1. Sei läge mm Wiesbadener Tagblatt.
Ko. 66. MorKKn-Aussabe.
(3. Fortsetzung.) (Nachdruck verboteu.)
Zertreten.
Erzählung von K. Schönen.
Dem Norwegischen nache,zählt von tz-nrik Zonas.
(Autorifirt).
Indessen lenkte Nils seinen Weg die Strandstraße hinauf nach dein Walde. Er fühlte sich außer Stande, sein Eemüth zur Arbeit zu sammeln. Und dieses kleine schmutzige Loch von einem Ort voll bleichsüchliger junger Mädchen, scrophulöscn Kindern, gichtkranken Greisen, die umherhinkten oder im Krankenwagen fuhren oder auf Krücken zitternd nach den Bädern gingen — all diese Krankheiten ekelteil ihn an.
Wer doch mit Siebenmcilenstiefeln davon laufen könnte, hinaus über den Landweg Tag und Nacht und auf der Landuugsbrücke in Christiania stehen und sie empfangen könnte, wenn sie ans Land steigt!
Aber es war unmöglich zu reisen. Er mußte noch drei Wochen hier bleiben, bis seine Eltern ihre Kur beendigt hatten.
Als Nils nach einer mehrstündigen Wanderung nach dem Hotel zurückkehrte, fand er auf dem Tisch in seinem Schlafzimmer einen Brief liegen.
Als sein Auge auf das Couvert fiel, durchrieselte ihn unwillkürlich ein Schauer. Der Poststempel war von München, und er kannte diese lange, spitze Schrift.
Der Brief, der in deutscher Sprache geschrieben war, enthielt nur einige wenige Zeilen und lautete wie folgt:
Sehr geehrter Herr Solör!
Da die Augen der Mutter andauernd schwach sind und der Arzt ihr verboten hat, zu lesen und zu schreiben, bittet sie mich, Ihnen diese Zeilen zu senden, um bei Ihnen anzufragen, ob Sie schon eine nähere Bestimmung für Ihren Winteraufenthalt getroffen haben. Wenn Sie Ihr Zimmer nicht zu behalten wünschen, müssen wir nämlich die Wohnung Ausgangs des Monats aufsagen. Seien Sie daher so liebenswürdig, mit wendender Post hierauf zu antworten.
Wir haben uns danach gesehnt, etwas von Ihnen zu hören, wie Sie bei Ihrer Abreise versprachen. Aber wir können andererseits auch sehr gut begreifen, daß Ihre Zeit nach dem Wiedersehen mit Ihrer Familie und Ihren Freunden zu sehr in Anspruch genommen ist, um erwarten zu können, daß Sie sich unserer erinnerten.
In der Hoffnung, daß Sie von Ihrem Aufenthalt in der Heimath in jeder Beziehung Freude haben, mit den freundlichsten Grüßen von der Mutter und mir selbst verbleibe ich
Ihre verbindlichste Stephanie Schwanenflügel.
Nils zerknitterte das Papier zwischen den Fingern und benutzte es dann, um seine Pfeife damit anzuzüuden.
Dieses ruhige, geschäftsmäßige Schreiben erweckte eine Erinnerung, die ihn in peinlicher Weise berührte.
Was soll ich.thnn? Schreiben muß ich. Die armen Leute könneu unmöglich Meinetwegen mit ihrer Wohnung
Freilag, de« 9. Februar.
sitzen bleiben. Wenn ich nur die Antwort an die Mutter, statt au die Tochter richten könnte! Aber das würde fast beleidigend erscheinen.
Er hatte bei dieser deutschen Wittwe fast zwei Jahre lang gewohnt. Es war eine kleine Billa in der Nähe der Akademie. Der verstorbene Gatte war Professor der Kunstgeschichte an der Universität in München gewesen, und die Tochter hatte das Interesse und den glänzenden Verstand des Vaters geerbt.
Sie war seine Begleiterin in all den reichen Bilder- gallerieen, in der Pinakothek unb in der Skulpturensammlung gewesen und hatte ihm gewissermaßen als lebender Katalog gedient. Seine ganze Gelehrsamkeit in der Kunstgeschichte hatte er im Grunde durch sie erlangt. Er ivußte, daß sie französische Bücher übersetzte, um ihre armen Verwandten zu unterstützen, was ihm einen unbedingten Respekt einflößte, umsomehr, als sie erst zweiundzwanzig Jahre alt war.
Des Sonntags lud er mitunter Stephanie und ihre beiden kleinen Brüder ein, mit ihm ins Theater oder in den Circus zu gehen, und wenn sie ihm auf ihre ernste, ungekünstelte Weise dankte, wurde er ebenso gerührt wie beschämt.
Seine Kameraden begannen ihn mit der schönen, bebrillten Dame zu necken — sie trug nämlich stets eine Lorgnette. Und wenn sein Aufenthalt in Deutschland so unbedingt schatlenfrei geblieben war, so trug zum Theil auch diese ruhige Freundschaft dazu bei.
