i -—m Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 79 . Sonntag. 4. klpril. 1915.
(9. Fortsetzung.)
Dd$ OMige ^td|DU$. Mcud verboten.
Roman von Albert Petrrfrn.
Auf dein Friedhof zu Gardby ruhte Peder Tiede- mann. Und die alten Linden blühten und verblühten, her Seesturm schrie, und Novembevnebel lastete auf Meer, Küste und Stadt. Der Winter kam und ging. Veilchen blühten, und nach ihnen Rosen. Gleichmäßig still floh im, Wechsel der Jahreszeiten bas Leben der Giardbyer dahin.
Zwei Jahre und einen Sommer und Herbst schlummerte jetzt schon Peder Diebemann.----
Die Saaltüren des „Hotels zum Weltmeer" waren weit geöffnet. Die Honovationen, Eltern der Latein- schüler und Freitrschgeber strömten hinein.
Man wußte, daß der jüngste Magister der Lateinschule, Dr. Hermann Witte, die Rede halten würde, an welche sich di« Deklamationen der Schüler anschließen sollten. Da man außerdem gehört hatte, daß der junge Lehrer aus einer alben Gelehrtenfamilie stammt« und selbst ein hervorragender „Kopf" sein sollte, daß einige ältere Lehrer -der Lateinschule ihn mit scheelen Blicken betrachteten, so war man doppelt gespannt, was er den Gardbyern sagen werde.
„Berstehen wird man vielleicht ja nicht viÄ von dem gelehrten Zeug", hatte Herr Wilmsen zu dm Seinen genieint. „Germanomanie — habe das Wort in meinem Leben nicht gehört. Aber wir können ja hingehen." '
Und nun saß Herr Wilmsen mit Frau und Tochter in einer der ersten Reihen und blickte zu dem Katheder hinauf, hinter dem ein langaufgeschossener Mann mit blondem Wuschelhaar, schmißgeziertem länglichen Ant- litz und blitzenden Blauaugen ragte und frei auf seine Zuhörer hinabblickte.
Er begann mit Johannes v. Müllers Wortm: „Der Held voll Schönheit, Kraft und Bildung, wie der Jüngling. der Grieche, ihn wollte, erscheint in Achill. Rauher sind, höher, härter, blutiger, kauscher des kalten Nords gewaltige Söhne, kaledonische, skaiibinavische, nibelun- gische Krieger."
Der Herr Konrektor faß mit spöttischem Lächeln da. Also nicht einmal einen Vortrag auf wissenschaftlicher Basis? WortgeWngsl aus der Demagogen- und Teu- tononschule der Jenenser Burschmschaster? In dem Jüngling hatte man einen wissenschaftlichen Konkurrenten gewittert und hatte nur einm schwärmerischen Waffenstudenten vor sich?
Erst als Dr. Witte jetzt auf daS klastische Altertum einging, über das Bewundernswerte, aber auch lächerlich GroßprahleNde der griechischen .Herren sprach, zog der Herr Konrektor wieder die Brauen finster susammen. Doch wissenschaftlich?
Von Odysseus und Aenoas ging der Redner auf di« Helden der Edda und des Nibelungenliedes über.
Ob wissenschaftlich oder nicht — die Zuhörer waren angenehm überrascht, so verständlich und so fesselnd sprach der junge Mann da oben vor ihnen. Sprach von den germanischen Söldnern, welche den Römern die Schlachten schlugen, von den germanischen Stämmen.
die das morsche Weltreich in furchtbarem Anprall zertrümmerten. Er schilderte Ritter- und Bürgertum deS Mittelalters, die traurige Zeit, da jede Einigkeit fehlte und die Heere Europas Deutschland zu ihrer Walstatt mochten. Und dann die Zersprengung der korsischen Ketten.
Hei, wie er dastand, der junge deutsche Schwärmer mit dem lockigen Blondhaar und den blitzenden Blauaugen. Nachdem die alten germanischen Erbfehler, Uneinigkeit und Freindewsucht, Deutschland in tiefste Schmach gestoßen, sei plötzlich in Adel und Bürger, alt und jung das stolze echt deutsche Gefühl der Pflicht und Kraft erwacht und jeder habe so das Recht erworben, stolz zu sein auf die herrlichen Eigenschaften, welche im Deutschen schlummern.
„Aha, nun kommt die demagogische Schlußfolgerung", dachte der Konrektor, dem der Vortrag des jungen Kollegen viel m wenig Angriffspunkte geboten hatte.
Dr. Witte schloß. Einerseits habe der Deutsche die Pflicht, seine Erbfehler: Zank und lächerliche Bewunde- rung alles Ausländischen, rnöge es nun klassisch oder modern sein, zu bekämpfen, andererseits habe er allen Grund, auf die Arbeits-, Opfer- und Kmiipftreudigkeit der Deutschen, auf ihre Tat- wie Geisteserfolge ebenso stolz zu sein, wie es andere Völker nranchmal ohne größere Berechtigung sind. Wenn man das Germano- manie schimpfen will, daß wir auf Kosten des Ausländischen und Fremden, des Griechischen, Lateinischen, Französischen mehr teutonische und die uns verwandte skandinavische Kultur und Sitte beachten und ehren, dann nur zu; es wird für uns Deutsche nichts Ehrenvolleres geben, als an Germanomanie zn leiden.-
Herr Wilmsen klopfte sich mit den Fingern der einen Hand gmrz leise auf den anderen Handrücken, wie er e8 zu tun pflegte, wenn ihm etwas ganz besonders gefiel.
Grethenfraucke faß wie im Traum da. Mehr als die Rede hatte sie der Redner selbst gefesselt. Diese freie, stolze, sichere Art. Wie jugendlich zuversichtlich die Augen blickten. Und wie männlich fest die Stirn, wenn er von Deutschlands traurigen Zeiten sprach. Sie sah, daß jetzt einige Schüler — einer nach dem an- deren vortraten, ihre urehr oder minder geschickte Verbeugung machten und deklamierten — Körner, Arndt, Kleist. Sie vernahm Worte, aber sie wußte nicht, was da deklamiert wurde. Sie sah das Gesicht, die lange Gestalt des jungen Mannes vor sich, sie dachte an ihn, sie — sie hatte ein seltsames Gefühl in sich und wußte nicht, was es war.
Der Saal entleerte sich allmählich.
Der Konrektor näherte sich der Gruppe von Kollegen, welche dem Redner gratulierend die Hand drückten, und sagte mit spöttischem Lächeln: „Na, Herr Kollega, jetzt werden wir unseren Sophokles wohl durch Kotzebue ersetzen müssen, nicht wahr??
