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1, Beilage jutn Wiesbadener Tagbiatt.

84. Morgen-Ausgabe.

Dienstag» den 20. Februar.

(12. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Zertreten.

Erzählung von H. Schönen.

Dem Norwegischen nacherzählt von Hmil Zonas. (Slutorislrt).

Sie bat eins der Mädchen, alle Schränke und Schubladen zu verschließen, worin sich Messer und andere scharfe Gegen­stände befanden, und die Schlüssel an sich zu nehmen. In Solörs Schreibtisch lag ein kleiner Revolver, womit er mit­unter Ratten auf dem Hofe erschoß.

Sie untersuchte denselben und sah, daß er geladen war.

Aber gleich darauf legte sie ihn schaudernd zurück und eilte in ein anderes Zimmer.

Sie setzte niemals ihren Fuß in das Atelier, denn wohin man indemselben blickte,überall gewahrte man Frau Sindings Portrait. Es befand sich dort in allen Größen und Stellungen.

Mathilde hatte oft ihren Mann und seine Kollegen stch ziemlich frei über die Ehe und Liebe aussprechen hören. Allein sie hatte doch diese Auslassungen gegen die allgemeine Moral als etwas betrachtet, was in ihrer Sphäre keinen Raum hatte und was niemals einen Einfluß auf ihr Leben ansüben konnte. In dem Hause ihrer Eltern wie in ihrem ganzen Umgangskreis war man an eine vornehme Denkweise und eine strenge Auffassung der Pflichten des Familien­lebens gewöhnt. Dieses krasse Verwerfen der natürlichsten Verantwortung verletzte ihre zarte Natur in dem Grade, daß sie kaum die Kraft hatte, darüber weiter zu reflektircn.

Sie begann an schrecklichem Herzklopfen zu leiden und mußte daher manchmal die halbe Nacht aufrecht im Bette zubringen. Wenn sie sich auch gegen die Kissen lehnte, fühlte sie einen erstickenden Druck, sodaß ihr der Athem ausging. Sie sprach zu Niemandem davon, sie wußte, daß es von ihrer Seelenqual kam und daß kein irdischer Arzt ihr die Beruhigung geben konnte, deren sie bedurfte. .

Manchmal vergingen mehrere Tage, ohne daß sie ein einziges Wort an Solör richtete.

Und er versuchte auch nicht in sie zu dringen, um rhre Lippen zu öffnen. Er speiste zu Hanse, befand sich aber sonst fast immer im Atelier oder außerhalb des Hauses, wahrscheinlich bei seinem Modell.

Aber eines Tages hatte er einen Auftritt mit Frau Sinding, die ihm seinen Wankelmuth, seine Feigheit vor­warf. — Er ging daheim in seinem Atelier umher, verfolgt von ihrer Verachtung, und beschloß daher, einen Slurmlauf auf seine Gattin zu versuchen.

Nun, hast Du über meinen Vorschlag nachgcdacht? fragte er sie eines Vormittags, als er sie allein fand, beschäftigt mit dem Stopfen seiner Strümpfe. ,

Sie sah auf, starrte ihn fest an und fragte mit fast klagender Stimme: Ist es denn wirklich Dein Ernst, Nils?

Mein Ernst? Nun, ich denke eigentlich nicht, daß das etwas ist, womit man zu scherzen pflegt, antwortete er, indem er ihr gegenüber stehen blieb. Aber Du brauchst nicht der Zukunft wegen ängstlich zu sein. Ich _ werde natürlich für Dich und die Kinder sorgen. Du wirst voll­ständig standesgemäß leben können. Ich habe ja Vermögen dazu.

Aengstlich wegen der Zukunft? Er glaubte also, daß sie sich nur deshalb bedachte und widerstrebte. Wie wenig er sie doch kannte und verstand!

Und dieses — dieses simple Frauenzimmer fordert oben­drein, aus meinem eigenen Munde zu hören, daß ich meinem Mann entsage?

Sie scheint zu meinen, daß dies in aller Freundschaft vor sich gehen müsse, um auch später im Leben mit einander verkehren zu können, ohne —

Dann laß cs sofort geschehen! rief Mathilde, indem sie sich erhob. Morgen!

Ja, morgen! sagte er, ganz erstaunt über ihre plötzliche Entschlossenheit. Ich hole sie selbst ab und dann speisen wir zu Mittag hier.

Wie Du willst.

Ich danke Dir, liebe Mathilde! sagte er. Du bist wirklich gut! Und Du darfst niemals zweifeln, daß Du meine volle Sympathie, meine höchste Achtung hast.

Er ergriff ihre Hand. Sie war feucht und kalt, als ob sie an Fieberschauern leide.

Solör verbrachte den Rest des Vormittags damit, seine Gemälde in Kisten zu verpacken. Er wollte selbst mit den­selben nach Paris reisen. Während des ganzen Abends war er nicht zu Hause und Mathilde saß allein, ohne nach ihren kleinen Kindern zu sehen, die sie sonst stets zu ent­kleiden und zu Belt zu legen pflegte.

