Wiesbadener Tsgblatt.
«8. Jahrgang
Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-PreiS: durch dm Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. «O Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
ff,©©© Avormerrteu.
Anzeige,t-Prei§r Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Neclauien die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg.,
Amergen-Annahme - Nusgabe bis Il Uhr Vormittags. für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. - Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur
v g O*» »achsterscheineiide» Ausgabe wird keine Gewahr übernomme», jedoch »ach Möglichkeit Sorge getragen. ' "«»«eccmcr zeigen zur
|töt 62. Fernsprecher Wb. 58.
Mittwoch, den 7 ♦ Februar.
Fernsprecher No. 52.
I960.
ISflorgen-ßusgabe.
Das Verhalte» der englische» Soldatc» gleicht jenem der Landsknechte im dreißigjährige» Kriege. Kein Bewohner des Festlandes hat es sich träumen lassen, daß die Engländer i» einem
geringere Durchschlagsfähigkeit als noch, daß die englischen Offiziere n stcchern versehen sind, während bei
das der Buren. Dazu kommt lcht einmal durchweg mit Feld- deu Buren alle iolcbe
Der Krieg in KiidafMa.
Soldaten oder RäuberI
Motto: „Wir suchen keine Goldfelder; wir suchen keine Länder." Lord Salisbury.
, Beim englischen Heer zeigt sich die Neigung, den Krieg als unen Naubzug zu betrachten. Vor kurzer Zeit erschien in der Zeitung der Deutschen in den Niederlanden ein Bericht, aus dem hervoraing, daß die Engländer die todten, verwundeten, sterbenden und gefangenen Buren plünderten. Kein Bur besaß mehr Geld oder Werthsachen. Die englischen Blätter bringen nun Berichte Uber diese Plunderungen, und man findet sie ganz selbstverständlich, ja, sie werden sogar von den englischen Offiziere» geradezu gestattet. „Loot — so nennt der Engländer den vom Gegner genommenen Raub, ist ganz in der Ordnung.
Hier einige Beispiele: Der Korrespondent des „Telegraph" schreibt von Glencoc: „Unsere Tommies (Soldaten) bekamen wunderbar viel „Iwot" Seidenhüte und Gehröcke und auch Lendenschmuck von Kaffern. Das war ein Bild heute, zu sehen, wie sie mit ihrer Beute beladen waren."
Aus ElandsHaagte schreibt ein Gemeiner: „Die Buren
ergeben, aber der tapfere britische Soldat, welcher „Loot“ witterte, wollte sie dennoch niedermache», um ungestörter plündern zu können. Der Bericht lautet weiter: „Nun, wir haben in ihrem Lager tüchtig gefressen. Der General gestattete uns, zu nehmen, was wir wollten. Da hatten wir Decken. Uhren und Ketten, wasserdichte Ueberzieher, Revolver, nagelneue Anzüge, die noch nie gebraucht waren, kurzum, Alles war neu. Pferde, Sättel, Geschirr — Alles neu. Was wir nehmen wollten, nahiuen wir, und als wir nach Ladysmitb zurückkamcn. verkauften wir Alles au die Crvilisten, und verdienten (!!!) auf diese Art viel Geld." Man sieht, die englischen Civilisten in Ladysmith stecken mit der Soldateska unter einer Decke. Sie sind Hehler in des Wortes schlimmster Bedeutung.
.Ein Telegraphist sagt aus: „Viele unserer Soldaten sind ganz »ich durch den „Iwot", den sie genommen hatten. Ich sah einen Gordon-Hochlander, welcher ein Veldtpferd cintauschte gegen drei Esgaretten. Ein glücklicher Tommy Atkins erbeutete eine Tasche Wtt 270 Pfd. St. (5400 Mk.) in TranSvaaler Münze.
, Ei» anderer Soldat berichtet: „Mit gefälltem Bajonett gingen wir auf sie (die Buren) los, was das Zeug hielt Köpfe wurden wie Kürbisse zertrümmert. Die Buren waren vor Schrecken sprachlos, als sie jene Linie von kaltem Stahl auf sie loskommcn sahen. Sie warfen ihre Waffen fort und liefen in wildem Durcheinander davon, nur um von unserer Reiterei in Musterschnitte eines Reifenden zerstückelt zu werden."
