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1. Beilage Min Wiesbadener Tagblatt.

Uo. VI. Abend-Ansgade.

Montags den 12. Februar.

48. Jahrgang. 1900.

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Der Mensch ist nie so schön, als wen» er nm Ver­gebung bittet oder selber verzeiht.

Jean Paul.

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(5. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Rechte des Herzens.

Erzählung von Walther Schmidt -Käßler.

Aber was ging das ihn an? Hatte er denn ein Recht, sich darum zu kümmern, sich einzumischcn in Verhältnisse, die ihm doch ganz und gar fremd waren, in die er absolut gar keinen Einblick hatte? Sie war die Gattin seines Gastfrcundes, der ihn mit Liebenswürdigkeit überschüttete; nur zwei oder drei Mal hatte er sie flüchtig gesehen und kaum mit ihr gesprochen, und nun seit einigen Stunden war es ihm, als sei diese fremde Frau ihm eine theure Verwandte, ein nahestehendes Wesen, für die einzutreten, die zu schützen ihm mit einem Mal wie eine heilige Ver­pflichtung erschien.

Er war gewöhnt, in solchen Fällen seine Gefühle immer haarscharf mit kritischem Messer zu seciren, sich sehr genau und ohne falsche Logik zn prüfen, und so zerlegte er denn auch jetzt mit klarem Kopf sein räthselhaftes Empfinden bis in die kleinsten Bestandtheile. Liebte er diese Frau? — Nein! Nein, gewiß nicht, darauf konnte er seine rechte Hand ins Feuer legen, und jeder egoistische Gedanke er­schien ihm von vornherein ausgeschlossen. Also war es wirklich nur Mitleid, ein menschliches Mitleid allein, was ihm die Gestalt der Unglücklichen beständig vor Augen zauberte. Von klein auf hatte er mit fremdem Leid ein instinktives Mitgefühl; er konnte nicht sehen, wenn an irgend einem Geschöpf ein Unrecht begangen wurde, und Jemand leiden zu sehen, bereitete ihm selbst physischen Schmerz. Zehn Jahre lang hatte er einen Hund gehabt, ein Thier von undefinirbarer Rasse, ein geradezu abscheuliches Ge­schöpf, das er zu sich genommen hatte, weil sein Herr es unbarmherzig prügelte; er hatte als Student ein hungerndes Kind, das seine Mutter ansgesetzl hatte, jahrelang ver­pflegen lassen. Er hätte nicht ruhig schlafen können, wenn er sich in diesen Fällen einer Unterlassungssünde schuldig gemacht hätte.

Und dann kam in diesem Falle noch cttvas ganz Be­sonderes hinzu, was wohl auch bedeutend dazu beigetragen hatte, ihn so merkwürdig zu fesseln und zn erregen. Der ganze eigenartige Zauber seiner neuen Umgebung, all die tausend sich überstürzenden Eindrücke in dieser exotischen Welt, das Ucberwältigende dieser fanatischen Kirchenfeier mit all dem Lichtglanz, Weihrauch und Engelsgesang, und mitten darin das geheimnißvolle Weib mit all ihrer jugend­lichen Schönheit und rührenden Trauer. Das allein war es, das nur konnte es sein.

Und was wollte er nun thun? Denn thun wollte er und mußte er etwas, das fühlte er. Aber was?

Sollte es ihm, dem feinbesaiteten Menschen, vielleicht doch gelingen, die beiden Gatten, ihnen unmerklich, einander näher und näher zu bringen, wenn er mit Konsequenz auf dieses Ziel hinarbeitete? Vielleicht war es mehr der Zufall, was ihn gerade in diesem bedeutungsvollen Moment in der Kirche von seinem Begleiter getrennt und zu ihr geführt hatte, die gerade in diesem Augenblick vom Himmel mit flehender Seele einen Freund erbeten haben mochte. Viel­leicht war es Bestimmung! — Sein Entschluß stand fest, als er den Rest der Cigarre in den Kamin schleuderte und sich erhob. Er wollte es versuchen.

*

*

*

Am nächsten Morgen erhielt Leo ein kurzes Billet von Iwan, in dem er ihn bat, ihm zu Dinerstunde das Ver­gnügen seines Besuches zu schenken. Fröben bemühte sich zur festgesetzten Zeit, seinem Gesicht den gleichgültigsten und konventionellsten Ausdruck zu geben, und läutete Punkt 4 Uhr am Schesnoffscheu Hause.

