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Wiksbs-enkr TsgbM.

* 9 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch di« Post 1 Mk. «o Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

17,000 Kboimettten.

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Ra. 77.

Fernsprecher No. 52.

Donnerstag» den 13. Februar.

Fernsprecher N». 52.

1900,

übend -Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Ans Cis ttnd Trans.

(Von unserem K o r r e s p o n d e n t e n.)

Mir», 12. Februar.

Dem Ministerium Körber ist etwas Großes geglückt: neue Hoffnungen zu erwecken. Die Wiener Verständigungs­konferenzen, an welchen die Vertreter sämmtlicher Parteien, mit Ausnahme der Radikalen, theiluehmcn, haben diesen Hoffnungen sogar ein festes Rückgrat gegeben. Optimistische Äemnlher beginnen bereits von einem neuen Organismus zu träumen, der aus dem bon Di. Körber sorgfältig vor­bereiteten Stoff Fleisch und Blut bekommen soll. Man weiß, daß diesmal die Konferenzen eine lange Zeit währen werden, doch man beschcidet sich gern, da man auch weiß, daß man es diesmal wirklich einmal mit gründlichen Reformen zu thun hat, mit einem ganzen Komplex von Reformen, welche die Landtagswahl- srdnung ebenso wie die Sprachenfrage umfassen. Und die Sprachenfrage in Oesterreich hat schon lange aufgchört, eine pur oxcolloneo nationale Angelegenheit zu sein, sie ist zur Zeit auch zu einer Existenzfrage, einer Brodfrage geworden, welche Tausende von Beamtenfamilien intercssirt und in deren Lebensbedingungen tief eingrcist. Mit der Macht­frage parallel läuft also jetzt auch die Sorge um die Existenz, und aus diesen Lcbensnothwendigkciten leuchtet ein schwacher Hoffnungsschimmer auch zu diu Staats- nothwendigkeiten auf. Der Reichsrath wird im Laufe dieser Woche wieder einberufen werden, und die Regierung wird dort den Versuch machen, den Ausgleich mit Ungarn zumindest in Raten ratifiziren zu lassen. Im Oberhause wird ein neuer Pairsschub erwartet; es gicbt so viele emeritirte Excellenzen. Das ist im Großen und Ganzen Alles, was bis jetzt aus „Eis" Neues gemeldet werden kann. ' — In Transleithanien wartet das Ministerium Szell ruhig auf die Entwicklung der Dinge in Oesterreich. Herr v. Szell befolgt hierbei jedoch das alte Prinzip: „81 eis pacem para belluml“ und arbeitet im Verein mit dem Handelsminister eifrig au dem autonomen Zolltarif. In­zwischen feiert er im Parlament, wo er sich gegen den Vorwurf einer zu wenig nationalen Politik vertheidigen mußte, billige Redner-Triumphe und hört, als kluger Mann, selbst aus dem Donner des Beifalls der parlamentarischen Arena das leise Grollen seiner Feinde, die auf die Gelegen­heit lauern, dem glücklichen Premier ein Bein zu stellen. 'Seine Feinde — das ist vor Allem Baron Banffy und sein Anhang. Der Rache brütende Vorgänger Szells hat in letzter Zeit sogar mit großen materiellen Opfern ein eigenes Organ, „Das ungarische Wort", gegründet, welches täglich Feuer und Flamme gegen Szell speit und ihn täglich

mit neuen l'ngelcgenheiteu ans seiner politischen _ Be­schaulichkeit aufscheucht. Im Hause Banffys finden sekrete politische Kouventikel statt, die gegen den Kabinettschef einen geheimen, erbitterten Kampf organi- stren: Ihren Haupttrnmpf gedenken die Verschwörer

auszuspielen, wenn Szell — und nian wähnt die Zeit nahe — mit dem Projekte der Vermehrung des Truppen- Kontingents um jährlich 50,000 Mann aus den Plan treten sollte. Herr v. Szell soll sich hierfür mit Haut und Haaren der Hof-Militär-Partei verschrieben haben, und Baron Banffy weiß cs nur zu gut, wie unpopulär eine solche Vor­lage in Ungarn sein wird. Denn — bei Einreichung der­selben soll das ganze schwere Geschütz aufgefahren werden, welche die feste Burg Herrn v. SzellS in die Luft sprengen soll. Bis dahin vertreibt man sich die Zeit, mit allerhand hübschen Kleinigkeiten. Sa beschuldigen die Organe Szells Banffy des Verrathes amtlicher Akten­stücke, welche derselbe, um Szell ungelegen zu werden, in seinem Blatte in der Frage der Subventionirung der rumänischen Schulen in Siebenbürgen publizircn ließ. DaS Organ Banffys ist hierüber außer Rand und Band und droht mit der Pnblizirung der Liste jener kleinen Geschenke, welche so schön die Freundschaft erhalten und die den Schlüssel zu der Haltung der oppositionellen Führer Polonyi, Bartha, Hollo, tzoranscky et tutti qnanti Szell gegenüber bieten sollen. Mit solchen netten Bagatellen vergeht die Zeit ....

