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«8. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Vezugs-PreiS; durch den Verlag 60 Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. «« Pfg. vierteljährlich für beide . Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

L^MOO AKormenterr.

Anzetgen-Preiö:

Die einspaltige Petitzeile sür locale Anzeigen 15 Pfg., sür auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., sür Auswärts 75 Pfg.

für die Abend-Nusgave bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-AnSgabe bis 3 Uhr Nachmittags. ©*”J**!>* M nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Für die Ausnahnie später cingereichter Anzeigen zur

Uo. 42.

Fernsprecher No. 62.

Freitag, den 20 . Iamrae.

Morgen-Ausgabe.

§?ür §feßvttar unö Mcivz

auf das

,/Wiesbadener Tagblatt"

zu abouuireii, findet sich Gelegenheit in, Verlag Lauggaffe 27, de! den Ausgabestellen, den Zweig-Grxeditionen in den Nachbar­orten und fämmtlichen deutschen Reichspostanstalten.

Ans Stadt und §and.

Wiesbaden, 26. Januar.

o. Ans dem städtischen Nerwaltungs Bericht für

1898 / 99 . Die ordentliche Verwalt«ng schloß in dem Berichtsjahre mit 5,359,777 Mk. 2 Pf. Einnahme und 1,897,393 Mk. 76 Pf. Ausgabe, mithin mit einem Ueberschnß von 462,383 Mk. 26 Pfg. ab. Darin sind enthalten der Betriebsfonds der Stadt­kasse mit 150,600 Mk. und der noch zu bertheilcnde Ueberschnß aus 1897,98, 90.259 Mk. 18 Pf., zusammen 240,259 Mk. 18 Pf. und verbleiben dann 222,124 Mk. 8 Pf. An nicht verbrauchten Aus­gabekrediten sind reservirt und auf 1899 übertragen 151,583 Mk., sodaß ein verfügbarer Ueberschnß verblieb von 70,541 Mk. 8 Pf. Die außerordentliche Verwaltung schließt ab mit 3,293,256 Mk. 31 Pf. und 2,644,152 Mk. 16 Pf sodaß eine Mehreinnahme von 649,104 Mk. 50 Pf. verblieb. Von den Ausgaben ent­fallen unter Anderem 618,918 Mk. 6 Pf. auf die Hoch- banabtheilnng, 215,638 Mk. 36 Pf. auf die Kanalbauabthcilunq, 540,479 Mk. 89 Pf. auf das Elektricitätswcrk und 1,256,576 Mk. 89 Pf. auf die Grundbesitzvcrwaltnng. Der letzteren Ausgabe steht eine Einnahme von 1,282,360 Mk. 95 Pf. gegenüber, gegen den Etat 797,360 Mk. 95 Pf. mehr für verkaufte Grundstücke (nament- lich des Terrains vom alten Theater) und 8850 Mk. für abgegebene Begräbnifzplätze. Der Ueberschnß der ordentlichen Verwaltung ist zur Hälfte dem Schulhansbau- und dem Nenpflasternngsfonds uberwrefen wo>' m. Dieser Ucbcrschuß ist im Wesentlichen dadurch entstanden, d „ die direkte Gemeindesteuer rund 80,000 Mk. und die Umsatzsteuer rund 30,000 Mk. mehr ertragen haben, als vor­gesehen war, und daß bei einzelnen Vcrwaltnngszweigcn theils Mehreinnahmen, theils Minderausgaben zu verzeichnen sind. Die direkten Steuern haben einen wirklichen Ertrag von 2,357,600 Mk. geliefert.

— MalhaUa - Theater. Eine besondere Anziehungskraft wird die heutige Abendvorstellung durch das angckündigte Wett- tauchen zwischen Herrn Alker und einem Mainzer Herrn erhalten. Herr Alker selbst wird in dieser Vorstellung als neuen Tric das Auslesen von ca. 60 Münzen mit dem Munde vom Boden des Bassins zeigen. Der Mainzer Herr, der als Amateur sein Inkognito nicht lüften darf, gilt für einen der besten Schwimmer und Taucher Deutschlands. Er wird versuchen, die verschiedenen Trics des Herrn Mer nachznmachen. Das Wettdauer-Tauchen um die von Herrn Alker ansgesetzte Prämie von 160 Mk. geschieht in der Weise, daß beide Herren nacheinander nach der Uhr tauchen. Es dürfte sich also empfehlen, sich mit Uhren zu bewaffnen, die mit einem Sekundenzeiger versehen sind. Da derartige Konkurrenzen auch des humoristischen Elements nicht zu ermmigeln pflegen, darf man auf die heurige Vorstellung des Walhalla-Theaters umso mehr gespannt sein, als auch das übrige Programm bekanntlich vorzüglich ist.