Der Diener, der ihn empfing, theilte ihm zu seinem Erstaunen mit, daß der gnädige Herr in Folge eines vor einer Stunde eingctroffenen Telegramms geschäftlich auf einen Tag habe abrciscn müssen; aber die gnädige Frau erwarte den Herrn Baron und bäte ihn, mit ihr zu speisen. Leo wechselte verschiedene Mal die Farbe, während er ab­legte, zupfte an der Kralvatte und an den Spitzen seines Schnurrbarts, ehe er ruhig genug war, hinter deni Diener die tcppichbelegten Stufen zum ersten Stockwerke empor­zusteigen. Er befand sich in einer Aufregung tvie vor seinem ersten Examen und fürchtete sich förmlich vor diesem Diner.

Aber es schien leichter zu gehen, als er erwartete. Die schöne Frau empfing ihren Gast ohne jede Spur von Ver­legenheit mit der vollen Liebenswürdigkeit der Hausfrau und schien sogar ausnehmend gut aufgelegt zu sein; denn sie plauderte während des ausgesucht vortrefflichen Mahles über alle möglichen Dinge mit einer Lebhaftigkeit, die er mit wachsendcni Erstaunen zum ersten Mal an ihr bemerkte. Es wollte ihm fast so erscheinen, als wenn in Abwesenheit ihres Galten ein häßlicher, lähmender Zwang von ihrem ganzen Wesen gefallen wäre, oder als ob sie sich geflissent­lich bemühte, heute nach ihrem gestrigen Zusammentreffen ein ganz besonders fröhliches Wesen zur Schau zu tragen.

Jedenfalls machte Leo dabei eine Bemerkung, die ihn geradezu überraschte. Wauda war eine ungemein gebildete und mit wirklich feinen und stark entwickelten Verstandes­anlagen begabte Frau, ohne jede Oberflächlichkeit, wie sie sonst russischen Frauen eigen ist. Sie hatte ausnehmend viel und mit trefflicher Auswahl gelesen und beherrschte jeden Stoff mit tadelloser Sicherheit. Sie verstand cs außerdem, geradezu entzückend zu plaudern, und je länger sic Beide nebeneinander saßen, desto weniger begriff Fröben, daß ein Mann an der Seite einer so reizenden Frau nicht über Alles glücklich sein mußte.

Als sie sich vom Diner erhoben, befahl die junge Frau, den Kaffee im anstoßenden Wintergarten zu serviren, und schritt langsam an der Seite ihres Gastes durch die mit feinem rothen Kies bestreuten Gänge einer kleinen Palmen­gruppe zn, unter der behagliche indische Rohrsessel zum Plaudern und Träumen einluden.

„Sehen Sie, lieber Baron", sagte sie lächelnd, indem sie sich eine Cigarette anzündete, „hier befinde ich mich in meiner eigentlichen Welt, in der Atmosphäre, die mir am Wohlsten thut, die ich zum Leben brauche. Rings um mich her meine Schwestern, Alles Treibhausblumen — wie ich selbst!"

Dabei glitt zum ersten Mal heute eine dunkle Wolke über die hohe weiße Stirn, und um den schönen Mund zog flüchtig ein bitteres Lächeln.

„Und doch fühlen Sic sich in dieser Treibhausatmosphäre wohl, wie Sie eben selbst sagen, gnädige Frau", begann Leo, „und es ist in der That für edle und vornehme Blumen ein wunderbarer Aufenthalt, ein würdiger Rahmen!"

Dabei glitten seine Augen mit aufrichtiger Bewunderung durch den weiten Raum, über die herrlichen Palmen und Magnolien, die buntblumigen Teppichbeete und hochkletternden- Schlinggewächse, die hier in üppigem Durcheinander blühten und dufteten, während draußen noch fußhoher Schnee die Straßen bedeckte. Durch die hinter dichten Hecken ver­steckten Glasfenster siel ein Strahl elektrischen Lichtes in den gründämmerigen Raum und ließ den dünnen, aus dem Marmorbccken emporsteigenden Strahl in zahllosen Diamanten sprühen und funkeln; auf den Zweigen eines blühenden

Rhododendron schaukelten sich ein paar smaragdgrüne Wellen­sittiche, und aus irgend einem Versteck tönte das leise Girren einer Ringeltaube durch die träumerische Stille.

