1. Beilage tum Wiesbadener Tagklatt.
Wo. 82. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 18. Februar.
48. Jahrgang. 1900.
(11. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Zertreten.
Erzählung von ß. Schöpen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Kmil Zouas.
(Slutorisirt).
Die beiden Maler verschwanden brummend, aber Christopher Andersen blieb ruhig sitzen. Er ging niemals, so lange noch ein Tropfen in der Flasche übrig war.
Sie sprachen in der vorigen Woche von meinem Vorschlag, den sie dem nächsten Storthing zu machen beabsichtigen, sagte Andersen zu Solör, und den Sie in unserem Blatte vorbereitcn wollten.
Ja, nun sollen Sie hören! antwortete Solör, indem er wieder begann, den Firniß über die Leinwand zu streichen. Es ist eine verzweifelte Sache, hier in Norwegen Maler zu werden. Die Meisten würden nicht den Muth haben, damit zu beginnen, wenn sie ahnten, was sie zu ertragen haben. Die Besten von uns bekommen vielleicht Schäfers Legat, das vierhundert Kronen betrügt, oder das Staatsstipendium von sechshundert Kronen. Mit diesem und etwas mehr, bei den reichen Leuten der Stadt zusammengebettelt, zieht man dann hinaus, das Gemüth erfüllt von allerlei Blendwerk. Wenn man dann in Paris oder in München sitzt, so ist im Allgemeinen das Geld verbraucht, ehe man mit der Arbeit begonnen hat. Denn man muß sich imnier in den Museen ein wenig umsehen und die ersten Eindrücke gesammelt haben, bevor man mit Eifer an die Arbeit gehen kann. Aber ich sage, daß diese Stipendien ein Verbrechen gegen jede Künstlernatur sind; man nippt an dem Becher, aber dann reißt man den Nektar augenblicklich von unseren Lippen. Man wird durch Nahrungsmangel aufgerieben, bevor uian seine erste Entwicklung durchgemacht hat. Von hundert unterliegen neunundneunzig nur aus diesem Grunde.
Sehr einleuchtend! sagte Andersen.
In anderen Ländern, fuhr Solör fort, giebt es eine öffentliche Schule, worin jeder Künstler in seiner Jugend Unterricht erhält. Hier eignet er sich die feste technische Grundlage an, worauf er später als selbstständiger Mann weiter bauen kann. Ueberall ist es der Staat, welcher die Ausbildung der Künstler bezahlt. Das ist es, was ich hier bei uns eingeführt wissen will. Man muß davor bewahrt werden, als Bettler von der privaten Wohlthäligkeit zu leben, bis man so von Schulden erdrückt wird, daß es unmöglich ist, sich wieder zu erheben. Dies demoralisirt den Menschen, vernichtet seine Selbstachtung. Nein, der Staat muß sich ein Beispiel an anderen Ländern nehmen. Wie Spanien, Frankreich und Rußland ihre Akademien in Nom haben, so muß auch Norwegen die seinige in Paris haben. Dort müßte jeder talentvolle, vorwärtSftrebende Künstler freien Aufenthalt und Unterricht wenigstens für sechs bis acht Jahre erhalten können. Hier bei uns dies zu erlangen, kann nichts nützen, denn man wird nicht allein dadurch ausgebildet, daß man selbst arbeitet, sondern im Wesentlichen auch gerade dadurch, daß man die großen Werke der Gegcn- wart sieht.
Das ist ja eine glänzende Idee! rief Christopher Andersen. Ich werde sofort die Sache ins Werk setzen. Es ist eine
ehrenvolle Aufgabe für unser Blatt, für die Durchführung der Sache zu arbeiten. Aber ich fürchte, daß die Bauern im Storthing sich nicht zur Hcrgabe der Gelder verstehen werden.
Geht die Linke nicht darauf ein, daun versuche ich es bei der Rechten, sagte Solör. Die Kunst ist mir weit wichtiger als die Politik, und es ist vollständig gleichgültig, von welcher Seite man uns die Mittel verschafft, wenn wir sie nur erlangen.
Ach, darauf geht die Rechte gewiß niemals ein! versicherte Andersen. Wenn der Vorschlag erst im „Empor" erscheint, so wird er zugleich zu einer Sache der Linken.
Andersen blieb bis gegen Mittag sitzen, in der Hoffnung, eine Einladung zum Essen zu erhalten, aber als diese nicht kam, mußte er sich endlich entschließen, sich zu entfernen.
Solör fühlte sich sehr erleichtert, als er sich endlich allein sah.
Färö hatte es als eine Beleidigung hingeworfen, daß seine Ehe eine Widerwärtigkeit sei.
Ja, aber halte er im Grunde nicht Recht?
Konnte dieses Zusammenleben mit einer Frau, die ihm durch die Gewohnheit gleichgültig geworden war, die sittlichen Schönhcitsfordernngen befriedigen?
Solör halte selbst ein Gefühl, als ob er hinweg glitte, indem er diese leeren Floskeln ans einigen Schauspielen wiederholte. Poetische Glimmerflitter, lvomit mau den stinkenden Sumpf der Fäulniß bedeckte.
So glitt er in den Sumpf hinab.
Nein, das war wirklich nicht richtig!