— Da« Ergebnis der Handwerkskamrner-Wahlen im Regierungsbezirk Wiesbaden ist bereits festgestcllt und wird in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Wie das „Neue Deutsche Handwcrkerblatt vernimmt, sind in Frankfurt wie inW ieSb ad en die von den Innungen aufgestellten Kandidaten gewablt. In Montabaur respektive Wirges soll Herr Krugbäcker Gerharz-Wirges gewählt sein. In Frankfurt sollen Seitens der freien Vereinigungen die Herren Bauer und Heyter gewählt sein. Die in den Wahl­bezirken Limburg, Montabaur und Dillenburg zwischen Gewerbe- Vereinen und Handwcrkervercinen gemeinsam ausgestellten Kandidaten

sind gewählt. In den Kreisen Rheingau und St. Goarshausen sind die Kandidaten der Gelverbevcreine gewählt. Im Uebriaen wie auch im Wahlkreise Homburg kommen nur Kandidaten der Gewcrbevcrcine in Betracht.

— Dchninachrichten. Auch die im Frühjahr 1875 aus dem Seminar zu Usingen entlassenen Lehrer, die somit auf eine 25-jährige Thätigkeit zurückblicken können, wollen diesen für sie wichtigen Zeit­punkt nicht unbemerkt vornbergehen lassen und sich aus diesem Grunde am 20. April d. I. in Wiesbaden zu einer Feier ihres Jubiläums zusammenfinden. Von den damals aus der erwähnten Anstalt entlassenen Schulamtskandidaten stehen gegenwärtig noch 18 im aktiven Dienst. Zwei von ihnen sind gestorben und einer ist ans dem Schuldienst ausgetreten. Von den erwähnten 18 Lehrern wirkt zur Zeit die Hälfte in Wiesbaden, bezw. der nächsten Um­gebung dieser Stadt. In Wiesbaden wirken die Herren H. Müller, Hohlwein, Hans, Henrich l und Casparill; ferner in Erbenbeini Herr Grüncwald, in Schierstein Herr Reuter, in Dotzheim Herr Wehet und in Nordenstadt Herr Wittgen.

— Kandclsregister. In da? Handelsregister Abtheilung B ist eingetragen worden: Firma: „Dr. Karl Hoffinann u. Co., Gesellschaft mit beschränkter Haftung" in Biebrich, Zweigniederlassung der unter gleicher Firma in Frankfurt a. M. doiuizilirten Haupt­niederlassung. Gegenstand des Unternehmens ist die Herstellung und Vertrieb präparirtcr Nährmittel, Handel mit denselben und Bethciligung an ähnlichen Unternehmungen. Der Gesellschafts- Vertrag ist vom 11. Juni 1898. Das Stammkapital beträgt 160,000 Mk. Die Gesellschafter sind: 1. Konrad Jentzsch, Kaufmann in Frankfurt a. M., 2. Rudolf Jentzsch, Kaufmann in Frmrkfurt a. M. Jeder der beiden Geschäftsführer ist berechtigt, für sich allein die Gesellschaft verpflichtende ErMningen abzugeben. Auf das ursprüngliche Stammkapital von 40,000 Mt. hat der Ge­sellschafter Konrad Jentzsch Rechte und Rezepte zur Fabrikation und zum Vertrieb von Rademanns Kindermehl, insbesondere das unter No. 30008 in die Zcichcnkolle des Patentamts zu Berlin ein­getragene Waarenzcichen „Rademanns Kindermehl", ferner alle maschinellen Einrillungen, Utensilien und Geräthschaftcn, Comptoir- Einrichtungen, Clichös und Rcklamcnmterialicn eingebracht, welche ihm mit 80,000 Mk. angcrcchuct worden find. — In das Firmen­register Abtheilung A ist die Firma „Friedrich Goetz", Wiesbaden, und als deren Inhaber der Hotelbesitzer und Weinhändler Friedrich Goetz zu Wiesbaden eingetragen worden. Dem KaufmannAlbrecht Goetz zu Wiesbaden ist Prokura erthcilt.

