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1. Beilage zum Wiesbadener Tagblati.

Us. 44. Morgett-Ausgabs.

Samstag» de» 27". Januar. 48. Jahrgang. 1900.

(28. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Der GeheimpoiixP.

Knminalcrzähluiig von ß. v. Srwakd.

Welili postirte einige handfeste Diener auf die Straße für den Fall, daß der Flüchtige vielleicht den Versuch machen sollte, durch ein Fenster des Erdgeschosses zu entspringen.

Mit den großen Stall- und Wagenlatcrnen versehen, machte nian sich dann an die Untersuchung des Gartens. War Mais in demselben verborgen, so war ein Entkommen nnniöglich.

Aber obwohl jedes Gebüsch, jeder Strauch auf das Ein­gehendste untersucht wurde, obwohl einer der Stalljungcn, ein flinker, gewandter Bursche, mit einer Laterne selbst bis in die Wipfel der Bäume kletterte, die erst zu knospen begonnen, und sie erleuchtete, obwohl kein Gewächshaus, kein Schuppen zur Aufbewahrung von Gartengeräth nndurch- sucht blieb, obwohl jeder Winkel durchstöbert wurde, fand sich von dem Verbrecher keine Spur. Nur der Abdruck seiner Füße bei dem Sprung von der Mauer herab bewies, daß Weltli sich nicht getäuscht hatte; dann aber waren diese Abdrücke nicht weiter zu verfolgen, da er seinen Weg über weichen Rasen genommen hatte.

„Er wird wieder über die Mauer zurückgekleitert sein", meinte der Portier, der, mit einem riesigen, verrosteten Pistol bewaffnet, sich stets dicht hinter Weltli hielt — wahrschein­lich aus Furcht, daß diesem etwas zustoßen könne.

Weltli rief Vater Halbundhalb an, der mit den zwei Polizisten auf der anderen Seite der Gartenmauer patrouillirte, und erhielt die Versicherung, daß dies nicht der Fall sei. Sie hatten unausgesetzt die Mauer auf das Schärfste beobachtet.

Auf den beiden Seiten stieß der Park an die hohen, fensterlosen Seitcnwnnde anderer Gebäude. Daß der Ver­folgte in diese entkommen sei, mar ganz unmöglich.

Ein Herr in elegantem, schwarzem Anzug, von hoher Figur erschien zwischen den Suchenden.

„Das ist Herr von Nideck, der Sekretär Sr. Durchlaucht!" flüsterte der Portier Weltli zu.

„Was fließt cs denn? Warum ist hier Alles in Auf­regung?" frug Herr von Nideck.

Weltli setzte ihm den Fall auseinander.

„Wenn die Recherchen hier im Park fruchtlos sind", meinte der Sekretär, „so bleibt nur noch übrig, das Palais zu untersuchen. Ich bitte Sie, dies möglichst genau zu thun, von den Dachkammern bis zum entlegensten Keller. Sie können sich ja denken, daß der Gedanke, einen so schweren Verbrecher im Hause zu haben, für Seine Durchlaucht nicht angenehm sein kann." Damit entfernte er sich..

In der That war die Annahme, daß es Mais gelungen sei, unbemerkt in das Palais zu kommen, und daß er sich dort in irgend einem Winkel verborgen halte, die einzige, die noch einige Aussicht auf Wahrscheinlichkeit bot.

„Heraus sein kann er nicht", wiederholte der Portier, „darauf kann ich jeden Augenblick einen Eid ablegen."

Die Untersuchung des Palais begann. Es versteht sich von selbst, daß auch hier kein Winkel undurchstöbert blieb. Je länger die Recherchen dauerten, desto höher stieg die Wuth, der Eifer Weltlis. Kein Schrank, kein Vorhang blieb

undurchstöbert. Selbst auf das Dach kroch Weltli und über­zeugte sich, daß der Gesuchte nicht etwa hinter einem Schorn­stein verborgen sei.

Alles umsonst! ' 1

„Wir haben jetzt Alles nachgesehen?" wandte sich Weltli an den Portier.

„Alles, außer ... dem Arbeitszimmer und Schlafzimmer Seiner Durchlaucht."

„Ich denke, daß Sie Ihre Nachforschungen nicht auf diese werden ausdehnen wollen!" erklärte heraustretend der Sekretär.

Weltli schivieg; eS war nicht zu verkennen, daß er am liebsten Alles durchforscht hätte.

„Seine Durchlaucht nimmt ein Bad!" fügte der Sekretär hinzu. „Ich habe selbst hier Alles genau nachgesehen und kann Ihnen die bestimmte Versicherung geben, daß hier kein Mörder verborgen ist."

„Lassen Sie die guten Leute immerhin ihre Pflicht thun, Nideck!" rief von innen eine Stimme.

„Da Seine Durchlaucht es befiehlt, treten Sie näher!" gab sich der Sekretär zufrieden. „Aber machen Sie mög­lichst wenig Geräusch, Seine Durchlaucht ist seit längerer Zeit leidend."

Selbstverständlich wurde diesem Wunsche Folge geleistet. Das Resultat war natürlich das nämliche, wie dies der früheren Nachforschungen — nichts! Nur in das Bade­zimmer drang Weltli natürlich nicht ein, sah er doch durch die halboffene Thür, daß in dem nur ein großes Marmor­bassin und eine -Ottomane enthaltenden, hellerleuchteten Raume sich nur der ihm den Rücken zuwendende Fürst befand, der damit beschäftigt war, sich in einen kostbaren persischen Schlafrock zu hüllen.