Am folgenden Tage gab sie Befehl, ein besseres Mittag zu bereiten und ließ den Tisch festlich decken — aber nur für zwei. Beide Mädchen bemerkten ihren geistesabwesenden Ausdruck und ihr ruheloses Wesen. Wenn sic nach etwas fragten, schien sie es nicht zu hören, sondern wiederholte nur: Der Tisch muß recht hübsch sein. Senden Sie zum Gärtner und lassen Sie Blumen holen und besorgen Sie Champagner von der besten Sorte!

Gegen drei-Uhr Nachmittags stand sie am Fenster im Atelier und blickte über den Waldweg hinaus, der zum Hause führte.

. Die rechte Hand preßte sie krampfhaft auf die Brust, Sie rang nach Lust.

Sie vermochte ihre Gedanken nicht $«_ sammeln, nichts von Allem zu begreifen. Alle Verhältnisse waren ja über den Haufen gestürzt. Sie hatte ja keinen Platz mehr hier in der Welt. Das Gute war zum Bösen geworden und das Böse zum Guten. Kein Schamgefühl — nein, keins!

Da bemerkte sie einen geschlossenen-Wagen. Derselbe hielt vor dem Gitterthor. - 9

Solör hüpfte hinaus und reichte einer Dame die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

Mathilde taumelte zurück, die Hand auf das Herz gepreßt. Sie vermochte nicht zu athmeu. Sie wankte zum Kamin hin und sank auf das Sopha nieder.

Die Thür wurde geöffnet. Solör hatte selbst ben Schlüssel dazu. Draußen wurde laut gesprochen. Jetzt

traten sie ein. . _ .

Sieh, jetzt hast Du uns also! — Er ging zum wopha. Frau Sinding folgte ihm. . .

Was fehlt Dir? — Er stürzte hm zu ihr. Sie saß steif da mit schlaff herabhängenden Armen, halb offenem Munde und geschlossenen Augen. .

Solör ergriff ihre Hand, beugte ihre Stirn zurück und rief:

Mathilde, Mathilde! O Gott, sie ist todt!

Frau Sinding schrie laut auf und stürzte aus dem Zimmer. Er kniete neben Mathilde nieder und stöhnte laut, während er unaufhörlich ihren Namen wiederholte.

Mein Gott, mein Gott! Was habe ich gethan!

VII.

Solör war ruhelos.

Er ging gegen Abend aus und trieb stch ziellos außerhalb der Stadt umher.

Das Gesicht der Tobten folgte ihm, und er fühlte sich niemals allein. Es folgte ihm wie eine entsetzliche Anklage.

Im Profil des Halbmondes sah er ihre Züge. Die Schatten auf dem Wege von den Gaslaternen nahmen ihre Gestalt an. Der Schnee, der unter seinen Füßen knirschte, wurde ihm zu einen! Jammern einer Frauenseele in großer Noth. Er lief die Anhöhen hinauf wie ein gejagtes Pferd.

Er lief — er lief —- er stöhnte. Er setzte sich bald hier, bald dort auf einen Kilometerstein oder stützte sich auf einen Zaun, uni Athem zu schöpfen.

Gegen Morgen kam er heim und nahm Chloral, um schlafen zu können.

Der Staatsrath hatte die Kinder sofort zu sich genommen und Solör mar nunmehr allein im Haus mit zwei Dienst­mädchen. Allein diese wagten kaum ihn auzureden. Sie fürchteten das Aergste.

Er fragte nicht nach den Kindern und war für Niemanden zu sprechen.

Ein Verbrecher — versteinert, vereist aus Entsetzen über seine eigene Missethat.

Erst am Tage der Beerdigung sah er seinen Schwieger­vater wieder. Als Solör kam, waren schon viele Menschen in der Kapelle versammelt. Er begrüßte sie alle auf einmal, ohne irgend Jemand anzusehcn.

Als der Sarg in die Gruft hinabgesenkt war und die Erdschollen hart auf das Holz hinabfielen, durchrieselte ihn ein gewaltsames Zittern. Er mußte seinen Nebenmann am Arm fassen, um nicht vornüber in das Grab zu sinken.

Nach der Grabrede und dem Gesänge trennte sich das Gefolge. Nur der Vater und der Ehemann blieben an dem offenen Grabe zurück.

Fahr' wohl, Mathilde, mein geliebtes Kind! flüsterte der Alte mit grenzenlosem Schmerz, indem er auf all die duftenden Blumen hinabschaute.

Dann wandte er sich an Solör.

Hier trennen sich unsere Wege! sagte er.

Ja! antwortete Solör mit Mühe. Es wurde ihm schwer zu sprechen. Ich reise ins Ausland.

Der Staatsrath sah ihm durchdringend ins Gesicht. Diese klaren prüfenden Augen brannten wie feurige Kugeln auf Solörs Gewissen. ,

Er fühlte, daß der Alte nichts wußte — aber Alles

^^Si'e vertauschen das Land, sagte der Staatsrath, aber Ihrem bösen Gewissen können Sie nimmer entrinnen.

Die beiden Männer trennten sich, ohne den Hut zu lüften oder einander zum Abschied die Hand zu reichen.

Hast Du die gräßliche Geschichte gehört? fragte man überall in Christiania.

(Fortsetzung folgt.)

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