CD Die Jagd hat nun zum größten Theil ihr Ende erreicht. Mit dem 1. Februar treten auch die Hasen in den Ruhestand, der für dieselben nicht Pensionirung, sondern Schonzeit heißt. Die Herren Sonntagsjäger müssen es sich nun schon versagen, bei allen möglichen Thieren vorbei zu schießen und dem Menschengeschlecht gefahrdrohend zu werden. Auch in Oesterreich hat mit dem 1. Februar die Jagd ans Rebhühner, Drosseln, Hasen und Rehböcke aufgehört, sodaß in der Hauptsache durch ganz Mitteleuropa die Jagdzeit nunmehr beendet ist. Für die Hausfrau ist damit das Mittags- Repertoire wesentlich beschränkt worden. Aber für die Hasen be­ginnt trotz der Jagdruhc jetzt eine Zeit reger Thätigkeit. Sie müssen sich bald au die Arbeit machen, um die Ostereier zu legen. Ostern rückt bald heran, da will noch viel gethan sein.

— Kohirnpreise. Während die Preiserhöhungen für Kohlen allgemein eine Mark und nur in wenigen Ansnabmefällen 75 Pf. für die Tonne ab 1. April 1900 ausmachen, sind gleichzeitig, wie die „K. Z." meldet, die Verkaufspreise für die Fettstücke' sowie Fettnüsse von dem Kohlensyndikate um 1,25 Mark und für Coaks- kohlen um 2 Mark für die Tonne ab l. April 1900 erhöht worden.

— Kleine Uotizen. In dem gestrigen Referat über den Vortrag im „Gewerbeverein" muß cs in der ersten Zeile des Seidelschen Gedichtes selbstverständlich „Sonncnschatz" anstatt Samcnschatz und in der dritten Zeile „der Urwelt" statt des Urwalds heißen. _

O Ans dem Landkreis Wiesbaden» 24. Januar. Wie in früheren Jahre::, so laßt auch diesmal wieder das „Landwirth- schaftliche Wanderkasino für den Landkreis Wiesbaden" durch deü Kreisobstbaulehrcr Herrn Grobben an verschiedenen Orten mehr­tägige Obstbaumpflegeknrse abhalten. Der erste dieser Kurse wurde bereits vom 15. bis 20. Januar in Eddersheim abgehaltcn.

Fernsprecher No. 52. 1000.

In diesen Kursen, an denen jeder Obstzüchler theilnehmen kann, wird den Theilnehmen: Alles, sowohl in theoretischer als in praktischer Hinsicht, geboten, was für den Obstzüchter z» wissen unbedingt nothwendig ist. Sie erhalten hier Belehrungen über die Bedeutung des Obstbaues im landwirthschaftlichen Betriebe, über das Pflanzen und die Pflege der jungen Oüstbäuine, sowie über den Schnitt derselben; ferner über das Auslichten, Ausputzen und Reinigen älterer Obstbäunie, sowie über das Verjüngen, Umpfropfcn und Düngen. Hieran schließt sich endlich die Behandlung der Krankheiten und die Bekämpfung der Obstbanmschädlinge. Bei der hohen Würdigung, deren sich der Obstbau in unserem Kreise zu erfreuen hat, sind die erwähnten Kurse bei unseren Obstzüchtern sehr beliebt und haben sich deshalb auch durchweg einer regen Theilnahme zu erfreuen.

