] Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr
Nr 78.
Zrettag» 2. Kpril.
Istid.
(8. Fortsetzung.) 9ü§ ^?CtI}6U$ s Nachdruck verbalen.
Roman von Albert Petersen.
„Wir Haben keine Korinthen im Hans", sagte sie plötzlich, und legte mit hörbaren, Ruck Strunrpf und Garirkuäuel auf den Tisch.
Ihr Diann durchschaute sie sogleich und sagte mit gut gespielter Harmlosigkeit: „Latz man, ich habe ja
nichts zu tun. Ich will schon hingehend
„Ach du — was du dir dann wohl wieder ,n dre Hand drücken läßt."
Und Tilde ging. — ^ _
Der älteste Lehrling hatte sich gerade nn Voll- pswutztseiu seiner Würde eine alte Zeitung hervor- gesucht und strrdierte sie mit wichtiger Miene, als dran- tzen auf der hohen Treppe Schritte von Holzpantoffeln klappten.
„Na, was für 'ne alte Schraube wird uns denn jetzt noch stören", rief er, „die Leute sind doch unverschämt."
Die Ladentür wurde geöffnet und Tilde Tiedemann trat ein.
„Sie wünschen?" sagte der augenblickliche Leiter nachlässig.
„Eine Tüte Korinthen, eine kleine Tüte, abge- wogen", stietz die Frau hervor, ihre Micke durch dos Halbdunkel des schlecht erleuchteten Ladens gleiten lassend. Da beinerkt sie ihren Sohn, der bescheiden in einem Winkel stand und seiner Mutter nur liebsten unerkannt geblieben wäre.
„Ach. da bist du ja, mein Herzensjung", nef sie in unbedachter Zärtlichkeit, „geht's dir auch gut? Bist auch satt geworden? Kannst nicht bald ins Bett gehen?"
.Lerzensjungl" Henning bemerkte, datz die anderen Lchrliirge sich anstietzen.
„3a, ja, Mutter, ist alles gut", sagte er unwillig, rmd dann, besonders der anderen Lehrlinge wegen: „Du solltet deine Einkäufe auch man am Tage machen und uns so spat nicht noch stören."
„Sehr richtig", fiel da der älteste Lehrling ein.
Tilde »vor sprachlos. Sie schwarrktc. Sollte sie ihrem Sohne eine gehörige Lehre halten, wie er sie als Mutter und Kundin zu behandeln habe? Mch einem Augenblick des Zögerns jagte sie:
„Du hast recht. Ja, ja, ihr mützt auch mal Feier- abend haben."
Und Tilde Tiedemann verließ enttäuscht den Laden.
Henning aber ertnelt jetzt von seinem Genossen den Spitznamen „HerZensjung".
Oben unterm Dach mit einer Luke nach Wilmsens Garten hinaus hatten die Lehrlinge ihre Schlafkammer.
Henning war todmüde, aber die anderen unterhielten sich noch, machten faule Witze, lachten, verspotteten einzelne Kunden, einer fragte: .„tzerzensjnug, schläfst du schon?" Und als Henning nicht antwortete, sagte ein anderer: .Ja. Herzensjung träumt."
JB'tmt Essig faß träumt Herzcnsjung", lachte em anderer. „Und von der Bückelkiste träumt Herzens- jung", rief der älteste Lehrling.
Man lachte laut. Henning aber lag nnt brennenden Wangen still da und mutzte mühsam ein gequältes
Schluchzen unterdrücken. Dann aber — wartet, wenn ich erst Herr bin — wenn ich —
Und schließlich schlief er ein. Aber nn Traum rann ihm fortgesetzt Essig auf die Bücklinge, und iiumer wieder forderte Herr Wilmsen ihn auf, das Tischgebet zu sprechen und er mutzte schweigen. —
Als die Lehrlinge am nächsten Morgen durch ein heftiges Klopfen gegen die Tür geweckt wurden, drang nur noch dämmriges Licht von draußen durch die Luke, und Henning glaubte im Halbschlinmuer, sein Vater rüste sich, jetzt, um auf Arbeit zu gehen, und er selbst könne sich noch auf die andere Seite legen.
Doch ein Lehrling nach dem anderen kroch gähnend und sich die Augen reibend aus dem Bett und plötzlich fühlte Hennirrg, datz ihm kalte Tropfen aut Stirn und Wangen fielen. Er fuhr empor und hörte das laute Lacher, der anderen Lehrlirrge, welche schon emsig bei der Morgentoilette tvare».
„Ja, ja, komm inan endlich doch, bist doch nicht der Prinzipal, der bis sieben durchschläft", rief der älteste Lchrling, und unlustig kleidete Henning sich an.
Wieder ging «in langer, langer Dag dahin.
Herr Wilmsen sagte nach dem Mittagessen wieder: „Henning, sprich das Dankgebet." Der hatte sich den ganzen Vormittag über die stoben Worte vorgesagt, und er brachte, wenn ihm auch der Angstschweiß auf der Stirne stand, das Gebet ohne zu Stocken fertig.
Auch der Nachmittag ging ohne besonder« Schwierigkeiten dahin, zwar ließ Henning das Feuer in dem Herd ausgehen, auf denn Kaffeebohnen gebrannt wur- üen, aber der junge Gehilfe, dem Henning helfen sollte, zündete es stumm wieder an und schüttelte nur mißbilligend den Kopf.
Wahrend der „Lcchrlings-Herrschaftsstunde" von neun bis zehn Uhr abends fühlte er sich schon freier und gemütlicher, nur verdroß es ihn, datz man ihn im,irrer Herzcnsjung nannte. —
Die erste Woche neigte sich ihrem Ende zu. Am Freitag und Samstag hatten die Gcchilfen und Leh,- linge bis nach halb elf abends noch zu tun gehabt, denn die Gradbyer Hausfrauen brauchten für die Osterkuchen noch Mehl, Zucker, Syrup und Gewürze.
Am ersten Feiertag inutztc Henning mit den, jünge- rat Lehrling bis zehn Uhr im Laden auf Kunden war- ten, die nicht kamen.
Die Osterglocken läuteten, Kinder spielten auf den Gassen.
Stadt und Hafen waren in hellen, lachenden, locken- den Frühlingssonnenschein getaucht. Die ersten Störche klapperten auf den spitzen Dächern und die ,Schwalben segelten dirrch die Häuserreihen.
Hinten im Garten des Wilmsenschen Geschäfts- Hauses musizierte die Drossel, und Henning hatte ge- sehen, datz die Tochter des Hauses nsit einige!, Freun- Linnen dorthin gegangen war, ,un auf dem Rasen Federball zu spielen, und er unrtzte an hi? Zeiten tzM-