Deutsches Reich.

H e r r f u r t h ff.

Der, wie gemeldet, gestern im Alter von noch nicht 70 Jahren verstorbene ehemalige Minister Herrfurth gehörte zu den Staatsmännern, die sich des entschiedenen Miß­trauens der Rechten zu erfreuen haben, weil sie trotz ihrer unzweifelhaft konservativen Gesinnung zu selbstbewußt und zu tüchtig sind, um sich der Herrschaft des ostelbischen Geistes unterzuordnen. Der Verstorbene, der auf der Stufenleiter des Verwaltungsdienstes langsam und regelmäßig empor­gestiegen war, bedeutete durch seine Charaktereigenschaften und seinen Geist sehr viel mehr, als es ein Durchschnitts- bürcaukrat zu bedeuten pflegt. Während er nach außen hin kaum irgcndivclche bestimmenden Züge einer markanten Persönlichkeit zeigte, wußten seine Freunde, daß er nicht nur ein Manu von erprobter Ehrlichkeit, von tiefem Wissen und reicher Erfahrung ivar, sondern daß ihn zugleich die Vorzüge einer geschlossenen Individualität zierten. So glich er in manchen Beziehungen dem Grafen Caprivi, an den auch sein Schicksal erinnert. Wie die Konservativen es dem zweiten Reichskanzler nicht verzeihen konnten, daß er die Erbschaft des Fürsten Bismarck anzutrcten gewagt hatte, so gericth Herr Herrfurth sofort in die Linie der konservativen Ab­neigung durch den Umstand allein, daß er den Ruf des

Kaisers Friedrich, die Puttkamersche Erbschaft zu liquidiren, bereitwillig aunahm. Es kam hinzu, daß er ein bürgerlicher Mann war. Das feudale Ostelbierthum lebt nun einmal in der sonderbaren, durch die Praxis aber hinlänglich gerecht­fertigten Vorstellung, daß das Ministerium des Innern dem Adel Vorbehalten bleiben müsse. Irrungen aller Art traten in dem Verhältniß des Ministers Herrfurth zur Rechten alsbald ein. Seine Landgemeinde - Ordnung berück­sichtigte nach ihrer unwilligen Auffassung nicht ge­nügend die Bedürfnisse und Rechte der Rittergutsbesitzer; seine Stellung zur Miquelschen Grnndfleuerreform brachte ihn in einen immer schärferen Gegensatz zu dem Liebling der Rechten, und so ging er denn im August 1892, um zu­nächst noch ein Jahr lang als Mitglied des Abgeordneten­hauses der Ocffentlichkeit auzugehörcn. Sein Zurücktreten in das Privatleben bedeutete aber nicht, daß er auf die lebendigst- Theilnahme vom öffentlichen Lebeir verzichtete. Herrfurth führte eine vortreffliche Feder, und mehrere Auf­sätze von ihm, so in der „Deutschen' Revue", zeigten, daß er nicht gesonnen war, sich die Grundlagen seiner er­sprießlichen Amtsthätigkeit durch tendenziöse Angriffe von rechts her verschieben zu lassen. Ein wackerer Mann, ein Mann der Gerechtigkeit und des Wohlwollens, ein aus­gezeichneter Beamter, ein Staatsmann im edelsten Sinne des Wortes ist mit Herrfurth jetzt aus dem Leben geschieden.

Berlin und Detmold.

