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Jahrgang.

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Ko. 7».

Ferufpreriicr Ro. 52.

Sonntag, den 11. Februar.

Fernsprecher Re. 52.

1880.

PoUtrschr Uebersrchl.

Der Reichstag hat in dieser Woche „mit heißem Bemühen" vie zweite Lesung der schon durch so viele Sessionen geschleppten 1sx Heinze zu Ende gebracht, aber es kann als zweifelhaft er­scheinen, ob die Aussichten dieser viclumstrittencn Vorlage auf baldige Gesetzwerdung damit erheblich gefördert worden find. Was der Reichstag beschlossen hat, geht in wesentlichen Punkten so weit über die Regierungsvorlage hinaus, daß die Regierung nahezu alle Freude an ihrem eigenen Gesetzgebungsprodukt verloren hat. Der Staatssekretär Nicberding hat denn auch im Namen der verbündeten Regierungen ausdrücklich erklärt, daß die Beschlüsse des Reichstags über den sogenannten Arbcitgcberparagraphcn und über die Hiuauf- setzung der Altersgrenze, bis zu der die Verführung weiblicher Wesen strafbar sein soll, für die Regierung unannehmbar seien, und die _ amtliche ,,Berliner Korrespondenz" hat ausdrücklich noch einmal eine diesbezügliche feierliche Versicherung abgegeben. Wenn sich also der Reichstag bei der dritten Lesung der Vorlage nicht eines Anderen besinnen und jene beiden Beschlüsse rückgängig machen sollte, so wird der Liebe Müh' auch diesmal vergeblich ge­wesen sem und die lox Heinze das Schicksal theilcn, das ihr bisher in jeder Session beschiedcn war.

Auf die Verhandlung über die lex Heinze ist im Reichstag die erste Berathung derjenigen Vorlage gefolgt, welche das Hauptstück der Session bildet und für die demnächstige innerpolitische Ent­wickelung von entscheidender Bedeutung sein wird: die Berathnng der Flottenvorlage. Dafür, daß sich das Schicksal der Flottenvorlagc noch nicht in der ersten Lesung entscheidet, hat ras Centrum gesorgt, dessen Taktik von jeher darin bestand, seine Karten nickt zu früh aufzudecken. Abgesehen vom Centrum liegt das Verhalten der Parteien gegenüber der von der Regierung ge­forderten Flottenverstärkung einigermaßen klar zuTage. Während die konservativen Parteien bis auf einige flottcnfeindliche Agrarier, die nationakliberaleParteiuiid die freisinnige Vereinigung der Flottenver- stärkung freundlich gegenüberstchen, wenn auch über die eine oder andere damit verbundene Frage noch Meinungsverschiedenheiten bestehen, werden die, freisinnige Volkspartei, die Polen und die Social- demokraten ihr Votum gegen die Regierungsvorlage abgeben. Das

« ein an der Waage bildet mithin bnL Centrnm, von dem etwa immen erforderlich sind, um der Flottenoerstärkung zum Sieg zu verhelfen. Prophezeien ist ein gefährliches Handiverk, dem der goldene Boden fehlt, aber die stärkste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß das Centrum die erforderliche Stimmenanzahl ab- kommnndiren und somit der Kainpf um die Flottenverstürknng einen unblutigen Ausgang nehmen wird.

Ein schwerer jmmps, der hoffentlich schon in seinen Anfangs- stadicn friedlich beigelegt werden wird, bedroht das deutsche Wirth- schaftslcbcn in Gestalt des Kohlenstreiks, der sich von Oester­reich leider auch bereits auf deutsches Gebiet hinübergepflanzt hat. In Oesterreich hat der Kohlcnstrcik bereits Dimensionen an­genommen, welche allgemach die gesummte wirthschaftliche Ttmtigkeit ernstlich bedrohen, ohne daß bisher Anzeichen für eine baldige Beilegung des Rieseirstreiks wahrzunehmeu sind. Vor dieser eminenten wirthschaft- lichen Kalamität tritt sogar das Interesse au der deutsch-tschechischen Ausgletchskonferenz in den Hintergrund, welche die politisch­nationale Gefahr beschwören soll, die den österreichischen Staats­organismus bedroht. Der bisherige Verlauf der Konferenz ist wenig geeignet, in Bezug hierauf irgend welche Jllufionen zu erwecken, und hat unserer pessimistischen Bcurtheilnng der Sachlage nur zu sehr Recht gegeben. Die Tschechen beharren eben auf ihrem allen Grundsatz: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihrl" und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die in Bälde beginnende Parlamentstagung, in welcher das Kabinett Korber die Quadratur des Zirkels, die Versöhnung der Nationalitäten, lösen will, fick zu einer recht stürmischen und kampfbewegten gestalten wird.

