1. Beilage ;»m WiesbaLener Tagblatt.
62 . Moryen-Attsgatir.
Mittwoch, de« 7°. Februar.
48. Jahrgang. 1900.
(1. Fortsetzung.)
(Nachdruck verbot«».)
Zertreten.
Erzählung von §. Schöyen.
Den, Aonvegischen nach«,zählt von Omil Konus.
(Autoristrt).
Sie weinte vor seligem Entzücken, während das sonst so strenge Gesicht des Konsuls einen Schimmer stiller Verklärung zeigte. Die gewöhnliche Promenade nach dem Abendessen mußte aufgegeben werden, um in aller Ruhe Nils erzählen zu hören.
Der Consul stopfte sich eine lange Pfeife und lehnte sich in den amerikanischen Feldstuhl auf dem Balkon. Der Sohn zündete sich eine Cubacigarre an, während die Mutter einen warmen Grog bereitete und die Gläser auf einem viereckigen Tablett hinaustrug.
Dann erzählte Nils von seinen Lehrern, seinen Kameraden und den anderen Landsleuten, welche während der letzten Jahre München besucht hatten, Gelehrte und Kaufleute, Maler und Dichter. Ja, er hatte sie Alle getroffen; Einige waren dort gestorben, Andere hatten sich verlobt, aber das Löwenbräu hatten sie Alle aus riesigen Krügen in den großen Bierhallen getrunken.
Und während sie sprachen, strich Frau Solör hin und wieder mit ihrer feinen, zarten Hand durch das blonde Haar ihres Sohnes und ihre Augen ruhten unablässig auf ihm mit einem Ausdruck der grenzenlosesten Zärtlichkeit.
Das Gespräch wurde durch ein Klopfen an der Stubenthür unterbrochen, und der Consul ging selbst, um zu öffnen.
Draußen stand ein älterer Herr mit zwei Damen.
Ah, Herr Staatsrath, rief der Consul Solör überrascht. Haben Sie die Güte einzutreten.
Da wir den ganzen Nachmittag nicht das Vergnügen hatten, uns zu treffen, so glaubten wir, daß Ihre Frau Gemahlin vielleicht krank geworden sei, erwiderte der Staatsrath. Und wir hielten uns deshalb für verpflichtet, uns zu erkundigen, wie es hier stehe.
Wir haben die Freude gehabt, unfern Sohn heimkehren zu sehen, erklärte der Consul, und das ist die Ursache, daß wir uns heute zu Hause hielten. Komme her, Nils, ich möchte Dich dem Herrn Staatsrath Hvitfcldt, der Frau Staatsräthin und Fräulein Hvitfcldt vorstelleu.
Nils tauschte einen Handdruck mit der Familie aus, worauf die Gesellschaft sich ans den Balkon hinaus begab.
Der Staatsrath war ein hochgewachsener Mann mit reichem, schneeweißem Haar und schwarzen, buschigen Augenbrauen. Sein Blick war klar und durchdringend, der Mund fest und ernst, abwechselnd streng und einnehmend mild. Er stammte aus einem der ältesten Geschlechter Nordlands, das durch mehrere Generationen die ersten Aemter des Landes verwaltet hatte.
Seine Gattin war im gleichen Alter — nahe an die sechszig Jahre — glich ihm in den Gesichtszügen wie tm Wesen, nur daß ihr Haar noch die schwarze Farbe trug. Ihre dunklen Augen strahlten in jugendlichem Glanz und ihr Lächeln war klar und sonnenwarm wie bei einer zwanzigjährigen Frau. , t
Die Tochter Mathilde war dagegen blond, aber mit
braunen Augen, die das ganze Gesicht beherrschten; wenn man sie ansah, waren es nur die Augen, an die man dachte, aber dennoch begegneten sie nicht immer den auf sie gerichteten Blicken. Sie senkten sich oft und andauernd oder wichen scheu zur Seite.
Nils setzte sich etwas hinter sie und hatte noch nicht Gelegenheit bekommen, ihre Augen zu betrachten. Aber er beinerkte sofort ein kleines, feines Ohr, das so ungewöhnlich schön in seinen Linien war, daß er förmlich davon bezaubert war. Er wünschte, sein Skizzenbuch vornehmen und es zeichnen zu können.
Und dazu war der Nacken so rund und weiß.
Dieser Nacken und dieses Ohr nahmen ihn im Sturm.
Uebrigens sprach sie nicht viel. Die Eltern führten das Wort. Aber als ihr Vater nach dem geisteskranken König von Bayern, der sich ertränkt hatte, zu fragen begann, kam plötzlich Leben in sie.
Waren Sie zu der Zeit in München? fragte sie Nils, indem sie ihren Stuhl ein wenig zurückschob, sodaß sie in gleicher Linie zu sitzen kamen.
Ja freilich, erwiderte er, und nun erzählte er alle unglaublichen Gerüchte, welche aus dieser Veranlassung in Umlauf waren. _
Wie interessant das ist! rief sie, indem sie ihre Scheu vergaß und ihn mit gespannter Miene betrachtete. Es geschah vermuthlich aus unglücklicher Liebe, daß er sich ertränkte?