Die Flottenvorlage, die schon so viele merkwürdige Ver­schiebungen in der deutschen Politik herbeigeführt hat, scheint dazu bestimmt zu sein, die Beziehungen zwischen dem Kaiser und dem Graf-Regenten von Lippe zu bessern. Das überaus freundlich gehaltene Telegramm, mit dem der Kaiser dem Graf-Regenten seinen „freudigen und verbindlichen Dank" für die Gründung eines Landesausschusses des deutschen Flotteuvereins ausdrückt, deutet auf einen Wandel in den Gesinnungen des Kaisers hin, und dieser Dank wird in Detmold wahrscheinlich sehr lebhafte Hoffnungen Hervor­rufen, zumal auch der Generalmajor v. Rodewald in Detmold eine gleich liebenswürdig abgefaßte Depesche des Kaisers erhalten hat. Der General dürfte daraus entnehmen, daß in Berlin ein über die selbstverständlichen rein formellen Beziehungen hinausgehendes Verhältniß größerer Herzlichkeit nicht mehr unerwünscht ist, und er wird sich danach zu richten verstehen. In der Sache selbst wird ja durch diesen Zwischenfall nichts geändert. Die Lippesche Thronfolgefrage ist für die Dauer der Regentschaft des Graf-Regenten er­ledigt, und was später kommen mag, weiß heute Keiner zu sagen, da der schon einmal beschrittcne Weg eines Schieds­gerichts unter Umständen wieder beschritten werden wird. Indessen kann es nur zur Befriedigung gereichen, wenn die vorhandenen sachlichen Gegensätze nicht mehr mit der früheren Schroffheit auf das persönliche Gebiet hinüber- greifen.

Giordano Anno.

(Zu seinem 300-jährigen Todestage.)

In der ganzen civilisirten Welt wird gegenwärtig Giordano Bruno gefeiert, der am 17. Februar vor 300 Jahren auf dem Campo di Fiore zu Rom verbrannt wurde

— ein Märtyrer der Wissenschaft. Seine Stellung in der Geschichte des menschlichen Geisteslebens, besonders seine Bedeutung für die tiefere Erfassung des „Welträthscls" würdigt in durchaus selbständiger und eigenthümlicher Auf­fassung der dänische Historiker Troels-Lund in seinem Buche Himmelsbild und Weltanschauung.*) Seine Ausführungen dürften darum noch besonders geeignet sein, das Gedächtniß Giordano Brunos zu erneuern.

* * *

Das 16. Jahrhundert war ein abschließender Punkt in oer Entwickelung der Menschheit. Jahrtausende alte Ge- tdanken flammten hier mit erneuter Kraft auf, leuchteten, nachdem sie Alle durchdrungen hatten, jetzt zum letzten Riale. Teufelsglaube und Sterndeutung setzten Alle in Aufruhr, indem sie als zwei gewaltige Ilngehcner der Vergangenheit iom Boden aufschoffen und sich im Kampfe erhoben. Der Schuß, welcher sie fällte, schloß eine lauge und merk­würdige Periode in der Entwickelung der Menschheit ab und weihte die neue ein, au deren Schwelle wir stehen.

— Warum mußte die Lebensbcleuchtung des 16. Jahr-

*) Das Buch, das vor Kurzem bei B. G. Teubner. Leipzig, m 2. und 3. Tausend erschienen ist, hat im Norden r»,gecheckte Auf- aerksamkcit erregt, ist hier als Bibel der Humanität bezeichnet oordcn und hat auch in der deutschen Ausgabe sich einer außer- rdentlich günstigen Aufnahme zu erfreuen gehabt. Es will m der Darstellung des Verhältnisses zwischen „Hiimnelsbcld und Welt- nschaunna im Wandel der Zeiten" den treibenden Gedanken m ^er Entwickelung des menschlichen Geistes zeigen und giebt so eure öeschjchle des menschlichen Denkens vom Morgen der Zeiten bis ur Gegenwart, ausgehend von den einfachsten und doch wieder iefsten Fragen, die das Dasein stellt, die cs der Menschheit immer cstellt hat und die von ihr stets aufs Neue zu beantworten ver­acht worden sind: Was sind Licht und Dunkel, Tag und Nacht, >le weit ist's von der Erde bis zum Himmel?

Hunderts aufhören? Was gab den Anstoß zu dem geistigen Durchbruch, von dem wir mit Recht den Sturz des uralten Eedankengangcs, den Anfang einer neuen Hauptperiode datiren? Wenn unsere ursprüugiiche Behauptung Stich hält, muß der tiefste Grund in einer neue» Ansicht von den Himmelsverhäitnissen, in einer neuen Ansicht von Licht und Dunkel, von dem Abstande zwischen Himmel und Erde zu suchen sein.