„Haben Sie den Kerl noch nicht gefunden?" frug in heiterem Ton der Fürst, als er das Geräusch in seinem Arbeitszimmer hörte, das unmittelbar an das Badckabinett anstieß.

„Leider noch nicht, Durchlaucht!" antworteie Weltli.

„Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Sie ihn doch noch fassen!" entgegnete der Herzog in heiterem, nur eine scharfe Nuance von Ironie durchklingen lassenden Ton.

Als Weltli die Treppe hinabstieg, bot ihm der Kammer­diener des Fürsten im Aufträge desselben eine kleine Er­frischung an. Weltli lehnte jedoch dankend ab, sein Herz war zu sehr von Wuth und Verzweiflung erfüllt, als daß er nur einen Bissen hätte genießen können.

Mais, für den er sich dem Untersuchungsrichter gegen­über mit seinem Kopf verbürgt hatte, war entkommen! Kein Zweifel daran war möglich!

Dieser Gedanke machte ihn fast wahnsinnig.

Er suchte Vater Haibundhalb auf, dessen Wachestchn jetzt unnöthig geworden war, und erzählte ihm kurz, was geschehen war. „Was denken Sie davon?" schloß er.

„Daß der Inspektor Marechal eine höllische Freude haben wird!" antwortete der Alte.

Dies genügte, um Weltlis Wulh hell emporflammen zu lassen. „Noch ist nicht Alles zu Ende!" knirschteer zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, „noch bleibt uns der Komplize. Wir wollen sehen, ob er sich auch in ein so undurchdringliches Dunkel zn hüllen wissen wird, wie Mais! Ob es dem Untersuchungsrichter nicht gelingen wird, ihn

hcrauszulocken ans seinem Bau, diesen schlauen Fuchs! Ob

wir dann nicht vielleicht auch Mais wieder fassen werden!"

Vater Halbundhalb schüttelte den Kopf. Er schien nicht viel Vertrauen mehr zn haben.

„Gehen wir zur Wache!" rief Weltli. „Ich will sehen, was ich aus dem Komplizen herausbringen kann!"

Der Polizciwachtmeister empfing sic in entgegenkommendster Weise.

„Sie haben einen guten Fang gemacht heute Nacht!" rief er ihnen entgegen. „Da wird die Anerkennung nicht ansbleiben!"

Weltli erbleichte. „Sie meinen den Mann, den wir Ihnen gebunden zusandten?" srug er mit unsicherer Stimme.

„Natürlich, wen sonst! Sie wissen noch gar nicht, wer es ist?" — „Nein!"

„Ein Verbrecher schlimmster Art! Ein Kerl, der erst vor einigen Monaten in Marseille ausgebrochen ist, wo er zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurtheilt worden war, mit einem Worte: Franz Dcssange!"

„Franz Dessange?" Weltli wäre zu Boden gesunken, hätte ihm nicht Vater Halbundhalb rasch einen Stuhl hin­geschoben.

„Ich glaubte, Sie würden hocherfreut sein über diesen guten Fang und Sie machen ein Gesicht, als wären Ihnen alle Felder verhagelt!" rief erstaunt der Wachtmeister. „Denken Sie doch: der schon seit einem Vierteljahr vergeblich steckbrieflich gesuchte Franz Dessange!"

„Es ist unmöglich: Er kann es nicht sein!"

„Und ich sage Ihnen, er ist es! Erstens stimmt sein Signalement Zug für Zug, sogar bis auf die Narbe unter dem linken Auge, und zweitens kennt ihn einer meiner Beamten hier persönlich!"

Weltli versuchte mühsam, sich zu fassen. Diese letzte Enttäuschung war die schwerste.. „Wollen Sie mir gestatten, einige Fragen an ihn zu richten!" brachte er mit Anstrengung heraus.

„Gerne! Aber vorher wollen wir die Thür sichern — so!" Er that es. „Charvigni, bringen Sie Dessange her!"

Der Beamte holte ihn.

Er kam mit jenem ruhigen Wesen abgehärteter Verbrecher, welches dieselben fast stets dann zeigen, wenn sie sehen, daß ihnen kein Ausweg mehr bleibt.

Er erkannte Weltli sofort.

„Ah, Sie sind es. der mich gekappt hat!" rief er.' „Donnerwetter, haben Sie einen Griff! Mir thut noch der Hals davon weh!"

„So würden Sie", frug Weltli, „wenn ich Sie ersuchte, mir einen Dienst zu leisten, sich wahrscheinlich dessen weigern?"

„Ach, warum denn! Sie haben nur Ihre Pflicht gethan, das nehme ich Ihnen nicht übel. Um was handelt es sich?"

„Ich möchte etwas Näheres über Ihren Komplizen von heute Nacht wissen!"

„Ja, da kann ich Ihnen schwerlich dienen!"

„Warum nicht?"

„Weil ich selbst herzlich wenig von ihm weiß. Ich habe ihn gestern Abend zum ersten Mal gesehen!"

„Das ist kaum glaublich. Zur Ausführung einer solchen That, wie die, bei der Sie abgefaßt wurden, verbündet man sich doch nicht mit dem ersten Besten!"

(Fortsetzung folgt.)

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