Stürmisch und kampfbewegt ist bisher auch die Tagung des englischen Parlaments verlaufen, aber die Herren Salisbury und Chamberlain sind bisher glücklicher gewesen, als ihre englischen Kollegen. Mit unerwartet großer Mehrheit hat das Parlament dem Kabinett ein Vertrauen bekundet, welches cs nicht verdient hat, welches das englische Volk aller Voraussicht nach noch bitter be-

(Nachdruck verboten.)

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Liudeuverg.

Berlin als Kunststadt. — Einst und jetzt. — Sonntags im Schulteschkn Gemälde-Salon. — Die Ausstellung der Kunstgewerbe­schule. — Lehrer und Schüler. — Die Modernen. — Schlechte Geschäfte und gute Geschäfte. — Aquarell-Ausstellung von Frau Baronin v. Heyking.

Berlin ist eine arbeitsame, emporstrebende, auf industriellem und wissenschaftlichem Gebiete Großes leistende Stadt, aber es ist noch keine Kunststadt, wie Paris, und wird es auch schwerlich

werden-so ungefähr lautete vor zwanzig Jahren das Urtheil

eines hohe» französischen Beamten, der von seiner Regierung tech­nischer Studien wegen nach Berlin geschickt worden war. Der gute Mann würde heute vielleicht eine andere Meinung gewinnen, denn zwei Jahrzehnte habe» genügt, um Berlin auch in künst­lerischer Beziehung ganz gehörig vorwärts zu bringen und ihm, Wenigstens in Deutschland, de» Ruf einer Kuiiststadt zu verschaffen. Wir haben hier zunächst garnicht die große Zahl neu entstandener Denkmäler und die übrigen sehr erhebliche» Verschönerungen im Auge, sondern das ganze künstlerische Leben und Streben an sich, das Fördern von oben und Emporringen von unten, das Interesse beider Schichten an neuen Werken der Kunst, der stet» wachsende Anfluß der letzteren auf die Ausschmückung des eignen Heims, die Betheiligung an Zeit- und Streitfragen auf künstlerischem Gebiet, nicht zuletzt die erfolgreiche Entwicklung unseres Kunstgewcrbes, das sieh mehr und mehr den Weltmarkt erobert, die einst so gepriesenen Wiener Erzeugnisse fast ganz verdrängend und mit den Parisern immer ernstlicher m Wettbewerb tretend.

Anfangs der 80cr Jahre hatte man in Berlin neben einigen wenigen Kunsthalidlnngengerade einen Kunstsalon, denLepkcschcn llnter den Linden, heute haben wir fast ein Dutzend, die regel­mäßige Ausstellungen veranstalten, welche aufmerksamste Beachtung finde». Et» Somttag-Vormittag bei Schulte Unter den Linden gehört eigentlich schon zu den Berliner SehcnSwürdigkcitcii. Da drängt sich ein elegantes, fesselndes Publikum durcheinander, die Loilkttcn vo» morgen kann man bewundern und die hübschesten

reuen Jrnrd. Der Sieg der englischen Regierung bedeutet zugleich einen Sieg des bliudwütheudeu Chauvinismus über die Ehrlichkeit und die Moral tu der Poliiik. Und Herr Chamberlain kann sich zur Zeit rühmen, der populärste und höchststehcude Mann in England zu sein, obwohl er seinen Thateu nach eher verdient hätte, der Höchsthängende zu sein. Aber noch ist nicht aller Tage Abend und nach dem Kriege dürfte das englische Volk anders über Herrn Chamberlain urtheilen. Vielleicht denkt Herr Chaniberlain schon heute seufzend bei sich: Das dicke Ende kommt nach!

