*8. Jahrgang.
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Us. 64. Fernsprecher N°. 52 . Donnerstag, den 8 . Fedrnar.
Fernsprecher No. 52. 1960.
Haryn-Ausgülie.
Zur Aufhebung des Colibuls
im lateinischen Amerika, worüber auch wir fr.Zt. berichteten, schreibt der Stadtpfarrer Lachenmann in Kirchberg der „Tägl. Rundsch." Folgendes:
„Vor einigen Wocheil las man in den Zeitungen von einer Encyklika Leos XIII. an die Bischöfe des lateinischen Amerika, welche den Cölibatszwang für die Länder jener Gegend aufheben sollte. Diese Nachricht machte Aufsehen. Und mit Recht. Denn eine solche Verfügung wäre die folgenschwerste That nicht nur Leos XIII., sondern des Papstthums seit Jahrhunderten gewesen. Zwar wurde sie in jener Encyklika begreiflich gemacht durch den Hinweis, daß die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit nicht auf direkt göttlicher, sondern auf kirchlicher Einrichtung beruhe; außerdem wurde sie für diesen bestimmten Fall begründet mit dem kirchlichen Nolhstand in Südamerika: dem Priestermangel sei nur durch Aufhebung des Cölibatszwangs abzuhelfcn. Allein gerade diffe Begründung erregte wohl in Kennern der Verhältnisse den ersten Zweifel an der Echtheit jener päpstlichen Encyklika: Priester- mangel in Südamerika, wo es von Mönchen wimmeltI wo z. B. rn der Republik Ecuador auf zehn Lniett ein Kleriker kommt I Und als ob man in Südamerika nicht auch Priester werden und bleiben könnte, ohne sich um das Cötibat zu kümmern! Die Echtheit dieser Encyklika wurde nun auch bestritten. Daß sie auf reiner Erfindung beruhte, oder daß nur der Wunsch der Vater des Gedankens war, läßt sich nicht annehmcn. Halten wir uns an die Thatsachen.
Im letzten Aallr versammelte sich in Nom zum ersten Mal tin lateinisch es Konzil, zusammengesetzt aus etwa 80 Bischöfen per südamerikanischen Republiken. Dasselbe befaßte sich in feinen Beratungen vornehmlich mit den traurigen sittlichen ZusKinden des sudamerikanischen Klerus. In dem Bericht, der von den Bischöfen dem Papst vorgelegt wurde, wird geführt: von den etwa 18,000 Priestern Südamerikas leben etwa J in offenem Konkubinat mit Frau und anerkannten Kindern; og 4000 leben i» heiuflichemKonkubinat, indem sieFraue» als Nichten, Dmttrn, Basen rc. bei sich haben; etwa 1500 unterhalten mehr oder geheime Verbindungen mit dem weiblichen Geschlecht.
! So wurde also wenigstens der südamerikanische Klerus Pins IX. Recht geben, der einst zu, dem Gründer des Asfumptiomsten-Ordens, Mb« düMzon. sagte: „Betet für die 'Priester! Die Hälfte des katholischen Merirs watet km Koth" (.nella fanga“)! Uebrtgcns ist es ein offenes Gehctmniß und von Reisenden vielfach bestätigt, daß man z. B. in Brasilien, um die Wohnung des Priesters zu finden, nur nach dem Kaufe zu suchen hat. an welchem die ineisten Windeln flattern. — Daß solche Zustände endlich nach Abhülfe schreien, wird man sich auch in Rom nicht verhehlen. Aber was wird oder ist schon geschehen? Abbs Hyacinthe Loyson spricht sich darüber im Pariser „Siecle" folgendermaßen ans:
„Ich kann an eine direkte, allgemeine und öffentliche Ermächtigung des lateinischen Klerus zum Heirathen nicht glauben. Unter dieser Form würde die Aufhebung des Cölibatszwangs eine Revolution bedeuten, die größer wäre als die im 16. Jahrhundert. Sicherlich wird cs noch soweit kommen, aber wir sind noch nickt daran. Mit dem Cölibatszwang und dem, was damit zusammcn- hängt, würde die Hauptschranke fallen, welche die kirchliche Welt und die Ltfienwelr zu ihrem beiderseitigen Schaden von einander trennt. Der Klerikalismns hat dann seine Macht verloren und die Reformation der Kirche wird sich von selbst machen.
