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1. Serlage mm Wiesbadener Tagblatt.

Po. 80. Morgen-A«»gqj»e.

Mittwoch, de« 31. Komme.

48. Jahrgang. 1900.

(31. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Der Geheimpolizist.

Kriminalerzählung vou K. v. Ärwald.

„Da haben Sie sehr Recht! Nun, nicht wahr, wenn Sie etwas hören sollten, ob eine Stelle frei ist, dann denken Sie an mich!"

„Gewiß. Aber wie soll ich es Ihnen mitiheilen?"

„Ich komme schon wieder einmal her und frage nach. Besten Dank! Adieu!"

_ Also auch nach dieser Richtung war die Sache klar- gestellt. Madame Barsatte, die frühere Geliebte des Fürsten, der ihr zu ihrem jetzigen Wohlstand verholfen — da war es freilich kein Wunder, daß sie Alles that, um ihn zu retten.

War nun auch der entfernteste Zweifel gehoben, daß Mais und der Fürst Anatole von Poitiniers ein und die­selbe Person waren, so blieb doch der Grund, welcher den Fürsten, oder vielmehr ihn und seine Gemahlin, bewogen hatte, sich in der Nacht in eine so verrufene Kneipe, wie die Aniskapelle, zu begeben, völlig räthfelhaft. Bezüglich der Fürstin war ja Weltli seiner Sache noch nicht ganz sicher. Er beschloß, auch nach dieser Richtung hin sich möglichste Gewißheit zu verschaffen. Es gelang ihm, da er jetzt nach Belieben über seine Zeit disponiren konnte, sehr leicht, die Bekanntschaft des Kammermädchens der Fürstin zu machen, eines hübschen koketten Mädchens. Er knüpfte mit Amelie ein kleines Berhältniß an, indem er sich für einen Juwelier- gehilfen ausgab.

Eines Abends zeigte er ihr, als Probe seiner Kunst­fertigkeit die inzwischen fertig gewordenen Ohrringe. Sie erschrak heftig, als sie dieselben erblickte, und sah ihn mit einem eigenthümlichen Blick an.

„Nun, sind sie nicht hübsch geworden?" fragte er scherzend-

„Ja, sehr hübsch, aber ... ."

„Aber sie gefallen Ihne» doch nicht? Das thut mir leid."

„Das sagte ich ja nicht. Es ist nur sonderbar . .

„Was ist sonderbar?"

Sie wollte nicht mit der Sprache heraus.

„Aber Sie sind ja ganz blaß geworden, liebes Kind. Was fehlt Ihnen?"

„Mir? Nichts, nichts!"

„Gewiß. Sie zittern ja, sind Sie krank?"

„Nein, nein, mir ist ganz wohl!"

„Das glaube ich nicht. Kommen Sie, trinken Sie ein Glas guten, alten Madeira, das wird Sie Herstellen!"

Weltli hielt es nicht für gerathen, an diesem Abend weiter in das Mädchen zu dringen, da er sich verdächtig zu machen fürchtete und er mit dem raschen Instinkt, der ihn auszeichnete, sofort gewahr wurde, daß sie mehr wußte, als fie sagen wollte. Er steckte das Etui mit den Ohrringen in die Tasche und sprach von gleichgültigen Dingen. „Die weibliche Neugier", dachte er, „wird sie schon dazu veran­lassen, wieder auf dieses Thema zurückzukommen."

Er sollte sich in dieser Annahme auch nicht getäuscht haben. Als er einige Abende später wieder mit ihr zusammen war. fing sie plötzlich an:

„Haben Sie die Ohrringe noch, die Sie mir neulich Migten?"

„Bewahre! Die sind längst abgeliefert I"

„Wissen Sie, wer sie bestellt hakte?"

„Ich habe keine Ahnung davon. Der Meister giebt jedem seine Arbeit; aber für wen dieselbe ist, das geht uns nichts an."

„Haben Sie dieselben nach einem Modell gearbeitet?"

„Natürlich! Aber, liebes Kind, Sie fragen mich ja aus wie ein Polizeibeamter."

„O nein!"

„Doch! Was haben Sie eigentlich für ein Interesse an den Ohrringen?"

„Ich? Interesse? Gar keins!"

„Aber Sie werden mir doch zugeben, daß man sich doch nicht so eingehend nach Sachen erkundigt, für die man kein Interesse hat."

„O — es war nur, weil sie so hübsch sind!"

„So! Also nur deshalb. Sie sind an das Lügen nicht recht gewöhnt, Amslie; Sie werden ganz roth dabei!"

„Ach, Sie läuschen sich!"

„Nun, mir ist es ja auch gleichgültig, ob Sie sich für diese Ohrringe so merkwürdig interessiren. Nur finde ich es nicht hübsch, wenn man mit Jemand Versteck spielt, der es gut mit einem meint."

„Meinen Sie es wirklich gut mit mir?"

„Ich dächte, das müßten Sie doch wohl schon gemerkt haben!"

„Manchmal scheint es mir allerdings so."

„Es ist auch der Fall; aber, wie ich schon sagte, ich liebe solche Heimlichthuereien nicht; Offenheit in allen Dingen, das ist die Hauptsache."