Freilich in England entscheidet der Erfolg, und der Ausgang des süd afrikanisch en Krieges wird auch über das Schicksal Derjenigen entscheiden, welche ihn mit frevelhafter Frivolität beraufbeschworen haben. Der dritte Vorstoß des Generals Buller zum Entsatz von Ladhsmich hat die Engländer mit ernenten Hoff­nungen erfüllt, aber die gleichen Hoffnungen haben schon zweimal mit schweren und blutigen Enttäuschungen geendet. Jedenfalls ist nicht zu verkennen, daß angesichts der neuen englischen Verstärkungen, welche mit frischer Kraft in den Kampf cingegrisfen haben, die Lage der Buren eine ernste ist und daß es der verzweifeltsten An­strengungen bedürfen wird, um des an Zahl übermächtigen Gegners Hur zu werden, umso mehr, da auch der seit längerer Zeit an- gekündiate Vorstoß von der Knpkolonie in den Oranje- FreistaÄ nahe bevor zu sieben scheint. Freilich wird mau sich in England nicht in de» Wahn wiegen dürfen, daß selbst etwaige Erfolge auf dem jetzigen Kriegsschauplatz bereits eine Wendung des Krieges zu Gunsten, der Engländer bedeuten. Es darf eben nicht übersehen werden, daß die Hauptstärke der Buren in der Vertheidigung liegt und daß noch lange Zeit vergehen wird, bis sich die wirklich entscheidenden Kämpfe aospielcn, den Fall gesetzt, daß den Engländern bis dahin nicht der Athem ansgegangen ist. Fürs Erste haben Diejenigen, welche mit ihren Synipäthieen auf der Seite der für ihre Freiheit und die Freiheit Südafrikas kämpfenden Buren stehen — und die Zahl der anders Denkenden ist verschwindend gering — jedenfalls keine Ursache, den Ereignissen auf dem Kriegsschauplatz mit pessimistischer Hoffnungslosigkeit zu folgen.

Aus Stadt nnd Land.

Wiesbaden, 11. Februar.

— Gelchichtskaiender. 11. Februar. 1897: Plünderung von Herakleion auf Kreta durch die Muhammedaner. 1887: ch Ernst Kaps, Begründer der der. Dresdener Pianoforte-Fabrik. 1884: Unterwerfung Merws unter russische Herrschaft. 1873: Ab­dankung des Königs Amadeus von Spanien. 1847: * Hermann Kropatschek zu Nahanse», Chefredakteur der „Krenzzeitung'ß 1814: Schlacht bei Montmirail, Sieg Napoleons über Preußen und Russen. 1813: * Otto Ludwig zu Eisfeld, oeutschcr Dichter und Dramatiker. 1776: * Graf Knpodistrias, ehem. Präsident des griechischen Staats. 1728: * Karl Eugen, Herzog von Württemberg, der Stifter der der. Karlsschule. 1650: 's Renü Descartes (Carlesins). Der Be­gründer der »eueren Philosophie. 1115: Sieg Lothar II. des Sachsen am Welfesholz über Heinrich V.

gs. Rrstder»r-Thr»ter. Am Mittwoch hat eines der be­liebtesten Mitglieder, Max Wieske, Benefiz. Wieske hat sich im Lauf zweier Spielzeilen als ein wirklich guter Künstler bewährt, der in hohem Grad die Sympathieen des Publikums errungen hat. Seine eigenartige und natürliche Darstellungsweise, die von einem trockenen Humor belebt ist, hat gerade in Wiesbaden großen An­klang gefunden. Wir erinnern nur an seinen „Schlnfwagcn- konkrolleur". Abu Abdullah in „Fräulein Wittwe", Pontgirard in „Platz den Frauen", Bcueseldt im „Probekaudidat" rc. Zu seinem Ehreuabeitd hat Wieske von der Direktion die Aufführung der Novität „Das Bärenfell" von Gust. Kadelbnrg erhalten. Dieses heitere Stück, das nur amüsiren will, bietet unserem Bcnesiziautcn wieder eine Glanzrolle, und alle Freunde und Verehrer des Künstlers werden durch die heitere Gabe des Abends sicherlich auf ihre Kosten kommen. Denl Benefizianten aber ist in Ansehung seines Fleißes ec. gewiß ein volles Haus sicher.

