1. Beilage nun Mestmüener Tagblalt.
46. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, de« 28. Januar.
48. Jahrgang. 1900.
(29. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Der Geheimpolizist.
Kriminalerzählung von ß. v. Grwakd.
„Glauben Sie, ich sehe nicht ein, was ich für eine Dummheit gemacht habe, als ich dieses that? Die Finger möchte ich mir abbeißen vor Aerger darüber. Jedenfalls mar es ein Kollege von Ihnen! Ich bin in die Falle gegangen — warum war ich so dumm! Es geschieht mir schon recht!"
„In dieser Annahme täuschen Sie sich. Es war kein Polizeibeamter, mein Wort darauf!"
Dessange sah ihn prüfend an. „Ich will es Ihnen glauben", sagte er dann langsam. „Ich will Ihnen auch erzählen, wie es gekommen ist; zu leugnen ist ja bei der Geschichte doch nichts mehr. Vielleicht geben Sie dem Untersuchungsrichter dann ein gutes Wort für mich!"
„Was ich kann, soll gerne geschehen!"
„Nun gut, hören Sie zu. Ich sitze gestern Abcrid in einer Kneipe an der Place d'Jtalie, da kommt jener Bursche und setzt sich neben mich. Wir kommen iits Gespräch und erzählen uns so mancherlei, bis Sie da hereinkamen. Na, den Polizeibeamten konnte Ihnen keiner ansehen, und so setzten wir unser Gespräch ruhig fort. Wie es kam, weiß ich nicht mehr genau, aber er erzählte mir, daß er ein Packet mit einem guten Anzug und einem Ueberzieher, das er da neben sich liegen hatte, gern los wäre. Ich habe nun zufällig einen Bekannten, der solche Geschäfte macht, und da gingen wir zu ihm und die Sache wurde erledigt. Er gab dann etwas zum Besten, ich auch, er wieder, und so kam es, daß ich schließlich nicht mehr recht wußte, was ich that!"
„Das kann Ihnen zur Entschuldigung dienen!"
„Ja, wenn die Vorstrafen nicht wären!"
„Vielleicht doch noch! Jedenfalls kann ich Ihren Zustand bezeugen!"
„Danke sehr, das könnte allerdings von Wichtigkeit sein. Als wir nun ziemlich viel hinter die Binde gegossen hatten, kam er mit einem Vorschläge heraus, der nun nicht schlecht schien. Wir Beide könnten reiche Leute werden, meinte er.
Ich traute dem Frieden nicht recht.
Du hast gar nichts zu fürchten, versicherte er mir ein Mal über das Andere. Ich will die Sache schon allein besorgen. Du brauchst mir nur behülflich sein, über eine Mauer zu steigen und nachher Wache zu halten. Es ist auch für mich keine Gefahr dabei. Der Fürst voir Poitiniers hat jeden Mittwoch Empfangstag, da ist Alles voll Leute. Ich kenne dort die Gelegenheit genau, und bringe aus dem Zimmer der Fürstin, das nur einfach abgeschlossen ist und in das ich mit einem Dietrich ganz leicht komme, ihre Schatulle voll Gold und Edelsteine, mindestens für hundertfünfzigtausend Francs!"
„Darauf gingen Sie ein?"
„Na, Sie hätten es an meiner Stelle auch gethan. Ich ging also mit und — na, das Uebrige wissen Sie ja!"
Weltli konnte nicht an der Wahrheit des ihm Erzählten zweifeln. Er verließ die Polizeiwache, um nach Hause zu gehen. Sein Hirn brannte fieberhaft. Er mußte Zeit gewinnen, um in Ruhe zu überlegen, was nun zu lhnn sei.
Er konnte zu keinem klaren Entschluß kommen. Für alle Fälle setzte er einen Rapport auf, in dem er dem Untersuchungsrichter Mittheilung von dem Geschehenen machte, sandte denselben ab und warf sich dann auf sein Bett, um wenigstens einige Stunden zu schlafen. Aber dieser Schlaf war nicht erquickend, sondern von wilden Träumen erfüllt, und als er gegen Mittag erwachte, fühlte er, daß er außer Stande sei, etwas Ernsthaftes zu unternehmen. Er war krank vor Aerger und Aufregung. Er ging in das Freie, um seinen schmerzenden Kopf abzukühlen und suchte am Abend zeitig sein Lager wieder auf.
Als er am nächsten Morgen erwachte, brachte ihm seine Zimmerwirthin ein amtliches Schreiben. Er öffnete es und fand eine Mittheilung, daß die Polizeipräfektur auf seine ferneren Dienste verzichte. Zweifellos hatte Inspektor Marechal, sobald die Nachricht von dem Mißgeschick Weltlis ihm zu Ohren gekommen war, dieselbe benützt, um denselben bei seinen höheren Vorgesetzten derart anzuschwürzen, daß diese ihn, den noch in seinem Probejahr Befindlichen, entließen.
Daß Weltli sich hiervon besonders schwer getroffen gefühlt Hütte, konnte man eigentlich nicht sagen. Im Gegentheil, es war ihm wie eine Erlösung, daß er nicht mehr nach der Präfektur gehen, nicht die Spöttereien des Inspektors anhören brauchte. Daß diese jetzt ganz besonders scharf ausgefallen sein würden, unterlag keinem Zweifel. Nur um des Untersuchungsrichters willen that es ihm leid, daß er auf die weitere Verfolgung der Angelegenheit verzichten sollte. Und daß Marochal Recht behalten sollte, während er noch jetzt ebenso fest als früher davon überzeugt war, daß Mais in der That nicht der war, für den er sich ansgab, sondern eine Person von Rang — das erbitterte ihn noch mehr.