Junge Damen können sich nie eine andere Ursache denken, sagte der Staatsrath lächelnd.
Man glaubt, daß die Enttäuschung, die er erlebte, als er Richard Wagner näher kennen lernte, viel zur Entwickelung seiner Gemnthskrankheit beigetragen hat, theilte Nils mit.
Wagner? Wie das? fragte die Staatsrälhin.
Das ist ja fast unglaublich, meinte der Consul.
Ja, antwortete der Sohn, der König sah nämlich zu Richard Wagner wie zu einem überirdischen Wesen empor. Es ist ja des Königs Verdienst, daß Wagners Werke überhaupt hcrvorkamen. Aber leider zeigte es sich auch, daß der Charakter seines Lieblings mit seinem Genie nicht auf gleicher Höhe stand und der Kumnier darüber soll ihn so stark erschüttert haben, daß er es niemals überwinden konnte.
Armer Mann, sagte Mathilde. Ich kann es wohl verstehen, daß man geisteskrank werden und sich das Leben nehmen kann, wenn man von Jemandem betrogen wird, den man lieb hat.
Nein, mein Kind, was Du eben gesagt hast, ist sündhaft, berichtigte ihre Mutter. ES ist unsere Pflicht, den Kumnier zu überwinden, damit die Seele nicht Schadeir davon habe. Ein Jeder hat Rechenschaft für sich selbst ab- zulcgcn.
Ich sage ja nur, daß ich es sehr wohl verstehen kann, wenn ein solcher Kummer eine zarte Natur erschüttert, wiederholte Mathilde, aber damit will ich nicht die Ansicht ausdrücken, daß das Aufgeben seiner selbst gerechtfertigt sei.
Aber das ist eine Art Schwäche, die im Grunde dein weiblichen Geschlecht außerordentlich gut steht, sagte Nils. Für einen Mann ist das ja weniger glücklich.
Vielleicht sind Sie einer von Denjenigen, fragte Mathilde,
die finden, daß die Stärke des Mannes in Härte des Herzens bestehen müsse?
Nein, durchaus nicht, beeilte sich Frau Solör zu antworten. Mein Sohn hat wirklich das weichste Herz, das man sich wünschen kann. Ich entsinne mich sehr gut, daß er von seiner frühesten Kindheit an stets mit andern Kindern theilen wollte und er hat niemals einen Bettler fortgehen lassen, ohne ihm Etwas zu geben. Also Herz hat er sicherlich. _
Das ist keine Kunst, wenn man eine Mutter zur Ver- theidigcrin hat, sagte Nils lächelnd.
Der Staatsrath zeigte auf den Fjord hinaus.
Ein dunkler Punkt zeigte sich in der Ferne aus dem glänzenden Wasser. Er wurde immer größer, wuchs zu einem schmalen Streifen am Himmel und bekam bald die Gestalt eines Dampfschiffs.
Es war das Christiania-Boot, das neue Gäste nach dem kleinen Orte bringen und Andere abholen wollte.
Die beiden Familien saßen noch eine Weile in gemüth. lichem Gespräch auf dem Balkon.
Einige Damen und Herren promenirten Arm in Arm oder allein auf dem langen Wege am Strande.
Einige Boote stachen in See, um auf den Fischfang zu gehen.
Sonst herrschte Freude und Ruhe in der Natur wie unter den Menschen.
Wir treffen uns also morgen Früh unten beim Bade» haus, sagte Frau Solör zur Staatsräthin, als diese sich erhob, um zu gehen.
Mathilde grüßte den jungen Maler mit einem sicheren Händedruck und einem ruhigen Lächeln. Als der Staatsrath sich mit seinen Damen entfernt hatte, rief Nils: Sie ist wirklich süß, das kleine Fräulein Hvitfcldt! Und welch wunderbar schönes Ohr sie hat!
Ohr? rief seine Mutter lächelnd. Habe ich schon jemals so Etwas gehört! Siehst Du auf die Ohren der Damen?'
Gewiß! Es liegt ebenso viel Charakter in ihnen wie in irgend einem andern Theil unseres Körpers. Uebrigens wird der, der Physiognomik studirt hat, den Charakter nach jedem einzelnen Theil des menschlichen Körpers, Kopf, Schulter, Rücken oder Füße, deuten können.
Und was hast Du denn entdeckt mit Hülfe des Ohrs? fragte Frau Solör mit einem ungläubigen Lächeln.
Das werde ich Dir ein anderes Mal darlegen, antwortete er. Jetzt habe ich nur Sehnsucht nach meinem Bett, denn ich bin viernndzwanzig Stunden gereist, ohne
zu ruhen. „
Am nächsten Morgen traf man sich aufs Neue am
Strande.
Der Staatsrath und Frau Solör kamen aus ihrem Schlammbad. Mathilde hatte wie gewöhnlich mit anderen jungen Damen eine Schwimmtour gemacht. Und der Consul nebst Nils warteten auf dem Sitzplatz neben der» alten Badehause.
Mathildes Helles gekräuseltes Haar war feucht von, Bade, ibre reine Haut hatte eine blendende Frische und die blauen Augen waren klar und unschuldig wie die eines Kindes.
(Fortsetzung folgt.!
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