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1. Beilage zum Miesda-ener Tagblatt.

Us. V6. Morgen-Ausgabe. Donnerstag» bru 15. Februar. 48. Jahrgang. 1900.

(8. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Zertreten.

Erzählung von H. Kchöyen.

Dem Norwegischen nachcrzählt von Emil Jonas.

(Autorisirt).

Hier kamen nicht allein die Werke der Lehrer, sondern auch die Werke der meist unreifen Schüler in erster Reihe. Aber die Nichtbckehrten mußten sich damit begnügen, in den unglücklichsten Ecken oder hoch oben an der Decke angebracht zu werden.

Einer von dem Stab dieser Separatisten trat sogar in dem Blatt „Empor" auf und blies in die Posaune für alle seine Gesinnungsgenossen. Portraits und Biographicen wurden durch dasselbe Organ über das ganze Land ver­breitet. Man schlug sich bei dem Aushängen der Bilder, man kämpfte in den Zeitungen gegen einander, mau hielt Versammlungen in Solörs Atelier ab, trank und focht mit Worten, als ob cs die Errettung oder den Untergang des ganzen Volkes gelte.

Solör kam in Stimmung. Es >var etwas Erfrischendes in diesem ganzen Kampf für ihn; der wirkte auf den Geist wie ein kaltes Bad auf den Körper.

Und wie er jetzt hoch aufgerichtet und tvohl genährt einherging mit spitzem blonden Schnurrbart unter einer langen, breiten Nase, die Stirn etwas dünn behaart, aber sonst mit üppigem Hellen seidenen Haar über dem rothen fleischigen Nacken, mit etwas hervorstehenden Augen, breit und mächtig, war er ein lebendiges Bild der Lebensfreude und der Sorglosigkeit.

V.

Eines Sonntags Morgens um die Weihnachtszeit wollte Nils Solör eine längere Tour machen, um Motive zu einer Winterlaudschaft zu suchen.

Er nahm seinen Weg über einen der waldbestandenen Höhenrücken, die das Christianiathal umschließen. Einen Schlitten zog er an einem Tau hinter sich her, während die andere Hand sich fest um einen dicken Stab schloß, der bei der Herabfahrt als Steuer dienen sollte.

Er trug eine kurze Jacke, während die Hosen in die wasserdichten Stiefel gesteckt waren, weiße wollene Handschuhe an den Händen und eine Pelzmütze auf dem Kopf.

Nach einer mehrstündigen Wanderung bergan durch Wald und Oede erreichte er eine Lichtung auf der Hochebene. Hier lag ein kleines Blockhaus mit kleinen achtscheibigen Fenstern nud mit einer Steinbank vor der Thür.

Ach, wie herrlich! murmelte Solör, indem er stehen blieb und die Gegend beschaute. Der Abhang gerade unter ihm war mit dichtem Wald von Tannen und Fichten bewachsen, deren Zweige von dem neugefallencn Schnee beschwert waren. Weiß in Weiß auf allen Seiten mit tausendfarbigem Glitzern im Sonnenschein.

Unterhalb breitete sich die Landschaft mit ihren großen schneeweißen Feldern aus und hie und da gewahrte man einen rothgestrichenen Bauernhof, um welchen einige grau­schwarze Flecken sichtbar wurden. Es waren blattlose Obstbäume.

Dort unten links einige zerstreute dunkle Spitzen zwischen

unregelmäßigen Nebelmassen in wirr durcheinander laufenden Linien: die Stadt Christiania.

Und endlich weit hinaus am Horizont blanke glänzende und unzählige dunkle Streifen — nänilich der Fjord mit seinem Reichthum von Inseln. Durch die Luft wurde ein ferner Glockenklaug von den Kirchen, die zur Hochmesse läuteten, zu ihm getragen.

Wie herrlich! murmelte Solör aufs Neue vor sich hin. Er athmele tief auf, als ob er die Lunge mit der leichten gebirgsfrischen Lust erfüllen wollte.

Er stellte den Schlitten an die Wand, dann öffnete er die niedrige ungestrichene Thür und trat ein.

Auf einem Tisch in der Ecke standen Teller mit Kuchen und frischem Weizeubrod, einige Gläser mit Zuckeriverk, sowie ein ganzes Regiment von Flaschen mit Bier und Sclterswasser.

Eine dicke rothhaarige Frau stand hinter dem Tisch und begrüßte den Eintretenden mit großer Freundlichkeit.

Guten Tag! Wollen Sie etwas zu trinken haben?

Hinter ihr stand die Thür zu einer kleinen Küche offen, wo ein Kupferkessel an einer eisernen Kette über dem Herde hing.

Ja, eine Tasse Kaffee! Aber recht starken Kaffee! sagte Solör, indem er die Fausthandschuhe auszog.

Er ging langsam nach der zweiten Slnbe, deren ganzes Möblement aus einem runden, nngestrichencn Tisch, sowie einigen alten Holzstühlen bestand.

Außerhalb des Hags vernahm man ein lebhaftes Pferde- gewieher und das Schellengeläute nahender Schlitten.

