Kebrirar.
48. Jahrgang. 1800.
(14. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Zertreten.
Erzählung von H. Kchöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Gmik Jonas.
(Autoriflrt).
Ich wünschte, daß Du nicht gekommen wärst, sagte er unwillkürlich.
Du bist wirklich sehr höflich, bemerkte sie lächelnd.
Ja, entschuldige, daß ich so offen spreche!
Ja, mein lieber Nils, sowohl Dein Gesicht wie Deine Stimme verrathen, daß Du meiner bedarfst. Heitere Dich auf, alter Freund! Wer weiß, ob es ein Leben nach diesem giebt? Deshalb liegt in Wirklichkeit kein Sinn darin, sein Dasein mit finstern Stimmungen zu verbringen, ohne sich einen ganz naturwidrigen Zwang aufzuerlegen.
Frau Sinding war schöner als je. Welch eine Gluth in diesen braunen mandelförmigen Augen! Keine Thränen oder Gemüthsbewcgungen hatten deren Umgebung gefurcht, die Lippen waren eben so frisch und rvth wie die Linien des Gesichts weich und abgerundet.
Das stahlgraue 'Frühlingskleid stand ihr vorzüglich. Die halbnackten Arme waren fest, als wären sie in Marmor gemeißelt, und weiß wie frischgcfallener Schnee.
Jetzt wie' früher wurde die Phantasie des Klmstlers bald geblendet von dieser stark in die Augen fallenden Körperpracht. Ein solches Modell war mehr als Gold wcrth.
Widerstrebend, wankend, mit bösem Gewissen wurde er fortgerissen. Es mar derselbe Rausch, stürmisch und zügellos.
Einige Tage später schrieb Frau Sinding an ihren Mann und bat ihn um seine Einwilligung zur Trennung ihrer Ehe. Die Kinder könne er gerne behalten, bis sie mit Solör verheirathet sei. In Paris könne mau sich unmöglich deren Erziehung annehmen, da die Kunst bis auf Weiteres alle ihre Zeit in Anspruch nehmen würde.
Die Anlwort des Architekten kam telegraphisch und lautete:
Mit großer Freude Danke für die Befreiung.
Frau Sinding hatte ein paar Zimmer in derselben Straße wie Solör gemiethet. Die Mahlzeiten genossen sie zusammen in einem kleinen Speisehaus, das ausschließlich von Studenten und Künstlern besucht wurde. Hier versammelten sich täglich einige junge Skandinavier, die stundenlang um die kleinen Tische saßen, Wein tranken und zu einem ohrenzerreißendcn Lärm Cigaretten rauchten. Schreiende Kellner, Gelächter, Flüche und Schlägereien wurden von der Musik herumziehender Guitarre- und Violinspieler unterbrochen.
Solör fand keine Zeit zum Nachdenken. Während des ganzen Vormittags saß er in seinem Atelier und copirte seine Bilder, plauderte und lackte ununterbrochen, und später beschäftigte ihn irgend etwas, das gethan werden mußte.
Entweder gingen sie in die Läden oder auch in die Museen, Bibliotheken, zu Vorlesungen und ins Theater.
Mitunter versammelte sie einen kleinen Kreis von Künstlern in ihrer Häuslichkeit und sie fand dadurch Gelegenheit, ihre Liebenswürdigkeit als Wirthin zu zeigen. Sie bereitete heißen Punsch in der großen japanischen Schale und bot die Gläser herum. Hier waren Lampen- und Lichtschirme in zahllosen Farben und launigen Zeichnungen, Alles nur, um gedämpftes, mystisches Licht hervorzurufen, sie musicirte so lange, wie irgend einer der Gäste sie zu hören wünschte.
Eines Abends saß sie am Piano und sang:
Mein Geliebter, ich bin gebunden Nur durch Deiner Stimme Klang.
Da erhob sich Solör und ging aus dem Zimmer. Es war Mathildes Lieblingsmelodie, die sie so oft vor sich hin gesungen hatte. Die Worte und die Töne brannten ihm im Herzen. Er stürzte die Treppe hinab, hinaus auf den Boulevard, vorwärts, gleichsam verfolgt von einem Gespenst.
Am nächsten Vormittag befragte ihn Frau Sinding über die Ursache seines plötzlichen Verschwindens.
Anfangs schlug er es ab, ihr irgend welche Erklärung zu geben. Aber schließlich antwortete er:
Ich kann nicht ertragen, was mich an Norwegen erinnert — singe niemals mehr diese norwegischen Lieder.
Ach, wie langweilig Du doch geworden bist! rief sie. Ich habe nie solche krankhafte Ueberspanntheit und am allerwenigsten bei Männern leiden können.