Inzwischen brechen sich einzelne Reformen langsam Bahn. Sicher auch in unseren Tagen und in diesem Falle. — Aber nicht durch öffentliche Encykliken, sondern durch private Instruktionen des Papstes an die Prälaten des lateinischen Amerika wird wohl auch in dieser Frage der kirchlichen Zucht ein „tolerari posse“ Mgestanden werden. — Derlei geheime Zugeständnisse sind auch schon bisher mehr als einmal gemacht worden. Nicht nur im spanischen und portugiesischen Amerika: ich kenne ein ganz frisches Beispiel aus einer Diözese Frankreichs."
So hätte Leos diplomatische Gewandtheit auch hier wieder tinen klaffenden Riß iiberkleistcrt, wie im Norden der neuen Welt durch die Beschwichtigung der amerikanischen Ideen. Wie lange bas Flickwerk halten wird, überlassen wir der Zukunft.
Ans §t,rdt nnd Zand.
Wiesbaden, 8. Februar.
Der Vogelschutz
ist in der Petitions-Kommission des Reichstags wiederum Gegenstand einer eingehenden Verhandlung gewesen.' Einstimmig beschloß man, die eiugegangenen etwa 840 Petitionen für Vogelschutz dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. In den Petitionen werden unter anderen folgende Klagen erhoben: Insbesondere der Dohnenstieg mit seiner grausamen Fangweise bestehe in Deutschland immer noch, obschon diese Fangart noch barbarischer sei, als das Verfahren der Italiener. Der Hauptgrund für die Beibehaltung des Krammetsvogelfanges, daß er eine Erwerbsquelle biete, sei von geringer Bedeutung. Es gebe kein Gesetz, unter dem nicht geringfügige Einzelinteressen zum Besten der Allgemeinheit leiden mußten. Die Vogelstellern sei durchweg eine hauptsächlich Sonntags betriebene Tagedieberei, die oft noch zu unordentlicher Lebensweise verleite. Die Förster, welche auf den Krammetsvogelfang, als Nebenerwerb, angewiesen seien, würden es mit Freude begrüßen» wenn ihnen dafür ein Geldäquivalent bewilligt würde. Immerhin könne ja gestattet werden, daß in der Zeit, wo jetzt der Krammetsvogelfang stattfinde, diese Vögel von den Jagdbercchtigten geschossen werden dürften. Wenn dadurch auch der Preis derselben sich erhöhe, so sei das für die wenigen Epicuräer, welche diese Leckerei nicht entbehren möchten, ganz unerheblich. Im Königreich Sachsen seien, seit vielen Jahren die Krammetsvögel der Jagdbarkeit überhaupt entzogen, und es sei nicht einzusehen, warum' nicht Preußen und ganz Deutschland diesem guten Beispiel längst gefolgt seien. Durch den Dohnenstieg würden nicht allein die Krammetsvögel in grausamer Weise gefangen, er sei auch ein Frevel gegen die land- wirthschaftlich nützlichen Vögel und gegen die gefiederten Sänger, weil diese alle dadurch beseitigt nnd gründlich änsgerottet würden. Neben dem Verbot des Fangens und Erlegens von Vögeln — mit den bestimmten Ausnahmen — seien ' auch schärfere Strafbestimmungen gegen gewerbsmäßige Vogelfänger nothwendig, wie auch eine größere Beschränkung des Handels mit Singvögeln. Die Verkäufer seien gewöhnlich Anstifter und Hehler der Vogelsteller und ebenso strafwürdig als diese. — Sehr mangelhaft seien auch die Bestimmungen über Thierquäierei, soweit die Vögel in Frage kämen. Singvögel stürben nnd verkämen zu Hunderttausenden auf t dem Transport und in den engen, unreinlichen und unzureichenden Aufbewahrungsbehältern. Andere zahlreiche Petenten wenden sich in scharfen Worten hauptsächlich gegen den unsinnigen Massenmord unserer wichtigsten und unentbehrlichsten Zugvögel, besonders in Italien und im Süden