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1. Mage zum Wiesbadener Tagklatt.

Wa. 70. Morgen-Ausgabr.

(5. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Zertreten.

Erzählung von Schönen.

Dem Norwegischen nachcrzählt von Hmik Zonas.

(Autoristrt).

Ist cs wirklich bestimmt, daß Sie bereits in einigen Wochen fortreisen? fragte sie.

Ja, wenn sich nicht etwas durchaus Merkwürdiges er­eignet, das mich hier festhält.

Was könnte das wohl sein? fragte sie.

O, im Grunde wäre es nur eine einzige Sache, die in dieser Beziehung eine Macht auf mich ausüben könnte.

Und welche wäre denn das?

Wenn Sie sich mit mir verloben würden.

Er sah sie nicht an.

Sie zitterte und schlug den Sonnenschirm zusammen, obgleich ihr die Sonne gerade ins Gesicht schien. Aber ebenso schnell spannte sie ihn wieder auf.

Sie scheinen nicht geneigt zu sein, mir eine Antwort darauf zu geben, sprach er weiter in fliegendem, unruhigem Tone. Er starrte steif hinauf zum Königsschloß, dessen Fenster in starkem Sonnenlicht erglänzten.

Ja, ich will es gern! kam es aus ihr mit so ängstlich gedämpfter Stimme hervor, daß er alle Mühe hatte, es hören zu können.

Es ist eigentlich sehr unglücklich, daß wir gerade jetzt hier zwischen all diesen Menschen einhergehen, sagte er mit überglücklichem Gesicht.

Ja, das ist e8, antwortete sie, indem sie auf die Mauern der Häuser blickte, während ihr Herz fast stille stand. Sie hielt den Mund halb geöffnet, wie in Athemnoth.

Die Militärmusik spielte im Studentenhain der Universität gegenüber, und Tausende von Menschen strömten herbei, um den lustigen Melodiken zu lauschen.

Die beiden jungen Leute hörten nichts, sahen nichts. Sie sprachen nicht mehr, bis sie ganz auf die Landstraße hinaus gelangt waren.

Als sie endlich vor dem Hause des Staatsraths stehen blieben, ergriff Solör Mathildes Hand.

Ich erlaube mir, uns als Verlobte vorzustellen, sagte er mit einem starken selbstbewußten Lächeln.

Die beiden Mütter wurden geradezu überwältigt bei dieser jähen Mittheilung.

Frau Solör drückte mit lauter Stimme ihre unge­mischte Freude aus. Die Staatsräthin war ernst und nach­denkend geworden.

Gestatten Sie mir, daß ich Sie ins Haus begleite? fragte er. .

Ja, ich bitte, antwortete die Staatsräthin.

Aber Frau Solör fand, daß es am besten sei, sobald als möglich heimzukehren und die Neuigkeit ihrem Manne mitzutheilen.

Der Maler wurde in die Wohnstube geführt, während Mutter und Tochter auf der Treppe zur Erkerwohnung verschwanden, wo ihre Schlafzimmer gelegen waren.

Das kam wirklich etwas überstürzt, mein süßes Kind, sagte die Staatsräthin, indem sie Mathilde in ihre Arme

Sonntag, den 11. Februar.

schloß und sie küßte, aber wir müssen Gott bitten, seinen Segen dazu zu geben, und das ist ja vor allen Dingen das Wichtigste.

Ich halte so unaussprechlich viel von ihm, flüsterte Mathilde, die au der Wange der Mutter lag.

Er verdient es hoffentlich, antwortete die Staatsräthin.

Die beiden Damen kamen hinab nnd die Hausfrau reichte ihrem Schwiegersohn die Hand.

Sie müssen uns versprechen, recht gut und lieb gegen sie zu sein, sagte sie mit innigem Lächeln.

Das verspreche ich aus vollem Herzen, antwortete er. Ich müßte ja ein wahrer Werwolf sein, wenn ich nicht gut gegen sie wäre.

Als die Staatsräthin ihren Mann kommen hörte, ging sie selbst in sein Arbeitszimmer, um ihn vorzubereiten.

Ich habe cs ja gesagt, es ist eine gefährliche Sache, sagte er, als er hörte, was inzwischen geschehen mar.

Aber wir müssen hoffen, daß er niemals jenen bösen Mächten unterliegen wird, welche in den großen Weltstädten stets auf der Lauer liegen.

Und als der Staatsrath gleich darauf in das Wohn­zimmer eintrat, hieß er seinen Schwiegersohn willkcknimcn in der Familie.

Ich hoffe und glaube, sagte er, daß wir Mathilde einem rechtschaffenen Mann anvertrauen und daß Sie ihr in Allem eine Stütze sein werden.

Dafür werde ich von heute ab meinen ganzen Willen einsetzen, versprach Nils Solör.

III.

Solör und Mathilde waren bereits seit zwei Jahren verheirathet und wohnten nunmehr in Paris. Ihre Wohnung lag sehr hoch in einem der großen Miethshäuser auf den äußeren Boulevards.

