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Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 37. Adend-Ausgake.

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Du sehnst Dich, weit hinaus zu wandern,

Bereitest Dich zu raschem Flug;

Dir selbst sei treu und treu den Andern,

Daun ist die Enge tveit genug.

Goethe.

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(33. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten).

i»Die Gurasirrin".

Roman aus der indischen Neuzeit von ßark Hancra.

Jetzt schlängelte sich der Pfad durch wildroniantische Schluchten hin; daun öffneten sich zauberhafte Ausblicke auf die in neblicher Ferne auftauchenden Schnceriesen des Dhawalagiri, und nun trat man wieder in das geheimnißvolle Duster dichter Lanbwände, die keinen Sonnen­strahl durchlicßen. Lebende Wesen sah man selten. Hier und da floh kreischend eine Familie großer Affen zur Seite; einige wilde Pfauen rauschten schreiend durch die Bäuine und manchmal mußten Bergkühe, die auf dem Pfade standen, weggelrieben werden. Sonst aber herrschte eine unheimliche Ruhe, eine melancholische Stille in dieser Einsamkeit des Himalaja-Urwaldes. Nur das Plätschern der kleinen sich durch Moos und Buschwerk unsichtbar hinwindenden Bäche wurde stellenweise vernehmbar.

Da es Westfeld meistens nicht möglich war, neben dem Dandy zu reiten, so konnte auch Alice ihren Gedanken nach- hängeu. Sie war unendlich ergriffen. Das Glücksgefühl in ihrer Seele wurde durch die ernste, fast konnte man sagen andächtige Stimniung des Urwaldes nur noch ge­hoben. Ihr sanguitiisches Wesen sah in dieser Umgebung eine gute Vorbedeutung. Die herrliche Natur erschien ihr als das Schönste, was die Welt hervorzaubern konnte, und es kam ihr vor, als ob Alles um sie herum ihrem Bräutigam zurufen müsse:Schau Dich um, wie wunderbar dieses Land ist, dann wirst Du erkennen, daß auch die Kinder eines solchen Landes gut sein müssen, und Du wirst es nie bereuen, ein solches Kind, eine Eurasierin, zur Gattin er­wählt zu haben."

Nun wurde der Weg etwas breiter, sodaß der Graf mben ihr reiten konnte.

Sag, mein Geliebter, ist das nicht eine Zaubergegend, durch welche wir dahin ziehen?"

Ja, sic könnte nicht schöner sein. Und doch täuscht dieses Land gar oft. Ich möchte nie, daß Du allein auf einem solchen Bcrgpfad gingest. Hier lauert überall eine Gefahr. Schlangen ringeln sich durch das Moos und die Büsche und ihr Biß tödtet. Auch der Tiger dringt von den Bergen Nepals hier und da bis hierher, und nicht selten zieht, wie die Eingeborenen sagen, das böse Gespenst der Hyja ka Bim-ar hai, d. h. der Cholera, hier durch und entvölkert die Dörfer. Indien ist eben ein wunderbares Märchenland, in welchem man überall die großartigsten, herrlichsten, aber auch die schliminsten Ueberraschungen er­blicken kann."

Er hatte ganz allgemein gesprochen und nur beabsichtigt, sie zu warnen. Aber seine Worte drangen ihr wie ein Stich ins Herz. Sie wußte selbst nicht warum, aber es kehrte in ihr, seit den vielen Enttäuschungen, die sie als Eurasierin in der letzten Zeit erlebt hatte, immer ein leichter

Dienstag, den 23. Januar.

Argwohn wieder, cs könnte auch ihr Bräutigam etwas von der Mißachtung, welche die Engländer überall gegen die Einwohner zur Schau tragen, in sich ausgenommen haben. Bald aber verscheuchten die liebeerfüllten Worte Westfelds, mit denen er von ihrem bevorstehenden Hochzeitstage sprach, den leichten Schatten, der sich auf ihre Seele gelegt hatte.

Nun war man vor dem Missionshause angelangt. Der Graf stieg vom Pferde und hob seine Braut aus dem Dandy. Unterdessen hatte der Pfarrer der Baronin ge­holfen. und gleich darauf war die kleine Gesellschaft in dem bescheidenen aber gcmüthlichen Bungalow des Missionars in freundlichen Zimmern untergebracht. Eine Stunde später versammelten sich Alle zum Dinner im Speisesaal.