— Mohlthiitigkeil» - Ueranstaltruig zu Gunsten der Vereine vom „Rothen Kreuz" zur Hülfeleistnng in Transvaal. Wir machen auf das im Annoncentheil enthaltene Progranim für obige Veranstaltung aufmerksam. Dasselbe bietet eine interessante Abwechslung von Recitationeu der Kgl. Hofschauspiclcr Herren

Lcffler und Valleut,n, von musikalischen Vorträgen, u. A. unsere« hier so beliebten Kal. Konzertmeisters Herrn O. Briickner, der auch in liebenswürdiger Weise die Begleitung der Gesänge einiger sanges- kuudiger Herren und Damen übernommen hat. Zwischen dem ersten und zweiten Theil des Progran,ms findet eine Büffet- Pause statt. Die Büffets werden von hiesigen jungen Damen in geschmackvollen verschiedenen Trachten verwaltet. Der zweite Theil des Programms bringt die bereits hier mit so vielem Erfolge seiner Zeit zu Gunsten des Wöchnerinneu-Asyls auf­geführte indische Oper „Damajanti". Letztere dürfte großen Anklang finden, da bei ihrer damaligen Aufführung wegen beschränkter An­zahl von Plätzen nur Wenigen der Zutritt ermöglicht war u«ch schon damals der Wunsch nach einer Wiederholung der Oper rege wurde, zumal bei der diesmaligen Aufführung die Haupkk»ücn tat Oper durch die Operusängcrin Fräulein D. Bahr aus Frmckft« und den Kouzertsäuger Herrn A. Jungblut, der durch tas letzte Cäcilienverein-Konzert hier noch in sehr angenehmer Erinnern steht, besetzt sind. Am Ende des Festes wird ein Tmia 2 wirkende und Zuschauer in froher Weise vereinigen. Im der guten Sache hoffen wir auf einen recht zahlreiche» Besuch diese« vielversprechenden Festes.

— Kchulnnchrichten. Bei der am 3. Februar abgehaltenen Moiiatsvcrsammlung des „L ehrerinn en - VerclnS fLr Nassau" hielt Herr Rektor Michaelis aus Biebrich ein« äußerst anregenden Vortrag über das Thema: Zur Frage d« Verwendung der Phonetik im Sprachunterricht." In interessanter Weise entwickelte der Redner die Geschichte der Phonetik und ivieS dann auf die bis jetzt in diesem Zweig der Wissenschaft erlangten Errungenschaften hin. Besonders betonte und verlangte er die Ver­wendung der Phonetik im Unterricht der deutschen Muttersprache. Bei den einheitlichen Bestrebungen des neuen deutschen Reiches sei die einheitliche Muttersprache eine Hauptforderung, sie Oermitfle und erleichtere die Verschmelzung von Nord- und Süddeutschlarch; die ersten Schritte seien dazu gethan in der Regelung der deutsehen Bühnensprache; die weitere und Hauptaufgabe falle der Schule zu. und es sei Ehrensache der deutschen Lehrerschaft, für die sprachliche Einheit zu wirken. Die zahlreichen Zuhörerinnen spendeten Herm Rektor Michaelis reichen Beifall für seine fesselnden Ausführungen.

— KtraAenbahu. Wie die „Biebricher Tagespost" erfährt» hat am Samstag wieder eine Konferenz zwischen Vertretern der Kgl. Negierung, der Eisenbahn-, sowie der Post- und Telegraphcn- behörde, der Magistrate von Wiesbaden und Biebrich einerseits und Vertretern der Süddeutschen Eisenbahngesellschaft andererseits im RegierungSgebände in Wiesbaden stattgefunden, lieber die Ver­handlungen, welche sehr wichtige gewesen zu sein scheinen, wird vor­läufig noch Stillschweigen beobachtet, doch soll es sich um die direkte elektrische Bahnlinie zwischen Mainz und Wiesbaden gehandelt haben. Eine endgültige Einigung über die Führung dieser Linie ist an­scheinend nicht erzielt worden.