Ja, Färö war doch mit allen seinen Fehlern ein muthiger Charakter. Er ging niemals auf einen Accord ein und folgte seiner Ueberzeugung. Er war mit der Frau des Componisten Bellheim nach Stockholm gereist und hatte später durch gesetzliche Trennung sie ihm genommen. Weshalb sollte er cs nicht auch thnn können, wenn sie einander liebten und beide fühlten, daß sie unmöglich einander entbehren konnten?
Solör hatte diesen Schritt von Seiten Färös stets mißbilligt, aber jetzt suchte er sein Gewissen dadurch zu beruhigen, daß er Entschuldigungen für den Freund suchte.
Seine Betrachtungen endeten damit, daß er hinauseilte, um mit Frau Sinding, deren Mann, der Architekt, gerade heute von der Stadt abwesend war. zu Mittag zu speisen.
Die Kleinen schliefen so friedlich, jedes in seinem Bett. Mathilde saß im Kinderzinimer, blaß mit gesenktem Kopfe und wartete.
Wartete.
Endlich Hörle sie ihn kommen. Sie ging in die Wohnstube, wo die Lampe auf dem Tisch brennend stand.
Aber, lieber Stils, wo hast Du Dich denn den ganzen Tag über aufgehalten? fragte sic. Ich bin Deinetwegen sehr beunruhigt gewesen.
Du hattest durchaus keine Ursache dazu, antwortete er lächelnd. Ich komme von Frau Sinding.
So. -
Ich aß zu Mittag bei ihr und blieb auch bis Abend. Ihr Mann kam gerade jetzt von der Eisenbahn.
Du bist wirklich den ganzen Tag mit ihr allein gewesen? rief Mathilde. Sie hat Herren gegenüber einen sonderbar freien Ton angenommmen. Ich kann nicht begreifen, daß ihr Mann das duldet.
Der Architekt ist ein verständiger Mann, antwortete Solör, indem er sich an den Tisch setzte. Deshalb nimmt er das Leben, wie es nun einmal ist.
Daß Deine Arbeit Dich in Anspruch nimmt, darin muß ich mich ja finden. Aber daß sie mir auch Deine freien Stunden rauben soll, das ist zu hart.
Mathilde seufzte tief.
Du mußt Dich sobald als möglich darin finden, sagteer.
Weshalb? Sage, weshalb soll ich . mich in so etwas finden? fragte sie heftig.
Weil ich sie liebe, antwortete er. Ich liebe sie!
Nils! schrie sie, indem sie ihn mit aufgerissenen Augen
anstarrte. t _
Mache mir keine Vorwürfe! sagte er trocken und kalt wie ein Arzt, der ruhig in lebendes Menschenfleisch schneidet.
Sie schwieg, setzte sich ihm gegenüber auf die andere Seite des Tisches und stützte den Kopf in die Hand mit einem Ausdruck des überwältigenden Schmerzes, als ob Jemand ihr einen Schlag auf daS Gehirn versetzt hätte. Sie fühlte den äußersten Schmerz der Angst.
Wir können ebenso gut auch gleich darüber sprechen, fuhr er fort. Wenn die Erotik verdunstet ist, daun ist jedes fernere Zusammenleben eine Uuschönheit.
Ist denn Treue und Achtung vor der Vergangenheit nicht die größte Schönheit? fragte sie.
Laß uns keine Wortglauberei treiben, sondern gerade auf die Sache losgchen, sagte er. Frau Sinding und ich sind darüber einig getvordcn, daß mir beide glücklich sein würden, wenn wir von unseren respckliven Gatten getrennt würden. Der Architekt hat nichts dagegen. Es kommt also nur auf Dick an. Frau Sinding ist eine sehr delikate Natur, und selbst wenn cs möglich sein würde, die Trennung ohne Deine Einwilligung zu erreichen, was ich übrigens nach norwegischem Gesetz nicht kann, so würde sie sich doch nicht auf die Sache einlassen, ohne daß Du sie billigst.
Das, Nils — das ist zu viel! stotterte Mathilde.
Ich schlage vor, daß ich Frau Sinding hierher führe, sagte er in demselben Ton; dann könnt Ihr beide ja in aller Gemüthlichkeit darüber verhandeln.
Und als seine Fra» zu weinen begann, fügte er hinzu:
Aber laß uns endlich vernünftig sein und die Sache mit Ruhe auffassen! Willst Du nicht, so wird natürlich niemals etwas daraus; aber ich kann nicht begreifen, welche Befriedigung man darin finden kann, sich an einen Menschen gebunden zu ivissen, der am liebsten von einem befreit sein will.
Ich gebe niemals meine Einwilligung! sagte sie. Unserer Kinder wegen und auch meinet Famlie wegen thue ich es niemals! Nils, Du niußt ja ganz von Sinnen sei». Es ist eine fürchterliche, himmelschreiende Sünde, die Du da begehen willst! Begreifst Du denn das nicht selbst?
Sünde! wiederholte er ungeduldig. Was ist das für ein kindisches Gespräch! rief er, indem er sich erhob, in sein Schlafzimmer ging und sich zur Ruhe legte.
Aber von jetzt ab bekani Mathilde nicht einen Augenblick Schlaf. Sie stand mehrmals während der Nächte auf und wunderte ruhelos auf und ab.
Solör dagegen schlief wie ein Stein und hörte icichts. Ihre Hülflosigkeit rührte ihn nicht.
(Fortsetzung folgt.)
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