Diese Berichte zeigen nur zu deutlich, was die Buren zu erwarten haben, wenn die Engländer jemals siegen sollten. Die Offiziere werden ihren Leuten gestatten, nach Belieben zu plündern. Als der Feldzug ausbrach, wurden die Engländer von vielen Bewohnern in Johannesburg in einigen Tagen erwartet. Ein dort wohnender Engländer ließ seinen Laden ganz mit Eisenblech zudecken. Man fragte ihn weshalb. Er sagte ganz ruhig: „Ich kenne meine Landsleute gut genug. Wenn sie hier ankommen, werden sie Alles nehmen was sie nehmen können, und dabei ist es gleichgültig, wem es gehört."
,Und was sagt man dazu in England? Mau findet dieses Plündern ganz selbstverständlich. Der Soldat muß für seine Mühen belohnt werden, und da der Staat nach Beendigung eines Feldzuges keine Neigung verspürt, noch was Besonderes für die Armee zu thnu, so greift der Soldat überall zu, wo er nur kann. Daß
neue Lust zum Kampfe gegen die Buren bekommt, wenn er nach ledem Treffen .Iwot" erhält — mitunter im Betrage von mehreren Lausend Mark — ist ja ganz erklärlich, und dieser Sporn mag den Offizieren nur recht sei».
Cl “ eivlii,irres xsoti Ilcy ,o veneymen konnten. Ui dieses Verhalten giebt m der That Stoff zum Nachdenken. B-r.
* * *
London, 6. Februar. Das „Neutersche Büreau" meldet aus Kapstadt von gestern: Die Erwiderung, welche Lord Roberts auf den Protest derPräsideuteuKrüger und Stejn gegen die Verwüstung von Grundeigenthum durch die Engländer richtete, dslugt ferner: Er bedauere, daß die Streitkräfte der Heiden chEpublike» m verschiedenen Fällen gegen den Kricgsbrauch civilisirter Nationen verstoßen, besonders dadurch, daß in Distrikten in denen sie eingedrungcn waren, treue Unterthanen der Königin aus ihren Heunstaiten vertrieben wurden; der Versuch, Leute zum Kampf gegen ihre Königin und ihr eigenes Land zu zivingen, sei barbarisch.
^vb. Poris. 6. Februar. Der nationalistische Deputirte Firmln Faure theilte dem Minister des Aeußern, Delcassv, mit, er werde ihn interpelliren betreffs der Möglichkeit einer Jnter- veiition Italiens im Transvaalkrieg.
Homburg, 6. Februar. Die Hamburger Bark „Hans ^"sisisr ' welche in Port Elisabeth von den englischen Behörden zuruckbehalteu worden war, ist. laut Telegramm au die Rheder von Port Elisabeth wettergesegelt. Es war dies das letzte der von England in Südafrika zurückbehaltcncn Schiffe.
cis- £; b- Februar. (Von unserem Korrespondenten.)
Die Kaltblütigkeit des englischen Volkes, über die ich neulich bc- richtete, wurde nicht vollständig charakterisirt sein, wollte man dabei das -alcnt der Minister Ihrer Majestät unerwähnt lassen, seelische St!mmungcir bei den Leuten hervorzurnfcn, d. h. den Stoicismus künstlich zu züchten. Die War Office ist das vollendetste psycho- logische Semniar, bci§ mau sich denken kann; jeder Dramatiker hatte daselbst Gelegenheit, etwas zu lernen. Der Stoff, der dort verarbeitet wird, sind die Unglücksnachrichten vom Kriegsschauplatz; das Thema: Wie bringt mau sie am besten dem Volke bei. Zuerst machteil es die Herren sehr einfach, indeui sie die betreffenden Dcpe>chen in der Tasche behielten. Das ließ sich aber natürlich auf die Dauer nicht durchführen, und so halfen sie sich a . u f /^ andere, sehr ingeniöse Art und Weise. Um nämlich eine schlechte Nachricht bekannt zu machen, verbreiten sie zunächst eine gute. Dadurch werden die Gemüther gehoben, die Herzen wetten sich, das ganze Volk schwelgt in Entzücken, und wenn es nun durch die Freude vollkommen entwaffnet worden ist, so überrascht man es plötzlich mit der Unglücksbotschaft. Wären nun die Leute vorher schon erregt gewesen, so würden sie dadurch in Wuth versetzt worden sein;- da sie aber kluger Welse zunächst in eine freudige Stimmung gewiegt wurde», so äußert sich der Umschlag lediglich in einer gewissen Konstcruirtheit. Es ist wie die Peripetie V 1 £?$ obte ', d>e nach klassischem Muster in den 2. Akt fallen muß.