Oesterreichs. — Im Frühjahr 1896 seien allein in Algier 8 Millionen Wachteln gefangen worden, von denen gegen 5 Millionen auf dem Transport verendet seien. In Italien und südlichen Oesterreich würden schonungslos die besten Schützer der Landwirthschaft erwürgt. Nicht einmal die Schwalben, an denen noch kein Volk der Erde sich habe vergreifen mögen, würden verschont. Die letzten Jahre, besonders das Frühjahr 1897, hätten gezeigt, daß die Befürchtung, cs möchten für unsere Gegenden auch noch die Schwalben ausgerotlet werden, keine leere Einbildung sei. Die Italiener griffen durch den Massenmord unserer Zugvögel kn unsere Rechte ein und führten förmlich Krieg gegen die deutschen Landwirthe. Der RegieruugSkommissar verwies darauf, daß die Verhandlungen über die Ratifikation der 1895 zu Paris von Vertretern fast sämmtlicher europäischer Staaten vereinbarten internationalen Vogelschutz-Konvention noch nicht abgeschlossen seien. Bis dahin müsse auch eine Revision des Vogelschutzgcsctzcs von 1888 vertagt werden. — „Um der Maffenvertilgung der Wachteln, welche hauptsächlich in Egypten gefangen und von dort nach England gebracht werden, entgegenzuwirken, bat die preußische Regierung im Frühjahr dieses Jahres ein Verbot der Durchfahr von lebenden und todten Wachteln während des Schlusses der Jagd erlassen. Verhandlungen über gleiche Maßnahmen in Deutschland sind im Gange und cs steht — soweit es nicht schon geschehen ist — der Erlaß von Maßregeln in den betheiligten Bundesstaaten bevor, ivelche auch Deutschland für die Durchfuhr von Wachteln während der Schonzeit verschließen werden." Auch nlöge nicht unerwähnt bleiben, daß nach dem Urtheil namhafter Sachverständiger die Abnahme unserer Vögel ihre Ursache weit mehr in dem Fortschreiten der Boden
kultur, insbesondere der Beseitigung der Hecken, Raine und ähnlichen Nistgelegenheiten als in den Nachstellungen der Menschen findet, und daß daher polizeiliche Maßnahmen zum Schutze der Vögel imnier nur in beschränktem Maße zur Erhaltung unseres Vogelbestandes bcizutragen verniögen." Bei der Besprechung der Petitionen wurde von allen Seiten anerkannt, daß die Petenten im Rechte seien, wenn sie in dringendster Weise eine Aenderuna des jetzigen Zustandes verlangten. Manche Mißstände, z. B. der L e r ch e n m o r d in Helgoland, seien in den Petitionen gar nicht erwähnt. Auch die deutsche Obstbaumzucht verlange, daß die Feinde der Schädlinge erhalten würden. In den Schulen müßten die Kinder fortgesetzt ermahnt werden, daß sie keine Eier aus- nehmcn dürften. _
— Geschichtskalendrr. 8. Februar. 1897: Straßenkrawalle in Hamburg. 1884: ff Ketschwajo, der bekannte König der Zulu- kaffern. 1882: ff Bcrthold Auerbach zu Cannes, deutscher Schriftsteller (Dorfgeschichten). 1874: ff David Friede. Strauß zu Ludwigsburg, kritischer Theologe. 1871: ff Moritz v. Schwind zu München, berühmter Historienmaler und Zeichner. 1818: * Wilhekn Camptiauscn zu Düsseldorf, hervorraacndcrGeschichts-und Schlachtenmaler. 1808: * Alban Stolz zu Bühl in Baden, bekannter kam. Theolog nnd Volksschriftstellcr. 1807: Schlacht bei Pr. Etllan zwischen Preußen, Russen und Franzosen. 1801: * Th. Kalide zu Königshütte, Schlesien, Bildhauer (Bacchantin auf Panther tt. 9t.). 1795: * Mor. Gottl. Saphir zu Lovas-Bereny, bekannter Humorist und Satiriker. 1725: ff Peter der Große. 1587: Enthaumung dev Königin Maria Stuart von Schottland. 1150: Niederlage Herzogs Wels bei Flochberg.