<>. Militärisches. In diesem Jahre haben das Garde­corps, verstärkt aus dem III. Armeeeorps, und das II., verstärkt aus dem XVII. Armeecorps, Kaisermanöver. Beide Corps bilden je drei Infanteriedivisionen. Bei dem II. und IV. Armee­corps werden Kavalleriedivistonen ausgestellt. Beim IV. und XVI. Armeecorps finden Itcbungcii im Angriff ans be­festigte Feldstellungen unter Betheiligung schlverer Artillerie, und zwar ohne scharfes Schießen, statt. Bei einem noch zu &e* stimmenden Corps soll eine derartige Hebung, unter Scharfschießen der Artillerie, abgchaltcn werden. Bei dem Garde- (IV., VH., IX., X., XV., XVII. und XVIII.) Corps finden Kavallerie-UebunAs- reisen statt. Größere Pionier-Uebungen werden an der unteren Weichsel und Nogat, am Oberrhein bei Neu-Breisach und in der Gegend von Düren, Jülich, Köln abgehalten. Die Futz- truppen müssen in allen Fällen bis zum 29. Sevtembcr, dem spätesten Entlassnugstage, in ihre Standorte zurückgekehrt sein.

— AnssteUnngtiirKrankrnpflegeF»-ankfurta.W.190y.

Anläßlich der vom 8. bis 18. März d. I. stattfiiidenden Aus­stellung für Krankenpflege wurde nebst dem großen Herren-Comitö, dem letzthin der Herr Oberpräsident Staatsminister Graf v.Zedtitz beigetreten ist, auch ein großes Damen-Couiitö gebildet, dessen Vorsitz Ihre Excellenz die Frau Generalin v. Lmdequist über­nommen hat, und dem es in der Hauptsache zufallcn wird, das Arrangement der Gruppen für häusliche Krankenpflege zu leiten. In der Landwirthschafklichen Halle, woselbst die Ausstellung statt­

Geschichten (ich habe nicht etwa Klatsch gesagt!) von gestern ver­nehmen. die große Welt ist vertreten durch bekannte Diplomaten, durch Mitglieder unserer Hofgesellschaft, durch die Offiziere der G;ibe, man siegt vietgenaunle Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, die wohlhaveuden Bürgcrkreise fehlen ebensowenig wie die Finanz, man begrüßt sich, plaudert, kritisirt nnd medisirt nach Herzenslust, in seinen Bewegungen und Urtheilen fühlt man sich freier, wie in Gesellschaften und auf Bällen, es ist wirklich Großstadtluft, die dann in diesen vornchnien Räumen herrscht. Run wäre es ja sehr kühn, anznnehmen, daß bloß die Kunst diesen zahlreichen nnd anregend zusammengesetzten Kreis hier versammelte, ach nein, man will sehen (und nicht nur Bilder!) und gesehen werden, die eigenen chicen Toiletten zeigen und die anderer Damen bekritteln, man will Neues schauen nnd Neues hören, sich ein Stündchen unterhalten, steh von dem winterlichen Spaziergang ansruhen, will Diesen und Jenen, tu den meisten

S atten Diese und Jene, treffen, denn daß ich's nur gestehe, hier t schon so mancher Herzensroinan angcknnpft, so manch erstes Glied zu einem güldenen Ehering geschmiedet worden; ist er doch hier ein häufiger Besucher, der kleine geflügelte Gott mit den treff-

S crcn Pfeilen, man munkelt, er hätte ein Passepartout I Aber e» allem Anderen ist auch eine sehr große, sich in vielen richtigen Urtheilen zeigende Anthcilnahme an den ansgestellten Kunstwerken zu inerken, an manchem ernsten Gespräch, manch selbstäiidiger Auffassung und Werthschätzung der einzelnen Geinälde, und das ist für unsere Kunst eine gute Errungenfchaft, heißt'« doch so wahr im Künstlcr-Spruchschatz: Ohne Glück und Gunst ist alle Kunst umsunst!