Und war es denn nöthig, seine Thätigkeit in dieser Sache abzubrechen? Nein!
Seine Lage war nach der einen Richtung hin ungünstiger geworden; die Hülfsmittel, über welche er als Polizeibeamter verfügte, standen ihm nicht mehr zu Gebote. Dafür aber war er nach der andern Seite hin desto unabhängiger. Der Rest seines Vermögens gestattete ihm, noch eine ziemliche Zeit zu leben, ohne daß er nöthig gehabt hätte, sich nach einem Broderwerb umzusehen. Sollte es ihm nicht vielleicht gelingen, in dieser Zeit die so lange gesuchte Lösung des Näthsels zu finden?
Er ließ die ganze Angelegenheit in ihren einzelnen Entwicklungsstufen noch einmal vor seinem geistigen Auge vorübcrziehen, ruhiger, als er bis jetzt dazu im Stande gewesen war. Als er damit ungefähr bis zu Ende gekommen, schoß ein Gedanke ihm durch den Kopf, so unwahrscheinlich, so abenteuerlich, daß er ihn sofort wieder verwarf, der Gedanke, ob nicht Mais, der" im Palais des Fürsten von Poitiniers unauffindbar geworden, mit diesem identisch sei. Er tadelte sich selbst wegen seines Zuges, überall nach einer romanhaften Lösung zu suchen — und doch, war sie hier nicht die einzige?
Auch die Stimme des Fürsten hatte, wenn auch nicht im Ton, denn sie lag höher als diejenige, mit welcher Mais zu sprechen pflegte, so doch in ihrem eigenthümlichen tiefen Anklang von Ironie einige Aehnlichkeit mit der des angeblichen Ausrufers!
Er versuchte, diesen Gedanken von sich zu scheuchen, umsonst! derselbe kehrte immer wieder.
Hatte nicht auch der Untersuchungsrichter, ein Mann, dessen reiche Erfahrung nicht beztveifelt werden konnte, die Ansicht geäußert, daß der angebliche Mais den höchsten Klassen der Gesellschaft angehöre?
Der Name des Fürsten klang ihm bekannt; er besann sich, wo er denselben schon gehört habe. Sein sonst vorzügliches Gedächtnis ließ ihn hier im Stich. Er schlug im Konversationslexikon nach: Marie Francois, geboren 1416, berühmter Diplomat — der konnte es nicht sein; Ren«, geb. 1718, General — auch nicht; Henri Francois — war einer der ersten Förderer des Staatsstreichs, ließ eine Anzahl Republikaner, welche demselben entgegentreten wollten, unter ihnen die Abgeordneten Berridle und Dorsat, von seinen Husaren niedersäbeln ....
Es war, als zucke ein heller Schein vor dem Auge deS jungen Beamten auf! Dorsat, da stand es deutlich! Dieser Abgeordnete Dorsat war der Vater des Untersuchungsrichters!
Er nahm das Buch noch einmal zur Hand und las weiter:
Unter Napoleon III. Oberst, dann General und Groß, kämmerer. Nach dem Sturz des Kaiserreichs als Parlamentarier wüthender Bonapartist. Starb 1896; hinterließ sein ans acht Millionen Francs geschätztes Vermögen seinen, einzigen Sohn Anatole ....
Da war es! Mit aller Klarheit stand nun die Scene, die sich beim ersten Verhör des in der Aniskapelle Verhafteten abgespielt hatte, vor Weltlis Auge, so deutlich, als wäre er selbst dabei gewesen: der Untersuchungsrichter hatte in dem Angeklagten den Sohn seines Todfeindes erkannt, des Mannes, auf dessen Befehl sein schuldloser Vater hingemetzclt worden war! Er hatte das Schicksal desselben in seiner Hand gehabt, aber zu vornehm gedacht, es zu denunciren! Da war ihn, der Armbruch sehr gelegen gekommen — oder war auch dieser vielleicht nur eine Finte?
Nun erklärte sich auch der Selbstmordversuch des Verhafteten! Er hatte sich verloren geglaubt und lieber das Leben als die Ehre einbüßen wollen! Daß Dorsat das Geheimniß des Todten nicht verrathen werde, konnte mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden.
Daher auch am nächsten Morgen die Umwandlung in dem Wesen des Angeklagten von der zügellosesten Wildheit, der Verzweiflung zur ruhigen Haltung, zur Hoffnung — Dorsat hatte ihn nicht verrathen, jetzt durfte er hoffen, sein Geheimniß bewahren zu können!
Kein Zweifel mehr: Mais und Fürst Anatole von Poitiniers waren identisch!
Sollte er diese Entdeckung dem Untersuchungsrichter, dem er so viel verdankte, mittheilen?
Er beschloß, sie für sich zu behalten, bis er noch weiteres Material' gesammelt haben werde.
Doch ein Zweifel fuhr ihm durch den Kopf. Konnte Fürst Anatole, der doch sicher in der großen Welt eine Rolle spielte, Monate lang verschwunden bleiben, ohne daß dies ausfiel? ,
Aber hatte nicht der Sekretär gesagt, daß Seine Durchlaucht seit längerer Zeit leidend sei? Da konnte es nicht auffallen, wenn er sich nicht zeigte!
Und dieser Sekretär selbst, mit seiner hohen, starken Figur, seinem geröiheten Gesicht, seinen kleinen Augen, war er vielleicht der räthselhafte Komplize?
(Fortsetzung folgt.)
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