— Mathullrr. Wie bereits durch Amwnccn angekiindigt, findet heute Donnerstag, Abends 81'- Uhr, im Theatersaal das erste große karnevallst!sche Konzert, gegeben von der bedeutend verstärkten Thcaterkapelle unter Leitung Wilh. Alctters, sowie unter Mitwirkung erster hiesiger Vortragskünstler, statt. Das Programm enthält außer Quartett- und humoristischen Vorträgen sowie gemeinschaftlichen Liedern an Orchesterpiecen unter Änderest! Schlaraffia-Ouverture, Ouvertüre „Bruder Lustik", „Fidele Faff- nacht", großes närrisches Potpourri mit Gesang, das „Kiichen- Konzert" rc. Es ist also wiederum ein urgcmüthlicher, fröhlicher Abend, an welchem Se. närrische Hoheit Prinz Karneval sein Sccvter schwingen wird, in der Walhalla zu erwarten. Das Entrse beträgt einschließlich karnevalistischer Kopfbedeckung, Lieder- texlen nnd Programm nur 50 Pf.
© Auch die Keuchtkraft des Gasts leidet unter der Kälte. Man kany deutlich bemerken, daß in sehr kalten Nächten die Straßenlaternen nicht so hell brennen. Die Kälte zieht zusammen und verdichtet die Feuchtigkeit, die sich, wenn auch in geringem Maß, auch im Gas findet. Hauptsächlich geschieht das bei den zu Tag liegenden Röhren. Aus der verdichteten Feuchtigkeit entsteht Wasser, welches gefriert. Das Gas stammt von Kohlen und seine Leuchtkraft ist mit abhängig von den bei- gemengtcn Kohlenwasserstoff-Verbindungen. Durch die Kälte verflüssigen dieselben mit und werden natürlich dem lufisörmigen Gas entzogen. Dagegen spritzt man. starken Spiritus in die Röhren. Dieses hat den Zweck, erstens das ansqeschiedcne Wasser am Gefrieren zu hindern und zweitens die verdichteten Kohlenwasserstoffe zur Vcrdnnstung und somit wieder in luftförmigcn Zustand zu bringen. Endlich beeinträchtigt die Kalte die Leuchtkraft noch aus einem andern Grunde. Je besser das Gas vorgewärmt wird, desto heller, weil gründlicher, verbrennt es. Darum ist auch bei den Rcgenerativbremiern von.Siemens auf diese Thatsache Rücksicht genommen. Je größer die Kälte, desto mehr fällt das Vorwärincii weg und die Flamme brennt trüber, was besonders bei freistehenden Straßenbrennern in auffälliger Weise beobachtet werden kann.
© Ansteckung des jgustrus. Wer da meint, daß der Husten nicht zu den ansteckenden Krankheiten gehört, braucht jetzt nur einmal in eine Theatervorstellung, i» ein Konzert oder einen Vortrag zu gehen, um sich davon zu überzeugen, daß ein einzelner Huster in wenigen Minuten ein ganzes Heer von Krächzendcn hcrvorbringt. Jeder versucht nämlich, so gut oder so schlecht es geht, seinen tzustciianfall zu unterdrücken, yält's dann aber Einer durchaus nicht mehr aus, nun dann glauben sich auch alle Anderen sehr bald berechtigt, darauf loshusten zu können. Freilich giebt es auch Rücksichtsvolle, die sich sagen, sie haben kein Recht, sich
(Nachdruck verboten.)
Berliner Modebrief.
Von Erna Herm.
Karneval und Industrie. — Die Kunst im Dienst des Ewig- Weiblichc». — Schwarze Atlasklcider für Bälle. — Toiletten aus schwarzem Tüll aus weißem Atlas. — Ballkleider für die jüngere Damenwelt. — Taille 5 la vierge. — Frisur ä la vierge. — Knopfstiefeletten aus Atlas. — Diamanten.