-jj- Kchierftein, 24. Januar. Nach der amtlichen Aufnahme betrug im vorigen Herbst die Gesammtweinernte ans den Weinbergen unserer Gemarkung 110 Hektoliter, welcher Ertrag etwa V >0 Herbst entspricht. Von dein erwähnten Quantum, das seiner Qualität nach als ein „Mittclwcin" bezeichnet wird, sind 108 Hekto­liter Weißwein und 2 Hektoliter Nothwein. Letzterer wurde aus „Portugieser" gewonnen. Unter dm 108 Hektolitern sind 48 Hekto­liter, die aus ,,Riesliug"-Tra»be», 48 Hektoliter, die aus „Oestcr- reichcrn" und 12 Hektoliter, die ans „gemischten weißen Trauben­sorten" geherbstet wurden. Nach der erwähnten Ausnahnie beträgt zur Zeit die Größe des gesamniten Wcinbcrglandcs unserer Ge­markung 30 Hektar, wovon jedoch eben nur 22 Hektar in: Ertrag stehen. Von diesen 22 Hektar ist ein Hektar mit rothen Trauben bepflanzt, während die übrigen 21 Hektar mit weißen Trauben be­standen sind. Die am weitesten bei uns verbreitete Rebe ist „Ries­ling", die man immer noch als das „eigentliche Gewächs des Rheiu- gaües" bezeichnet. Mit ihr ist ein Areal von 10 Hektar bepflanzt, während das mit der „Oesterreicher" angebaute 8 Hektar beträgt. Die übrigen 3 Hektar sind mit verschiedenen „gemischten weißen Traubensvrten" angcbaut. Trotzdem ja die vorjährige Ernte auch äußerst gering war, so war sie doch noch etwas besser als ihre Vor­gängerin, da diese nur in: Ganzen erst 73 Hektoliter Wein brachte.

(?: Flörshrinr n. M., 23. Januar. Das „Landwirthschaft- liche Wanderkasino" hielt gestern Nachmittag im „Karthäuser Hof" eine Versammlung ab, welche gut besucht war. Den einleitenden Vortrag hielt Herr Kreisobsibaulchrer Grobben aus Wiesbaden über die Rentabilität dcS Obstbaues. An den intercssaiiten Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Nach Beendigung der Dis­kussion wurde aus der Versammlung ein Antrag gestellt und von mehreren Anwesenden unterstützt, welcher dahin abzielt, daß die Obsternte im Vereinsqebiete oder in den einzelnen Ortsgruppen durch entsprechende Bestimmungen möglichst gleichzeitig gelegt werde. Durch diesen Antrag, welcher einstimmig angenommen wurde und dem Vorstand des „Landwirthschaftlichen Wanderkasino" unter- bceiiet werden soll, hofft man einerseils der allzufrüheu Obsternte vorznbcugen, anderseits dem Obstdiebstahl cntgegenzutreten. Nach­dem zwölf weitere Personen dem Kasino als Mitglieder bei- getrctcn, schloß der Obmann, Herr Bürgermeister Schlcidt, die Versammlung.

* Ans -er Umgebung. Ans Mainz, 24. Januar, wird berichtet: Gestern befand sich im Oberolmer Wald an dem Thatort, an dem der Landwirth Schorrenbcrgcr erschossen wurde, Ober­staatsanwalt Dr. Schmidt mit einem Gerichtsschreiber. Der Er­schossene, der Jagdpächter ist, wurde Abends um 8 Uhr mit den Gebrüdern Schott ans Essenheim, die ebenfalls vermögende Land- wirthe sind, von dem Jagdhüter Englert von Drais auf fremdem Jagdgebiet wildernd getroffen. Schorrenbcrgcr schoß ans den Jagdhüter, worauf dieser ihm eine Kugel durch den Kopf jagte. Der eme der Gebrüder Schott wurde gestern Abend verhaftet und ins Mainzer Untersnchungsgefängniß gebracht, — In Mainz ist auf Veranlassung der Bürgermeisterei festgcstellt worden, daß bei 109 Bäckermeistern 145 schulpflichtige Kinder Backwaaren austragen.— In St. Goarshausen ist der erste Kleinbahn-Unfall passirt. Die Lokomotive sprang vom Geleise ab und fuhr in den Rhein. — In Pissigh 0 fcn wurde der Bürgermeister einstimmig wieder­gewählt. Herr Wiegand begleitet beh Dienst schon 40 Jahre. — In Rüdeshei m hat sich ein bedauerlicher Unchncksfall zugetragen. Beim Beschlagen eines Pferdes wurde einem Schmiedemeistcr von dem Thiere die Hand buchstäblich durchgebisscn, worauf er rücklings hinfiel und noch einen doppelten Armbruch davoutrng. — In

(Nachdruck verboten.)