Aber es kam in ihn: wieder zurück. Selbst im Augenblick der Hingabe, wo ihm doch Alles im Entzücken des Augenblicks vergessen zu sein schien, selbst dann oder gerade deshalb konnte oft etwas geschehen, daß das Gesicht der Andern so lebhaft vor ihm erschien, daß er sich von Frau Sinding losriß, ausstand und sie verließ.
Gebrauche dieses Parfüm nicht! das macht mich krank!
Aber was ist mit Dir? Es ist Esbouquet von der feinsten Sorte.
Ja, ja, aber ich kann es nicht vertragen, sage ich Dir. — Dieser Geruch erinnerte ihn an die Vergangenheit und Mathilde hatte dasselbe Parfüm gebraucht.
Nach Verlauf einiger Monate begann Frau Sindings Wesen sich zu ändern. Wenn er sie besuchte, stürmte sie ihm nicht mehr wie früher entgegen. Sie bemühte sich auch nicht mehr, ihn zu halten und ihn in bessere Stimmung zu bringen. Sie duldete seine Liebesbeweise, aber erwiderte sie nienials.
Ihr Verhältniß erblaßte und wurde getvohnheitSmäßig ruhig.
Er fühlte das, und es peinigte ihn.
Der Journalist Christopher Andersen tauchte eines Tages in Paris auf und suchte natürlich augenblicklich seine früheren Kameraden auf. Dies war eine Abwechslung, welche Frau Sinding sehr gelegen kam.
Es entspann sich eine fortwährende Unterhaltung über
Politik, Sittlichkeit, Kindererziehung, Frauenemancipalion und die moderne Litteratur, und gewöhnlich endete es damit, daß Frau Sinding den Pinsel fortwarf.
Diese Schmiererei langweilt mich ja auf die Dauer! rief sie. Entweder muß man es zu etwas Großem bringen oder es ganz unterlassen.
Nein, etwas zu schreiben, das sei doch etwas ganz anderes!
Andersen entflammte ihren Muth und schmeichelte chrer Eitelkeit.
Gerade solcher Menschen wie Sie bedarf unsere Litteratur, sagte er. Dieses gerade Losgehen auf die Sache ohne Furcht und ohne Rücksicht, dieser unerschütterliche Muth, das macht das Genie!
Wenn Sie des Abends aus dem (Safe heimgingen, nahm sie aus Gewohnheit Solörs Arm, während sie fortwährend nur mit Christopher Andersen sprach.
Solör begann unruhig zu werden. Wie oft hatte sie nicht gesagt: Es giebt nichts, das mehr berechtigt wäre, als die Fürsorge für das eigene Glück. An dem Tage, wo Du nieinen Wünschen nicht mehr entsprichst, gehe ich.
Er wußte, daß der Grnnd und Boden unter ihm in jedem Augenblick, wann immer, bersten könnte. Eine Laune, ein Anfall von schlechter Stimmung würde genügen. Allein, er hatte viel zu viel von seinem bessern Selbst ertödtet und sie hatte ihm zu viel Ueberwindung gekostet, als daß er jetzt daran denken konnte, sie zu verlieren.
Eines Tages speisten Frau Sinding und Andersen zu Mittag in Solörs Atelier. Die Stimmung war heiter, und es wurde viel getrunken.
Am Abend mußte Solör ausgehen, um ein Modell zu finden, dessen er nothwendig am folgenden Tage bedurfte. Aber als er auf die Straße gekommen war. erinnerte er sich, daß er das Buch vergessen hatte, worin die Adresse des Modells notirt war, und er kehrte daher zurück.
Als er leise eintrat und sah, daß Andersen Frau Sinding umarmt hatte, stieg ihm das Blut zu Kopfe sodaß Hals und Gesicht purpurroth wurden. Seine ganze schwere Gestalt zitterte vor Wuth.
Er stürzte sich auf Andersen, ergriff ihn am Nacken itub schleuderte ihn zu Boden.
Dann fuhr sein Blick im Atelier umher, nach einer Waffe suchend, einem Slück — doch nein!
Er ergriff die Lehne eines geschnitzten Lehnstuhls, hob ihn in die Höhe und warf ihn nach Andersen. Aber dieser war bereits wieder auf die Beine gekommen.
Das sieht hier gefährlich aus, sagte er, indem er sich beeilte, die Thür hinter sich zuzuschlagen.
Frau Sinding schlich sich an der Wand entlang, um nicht von diesem Wütherich ermordert zu werden, der aussah, als ob er Jeden tödten würde, der ihm in den Weg kam.
Solör blieb allein im Atelier.
Wo ist sie? Wo ist sie?
(Schluß folgt.)
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