^riuniph I Sir R. Buller hat den Spionkop genommen uud sich dort den ganzen Tag gehalten. 2. Akt: Man hat sich getauscht, der Sieg stellt sich als Niederlage dar; Sir Nedvers Buller wurde vom Spionkop zurückgetricben. Oder ein anderes Bild.
1. Akt: Der Adjutant des BurengcneralS ist durch einen englischen Kanonenschuß gewdtet worden. Allgemeine Freude. 2. Akt: Berichtigung: cs war eine Burenkanone, die einen englischen Adjutanten getödtet hat. Auf solche Art werden die Nerven des englischen Volkes gestärkt und Eemüthserschütterungen vermieden, die doch nur unangenehme Folgen für die verantwortlichen Persönlichkeiten haben konnten. Die englischen Niederlagen erklären sich übrigens schon aus der unzureichenden Armirung gegenüber den Blircn. Diese sind mit dem Mauser-RepetirattochrModell 1893,95 bewaffnet, das jedesmal 5 Schuß enthält. Die Kugel besteht aus gehärtetem Blei und ist mit einem vernickelten Stalilmantel umgeben. Ihre ^"F^ichwmdigkeit beträgt 728 Meter, die größte Distanz 4000 Meter und ihre Durchschlagskraft ist eine ganz enorme. Man kann sich, denken, daß eine derartige Waffe in Händen so vorzüglicher Schutzen wie die Buren sehr verheerende Wirkungen ausüben muß. Das englische Lee-Ensteld-Gcwehr — ein abgeüudertes Lee- M^lord — hat eine Marimaltragfähigkeit von nur 3200 Meter, sein Gcschog eine Anfaugsgeschwiudigkeit von 610 Meter und
--i-, .. wwv l/uutu.
0 „ Uebrr die „Musel,ibin lieit" der Kuren weiß eine Berliner Lokalkorrespondeuz Folgendes zu berichten: Von der Treffsicherheit der Buren, konnten sich Beamte der Ludwig Locweschen Wafstn- fabrik auf einem Berliner Schießplatz überzeugen. Vor etwa vier Jahren trafen fünf Herren aus Transvaal hier ein. um einen größeren Abschluß an Gewehren mit der oben erwähnten Fabrik für Transvaal zu bewirken. Bei Tegel wurden die Gewehre eingeschossen, und die Buren begaben sich dorthin, um das Einschießen zu überwachen. Ein höherer Beamter der genannten Fabrik war ebenfalls anwesend und ließ die besten Schütze» des Etablissements nach der 500 Meter entfernten Figurcnschcibe schießen. Die geübten Schutzen trafen fast alle das C-utrum. Dies schien aber den Buren nicht zu imponiren, denn sie zuckten, als sie auf dieses Ergebniß aufmerksam gemacht wurden, gleichgültig die Achseln. Wortlos nahm darauf der älteste der Buren, 'ein siebzigjähriger Herr., eines der Gewehre, lud und schoß nach kurzem Zielen der Figur erst das rechte und dann das linke Auge aus Ein weiterer Schuß traf die Figur unter dem dritten Uniformknopf. Fast ,n derselben Weise schossen die übrigen Buren. Ein fast unglaubliches Schießkunststück aber leistete einer der Männer, indem er um den Kopf der Figur herum im Schnellfeuer mit sechs Kugeln einen förmlichen Kranz von Geschossen bildete. Das Erstaunlichste aber dabei war, daß diese Kugeln in genauen Abständen in dem Scheibenholz steckten, förmlich' als wären die Distanzen vorher abgemessen worden. Als man den Buren über ihre vorzügliche Treffsicherheit Köinplimeute machte, erklärten sie, daß daheim jeder Stammgcnosse so gut schieße. — Das wäre in der That eine geradezu unheimliche Treffsicherheit, wenn nicht die betreffende Korrespondenz selbst wieder einmal mit „blauem" Pulver geschossen hat. _
Aus Ktndt und Kirnd.
Wiesbaden, 7. Februar.
