1. Beilage jutn Wiesbadener Tagbiait.
48. Morzr« Ans-akr.
Kiensta-, den 30. Januar.
48. Jahrgang. 1000.
(Sv. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Geheimpolizist.
Kriminalerzählung von H. v. Hrwald.
Zwar der Backenbart fehlte, allein, der konnte wegrasiert worden sein oder war vielleicht überhaupt nur künstlich, nur Maske gewesen!
Es litt Weltli nicht mehr in seinem engen Zimmer. Er spravm auf und eilte hinaus.
Wie konnte er auf der neugewonnenen Basis weiter bauen? Denn sie allein genügte bei Weitem nicht. Kein Richter Hütte daraufhin eine Anklage gegen einen Mann vom Range des Fürsten von Poitiniers erhoben!
Vielleicht mit Hülfe des Ohrringes? Er mußte diesen dem Untersuchungsrichter wieder zustellcn. Zunächst aber ging er zu einem Juwelier und gab demselben den Auftrag, ihm ein Paar ganz gleicher Ohrringe möglichst rasch anzufertigen, allerdings nicht mit echten Steinen, denn sein kleines Vermögen Hütte nicht hingereicht, diese zu bezahlen, sondern mit einer guten Imitation.
Der Juwelier versprach, sie binnen einigen Tagen zu liefern.
Der Gedanke lag nahe, daß die flüchtigen Damen die Fürstin und eine ihrer Kammerfrauen gewesen seien. Es handelte sich nun darum, sie zu sehen zu bekommen. Das mar nicht gerade schwer. Auch wenn Weltli in seinem Alltags- gewande erschienen wäre, würde die Dienerschaft des Mrsten, die ihn in jener Nacht nur in so gut gelungener Verkleidung gesehen hatte, schwerlich errathen haben, mit wem sie es zu thun hatte. Trotzdem zog er es vor, eine andere Maske zu wählen, die eines englischen Pferdehändlers.
Er sei beauftragt, erzählte er dem Portier, dessen Geneigtheit er sich durch ein paar Havanas erworben hatte, ein paar ganz ähnliche Pferde zu beschaffen, wie diejenigen, mit welchem die Fürstin gewöhnlich auszufahren pflege. Ob er diese wohl einmal sehen könne?
„Der Stallmeister wird gewiß nichts dagegen haben."
„Aber ich würde lieben mehr, zu sehen die Pferde, wenn sie sind in Bewegung. Können Sie mir nicht verschaffen die Gelegenheit, zu sehen sie aus der Nähe, wenn die Fürstin macht ihre Ausfahrt?"
Der Portier dachte einen Augenblick nach. „Auch das geht", meinte er dann. „Sie können die schönen Thiere ganz aus der Nähe beobachten, wenn Sie sich Nachmittags um 2 Uhr, zu der Zeit, zu welcher Ihre Durchlaucht ihre Spazierfahrt vor Tisch zu machen pflegt, am Fenster meines Schlafkabinetts aufstellen wollen. Dasselbe geht auf die Rampe hinaus, auf welcher der Wagen vorsährt."
„Well, mein Freund, dann werden wir machen es so. Ich werde nicht vergessen, zu sein dankbar zu Sic!"
In der That konnte Weltli am Nachmittage um zwei Uhr nicht allein die Pferde, an denen ihm herzlich wenig lag, sondern auch die Fürstin, als diese in den Wagen stieg, ganz in der Nähe sehen. Sie war eine eher klein, als mittelgroß zu nennende Dame von zierlichem, elegantem Wuchs und mit reichem, blondem Haupthaar, dessen Fülle das kleine, moderne Hütchen nur zum geringen Theil bedeckte. Als sie den Fuß auf den Wagentritt setzte, konnte Weltli kaum einen Ausruf der Erregung unterdrücken:
Jene Fußspuren, die er so oft gesehen und gemessen, die er schließlich abgeformt, hatten sieh seinem Gedächtniß fest eingeprägt, und er hätte darauf schwören mögen, daß der Fuß der Fürstin genau in dieselben passe!
Er hatte die größte Lust, nun zu Mutter Clupet zu gehen, die man, da gegen sie eigentlich nichts vorlag, inzwischen auf freien Fuß hatte setzen müssen, und ihr auf den Kopf zuzusagen, daß der angebliche Mais kein anderer sei, als der Herzog von Poitiniers. Es war durchaus nicht unwahrscheinlich, daß sie im ersten Schrecken mit der Wahrheit herauskam. Aber wenn dieser Versuch mißglückte, was ebenfalls nicht außerhalb des Bereiches der Wahrscheinlichkeit lag, dann war zweifellos binnen kürzester Frist der Fürst gewarnt, der sich jetzt sicher glauben mußte, und daun noch irgend welchen Erfolg zu hoffen, wäre gerade unsinnig gewesen.
Weltli gab daher diesen Gedanken aus. Ein Vorgehen nach dieser Seite hin stand ihm immer noch frei. Wie aber, wenn er Madame Barsatte etwas nichr nachspürte? Daß sie, die dem angeblichen Mais Geld gegeben, zum großen Theil dazu beigetragen hatte, seine Flucht zu ermöglichen, war klar. Mnen Gefangenen zur Flucht verhelfen oder ihn bei derselben unterstützen, ist strafbar. Nun würde sie natürlich, wenit man sie deswegen inquirirte, gesagt haben, sie habe geglaubt, Mais sei entlassen, er habe es ihr gesagt, und sie habe ihm ans Mitleid mit seiner hilflose« Lage das Geld wiedergegebe», das er ihr für das Zimmer bezahlt hatte. Wer konnte ihr das Gcgeutheil beweisen? Niemand!
