1. Anlage nun Wiesbadener Tagblatt.
. 78. Morgen-Ausgabe.
Freitag» den 16. Februar.
48. Jahrgang. 1960.
(9. Fortsetzung.) (Nachdruck vcrbolcu.)
Zertreten.
Erzählung von H. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Kmik Zonas.
(Slutorifirt).
Sie war sichtbar daran gewöhnt, stets der Mittelpunkt des Kreises zu sein. Hörte man nicht auf jede ihrer Bemerkungen, dann schrie sie so laut, daß die Andern zu schweigen gezwungen wurde.
Sie schenkte Chocolade und Wein ein, bot Butterbrod und Cakes an, lachte und schwatzte über alle möglichen Dinge, sodaß es im ganzen Haus widerhallte.
Die Herren schmeichelten ihr unablässig und die dunklen flammenden Augen ermunterten bald den einen, bald den andern, bis sich alle einbildeten, in ihrer speciellen Gunst zu stehen.
Ist es wahr, daß Sie sich mit der Absicht tragen, eine Malerschule für Damen zu errichten? fragte sie Solör.
Ja, ich habe mit meinen Freunden bereits viel darüber gesprochen, antwortete er, und ich hoffe, sie wird gleich nach Weihnachten beginnen können. Zu meinem Leidwesen werde ich wohl wenig Zeit erübrigen, um mich weiter damit beschäftigen zn können. Aber ich habe mich nicht der Verpflichtung entziehen wollen, die Sache zu nnterstützcu.
Wenn Sie Lehrer in dieser Schule sein wollen, dann würde ich sie auch besuchen, sagte sie. Denn Ihre Gemälde sind die schönsten, die ich in der Welt gesehen habe.
Die Gesellschaft lachte und Solör dankte lächelnd.
Aber hast Du auch Anlage zum Zeichnen und Malen? fragte eine ihrer Freundinnen. Darüber habe ich von Dir noch nie etwas gehört.
Es ist mir ziemlich gleichgültig, ob ich Anlage habe oder nicht, antwortete Frau Sinding kühn. Ich gehöre ja zn denen, die da glauben, daß in der Kunst wie in allen anderen Dingen der Wille das halbe Talent ausmacht.
Doch Solör saß in sich gekehrt und dachte darüber nach, daß diese Frau Sinding ein prächtiges Modell sein würde, gerade ein solches, wie er es suchte. Solör hatte sich nämlich dazu entschlossen, eine Reihe Bilder zu malen, die das norwegische Wintcrleben in Stadt und Land darstellen sollten. Und ihr kastanienbraunes Haar, die schwarzen Augenbrauen über den großen flammenden Augen, der rothe gewölbte Mund, ein festes fleischiges Kinn, das feine Oval des Gesichts, ihre schlanke Figur mit den runden Schultern — Alles war wie geschaffen für seine Idee.
Wenn Sie, gnädige Frau, sich als Schülerin melden, dann werde ich ganz sicher dort auch Lehrer sein, sagte er lächelnd.
Infolge dieser Erklärung fand sie, daß sie ihn mit Lachen und witzigen Worten herausfordern könnte, was während der ganzen Mahlzeit fortdauerte.
Nach einigen Stunden Ruhe wollte die Gesellschaft zur Stadt zurückkehren. Sie holten die Schneeschuhe und die Stöcke herbei und ein paar Minuten darauf ging es in sausender Fahrt den Berg hinab, sodaß Schnee und Eiszapfen hoch in die Luft und um ihre Ohren flogen.
Solör setzte sich auf seinem langen Schlitten zurecht und fuhr hinterher.
Seine Augen verfolgten Frau Sinding, wie sie auf den Schneeschuhen in pfeilschneller Fahrt hinabglitt. Bald war sie ihm voran, leicht und sicher wie der Vogel in der Luft, bald dicht neben ihm oder auch zwischen den Bäunien im Walde, stets gleich kühn und unerschrocken.
Da habe ich mein Modell! Ich habe es! dachte Solör überglücklich.
Er sah das projektirte Gemälde lebhaft vor sich.
VI.
Du kommst heute sehr spät, sagte Mathilde. Ich fürchte, daß das Essen kalt geworden ist. Ich habe bereits über eine Stunde auf Dich gewartet.
Ist es wirklich so spät? erwiderte er, indem er auf die Uhr sah. Ja, es ist fast vier Uhr.
Bist Du so lange in der Malerschule gewesen?
Ja, wir bekommen immer mehr Schüler, und man nmß ja einige Zeit auf jeden verwenden.
Aber es ist ja schon ganz finster. Die Schüler können doch so spät nicht mehr zur Arbeit sehen.
Nein, ich habe auch eine kleine Promenade gemacht.
Allein?
Das ist ja ein langes Verhör! Man sollte glauben. Du wärst Untersuchungsrichter.
Erzähle mir, mit wem Du spazieren gingst? bat sie.
Nun ja, sehr gern! Es ist durchaus kein Geheimniß. Ich begleitete Frau Sinding zu ihren Schwiegereltern hinaus.
Hast Du schon wieder mit ihr eine Promenade gemacht? fragte Mathilde sehr ernst gestimmt.
Sieh Dich doch vor. Du schüttest ja die Suppe auf das Tischtuch, sagte er. Ja. es ist eine unglaublich witzige Person. Ein brillanter Kopf! Und stets hat sic so viele Geschichten zu erzählen! Sie hat einen Blick für alles Komische, der ganz großartig ist.