„Sie mögen mir doch glauben", fuhr die schöne Frau fort, ohne sich zn rühmen, „das ich tausend Mal lieber eine arme Feld- oder Wiesenblume sein möchte, aufgeblüht an irgend einer weltverstcckten Halde oder an rauhem Abhang. Solch ein Blnmenleben zöge ich doch dem heimischen Treib­hause vor; denn die freie Gottesluft wehte über mich hin, und über mir spannte sich kein Glasdach — sondern sonniges Blau!"

„Und wenn der Sturm käme", fuhr Leo leise fort, „tvenn der Wirbelwind heißer, elementarer Leidenschaften die zarte Blume faßte mit brutaler Gewalt?"

„So wäre das immer noch ein beneidenswertheres Loos", fiel Wanda mit blitzenden Augen ein, „als hier zu ver­blühen, zwecklos und schadlos im ewigen Einerlei! — Es ist mir ein Bedürfniß, endlich einmal nach langen Jahren einem einzigen Menschen gegenüber das aussprechcn zu können, was ich in mir trage; ich habe jahrelang nach einer solchen Gelegenheit mich gesehnt, und ich weiß be­stimmt, Sie werden das, was ich Ihnen sage, nicht falsch beurtheilen; denn Sie sind ein Ehrenmann. Als Sie gestern Nacht so plötzlich vor mir standen, war mir's, als riefe eine Stimme in mir laut und gebieterisch mir zu: Da ist ein Mensch, den. Du Dich anvertrauen kannst, hilf­lose Seele. Er wird Dir rächen, und wenn er kann — Dir helfen!"

„Wenn es in meiner Macht steht, gnädige Frau, irgend etwas für Sie zu thun, so befehlen Sie über mich. Sie dürfen mir vertrauen, als wenn ich Ihr Bruder wäre!"

„Das glaube ich Jhuen, und damit Sie mich nicht falsch verstehen, sollen Sie mich ganz kennen! Würde ich einem Anderen das anvertrauen, was nach quält, es würde mich hier Niemand begreifen; denn alle meine Freundinnen, wenn ich sie so nennen kann, leben in gleichen Verhältnissen, unter gleichen Bedingungen und fühlen sich glücklich dabei, wunschlos glücklich! Mögen sie aus anderem Stoff geschaffen sein als ich, ich weiß es nicht; daß ich aber unglücklich bin, das weiß ich gewiß."

Eine kleine Pause trat ein, und mit starren Augen blickte Wanda vor sich hin, während es nervös nm die Flügel der schmalen Nase bebte, als kämpfte sie mühsam gegen aufsteigende Thränen.

Nach einer Weile ergriff Leo sanft ihre herabhängende Hand und fragte: „Wenn Sie Iwan nicht liebten, weshalb sind Sie sein Weib geworden?"

„Weshalb?" klang es müde zurück, und die großen Augen hefteten sich fest auf sein Gesicht. — „Weshalb?! Ich will versuchen, es Ihnen zu sagen. Ich war kaum sechzehn Jahre alt, und meine Eltern befanden sich in drückenden Verhältnissen. Mein Vater, der Steuerinspektor und Kassenverwalter war, bedurfte des Geldes seines jetzigen Schwiegersohnes, um ein Paar kleine Vergehen wieder gut zu machen und ein geachteter Mann zu bleiben, lind so wurde der Tauschhandel geschlossen. Ich hatte das Glück nie gekannt und ward, ohne viel gefragt zu werden, zur Ehe verurtheilt, um den Meinigen eine weit schlimmere Verurtheilung zu ersparen. Ich hatte niemals Zeit ge­funden, niemals Gelegenheit gehabt, vor meiner Verheirathung einen flüchtigen Blick in das Leben mit seinen gepriesenen Freuden zu thun. Und so habe ich am Altar, wie ein Opferlamm mit Diamanten bedeckt, unter der schimmernden Brautkrone meinem Gatten den Eid der Treue abgelegt mit denselben Gefühlen, mit denen ich in einem Kloster den Schleier genommen haben würde. Es kostete mich nichts, auf Dinge zu verzichten, die ich niemals gekannt hatte, deren Vorhandensein ich kaum ahnte."

(Fortsetzung folgt.)

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