Rauschende Tanzmusik und lockende Fähnchen in den Auslagen befinden sich, um gleich Sirenengesang und trügerischer Fata Morgana das Herz der jungen Menschenkinder gefangen zu nehmen. Ist dann manches derselben in athcmloser Spannung dem ;o- genannten Ballvergnügen näher getreten, so ist oft bittere Enttäuschung, Mißmuth, ja selbst Kuüimer und Sorge die Ausbeute, die der zu intensive Genuß au KarncoalSfreuden hervorbringt. Ein schlechter Nachgeschmack bleibt vorhanden, zum Mindesten ein moralischer Katzenjammer, wenn, wie eben erwähnt — des Guten zu Viel gethan wird. Und die älteren Leute sehen dem Rummel immer wieder von Neuem mit Kopfschiittcln zu und begreife» die Jugend nicht, die Jahr um Jahr in immer frischen Generationen der Freude entgegenstrebt. Die Alten haben den Trank der Freude gekostet, Mancher hat ihn schal und ohne Würze gefunden, aber der Junge hört ungläubig diese Mär und geht ungeduldig daran, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. Manchem mag auch wohl das Glück lächeln, und er erhascht in dem Wirbel von Tanzenden das Wesen, welches sich ihm in Liebe znwcndct, nnd in dem er das Ideal seiner Träume findet. Und um dieser wenigen Glückliche», die sich aber immerhin dann und wann finden, hat der Karneval seine Daseinsberechtigung gesichert, so wie auch um de« großen Nutzens willen, den er sür unsere Industrie bedeutet. Heuer ist eine vornehme Balltoilette einem Kunstwerk gleich zu stellen, denn nicht nur die mühsame Handarbeit der geschickten Stickerin — welche mit Gold und Silberfaden, Brillanten nnd Perlen, exotische Muster auf den leuchtenden Sammet oder Moiröc zaubert — genügt, um Dasjenige hervorzubringc», was die jautafteretchc Mode in diesem neuen Jahrhundert verlangt. Bonder Hand des Maler« bezieht die Balltollctte von 1900 ihre Dekoration,
wahrlich anspnichsvoil genug für die ihr nur so kurz zugemessene Lebensdauer! Ost schon hat sich die Kunst in den Dienst des Ewig- Weiblichen gestellt, ein Beweis, daß das Ewig-Weibliche das dankbarste Objekt für die Kunst ist. Doch wir ergehen uns in Betrachtungen und Sie wollen Thatsachen, meine Damen, nun, ich beeile mich, Ihren Wünschen nachzukommen. In erster Linie ist es der lcuchtcude Spicgclsammet, welcher sich als Grundlage für Malereien herglebt, in zweiter Linie der von Schleifcnmusterii durchwässcrte Moiree. um dessen Musterung sich Blattgewinde in, grünen Schattirunaen ziehen, oder der glänzende Atlas, das Lieblingsgcwcbe der diesjährigen Mode. Wir sahen eine wunderbare Toilette für eine hohe Fürstlichkeit bestimmt; das Unterkleid ans rosa Atlas schimmerte durch ein Ucbcrkleid aus weißem Atlas, in welches große Medaillons aus Clunyspitze inkrustirt waren. Der weiße Atlas, der die Medaillons umgab, war mit Zwcigeii wilder Rosen, die sich um die Medaillons zu schlingen schienen, bemalt. Vorder- und Rückcnthcil des Leibchens deckte je ein riesiges Spltzciimcdailloii, von einem ganz schmalen weißen Atlasstreifen umrahmt, sodaß das rosa Futterleibchm stark zur Geltung kam. Die nicht sehr tief ausgeschnittene Corsage »mgab eine schmale Drapirung von Clunyspitze, welche als Epaulettes statt der Acrmel ihre Fortsetzung fand. Ein miederartiger rosa Atlasgürtel schloß seitlich mit einer Brillantschnalle ab. Ein kleiner Muff aus Spitzen und rosa Atlasband und Rosen kombinirt, der das winzige Batisttuch mit