— Gekchichtslralender. 7. Februar. 1878: f Papst Pius IX. 1812: * Charles Dickens zu Landport, berühmter englischer Schriftsteller (ch 9. Juni 1870). 1807: Schlacht bet Pr. Eylau zwischen Preußen und Franzosen (7. und 8. Februar). 1801: t Daniel Chodowiecki zu Berlin, berühmter Maler und Kupferstecher (* 16. Oktober 1726 zu Danzig). 1792: Berliner Bündniß zwischen Oesterreich und Preußen. 1673: f Jean Baptist-Moliöre zu Paris, der bedeutendste französische Lustspieldichter.
— Der „Verkitt für volkoverständUche Gesund!,eits» . .lege" hielt in voriger Woche unter ziemlich zahlreicher Be- theiligung der Mitglieder seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Seitens des Herrn Vorsitzenden wurde der Jahresbericht erstattet, der eine hohe Befriedigung der Anwesenden erweckte. Es sei erwähnt, daß der Verein seine Mitgliedcrzahl binnen Jahresfrist verdoppelte, ein Beweis, wie sehr die Bestrebungen des Vereins in der Bevölkerung Anklang finden. Es wurden viele Hundert Mark für Vorträge ausgcgeben, die iämmtlich gut besucht waren und lebhaftes Interesse erweckten. Infolge der hohen Kosten chloß deshalb die Rechnung auch mit einem kleinen Defizit ab. Als zunächst zu erstrebendes Ziel wurde die Anstellung eines approbirten Arztes angeregt und dem Vorstand baldige Erledigung dieser brennenden Frage anempfohleu. Es wird dadurch das Vornrtheil Vieler, der Verein unterstütze die Kurpfuscherei, endgültig besiegt werden. Bei der Vorstandswahl, die durch Stimmzettel erfolgte, blieb der alte Vorstand fast völlig in der bisherigen Zusammen- etzung, wurde aber durch Beschluß um vier Mitglieder erhöht, damit durch Arbcitstheilung eine energische Vereinsthälig- kcit entfaltet werden könne. Die Abhaltung weiterer Vorträge wurde wegen der dadurch bedingten Erfolge beschlossen und ferner wurde bekannt gegeben, daß auch in diesem Monat Herr prakt. Arzt Dr. Spohr aus Frankfurt einen öffent- Ilchcu Vortrag halte. — Allen Interessenten seien noch die allwöchentlich am Freitag Abend 8'/, Uhr stattfindenden Diskussions- abcnde warm empfohlen, denn solche sind sehr belehrend und anregend. Auch steht den Mitgliedern gegen eine Leihgebühr von
(Nachdruck verboten.)
Der Karneval in Madrid.
(Von unserem Korrespondcnten.)
Die Spanier besitzen im Ausland im Allgemeinen den Ruf, von allen romanischen Nationen am wenigsten zu harmloser Fröhlichkeit geneigt zu sein. Man schildert sie da stets als von gravitätischer Grandezza, zuvor-, aber nicht entgegenkommeiid, streng auf Ccremonieil haltend. Es ist allerdings auch richtig, daß den Spanier der besseren Stünde eine etwas umständliche Höflichkeit auszeichnet, schon die Sprache eignet sich dafür oder ist wohl daraufhin zu- zestutzt morden mit ihren gewundenen Anreden rc., ihren aichtsmeilienden Phrasen. Aber trotz seiner äußerlichen Steifheit — die übrigens meist nur im Verkehr mit Fremden sich bemerkbar macht — verleugnet der Spanier sein romanisches Blut nicht, ja es giebt, soweit das eigentliche Volk in Frage kommt, kaum eines, das stets so aufgelegt ist. sich zu vergnügen, wie die Bewohner von Madrid. All die vielen politischen und wirthschaftlichen Mißstünde, unter denen das Land doch nun schon so lange zu leiden hat, ja selbst der letzte unglückliche Krieg, der Verlust seiner Kolonicen hat dem Spanier seine Lebcnsfreudigkeit, nicht rauben, sein Vergnügungstalcnt nicht mindern könnend Es läßt sich denken, daß bei einer solchen Beanlagung iede Gelegenheit, sich zu amüsiren, von den Madridern mit Freuden ergriffen und daher der Karneval lustig begangen ^ird. Derselbe ist hier ein Volksfest im eigentlichen Sinne, uung und Alt, Hoch und Niedrig feiert dasselbe, wenn auch natürlich die kleinen Leute es vor Allem sind, die ihre Lust auf die Straße hinanstragen und sie andererseits dort suchen. Man kann deshalb nicht sagen, daß das Masken- trriben aut den großen Promenaden sich durch glänzende
Pracht, durch Witz und Geist auszeichncn. Ehemals soll auch dies angeblich der Fall gewesen sein, da die höheren Gesellschaftsschichten sich an denselben betheiligte», jetzt aber ist bereits seit langen Jahren nichts mehr davon zu merken.
