1. Beilage jum Wiesbadener Tagblalt.
Uo. 4^. Abend-Ausgalre.
Montag, den 29. Januar.
48. Jahrgang. 1900.
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Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes, selbst wenn er schon graue Haare trägt, — und jeder hat im ganzen Weltall nur ein einziges solches Herz.
Adalb. Stifter.
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J
(38. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten).
„Die Gnraherin".
Noiuan aus der indischen Neuzeit von ßark Lanera.
„Aber znsetzen wird es ihm doch und nach und nach an seiner Liebe zehren, und wenn er sich noch so sehr gegen das Verglimmen der Liebe wehrt. — Die Tadsch- Mahal! — Ja, sie mar glücklich! Sie ist noch vor dem Verglimmen der Liebe gestorben; jung gestorben! — Das wünsche ich mir auch. — Die Glückliche! Sie hatte mehrere Kinder und dann starb sie. Wenn mir ein solches Loos beschieden wäre."
Das Eintreten Westfelds unterbrach sie in ihren Träumen.
„Guten Tag, mein holder Liebling. Ich wollte Dich zu einer Radfahrt nach Kelani auffordern, aber es ist zu drückend heiß. Ueberdies möchte ich auch bis zum Tiffin im Hotel bleiben, weil mir der Konsul einen Bescheid wegen seiner Schritte beim Governor behufs unserer Einladung zum nächsten Gartenfest zukommen laffen will."
„Mein lieber Enrico, liegt Dir denn gar so viel daran, ob wir dieses Fest mitmachen können oder nicht? Wäre cs nicht viel schöner, wenn wir allein oder nur mit der Tante Gertraud noch vierzehn Tage nach Nuwara Eliya reisen und die dortige herrliche Bergluft genießen würden, anstatt in der Gluthhitze von Colombo zu braten und uns über die Unhöflichkeiten der Engländer zu ärgern? Ich wäre so gern in Nuwara Eliya."
„Du sollst auch bald dorthin kommen. Nur dieses Fest müssen wir noch mitmachen. Es ist eine Ehrensache für mich geworden. Der Konsul hat sich überzeugen lassen, daß er für seine deutschen Landsleute mit aller Energie eintreten muß, und daß es gegenüber der deutschen Gräfin Westfeld keine lächerlichen Ausreden geben darf. Das würde das ganze Ansehen der Deutschen kompromittiren. Schließlich erlaubt sich so ein englischer Pfeffersack bei jeder deutschen Adelsdame einen Geburtsschein zu verlangen. Das geht nicht. Der Konsul hat dies auch eingesehen und gestern dem Governor Vorstellungen in diesem Sinne gemacht. Es handelt sich jetzt gar nicht nur Dich und um Deine Eigenschaft als Eurasierin, sondern einfach darum, ob der Governor den deutschen Grafen Westfeld und seine Gemahlin von einem Feste ausschließen kann, zu dem jeder Fremde von Distinktion, der seine Karte im Governements- haus abgegeben hat, eingeladen wird. Du sollst sehen, der Governor wagt nicht, noch länger seine einseitige und lächerliche Zurückhaltung gegen uns zu bewahren."
Alice seufzte leicht, neigte den schönen Kopf und sprach nichts. Da stand Westfeld auf, trat dicht neben sie, streichelte ihr Haar und sprach in liebevollem Tone: „Beruhige Dich, meine holde, süße Frau, Du sollst nicht länger i« der bisherigen peinlichen Lage ausharren müssen. Ich
will, wenn Du einverstanden bist, unseren nun sicher zu erwartenden Sieg nicht einmal ansnützen. Wenn es Dir gefällt, so wollen wir die Einladung des Governors gar nicht annehmen, sondern vorher nach Nuwara Eliya reisen. Es märe mir ganz angenehm, mich durch eine Absage für die verschiedenen, wenig liebenswürdigen Scenen, die man bereitete, zu revanchiren. Dann weichen wir auch neuen ärgerlichen Auftritten aus. Nur werde ich dafür Sorge tragen, daß Jedermann erfährt, daß mir die Einladung abgclehnt haben. Bist Du mit diesem Vorschläge einverstanden, Liebling?"
„Gewiß wäre ich einverstanden, mein guter Mann. Wenn wir aber nicht eingeladen werden?"
Etwas heftig entgegnet er: „Das ist nicht möglich, Alice. Ich habe Dir ja schon gesagt, daß der deutsche Konsul die Sache in die Hand genommen hat und sie zu einer deutschen Frage macht, bei der die Enrasierin gar nichts zu thun hat. Da sehe ich den Konsul selbst kommen. Nun wirst Du gleich hören, daß ich mich nicht täuschte."
Er streichelte sie abermals und küßte sie. Alice erwiderte seine Liebkosungen, sprach aber kein Wort.
Der Konsul trat in die Veranda, grüßte ungemein respektvoll, küßte beiden Damen die Hand und bemerkte auf die Frage Wcstfelds, wie nun Alles stehe, kurz: „Die Sache ist in ein ganz anderes Stadium getreten. Lady Novell ist erkrankt und hat sich daher entschlossen, das beabsichtigte Fest vorläufig nicht zu geben. Es werden jetzt überhaupt keine Einladungskarten verschickt."
„Donnerwetter, das ist doch zu arg," platzte der Graf los, ehe eine der Damen etwas sagen konnte. „Für so raffinirt hätte ich die Frau des Governors doch nicht gehalten. Das ist ja klar, die ganze Krankheit ist einfach ein Schwindelmanöver, nur um uns hinzuhalten."