Die Möbel waren nicht ihr Eigcnthum. Denn j>a sie noch keinen festen Plan für die Zukunft gefaßt hatten, wollten sie sich nicht mit so vielen beweglichen Gütern beschweren.

Die Wohnung bestand aus Schlafzimmer, Wohnzimmer und Atelier, und alle drei Räume standen in Verbindung mit einander, während eine Glaslhür zu einem schmalen Balkon führte, der mit eisernem Gitter versehen war. Solche Balkons lagen wie eine schwarze Linie unter jeder Reihe Fenster in allen sieben Etagen des Hauses. Draußen auf dem offenen Gang konnten die Nachbarn ungenirt mit einander verkehren.

Mathilde hatte die Wände des Zimmers mit Photographieen von Verwandten und Freunden, sowie mit Bambusrohr und gefärbten Federpalmen geschmückt. Ueber dem Sopha in der einen Ecke hing eine norwegische Flagge und an der Decke ein türkischer Papierlampion.

Sie sieht Dir aufs Haar ähnlich, Ihr seid Beide gleich süß, sagte Solör, indem er seine Frau und sein Kind küßte, das sie auf dem Arme trug.

Aber die Kleine begann aus vollem Halse zu schreien.

Sei nur ruhig, sonst bekommst Du Schläge, sagte er scherzend, indem er das Kind nahm und cs hoch über seinem Kopfe emporhielt.

Mathilde streckte die Arme nach dem Kinde aus in Angst, daß es fallen könnte.

48. Jahrgang. 1900.

Nein, laß mich nur, sagte der Vater. Ich werde es schon auf die rechte Weise erziehen.

Und wirklich schwieg auch die Kleine in einigem Wohl­behagen, indem sie wie von einer Hebemaschine auf und ab gewiegt wurde.

Dann setzte er sich auf einen niedrigen Stuhl und ließ die Verlognes an seiner Uhrkette im Sonnenlicht hin und herschaukel!!. Die Tochter streckte ihre kleinen Hände in die Höhe, um danach zu greifen, während das Gesicht in großer Freude strahlte.

Es ist ein wirkliches Glück, ich möchte fast sagen, eine Nothwendigkeit für einen Künstler, verheirathet zu sein, sagte er. Erst wenn man ein solches ruhiges gleichmäßig dahingleitendes Leben führen kann, sammelt man sich, um etwas wirklich Werthvolles vollbringen zu können.

Ja, das ist klar, stimmte seine Gattin ein, die etwas üppiger von Figur geworden war, aber noch dasselbe freund­liche Gesicht besaß.

Es war auch eine glückliche Idee, uns hier in Paris niederzulassen, fuhr er fort. Das ist der einzige Ort iu der Welt, wo man augenblicklich malen lernen kann. Die wahre Anwendung der Farben und der Linien hat die französische Malerei während eines Jahrhunderts über die Nachbarländer emporgehoben. Mit einem solch eiserne« Fleiß, glaube ich, habe ich nie früher gearbeitet, denn jeder neue Versuch erscheint mir als ein Fortschritt.

Solör war augenblicklich sehr zufrieden mit seinen» Dasein. Er hatte eine ehrenvolle Erwähnung, wanoisa honorable, erreicht und im folgenden Jahre eine Medaille dritter Klaffe in der großen Ausstellung erhalten.

Aber zu seiner großen Enttäuschung fand keines dieser Bilder einen Käufer in der Millionenstadt. Schließlich wurden sie für eine ziemlich niedrige Summe daheim in Norwegen verkauft.

Aber weshalb in aller Welt kauft man denn Deine Bilder nicht? fragte Mathilde erstaunt. Nachher Du die Medaille erhalten hast, mußt Du doch wohl ein berühmter Mann sein.

Solör lächelte mit einem eigenartigen schwermüthigen Blick.

Ach, hier draußen in der großen Welt ist der Weg zu« Ruhm viel länger als Du ahnst, antwortete er. In Paris wird jährlich ein solch lächerlicher Ueberfluß von Medaillen ertheilt, hier konkurriren so viele Künstler aus allen Ländern, von welchen immer einer tüchtiger als der andere ist, daß weder eine einzelne ehrende Anerkennung noch einige lobende Kritiken einen Künstler unter die leuchtenden Namen emporznheben vermögen.

In demselben Jahre starb Solörs Mutter, wodurch er eine nicht unbedeutende jährliche Unterstützung verlor, denn sie hatte es stets verstanden, für ihn von ihren Haus- haltungsgeldern zu sparen.

Der Konsul sandte regelmäßig, was er einmal ver­sprochen hatte, aber von einem größeren Zuschuß wollte er nichts hören.

Kannst Du nach Verlauf so vieler Jahre noch nicht auf eigenen Beinen stehen, schrieb er an seinen Sohn, so beweist dies deutlich, daß Du zu dieser Arbeit nicht taugst. Du mußt Dir also diese Künstlergrillen aus dem Kopfe schlagen, heimkehren und Dich auf einen praktischen Beruf werfen.

(Forttctznng folftt.)

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