„Sie mögen Recht haben. Aber das, um was es sich hier handelt, ist nicht mein Geheimniß, sondern das meiner Herrin."

„Es wird was Rechtes sein!"

„Ich will es Ihnen anvertranen, wenn Sie mir sch>vören ..."

„Und ich will es gar nicht wissen! Wenn Sie nicht so viel Vertrauen zu mir haben, mir eine solche Kleinigkeit ohne lange Schwüre und Versprechungen zu sagen, dann weiß ich 'auch, was ich von Ihrer Zuneigung zu halten habe."

„Nun gut. Ich will es Ihnen sagen", sprach sic nach kurzem Kampfe. „Meine Herrin, die Fürstin, hat vor Kurzem genau solch einen Ohrring verloren, wie die, welche Sie mir zeigten."

Weltli lachte. „Und das ist das ganze Geheimniß?"

„Ja, wenn Sie wüßten, wo sie ihn verloren hat. BUr schaudert die Haut noch, wenn ich daran denke!"

„Bei einem Balle wohl?"

„Nein, Monsieur Lerain!" Diesen Namen hakte Weltli sich dem jungen Mädchen gegenüber beigelegt.

„Wo denn dann?"

In diesem Augenblick trat lärmend eine Schaar junger Leute in das Restaurant, in dem die Unterhaltung stattfand, und ließ sich, da alle anderen Tische besetzt waren, an dem­jenigen nieder, an dem Weltli mit seiner Begleiterin saß.

„Ich werde es Ihnen ein andermal sagen", flüsterte sie ihm zu.

Weltli verwünschte im Innern diesen Zufall, mußte aber

gute Miene zum bösen Spiel machen, um keinen Verdacht zu erregen.

Uebrigens ahnte er mit zienilicher Sicherheit, was kommen werde. Amelie war jedenfalls die Begleiterin der Fürstin gewesen. Ueber die Gründe des sonderbaren Besuchs bei Mutter Clupct mochte sie ihm wohl schwerlich Aufschluß er- theilen können. Wohl aber hoffte er, von ihr eine Beschrei« bung der Scene zu erhalten, die sich dort abgespielt hatte, und auf diese Weise auch dem noch unentschleierten Geheim­niß auf die Spur zu kommen. In dieser Hoffnung setzte er nicht allein den Verkehr mit Amelie fort, sondern be­mühte sich auch, ihn zu einem immer intimeren zu gestalten.

Es schien, als sei der Unstern, der ihn verfolgt hatte, so lange er im Dienste der Polizei stand, von ihm gewichen, so bald dies nicht mehr der Fall war. Nur in einer Beziehung blieb all sein Mühen so fruchtlos, wie zuvor: Er kannte weder Ballandaye, den Schreiber jenes Briefes, noch war auch die mindeste Spur von ihm zn finden. Die Recherchen bei den Provinztheatern, die selbst auf ausländische Theater ausgedehnt worden waren, hatten keinerlei Erfolg aufzu­weisen gehabt.

Eben saß er eines Tages im Nachdenken versunken. waS er wohl zur Ermittlung Ballandayes thun könne, auf seine« Sopha, als es an die Thür klopfte und auf sein „Herein!" der Untersuchungsrichter Schmied eiuttat.

„Ich bringe Ihnen Ihre Wiederanstellung bei der Polizei", sagte derselbe nach einigen einleitenden Worten. „Diese Gcnugthuung war ich Ihnen schuldig."

Weltli war gerührt durch die Güte des Richters, aber zugleich fest entschlossen, nicht wieder in den Dienst der Polizei zu treten.

Er dankte dem Richter herzlich und gab ihm dann seinen Entschluß kund. Der Richter billigte denselben nicht.

„Ich rede Ihnen nicht zu, weil ich in der Sache Mais von Ihnen noch Beistand erwarte, denn diese ist natürlich bei Seite gelegt, sondern weil ich überzeugt bin, daß der Dienst der' Polizei für Sie das geeignete Feld ist."

„Ich für nieinen Theil habe die Sache noch nicht bei Seite gelegt", erwiderte Weltli. „ich glaube sogar, wesent­liche Fortschritte gemacht zu haben, die ich wohl Ihnen privatim, nicht aber dem Herrn Untersuchungsrichter mittheilen möchte."

„Wohl, so lassen wir diesen einstweilen bei Seite. Ich verspreche Ihnen, von dem, was Sie mir sagen werden, nur als Privatmann Kenntniß zu nehmen. Ich bin wirklich neu­gierig, zu hören, was Sie erreicht haben."

Weltli erzählte es.

Der Untersuchungsrichter hörte schweigend zu, nur ab und zu seinem Staunen durch einen kurzen Ausruf Luft machend.

„Sollten Sie wirklich auf die Dauer sich dem Polizei- dienst entziehen wollen, mein lieber Herr Weltli", sagte er, als dieser geendet, „so würde ich das aufs Höchste bedauern. Ich habe während meiner Laufbahn im Justizdienst noch keinen Polizeibeamten kennen gelernt, der auch nur annähernd Ihre Fähigkeiten besessen hätte!"

Ein schwaches Roth färbte die Wangen Wcltlis.

„Ich habe Glück gehabt, in der letzten Zeit wenigstens", antwortete er bescheiden.

(Fortsetzung folflt.)

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