Beilage zum Wiesbadener Tagklatt.
>. 83. Abend-Ausgabe.
Montag, den 19. Februar.
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Schilt nimmermehr die Stunde hart.
Die fort von Dir was TheureS reißt;
Sie schreitet durch die Gegenwart Als ferner Zukunft dunkler Geist;
Sie will Dich vorbereiten, ernst.
Auf das, was unabweisbar brüht.
Damit Du heut' entbehren lernst,
Was morgen sicher raubt der Tod.
Fr. Hebbel.
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(11. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Rechte des Herzens.
Erzählung von Walther Schmidt -Köhler.
„Kann ein Menschenherz nicht lieben mit vollem Empfinden, ohne der Sünde Raum zn geben, ohne der Versuchung zu erliegen? Daß ich Dich liebe, bekenne ich frei und offen hier vor Gottes Angesicht, wenn ich es vor Menschen auch nicht bekennen darf, nicht weil ich mich zu schämen hätte, sondern nur, weil sie mich nicht verstünden! Aber ebenso bekenne ich auch, daß ans meiner Liebe zu Dir nicht der Schatten eines Makels ruht, daß diese Liebe mein Stolz ist, mein Halt und mein Trost."
„Dann bist Du größer als ich", lächelte Nicola müde, „oder lange Jahre erzwungener Entsagung haben Dein menschliches Fühlen abgestumpft und Dich gelehrt, rein und wunschlos wie Gottes Engel zu empfinden. Dann bist Du die Heilige — und ich allein der Verbrecherl Um so mehr muß ich gehen, um so weiter vor Dir fliehen!"
„Und bedenkst Du nicht, Unseliger, was dann geschieht", begann Wanda jetzt in fliegender Hast, indem ihre Wangen sich mit brennender Glüh bedeckten, „was dann unfehlbar geschehen muß? — Wenn Du Frauen so wenig kennst, dann laß mich es Dir sagen. Du bist mein Beichtiger, bist vor Gott verantwortlich für meine Seele, und glaube mir, es wird nicht die schlechteste sein, die Du ihm dereinst bringen sollst. Ich bin nicht abgestumpft, wie Dn irrthnmlich wähnst, ich habe heißeres Blut vielleicht als hundert andere Frauen, lebendigeres Gefühl und berechtigtere Wünsche! Aber ich kenne meine Pflichten und glaube an meinen Gott, der Dich in mein Leben geführt! Ich sehe darin keine Versuchung, sondern ein namenloses, überschwengliches, von der Vorsehung selbst gewolltes Glück. Wenn Du gehst, wenn Du mich zurückstößt in das Leid der Vergangenheit, um Dein bedrohtes Seelenheil durch feige Flucht zn retten, dann, das schwöre ich Dir, begehst Du ein größeres Verbrechen, als Du begehen könntest, wenn Du bleibst. Dann entziehst Du Dich der Verantwortlichkeit für das, was dann geschieht, durch Deine Schuld!"
9JUt starren Augen blickte der Priester ans sie hernieder, die vor ihm lag mit flammenden Augen und wild wogender Brust, und angstvoll klang seine Frage: „Und was kann dann geschehen? Was meinst Du damit?"
„Das will ich Dir sagen", fuhr sie fort, „und überlege dann wohl, ob Du dann noch gehst, noch 'gehen darfst: dann hast Du mich an den Abgrund des Lebens geführt, an dem ich nur hinwandeln kann an Deiner Hand. Und dort lüssest Du mich stehen und fliehst zurück. Damit aber verliere ich Alles, meinen Halt, mein kurzes freudenloses Glück und, was das Schlimmste ist. — meinen Glauben! Denn wozu ferner dann noch Pflichten üben, wozu sich klammern an ein Phantom von Moral und Ueberwindung, wenn das der Lohn großer seelischer Thaten sein soll. Nein, mein Freund, dann soll auch mein Blut sein Recht haben, das es stürmisch verlangt, dann sei die Sklavenkette der Ehe zerrissen, und nicht besser mehr will ich dann sein als tausend andere Frauen, die ohne Gewissensbisse, ohne nagende Reue ihr Leben genießen, ihr Leid in verbotenen,
heimlichen Küssen vergessen! — Dann hinab in den Abgrund, hinunter ins Allgemeine; denn die Hand, die mich stützen sollte, hat Gott selbst mir entzogen! Wühle denn, Priester, laß Dein Herz wählen und rufe Deinen Glauben zu Hülfe!"