Wenn sie sich seit ihrer Kindheit nicht sehr verändert hat, muß ich gestehen, daß ich sie wenig einnehmend finde, sagte Mathilde. Wir saßen viele Jahre lang in der Schule nebeneinander, rind ich erinnere mich noch sehr gut, wie boshaft und egoistisch sie war. Sie war stets diejenige, die allerlei Dummheiten erfand; wenn sie aber entdeckt wurde, dann brachte sie ihre Freundinnen in Verlegenheit, um sich selbst zu retten.
Ach, was ist das für eine dumme Ansicht; antwortete Solör. Kann man denn die Menschen danach beurtheilen, was sie einst als Kinder gewesen sind?
Die Grnndzüge des Charakters bleiben sicherlich dieselben, antwortete Mathilde, das habe ich an allen meinen andern. Freundinnen erfahren. Außerdem meine ich, daß ihr Betragen keine große Achtung einflößt. Sie ist eine schlechte Gattin und eine schlechte Mutter.
Was weißt Du davon? fragte er ärgerlich.
Ich weiß es, da sie sich selbst keine Mühe giebt, es zu ’ verbergen und das genügt mir, um ihren Charakter darnach zu beurtheilen. Sie hat Pflichten sowohl ihrem Manne, als ihren Kindern gegenüber, aber sie scheinen sie durchaus nicht zu bedrücken. Sie ist ja fast vom Morgen bis zum Abend außerhalb ihres Hauses. Sie deklamirt mit einem Schauspieler, singt mit einem Opernsänger, zeichnet nach Gips mit den Malern, und wozu dies Alles? Sie hat nicht das geringste Talent zu allen diesen Dingen.
Wer hat Dir denn gesagt, daß sie kein Talent hat?
Das hast Du selbst zu Anfang gesagt, ehe Du so unendlich von ihr eingenommen lvnrdcst.
Mathilde!
Ja, ich habe Alles wohl bemerkt, fuhr sie fort. Es herrscht nur eine Meinung darüber, daß Fra» Sinding den schönen Künsten huldigt, bloß um die Lehrer dazu zu bringen, ihr die Cour zu machen.
Aber, liebe Mathilde, ich kenne Dich ja gar nicht wieder! sagte Solör. Du, die niemals eine lebende Seele schlecht gemacht hast, und jetzt fließt Deine Zunge über vor Galle! Es ist nicht hübsch von Dir, so zu sprechen. Aber die Frauen sind ja stets am rücksichtslosesten gegen ihr eigenes Geschlecht.
Dies war weder der erste noch der letzte scharfe Meinungsaustausch über dieselbe Sache. Aber trotz des unverschleierten Widerwillens Mathildes bedachte Solör sich durchaus nicht, Frau Sinding aufzufordern, ihm Modell zu stehen.
Wo es seine Kunst galt, war er stets unerschütterlich wie der Dovrefjeld.
Solör ließ ein Haus von Spiegelglas bauen und auf die Eisbahn hinabrolleu. Nachdem er eine Momentphotographie der Bahn und aller Schlittschuhläufer ausgenommen halte, wurde Frau Sinding außerhalb des Glashauses aufgestellt. Er ließ ihr Kuchen, Champagner und Cognac reichen, um sich warm halten zu können, und dann war sie bereit, über die Bahn hinabzugleiten, leicht nach vorn geneigt, mit lächelndem Munde und glänzenden Augen.
Sie trug einen schwarzen Sammetmantel mit rothem Fuchspelz garnirt und ein entsprechendes Pclzbarett auf dem Kopfe.
Die Schlittschuhläufer sammelten sich oftmals schaacen- weise, um den Maler und sein Modell zu sehen, und sie genoß diese Neugierde als einen öffentlichen Triumph.
Später war cs eine Schlittenfahrt nach dem Fragnersätter. Sie saß im Schlitten mit einem jungen Steuermann hinter sich und einer ihrer kleinen Töchter vorn. Hinab ging es in rasender Fahrt. Ein anderes Mal stand sie auf Schneeschuhen mit einer weißen Tuchjacke, eingefaßt mit Schwanenpelz und entsprechendem Barett.
Wie Solör doch entzückt war, wenn er von diesen Ausflügen zurückkehrte, die sehr oft vom Morgen bis zum späten Nachmittag dauerten!
Mit diesem Modell werde ich berühmt! wiederholte er. Ich werde Europa etwas von dem frischen Leben hier oben ini Norden zeigen. Und welch reizende Person ist diese Frau Sinding! Lacht und trinkt wie ein guter Kamerad, lauter Munterkeit und Muth.
Seine Gattin saß schweigend beim Mittagsmahl, wo diese seine Stimmungen im Allgemeinen zum Ausbruch kamen. Sie vermochte nicht mehr die Grenze zwischen der Begeisterung für das Modell und derjenigen für das Weib zu ziehen, und sie gab ihm selbst durch ihre eifersüchtigen Andeutungen den Gedanken an Frau Sinding als an etwas mehr als Modell ein.
Mathilde, die nach der Heimkehr nach Norwegen wieder belebt worden war, begann aufs Neue zusammenzusinken und müde zu erscheinen.
(Fortsetzung folgt.)
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