Aber wenn auch Eleganz und höhere Kultur dem Treiben fehlen, so mangelt cs ihm doch an anregender Lustigkeit nicht. Vom ersten Morgengrauen des Fastnacht-Sonntags bis zum Abend des Aschermittwochs sind'die Straßen von einer fröhlichen, tanzenden und singenden Menschenmenge angcfüllt, die, als ob es keine Sorgen für sie gäbe, nur dazu da zu sein scheint, sich nach Kräften zu vergnügen. Besonders auf der langen Feststraße von der Kirche „Unserer lieben Frau von Atocha" bis zum Hypodrom ist der Strom von Wagen und Fußgängern ein ganz enormer. Die Mitte der Straße ist nur für die Equipagen hochgestellter Persönlichkeiten bestimmt, oder derjenigen, welchen die Ehre, unter diese gerechnet zu werden, durch eine verhältnißmäßig große Summe nicht zu theuer erkauft scheint. Das pekuniäre Ergebniß des Karnevals kommt nämlich den Armen der Stadt zu Gute, und so müssen gewöhnliche Sterbliche, die mit ihren Wagen die Feststraße befahren wollen, für dieses Vergnügen, wenn eö sich um einen Einspänner handelt, 500 Pesetas, für einen Zweispänner 750 zahlen. Alle anderen Gefährte dürfen nur zu beiden Seiten der Mittelchaussec fahren oder vielmehr sich im langsamsten Tempo Schritt für Schritt vorwärts bewegen, da das Gedränge mehr nicht gestattet. Rechts und links von der Fahrstraße sind Stühle ansgestellt, welche ebenfalls die Stadt vermiethct, und hinter diesen drängt und stößt sich eine unzählige Menge. Die Wagen sind gewöhnlich aufs Prächtigste, oft recht komisch hcransstaffirt, die besten erhalten Preise. Außerdem ist die Blumenschlacht, an welcher sich auch das Piibliknm zu Fuß betheiligt, meist sehr lebhaft.
Dagegen lassen die auf den Straßen sich tummelnden Masken, wie bemerkt, in Betreff der Kostüme viel zu wünschen übrig. Da die bessere Gesellschaft an dem Getriebe keinen Thcil nimmt, die „kleinen Leute" mit Fortunas Gaben hier aber meist recht spärlich versehen sind, so sicht man fast nur ziemlich ärmliche Gewänder, die sich auch nicht gerade durch Geschmack auSzeichnen. Das stört aber das Vergnügen in keiner Weise. Die Insassen der Gefährte werden angenifcn und antworten meist in gleicher Art. hin und wieder klettert ihnen auch ein Kind des Volkes in den Wagen und erfreut sich so einmal des Genusses, in einer schönen Equipage mit Kutscher und Diener auf dem Bock spazieren zu fahren.
Selbstverständlich ist auch der Karneval die Zeit, wo die Gesellschaft sich auf Bällen und Soiröen nach Kräften zu amüsiren sucht. Ein Fest jagt dann das andere; ehe die Fasten beginnen, dir in feie?tss feem*« Lande natürlich so streng wie möglich beobachtet werden, will man sich noch durch eine große Anzahl von Vergnügungen dafür vorbereiten.
Wie auch in Deutschland in den katholischen Gegenden, zählt der Aschermittwoch merkwürdiger Weise noch zu den Festtage». Am Rhein pflegen in manchen Slädten dann sogar noch karnevalistische Sitzungen stattzufinden, hier, wo ja um diese Zeit Frühlingslüfte bereits wehen, sperrt man sich nicht in dumpfe Stuben ein, sondern zieht ins Freie hinaus an den Kanal de Isabel II., um sich an Fischmahlzeiten zu vergniigen und „den Häring zu begraben". In einem kleinen Sarg wird nämlich ein solcher feierlich unter die Erde gebracht, darauf auf der Wiese getanzt und dann aus Leibeskräften gegessen und getrunken. Schlägereien pflegen dann auch nicht ausznbleiben, sodaß die Fasten meist in recht grauer Stimmung, also angemessen, begonnen werden.