Brüsselcrspitzeu verbirgt, gehörte zu dieser Balltoilette — eine der uiiglaublichcu sccessi'o- nistlschen Einfälle, die uns die Modekünstler für diese Saison be- schcerr haben. Schwarze Atlasklcidcr find für Bälle sehr on vvgue, manchmal zieht sich über das Leibchen, vom 9lusschnitt rechts an- gcfangcn, eine Riesenblume, die ans lauter MctaUschnppe» dem Atlas applicirt ist. Bewundernswcrth ist die feine Nuancirung der Farben, oft ist ein einzelnes Blatt aus fünf bis sechs Schattiruugcn Grün hergcstellt. Den Rand de« Ausschnittes nmgiebt entweder eine Draperie aus weißem oder schwarzem Tüll, über die Achsel falle» schmale, reiche Tüllvolauts. Die Röcke sind meistens bis zum Knie enganliegend geschnitten, nur beim Verschluß erlaubt man sich wieder eine kleine Falte cuizulcgcn. Vom Knie abwärts ist der Stoff i» Plissee angesetzt, und dort, wo er sich mit dem oberen Theil verbindet, decken ihn einige Reihen
ein gezogener Mousscliuerüschen. Sehr schön sind Toiletten aus chmarzem Tüll auf weißem Atlas. Drei briite, in Form gc- schnittcue Volants, mit schmalen Stahlfransen besetzt und mit Stahlflitter benäht, bilden den Rock. Das Leibchen aus dem gleichen Material ist sehr tief ausgeschnitten, nnd der Stoff voran und rückwärts übereinander gekreuzt. Eine Borte aus Tüll aus weißem Atlas liegt in unregelmäßigen Zacken ui» -den Ausschnitt, ebenfalls von einer Stahlfranse umrandet. Ei» Bouquet von rothcui Niesemnohn, an der linken Schulter angebracht, verleihtdiesen Toiletten besonderen Reiz. In der Ballsaison gilt cs vor Allein den Ballkleidchen der jüngeren Damenwclt Rechnnng zu tragen. Mousseline, Tüll, Gaze, Spitze» und Mull werden ausschließlich für Mädchciikleidcr verwendet. Das Unterkleid aus leichter Seide, wird mit Vorliebe in rosa oder blauen Nuancen gewählt. In zierlichen Volants fällt der leichte Mousseline oder Gaze darüber, meistens mit Silbertüpfche» oder Krystallperleu benäht. Einfachere Kleidchen sind mit schmalen Atlasbandern am Rande besetzt, und ein Silbergürtel bildet das belebende Element. Sehr schön sind Ballkleider für junge Dame», deren oberer Rock- theil glatt ist und das duftige Plissee mitRosenguirlanden a» demselben angebracht erscheint. Man kehrt wieder zu dem fichuartiaen Aufputz bei Mädchentoiletten zurück und schließt mit einem Rosen- bouquet ab. Die Taille h la vierge ist immer für Debütantinnen die beliebteste Fa^on. Auch die Frisur a la vierge findet sehr viel Anklang, wenn sie auch mit ihren losen Puffen nicht ganz ihrem Vorbild treu bleibt. Haarkämme aus lichtem Schildpatt mit Brillanten besetzt sind zu diesen Ballfrisurcn unentbehrlich — jedoch überläßt man sie den Frauen, Mädchen tragen keinerlei Schmuck- käimne. Neuerdings trägt man statt der ausgeschnittenen Schuhe hohe Knopfsticfelctteii ans Atlas tu der Farbe des Kleides, oder ganz tief ausgeschnittene Atlasschuhe mit winzige» Spitzeiischleifchen, die sich durch kleine Brillantschualleu ziehen. Es gehört vollkommen zum guten Ton. iniitirte Brillanten zu solchen Zwecken zu tragen. Man verwendet sie ebenso gern zum Schmuck der Kämme, als zu Gürtel- und Schuhschnallcn, zu Agraffen, sowie z» Toilcttenadelu. Nur als wirklicher Schmuck dürfe» sie nicht getragen werden: weder nt« Brocke, noch als Ohrgehänge oder Collier haben Similisteine eine Berechtigung. Als Aufputz für Toiletten sind sie jedoch ganz am Blad.