Ernst und streng war ihr Blick ans ihn gerichtet, und doch zuckte cs daraus hervor wie namenlose Angst, wie hülflose Verzweiflung.
Er stand und kämpfte einen langen, quälerischcn Kampf, jedes ihrer Worte hatte sein Herz wie ein Blitzstrahl getroffen! Er sah in ihrer verzweifelten Logik einen Vorwand für sein Gewissen, zu bleiben, er fand einen Anker, an den er sich klammern konnte, um sein Ausharren vor sich selber zu entschuldigen, ja er war ihr dankbar ans vollstem Herzen, daß sie selber ihm einen Weg zeigte aus diesem furchtbaren Wirrsal.
Und als sie leise bittend jetzt die Frage wiederholte: „Wirst Du mich jetzt noch verlassen?" — da beugte er sich nieder zu dem blassen Menschengesicht und flüsterte heimlich, scheu, als dürften die Heiligenbilder rund umher dieses Wort nicht hören: „Nein, nein, ich bleibe ! — Ich will es versuchen wie Du, weiter zu kämpfen, und auf ein Zeichen von oben warten, was wir thun sollen!"
„Ich danke Dir!" klang es zurück. — „Und wann sehe ich Dich wieder?"
„Am Freitag!"
„So spül?!" — „Heute ist Monlag!"
„Gut denn, am Mittwoch!"
„Bis dahin fürchte ich stündlich, Dich verloren zu haben!"
„Morgen denn!"
„Auf Wiedersehen!" — Er wollte versuchen, wie sonst das Zeichen des Kreuzes über sie zu machen; aber seine Hand stockte, vor seinen Augen tanzten neckende Kobolde, ihr 'glücküberstrahlles Gesicht lachte wie Sonnenschein in seine Seele.
„Zürnst Du mir?" hauchte sie leise zn ihm empor, „weil ich Dich liebe?"
„Ich bete Dich an!" klang seine Antwort, aus der es heiß und leidenschaftlich herausbebte, daß sie unwillkürlich erschrak und das Haupt senkte — bis sein Schritt langsam auf dem Kreuzgange verhallte.
„Gandersheim! Aussteigen!" rief der Schaffner in das Coupo, und die scharfe Stimme des pflichteifrigen Beamten und der Strom kalter Nachtluft, die in den behaglich geheizten Raum drang, schreckten Fröben ans ziemlich festem Schlafe energisch auf.
Er hatte so wunderbar geträumt — lauter russische Sachen! — Er sprang, noch halb verschlafen, auf, ergriff sein Handgepäck, während ein Bahnbedicnsteter seinen Reise- kosfer°ans dem Wagen nahm, stieg ans dem Waggon, der schnell hinter ihm zugeschlagen wurde, die Lokomotive pfiff, und einen Augenblick später stand er allein in der spärlich erleuchteten Halle des kleinen Bahnhofs.
„Gandersheim!" Wie wnnderscltsam hatte ihn dieses eine Wort berührt, welche Fülle von Erinnerungen geweckt! Wie oft war er auf diesem selben Bahnhofe angekommen von der Universität mit der lichtblauen Conleurmütze, das junge Herz voll heller, sonniger Träumereien!
Dieses Wörtchen „Gandersheim" halte so lange Jahre immer so eine Art von Zielpunkt in seinem Dasein bedeutet, und die rnmplige gelbe Postkutsche, die regelmäßig rechts von der Eingangsthür hielt, hatte für ihn stets etwas Heimathliches gehabt.
Gandersheim, Postkutsche, Buchenchanssee und Barren- Hausen ivaren gleichsam für ihn die Anfangsworte für ein langes Kapitel seiner Jugendgeschichte, worin das Schönste
und Idealste geschrieben stand — lauter friedliches, wölken- loses Glück.