„Sie können Recht haben, Graf Westfeld," eutgegnete der Konsul, „allein der Schein ist gewahrt; wir können gar nichts dagegen machen, und es steht uns sogar frei, uns auf die angelegentlichste Weise nach dem Befinden der Lady Rodell zu erkundigen."
Er hatte dies eigentlich nur aus Scherz geäußert. Der Graf aber nahm den Gedanken als Ernst an.
„Darin haben Sie Recht, Herr Konsul. Wir werden uns äußerst besorgt nach ihrem Befinden erkundigen und sie gerade durch unsere Freundlichkeit zwingen, auch gegen uns ganz besonders liebenswürdig zu sein. Was sie dabei im Innern denkt, ist mir ganz gleichgültig. Mir kommt es in diesem Falle nur auf die äußere Form an. Und die soll und muß sie bewahren."
Der Konsul erwiderte darauf nichts, sondern unterhielt sich mit den Damen. Alice beherrschte mit Mühe die peinliche Stimmung, welche sie bei den Worten ihres Gatten ergriffen hatte, und war froh, als der Konsul durch eine Schilderung eines in der Nähe von Ceylon stattgehabten Schiffsunglückes eine Rückkehr zum vorigen Gesprächsstoff unmöglich machte.
Zum Abschied fragte der Konsul, wie lange wohl die Herrschaften noch in Colombo bleiben würden?
„Ich weiß nicht, wie lange mein Mann noch hier verweilen will, aber ich wünschte, wir könnten bald westwärts reisen."
Auf diese Worte bemerkte Westfcld entschieden: „Das
hängt von der Genesung Lady Nodclls ab, denn ich will die Einladung zu ihrem Feste noch abwarlen."
Alice schoß bei diesem Ausspruch ihres Gatten alles Blut in den Kopf. Sie sprach aber nichts mehr. Man grüßte sich, der Konsul kehrte in die Stadt zurück, der Graf und seine Dameü blieben in ihrer Veranda.
Zwölftes Kapitel.
In ganz Colombo, soweit die gesellschaftlichen Kreise in Frage kamen, sprach man immer wieder von dem interessanten Fall Rodell-Wcstfeld. So war die Angelegenheit zwischen dem Governor und dem Grafen bekannt geworden. Lady Rodell, unterstützt durch Lady Witford und Mrs. Howe, hatte ohne Scheu verlauten laffen, daß es ntU ihrer Gesundheit durchaus nicht so übel bestellt sei, daß sie aber das beabsichtigte Fest nicht geben wolle, so lange die Gräfin Westfeld in der Stadt weile, da sie um keinen Preis eine Enrasierin bei sich zu sehen wünsche. Sie fand aber nicht mehr den vollen Beifall ihres Gatten. Das energische Auftreten des deutschen Konsuls hatte in dem Governor den Wunsch erregt, die Sache möchte nicht zu sehr zu einer hochwichtigen Frage aufgebanscht werden, weil er der Angabe des Konsuls, mcin sei doch nicht berechtigt, jeder deutschen Gräfin nachzuforschen, woher sie stamme, betpflichten mußte. Auch Mr. Thompson und Mr. Manning erklärten unumwunden, sic sähen nichts darin, wenn der Graf mit seiner Gemahlin eingeladen werde, denn durch die Heirath von Miß Conningham mit einem Deutschen höre sie auf, Engländerin zu sein, und dürfe daher auch nicht nach englischen Ansichten bcurtheilt werden. Nach und nach bekehrten sich auch andere Engländer zu dieser Anschauung. All das wurde zunächst der Baronin Heimbach zugetragen. Sie berichtete was sie erfuhr Alice und dem Grafen, und es schien, als ob sich mit der Zeit der Wunsch Westfelds, seine Gattin doch in der vornehmen Welt Colombos wieder aufgenommen zu sehen, erfüllen sollte.
Da traf plötzlich ein Brief des Rechtsanwalts Schüler aus Stuttgart ein, der die überraschende Miltheilung brachte, er, der Rechtsanwalt selbst, werde nach Indien kommen und hoffe etwa vier Tage nach seinem Schreiben mit dem am 9. April in Bombay eiutreffenden Dampfer des Oester- reichischen Lloyd in Indien zu landen. Der kluge Anwalt erklärte, daß er in dem Gebühren der Bank of Jndia nur Winkelzüge sehe, um die Auszahlung des Erbes der Frau Gräfin möglichst lang hinauszuschieben. Dadurch wolle die Bank wahrscheinlich Zinsen gewinnen. Da habe er sich nun mit allen nur denkbaren Papieren versehen und hoffe die ganze Angelegenheit bald ins Reine zu bringen. Sehr erwünscht, ja sogar nothwcndig sei es, den Herrn Grafen und seine Gemahlin persönlich zu sprechen, ehe er weitere Schritte unternehme. Er bitte daher um Bescheid, ob er nach Bombay reisen solle, oder ob etwa die Herrschaften nach Bombay kommen wollten. Von letzterer Stadt auS würde er direkt nach Kalkutta fahren.
Alice jubelte und rief vergnügt: „Natürlich reisen wir ihm entgegen und treffen ihn in Bombay."
Westfeld ärgerte sich etwas darüber, daß seine Frau, entgegengesetzt ihrer sonstigen Art, so bestimmt einen Entschluß treffen wollte und dies so kategorisch vor der Baronin aussprach, ohne erst vorher mit ihm darüber zu reden.
(Fortsetzung folgt.)
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