Man hat diese neue Ansicht in Kopernikus' großer Ent­deckung, daß die Erde sich um die Sonne dreht, zu finden geglaubt. Und Kopernikus' Lehre enthielt den Ansatz eines Einspruchs gegen den alten Gedankcngaug. Es rührte sich in ihr eine andere Art Leben als in ihrer Umgebung. Aber sie war sich selbst des Unterschiedes nicht voll bewußt, ge­schweige im Stande, sich ganz geltend zu machen. Hier war dasselbe Mißverhältniß vorhanden wie bei der Vogelbrut, welche, zum Leben erwacht und zu freier Bewegung bestimmt, sich noch in dem engen Gefängniß des Eies befindet. Kopernikus' System entspricht in seiner Entstehung im 16. Jahrhundert dem Uebergaugszustand, in dem der Menschengeist, zu neuem Verstündniß, einer höheren Art deS Lebens geweckt, sein Gefängniß zu ahnen ansing, aber noch nicht die Schale des Weltcneies zu durchbrechen vermochte.

Der deutlichste Ausdruck für dieses Unvermögen ist der Fortbestand der Sterndeutung. Tycho Brahe und Kepler bezeichnen gegenüber der Kopernikanischen Weltcrklärung den Zweifel und den noch sicherer begründeten Beweis, aber beide waren gleichwohl — eifrige Sterndeuter. Und mit Recht. Denn wenn Gottes Wille sich mechanisch im Welt- nhrwerk nach unten fortpflanzt, von dem äußersten un­geheuren Triebrade an bis hinab zu einer schlichten Krebs- scheere oder der Säftcvertheilung in einem neugeborenen Hündchen, so war — mochte der Gang des Rades so oder so gehen — in Ermangelung wirklicher Zeiger der takt- mäßige Gang von Gottes Willen am deutlichsten in den äußersten großen Zahnrädern zu beobachten. Es war ver- hältnißmäßig gleichgültig, ob die Erde hier oder dort in dem Räderwerk saß. Das Entscheidende war, daß Alles in

innerer Verbindung stand. Alles bildete eine Einheit. Wie scheinbar witd auch die Spreu flog und das Mehl stob, während das Leben im Kreise herum mahlte, Alles zu­sammen war die geschlossene Weltenmühle, die ging und ging, während Gottes Wille über das Triebrad brauste.

Aber ob man nun bloß auf den Gang der Räder ge­achtet und treulich sich um sein Thun bekümmert, oder ob man über das geheimnißvolle Gepussel gegrübelt hatte, welches sich zuweilen hören ließ, den unheimlichen Spuk, wenn das Dunkel fiel und die Säcke von einer unsichtbaren Hand geöffnet wurden, während es funkelte wie von Katzen­augen int Dunkeln — die Tage vergingen, tagaus, tagein; auf die Dauer wurde cs in der Mühle eng.

Kopernikus' Lehre wurde der erste Ausdruck dafür, daß die Mühle ein Gefängniß sei. Gerade dadurch, daß man von einem anderen Mühlwerk sprach als dem früher an­genommenen, führte der Gedanke auf das Mühlwerk selbst hin und machte schließlich darauf aufmerksam, daß das Leben, die Weit nur ein Mühlwerk war. Gab es da außer­halb der Mühle garnichls? Ungeduldig trippelte der Meuschen- geist als Vögleiu im Ei. Es mußte etwas außerhalb der Schale geben. Drinnen war es eng und abgeschlossen, es ließ sich nicht athmen. Sich allein überlassen, konnte sich Kopernikus' Lehre jedoch nicht den Weg hinaus bahnen, sie trippelte immer nur im Kreis herum.

Da ertönte auf einmal ein seltsamer Laut. Voll neuer Triebe pickte der Menscheugeist plötzlich mit dem Schnabel an die Weirschale. Sie gab nach und sprang. Und hinaus stürzte der Gefangene verwirrt, begeistert, neugeboren in die große wunderbare Welt, wo Alles fremd, eisig fremd war.

Wer war der Befreier dcS MenschcngeisteL? Wer sprengte das Wellenei? Der war es, der zuerst den Gedanken aus­sprach, daß der Fixsternhimmel, die achte Sphäre, nicht die Grenze der Welt bildete. Es gab überhaupt gar keine Wölbung, gar keinen Fixsternhimmel, denn das Alles war nur Raum und Kugeln, Raum und wieder Kugeln; denn die Welt ist nicht endlich, sondern unendlich.

Niemals ist Jemand mit mehr Fug verurtheilt worden