Eines Abends, als sie allein in dem Speisezimmer der Familie standen, versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen. Aber sie befreite sich ohne Verlegenheit, blieb in gewissem Abstande von ihm stehen und sagte:
Ich liebe diese Art Annäherungen nicht!
Ihre Ruhe verwirrte ihn, und er wiederholte diese» Versuch nicht.
Bevor er abreiste, sagte er: Ich bin sehr betrübt darüber, Sie verlassen zu müssen. Ich bereue fast meinen Entschluß.
Sind Sie dessen sicher? fragte sie lind sah ihn mtt eineni gespannten Ausdruck an, als ob sie etwas Entscheidendes erwartete.
Ich komme in einigen Monaten zurück.
Ja, versprechen Sie das! bat sie eifrig und eindringlich.
Gewiß verspreche ich das!
Und mit diesem Versprechen reiste er gen Norden.
Wenn nun Nils Solör nach seiner Heimkunft in Norwegen Mathilde nicht begegnet wäre, deren schönes Ohr ihn sofort am ersten Abend berauscht hatte, dann würde dieser Brief aus München wahrscheinlich eine uuvcrmischtc Freude in ihm erweckt haben. Er würde geantwortet haben, daß er ganz sicher wiederkomuien würde. Er würde wirklich in dem Glauben befestig! worden sein, daß die Freundschaft mit Stephanie eine Vorbedingung für sein Glück geworden sei. Aber jetzt schob sich Mathildes Bild zwischen die Zukunft und diese Vergangenheit, in der sein Wesen Alles versprochen hatte, seine Worte noch nichts.
Sein Gewissen war indessen nicht ganz ruhig, allein er suchte einen Ausweg zu finden, um demselben zu entgehen.
48. Jahrgang. 1960.
Ich habe ja nie um sie gefreit, dachte er. also habe ich auch keine Verpflichtungen. Aber ich reiste ab, ohne es zu irgend etwas kommen zu lassen. Dies war vielleicht der größte Fehler.
Der Brief verfolgte ihn den ganzen Tag und die ganze Woche lang, aber endlich gewann er Macht über seine Ve- denklichkeit und warf die Last von sich. Er schrieb:
Hochgeehrtes Fräulein!
Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Zeilen! Es hat mich gefreut, von Ihnen zu hören. Aber leider sehe ich mich noch nicht im Stande, einen bestimmten Plan für den kommenden Winter zu fassen. Meine Eltern wünschen mich nämlich daheim zu behalten, und ich darf mir daher keine Verpflichtungen hinsichtlich Ihrer Wohnung auferlegen.
Ich bin sehr betrübt darüber. Ihnen dies antworten zu müssen, aber ich kann leider die Verhältnisse nicht ändern.
Uebrigens bin ich sehr fleißig und habe gerade ein größeres Bild vollendet, das ich im nächsten Jahre in München ausznstellen beabsichtige.
Indem ich Sie bitte, meine ergebensten Grüße an die Frau Professorin zu vermelden, verbleibe ich, mein Fräulein,
Ihr ergebener und hochachtungsvoller Nils Solör.
II.
Staatsrath Hvitfeldt bewohnte eine alte Villa in der nächsten Umgebung Christianias.
Eine kurze Allee von hohen Kastanienbänmen führte von der Landstraße nach dem Hause, das, von einem Garten mit hundertjährigen Bäumen umgeben, fern von allem Geräusch lag.
Die Familie halte das Mittagsmahl gerade beendet und saß versammelt um den Kaffeelisch in der Wohnstube.
Mathilde goß kochendes Wasser in die Kaffeemaschine, während der Vater die Tageszeitung las. Die Mutter lehnte sich in den hohen Lehnstuhl zurück, worin sie ihr Nachmiltagsschläfchen zu machen pflegte.
Es war ein viereckiges Gemach, in dem der Ausgang zu einer breiten Veranda mit weißgestrichenen Bänken auf beiden Seiten sich befand.
Die braunrothen Plüschmöbel waren alle in demselben Styl und von derselben Farbe, wie es in den meisten nordischen Häusern gebräuchlich ist. Dies macht einen ziemlich einförmigen, aber ruhigen und angenehmen Eindruck.
An den Wänden befanden sich einige Kupferstiche italienischer Kirchen, sowie ein paar Landschaften aus Hardanger und dem Sognefjord. An den Fenstern, sowie in den zwei Ecken des Zimmers befand sich eine reiche Sammlung von tropischen Pflanzen, die von Mathilde gepflegt wurden.
Das Ganze trug ein dürftiges, aber doch solides Gepräge, denn es waren nur wenige oder gar keine Lnxnsgegenstünde vorhanden. Aber es ruhte etwas Anheimelndes über diesem Heim.
Der Staatsrath las die Nachrichten über die Anarchistenbewegung in Paris.
(Fortsetzung solgt.)
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