Alts Kapstadt.

(Von unser::: Korrespondenten.)

Angst vor dem Aufstand der Kapland-Buren. — Kaffernmädchen. — Der Rendezvousplatz der feinen Welt. — Der Policeman. — Partei und Rasse. — Die Verschwörer. — Die Ansichtspostkarte und da? mysteriöse Haus. — „Cape Times" und die große Dampf- pfeise. — Extrablatt-Austräger. — Die letzten Niederlagen und ihre Wirkung in Kapstadt.

ES liegt etwas wie eine auf das Höchste getriebene Spannung kn der Luft, und die eine, unausgesprochene Frage schwebt gewissermaßen auf den Lippen Aller, die eine Frage: Werden die Kapholländer sich erheben und wann werden sie es thnn? —

An allen öffentlichen Plätzen, Lokalen und Verkaufslädcn prangen, umgeben von finsterem Trauerrand, die ominösen Listen, die die Namen der im Burenkampfc gefallenen Britensöhue tragen. Und die Länge dieser Listen wächst von Tag zu Tag, man möchte fast sagen von Stunde zu Stunde, ins Unendliche und mahnt mit unheimlicher Variation an das alte und doch so wahre Römer­wort: Wehe den Besiegten!

Hin und wieder sieht man die britische Flagge ans Halbmast gehißt, Alles macht einen gedrückten und traurigen Eindruck, und nur aus den Augen der braunen, schlankgewachsenen Kaffernmädchen blitzt manchmal, allerdings nur ans Augenblicke, ein nndefinirbares Etwas hervor, das cynische Beobachter mit „Schadenfreude" deuten könnten.

Kapstadt selbst unterscheidet sich ja sonst absolut in Nichts von einer europäischen Großstadt; nur die groteske Formation des Tafelbergs mahnt mitunter, namentlich bei Negenwettcr, daß einige Hunderte von Meilen entfernt liegen, und daß zwischen den Ge­staden des Mittelländischen Meeres und der Wogenbrandung um das Kap der Guten Hoffnung sich der ganze ungeheuere schwarze Erdtheil erstreckt.

Also Kapstadt ist Großstadt! Die Adderley Street mit Dix Restaurant ist an sonnigen Nachmittagen gewissermaßen der Rendcz- vousplatz von Tout-Kapstadt. Hier werden die Unglücksnachrichten ans erster Quelle empfangen und beim Kapwein-Schorlemorlc nach allen Regeln der politischen Kunst dcbattirt. Draußen vor

dem Restaurant bewegt sich inzwischen die große Masse des Volkes, die sich bei diesen schlechten Kriegszeiten nicht den Eintritt in ein derartig nobles Restaurant erlauben kann; wird die Straßenscene etwas zu turbulent, dann versteht der weiß-behelmte Policeman mit einem Paar begütigender Worte oder geschickter Handgriffe rasch und nachdrücklich die gestörte Ordnung wieder herzustellen.

Trotz der bunten Zusammcnwürfclung der kaplcindischen Be­völkerung herrscht hier dennoch mehr Ruhe und Sicherheit, als sich dies ein simpler Europäer hier träumen könnte. Verdienst, und zwar reichlicher, ist für Jeden vorhanden, der gern arbeiten will. Parteipolitische Strömungen im großen europäischen Sinne giebt es hier kaum, denn etwa« Derartiges verbieten schon die gewaltigen Rassenunterschiede der aufeinander höchst eifersüchtigen Bevölkerungs­gruppen. Dennoch aber liebt Jeder die Ocffentlichkeit, sodaß in manchen Volkszügen ein amerikanischer Zug förmlich hineinwcht. Besonders tritt dieses beim Zeitungswcsen deutlich zu Tage. Die Officinen der einzelnen Tagesblätter sind geradezu groß­artig angelegt. Hierfür ein Beispiel: Die Hiobsbotcn selbst werden zuerst gewöhnlich durch die berüchtigte Dampfpfcife der „Cape Times" zur Kenntniß der Oeffcntlichkeit gebracht. Er­tönt der schrille Ton dieses Rieseninstruments, dann weiß Jedermann in der südafrikanischen Metropole, daß wieder eine neue, bedeutungs­volle Nachricht eingelaufen ist. Dann entsteht eine wahre Völker­wanderung nach der Administration der genannten Zeitung; zuerst in höchster Eile kommen die professionellen Zeitungsverkäufer, dann kommt der Mob und den Schluß bilden gewöhnlich die Engländer mit ihren langen, niedergeschlagenen Gesichtern. Wenige Minuten darauf ist die Ausgabe der Extrablätter beendet und kleine kraus­haarige Kaffernknabcn durcheilen im Laufschritt die Straßen Kap­stadts, sich in brüllenden Ausdrücken zu überbicten suchend: „Neuestes Extrablatt" oder „Furchtbares Gemetzel". Ein derartiges Extrablatt kostet gewöhnlich ein Tickey oder drei Pcnces.