Auch heute wieder, wo er wie aus einer fremden, ganz anders gearteten Welt in dieses' kleine urdeutsches Land- städtschen heimkam, umfing es ihn beim ersten Schritte so traut, so bekannt, daß es ihm war. als habe er alles Vergangene nur in dem gemüthlichen Schlafcoupo geträumt.
Er schüttelte den Kopf und sah auf die Uhr. Fast 7 Uhr 20 Minuten! Er mußte sich also geirrt haben, als er auf der letzten großen Station sein Telegramm auf- aegeben hatte, daß er mit dem 8 Uhr-Zug eintreffen würde. Er hatte also noch beinahe dreiviertel Stunden Zeit, bis er den Wagen erwarten konnte, der ihn vom Schloß aus abholen sollte. In dem Wartesaal, den er langsam durchschritt, roch es nach schlechten Cigarren und abgestandenem Bier — genau so wie sonst, nichts hatte sich verändert.
Wie sonderbar ihm das vorkam! Er hatte geglaubt, Alles, Alles müsse anders geworden sein; denn er selbst kam sich doch so anders vor heute gegen damals, wo er zum letzten Mal hier gewesen war.
Er durchwanderte den langen Korridor und trat durch das Treppenhaus ins Freie. Und da übcrkam ihn erst recht das Gefühl des Heimathlichen, das Bewußtsein, daß hier nichts anders geworden war als er selbst!
Die Luft war ziemlich kalt, die Sterne funkelten in leuchtender Klarheit, und vor ihm lag die lange Pappel- chansiee, an die sich der altbekannte Buchenweg anschloß, an Dörfern und Windmühlen vorüber.
Und da tönte von fern auch schon Hufschlag und Peitschenknall, und eine Minute später glänzten die Laternen der Freiherrlich Lauterachschen Landkalesche zwischen den Stämmen der alten Pappeln.
Leo lächelte unwillkürlich über den lieben alten Klapperkasten, der auch noch ganz derselbe geblieben war.
Der alte Johann sprang vom Bock und riß grüßend den Hut herunter.
„Nun, Johann!" rief Leo - „Grüß Gott! — Wie steht's denn im Schloß?"
„Schlecht, gnädiger Herr", erwiderte der Alte, „sehr schlecht! — — Früher war mir lustiger zn Muth, wenn ich Sie abholen durfte; selbst meine zwei Braunen da hängen die Köpfe, als wenn sie wüßten, daß sie jeden Tag den Medizinalrath ins Schloß holen müssen. Es ist nur ein Glück, daß Sie endlich da sind. Die gnädige Baronin und Baroncß Hedwig haben den ganzen Tag heute die Stunden gezählt."
„Was sagt denn der Medizinalrath?" drängte Leo.
„Was soll er sagen, gnädiger Herr? Die Doktors wissen ja selber nichts, uub wenn sie was missen, so sagen sie es nicht. — Ich glaube, der gnädige Herr wird nicht lange mehr unter uns sein." — Dabei fuhr sich der Alte mit dem Rockärmel über die Augen, hing er doch an seinem Herrn wie Alle, die ihm dienten, gegen die er stets der gleiche gütige Herr gewesen war.
„Also vorwärts, Johann", rief Leo. „fahren Sie schuell; denn auch ich sehne mich danach, so schnell als möglich mich von Allem selber zn überzeugen."
In die Wagenecke gedrückt, überließ er sich ganz seinen Gedanken. Er dachte jetzt nur an die Seinen, an das schmerzliche Wiedersehen, das ihm bevorstand.
Ab und zu fiel sein Blick hinaus ans die Gegend, wo jeder Baum, jede Brücke ihn! bekannt und vertraut war. Wie lange würde er hier -bleiben, was wartete hier Alles (Hlf tfyi?
Endlich schimmerten ihm die Lichter des Schlosses entgegen, und als der Wagen an der breiten Freitreppe an- lsielt, kam die alte Baronin schon droben am Eingänge dem Heißersehnten entgegen.
(Fortsetzung folgt.)
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