Solör guckte durch die kleinen Scheiben des Felisters hinaus.

Ein Mann in einem Wolfspelz kam in einem Schlitten gefahren. Ein junger Bursche saß hinten auf dem Sitz. Sie übergaben das Pferd dem Wirlh, der aus dem Lokal herausgckommen war, schüttelten sich den Schnee ab und traten ein.

Zwei Cognacs! befahl der Aeltcste.

Sie setzten sich an einen Tisch und begannen von Politik zu sprechen.

Aber wo bleibt der Cognac, Madame Wik? Kommt er denn nicht bald?

Ja, ja, hier ist er schon!

Gleich darauf bekam auch Solör seinen Kaffee. Während er denselben schlürfte, hörte er Lachen und lebhaften Wortwechsel draußen aus dem Hag. Er saß mit dem Gesicht dicht am Fenster und sah hinaus.

Es kam eine Gesellschaft von Stadtleuten ans Schnee­schuhen mit hohen Stöcken in den Händen herangesaust. Die Herren trugen ^Pelzmützen und Zacken, die Damen hatten kurze Jäckels in verschiedenen Farben.

Die hohe Braunhaarige mit den glänzenden Feueraugen unter dem Eiderdauncnbarett und im der weißwollenen Jacke, wie majestätisch sie sich hielt, gleich einem stolzen Fichtenbaum!

Jetzt waren sie dicht an der Thür. Sie nahmen die Schnee­schuhe ab und stellten sie an die Wand des Hauses und stürmten in die große Stube unter Lachen und heiteren Worten.

Sinding hat die Flaschen in seinen Rocktaschen.

Nein, der Leutnant hat sie bekommen! Ich habe die Chocolade.

Aber die Butterbrode, wer hat die genommen?

Hier sind sie! Hier sind sie!

Können Sie uns wohl ein anderes Zimmer geben? Hier riecht cs ja so nach Tabak und Branntwein.

Ja, seien Sie so gütig in die Kammer einzutreten, antwortete die Wirthin. Dort sitzt freilich Jemand, aber das kann Sic wohl nicht gcnireu. Vornehme Leute passen ja leicht zusammen.

Die weiße Jacke und das Eiderdaunenbarett erschienen plötzlich mitten in der Thür.

Solör erhob sich und verbeugte sich.

Wollen die Herrschaften nicht näher treten? fragte er. Ich kann mich ja in das andere Zimmer setzen.

Nein, auf keinen Fall, antwortete ein jüngerer Mann, der in demselben Augenblick eintrat. Er war klein von Wuchs mit kurz geschnittenem hellen Haar und scharf ge» zeichnetem Antlitz.

Bist Du es, Gabriel Sinding? rief Solör, indem er ihm die Hand reichte.

Ja, das ist in der That eine angenehme Begegnung, sagte der Architekt Sinding.

Er stellte Solör Jedem aus der Gesellschaft vor und schließlich auch seiner Frau. Dies war die Dame mit dem weißen Barett und den glänzenden Augen.

Aber als Solör sie anreden wollte, trat die dicke roth­haarige Wirthin ein und unterbrach sie:

Sie haben vergessen, mir die Chocolade zu geben.

Hier ist sie, sagte Frau Sinding, indem sie in einem Beutel suchte und ein langes Packet hervorzog. Dann holte sie Cakes und Butterbrode heraus und begann sie auf dem Tisch auszubreiten.

Die Anderen nahmen ihre äußeren Jacken ab und hängten sie an den Wänden herum auf.

Das ist ja ein vollständiges Idyll auf der Weide, rief eine blonde Dame, die zuletzt eintrat. Denken Sie nur, Leutnant Petcrsen sagte, daß er sich erschießen will, wenn ich ihm abschlage, morgen mit ihm eine Schlittenfahrt zu machen! erzählte sie lächelnd.

Ach, dummes Geschwätz! sagte der Architekt Sinding mit verächtlicher Miene. Lassen Sie ihn sich ertränken oder erschießen, wenn eS ihm beliebt! Sie haben ja uns ver­sprochen, morgen zu uns zu kommen.

Du wärst es sicherlich nicht, der sich um solcher Kleinig­keiten willen erschießen würde, fiel seine Gattin mit einem etwas höhnischen Tonfall ein.

Ich liebe diese Art Knalleffekte nicht, antwortete er und tvairdte sich dann an Solör.

Komm nun, alter Freund, sagte er, und nimm fürlieb!

Solör nahm mit Freude die Einladung an.

Es ist wohl ungefähr zehn Jahre, her, seit wir uns in München trafen?

Ja, so lange kann es wohl ungefähr her sein.

Und Du bist also auch verheirathet?

Ja, freilich! Diesen Weg schlagen wir ja fast Alle ein, antwortete Sinding, indem er gleich darauf auf einen andern Gegenstand' überging.

Sie frischten ihre gemeinsamen Erinnerungen aus ihrer Studienzeit in München wieder ans.

Aber Frau Sinding duldet- es nicht, daß man ohne ihre Einmischung lange mit einander sprach.

(Fortsetzung folgt.)

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