So ist namentlich jetzt zur aufgeregten Kriegszeit Alles von Klein bis Groß im Dienst der Oeffentlichkcit beschäftigt, wie dies bereits aus dem Vorhergehenden deutlich genug hcrvorgehcn dürfte. Ein solch impulsiver Drang zur Ocffentlichkeit fordert aber auf der anderen Seite ganz naturgemäß auch einen verstärkten Sicherheits­dienst heraus, eine Vorsicht, die selbstverständlich auch in Kapstadt keineswegs vernachlässigt wird. Allein die Polizei bat in vrelen Fällen, ebenso wie in Europa, so auch in Südafrika m ihren Be­

obachtungen Pech. Dafür ist aber die Kriininalpolizei desto vor­züglicher 'entwickelt.

Diese politische und kriminelle Polizei spürt nämlich mit desto größeren: Eifer den sogenannten „Verschwörern" nach. Soviel hat mau glücklicher Weise bisher heransgcknndschaftet, daß die Zusammen­künfte dieser Mitglieder des Afrikanderbundes in dcrWatcrkraut Street stattfin'dm. Das Heim einer Wittwe, ein altes, echt holländisches Bauwerk, soll diesen Hochverräthern dort Unterschlupf gewähren; jedoch ist die Sache jetzt bereits derartig publik ge­worden, daß das genannte Hans n:cht nur nicht ständig von Schau­lustigen umlagert wird, sondern auch bereit« das Opfer spekulativer Photographen geworden ist. die es auf Ansichtspostkarteu zur allge- nieinen Kenntniß und zu ihrem eigenen Vorthcil verewigt habe». Die Gerüchte, die über die Insassen dieses sonderbaren Hauses cirkulircn, sind die denkbar merkwürdigsten; so wird z. B. gemunkelt, daß die Werschwörer — es sind ausschließlich Männer, denn Frauen werden außer der genannten Wirthin prinzipiell nicht geduldet — alte, echt holländische Kostüme tragen. Auch eine Gcheünsprache, ein altes holländisches Idiom, soll gesprochen werden, baniit Un­berufene in keiner Weise Kenntniß von den gcpflogciicn Unter- haltungeu und Beschlüssen bekommen.

So haben sich also auch bereit« im innersten Herzen des britischen Besitzthums die Feinde cingenistct, und es wird sehr schwer halten, dieselben zu entfernen, da sie nach außen hin bisher die größte Ehrbarkeit zur Schau getragen haben. Run aber nach Meldung der letzten Niederlagen erhebt diese Verschwörung immer kühner ihr Haupt. Langsam'vollzieht sich so in der Physiognomie Kapstadts eme schwer zü beschreibende Veränderung.

Nach den Niederlagen bei Dordrecht und Douglas ist im Wesen der leitenden Personen eine äußerliche Resignation an Stelle der sonst so ostentativ zur Schau getragenen Siegeszuversicht und Hoffnungsfreudigkeit getreten. Man begrüßt die in den Hafen ein­laufenden Dampfer Englands nicht mehr mit der früheren lauten und lärmenden Sympathie. Die stolzen Flaggen und Banner schwinden immer mehr von den Dächern der Stadt, sodaß es bei dem unbetheiligten Beschauer fast den Anschein erweckt, daß man sich an einen Gedanken langsam zu gewöhnen beginne, den man vorläufig offen auszusprechen sich noch immer nicht getraue.

Moralisch scheint England nunmehr auch in Südafrika, in Kapstadt, verdammt zu sein. Wehe den Besiegten!