Also auch hier durfte nicht brüsk vorgegangen werden. Dagegen ließ sich nun, da Weltli den wirklichen Namen des'Angeklagten wußte, vielleicht ermitteln, ob sie zu dem fürstlichen Hause irgendwie in Beziehungen gestanden hatte.
Leider ergaben diese Ermittelungen, zu denen sich Weltli, seine Bekanntschaft mit den Kommiffären der verschiedenen Stadtviertel benutzend, amtlichen Ouellen bediente, ein negatives Resultat. Madame Barsatte war im Alter von ungefähr sechzehn Jahren aus ihrer Vaterstadt Nancy nach Paris gekommen, hatte dort als Verkäuferin in verschiedenen Geschäften fungirt, mehrere Jahre hindurch dieselbe Wohnung in der Rue d'Anjou gehabt, dann eine Erbschaft gemacht, den Hotelbesitzer Herrn Barsatte geheirathet und nach vierjähriger kinderloser Ehe bei dem Tode ihres Gatten dasselbe allein weitergeführt. Das war Alles, was Weltli erfahren konnte.
Der Gedanke, daß sie, die sich so ernsten Gefahren im Interesse des Fürsten ausgesetzt hatte, dies nun nicht, wie Mutter Clupet und ihr Sohn, nur in der Hoffnung auf eine hohe Belohnung gcthan habe, wollte jedoch nicht von Weltli weichen. Er begab sich nach der Rue d'Anjou und knüpfte mit der Portiersfrau des Hauses, in den; jene als Mädchen gewohnt hatte, eine Bckannschast an, indem er angab. sie sei seine Landsmännin und habe ihm, da er nach Paris gekommen sei, um sich eine Stellung zu suchen, und natürlich sich zuerst an sie gewandt habe, den Rath begeben, zu Mutter Travellcs zu gehen und zu fragen, ob diese nicht etwas für ihn Geeignetes wisse.
„Das ist nicht so leicht, junger Herr!" meinte die Alte bedenklich. „Alles kommt nach Paris, Alles will hier sein Brod finden. Dabei gehen die Geschäfte lange nicht mehr so gut als früher!"
„Aber Madame Barsatte hat doch auch hier ihr Glück
gemacht l" . „
„Je nun. das ist auch ganz etwas anderes! Ein junges Mädchen, und so hübsch ivie sie! Und so klug dabei! Sonst hätte sie es auch nicht so weit gebracht!"
„Nun, das ist doch nicht gerade schwer, wenn man eine Erbschaft macht!"
Die Alte lachte eigenthümltch vor sich hin. „Eine Erbschaft!" sagte sie. „Ja, ja, eine Erbschaft!"
Weltli horchte gespannt auf, hütete sich aber, das Interesse merken zu lassen, das ihm durch das Benehmen der Porticrsfrau rege wurde.
Bei uns zu Hause weiß man gar nicht, wo diese Erbschaft hergckommen ist!" warf er in gleichgültigem Tone hin.
„Hier tveiß man es! Ich weiß es!"
, Na, na!"
"Ich weiß es ganz genau!" fuhr die Alte auf. „Ich würde es Ihnen auch erzählen, denn niein Gott, es ist ja eigentlich nichts Böses, und ist auch schon lange her, aber...
„Nun warum denn nicht?"
Sie sagen es ihr am Ende wreder, und ,ch mochte nrcht gern" in den Ruf einer Klatschbase kommen!" ^
Was das betrifft, können Sie beruhigt sein. Ich habe keinen Grund, ihr besonders freundlich gesonnen zu sein, denn als ich sie auf die Landsmannschaft hin begrüßte, da that sie höllisch dicknäsig!"
„So?"
„Ja, und ich verlange doch nichts umsonst von ihr! Ich bezahle doch mein Logis so gut wie jeder Andere! Nein, nein, von mir würde sic ganz sicher nichts wieder erfahren!'
„Wenn sich das so verhält, will ich Ihnen die Sache erzählen. Schaden könnte es ihr gar nicht, wenn es bekannt würde, woher ihr Geld stammt. Ich habe sie draußen in ihrem Hotel auch einmal besucht. Da spielte sie aber auch gleich die vornehme Dame; nicht einmal eine Tasse Kaffee hat sie mir angebotcn!"
„Oh! das ist aber nicht recht!"
Nicht wahr? Warum soll ich da Rücksichten auf sie nehmen! Also, sie war noch nicht ein halbes Jahr hier, da ging sie eines Abends zu einem Ball, ich weiß nicht mehr, wo es war, in irgend einem großen Lokale. Sie sah wirklich reizeud aus den Abend. Da hat sie dann die Bekanntschaft eines vornehmen Cavaliers gemacht, eines Fürsten sogar, von Boistraveur oder so ähnlich, und er hat sich gleich in sie verliebt. Sie war auch nichr so dumm, ihn zurückzuweisen. Nach ein paar Wochen hat er sie auch hier besucht. Er hat ihr wohl auch manches schöne Geschenk gemacht. Als dann sein Vater verlangte, daß er sich ver- heirathcn sollte, natürlich auch niit einem ganz vornehmen Fräulein, hat er ihr, so als Abfindung gewissermaßen, zmanzigtausend Francs geschenkt. Da war es für sie dann nicht schwer, eine gute Partie zu machen! Sehen Sie, das ist die Erbschaft!"
„So, so! Wer hätte das gedacht!"
„Ja, und so sehr stolz brauchte sie darum auch nicht zu sein," am wenigsten gegen Leute, die ganz genau wissen, wie sie zu ihrem Gelbe gekommen ist."
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