Ein anderes Bild, auch an einem Sonntag-Vormittag auf* genommen, und zwar im Lichtsaale des Künstgcwcrbe-Musemii«. Dort sind seit Kurzem die besten Schüler-Arbeiten der mit dem Museum verbundenen Kimstgewerbesclnile ansgestellt, die eine sehr eingehende Prüfung finden. In starker Menge stellen sich Fabrikanten, Industrielle, Handiverker, Arbeiter, meist von ihren Frauen und Kindern begleitet, ein und studiren lange »nd bedächtig die nach den Unterrichtsfächern vereinten Arbeiten, häufig untereinander, auch wenn sie fick garnicht kennen, ihre Meinungen anstanschend. Man hat seine helle Freude an diesen ruhigen, bescheiden auf- tretenden Leuten in ihrem sauberen Soimtagsftaat. wir sie in

kleineren Gruppen znsammenstehen, gründlich Alles erforschend und oft ihre Ehehälften wie die älteren Sprößlinge auf das eine oder andere Werk aufnicrksam machend, damit eingehende Erklärungen verknüpfend. Gelegentlich wird das viele Spuren des Gebrauchs zeigende Notizbuch hervorgezogen und seine Blätter werden mit den Ergebnissen der Beobachtungen, sowie flüchtigen Skizzen gefüllt, auf daß in der Werkstatt den geivonnenen An­regungen Folge gegeben werden kann. Die Ausstellung zeigt in umfassendem Maße, welch tüchtige Kräfte an der genannten Schule wirken, nnd mit welcher Hingebung, mit welchem Verständniß die Schüler die Anleitungen ihrer Lehrer ausfassen und in ihren Leistungen belhätigen. In den Arbeiten der Klasse Professor Ludw. Menzels, des hervorragenden Bildhauers, bewundert man an den Statuen re. schönhcitsvollcs Ebenmaß, Kraft und Grazie, i» denen des Professor« Zaar (Entwürfe zu Möbeln und Wohnungseinrichtungen) gewählten Geschmack, in jenen des Lehrers Timlcr (Tapeten) neue Muster in diskreten Farben. Professor E.Henseler, der rcichvegabte Maler, hat seine Schüler mit echtem, künstlerischem Empfinden erfüllt, was man leider von Professor Eckmann nicht sage» kann, der aus gar zu modernen Bahnen wandelt, die unserem Kunstgewerbc kein Heil bringen könne».

Ach ja, die Modernen! Lärm genug machen sie ja noch immer und veranstalten eine Sonderausstellnng nach der andern, sich unter allerhand Namen und Bezcichmingen in kleineren Verbänden zu- sammenschließend, aber weder getrennt noch verbunden siegend Keine Frage, daß die sogenannren modernen Bestrebungen unserer Künstler durchaus ihre Berechtigung haben, nichts darf in Stillstand versinken, am wenigsten die Kunst, aber Alles hat seine Grenzen und was uns viele der jüngsten Raphaele als Kunst vorletzten da« war alles Andere, als daß cs mit den Gaben der lieblichen Himmel«-- tochter auch nur die geringste Aehnlickkeit gehabt hätte. Vereinzelt« Geicllschaftskrctse heuchelten ja nun ein tiefes Verständniß und eine innige Bewunderung für diese neue „Kunst", sic wollten vechim,nein, wenn sie so eme grün-, gelb-, roth-, blau-olivenc „Landschch" sahen oder schrene» von der Bcaeisternngsiarant.l gestochen zu sein beim Anblick der seltsamsten, ljingcschmndeltcn oder verschwommen ver­wischten Gestalten, die mit menschlichen Forincil nMohtl nichts m thun hatten, aber cS kann eben nur Heuchelet und die stn.-cklichc Snckck, .modern" fühlen ,u wollen, gewesen sein, deiin diese Bewunderer. M