Nach demselben forderte der Pfarrer seine Gäste auf, von seinem Garten aus die Umgegend zu betrachten. Man wandelte durch einen wahren Wald von entzückenden Blumen. Heckenrosen und Heliotropen hatten sich zu ungeheuren Büschen entwickelt und waren über und über mit herrlich duftenden Blüthcn bedeckt. Narzissen wucherten wie Un­kraut in nie gesehener Pracht; Geranien und Pelargonien bildeten ganze blumenbedeckte Wände, Theerofen hatten sich zu großen Bäumen entwickelt, Alpenveilchen und Orchideen zeigten faustgroße Blüthen, und eine Menge exotischer Pflanzen mit mächtigen Blüthendolden in zauber­haftem Farbcnschmuck erfreuten das Auge uud verbreiteten balsamische Düfte.

Nicht wahr, meine Damen, dn§ ist eine echte Blumen- wildniß. Man kann beim hiesigen Wachsthum die Pflanzen beim besten Willen nicht in Ordnung halten und dämmen."

O, Herr Pfarrer, das ist ein schönes Blumen-Paradies. So himmlisch schöne Blumen sah ich-noch nie. Das ist ja eine berückende Farbenpracht."

Während der Pfarrer die Baronin ans verschiedene be­sonders schöne Exemplare aufmerksam machte, führte Wcst- feld seine Braut auf eine kleine Erhöhung. Mit einem Male sahen sie wieder die Schnee- und Eisgipfel des Dhawalagiri und des ihm benachbarten Bergriesen des nepalischen Himalaja vor sich. Die untergehende Sonne hatte ihre rothgoldene Gluth über die weißen schroffen und wildgezackten Spitzen und Grate ausgcgossen; die ganze Gebirgskette bildete einen wunderbaren Anblick.

Sieh'nur, mein süßes Lieb, welch ein Zauberbild!"-

Er umarmte sie, drückte sie an sich, und stumm be­trachteten Beide einige Zeit die majestätische Landschaft. Dann küßte er sie, und sie erwiderte seine Liebkosungen.

Immer dunkelrother, hierauf violett färbten sich die ge­waltigen Gipfel, der wunderbarste Sonnenuntergang zeigte die Himalaja-Kette in unvergleichlicher Pracht. Tief er­griffen betrachteten die Liebenden das fesselnde Schauspiel.

Ob auf diesen himmlischen Abend noch Schöneres felgen kann? Ob er nicht vielleicht auch der Glanzpunkt unseres Lebens ist?"

Wie kannst Du einen solchen Vergleich machen, meine geliebte Alice! Gerade wie in der Natur, so wird es auch in unserem Leben gehen. Morgen Früh tauchen sie alle, diese jetzt im Dunklen verschwundenen Bergriesen, wieder in helles, schimmerndes Gold, und noch viel schöner, wie sie jetzt verschwanden, erscheinen sie wieder und erscheinen noch ungezählte Male in gleicher Art, so lange die Erde steht. Ebenso geht es in unserem Leben. Ein viel, viel

48. Jahrgang. 1900.

schönerer Morgen folgt dem heutigen Abend, und dann stehen auch uns ungezählte berauschend glückliche Tage bevor, ein ungetrübtes Dauerglück, so lange wir Beide leben."

Auf diese Worte schmiegte sie sich noch einmal fest an ihn und abermals fanden sich ihre Lippen zu wonnigem Kuß. Der Nus der Baronin veranlaßte sie, nach dem Bungalow zurückzukehren.

Am folgenden Nachmittag ritt eine kleine Karawane auf dem gleichen Wege, auf dem sie gestern gekommen war, nach der Station Risia zurück. Zuerst kamen einige Kulis mit Gepäck, dann Westfeld auf einem Pony, hierauf Alice im Dandy und am Schluß Jranamadu ebenfalls auf einem Pony! Die Baronin mar mit Tarli zurückgeblieben, um erst nach vier Tagen dem Neuvermählten jungen Paare nachzufolgen. Dieses wollte noch heute die alte Mogulstadt erreichen, um dort die ersten Tage ihres soeben geschlossenen Bundes allein zu verleben.

Als Westfeld des engen Pfades wegen wieder voraus« reiten mußte, überdachte Alice noch einmal die vergangenen Wochen, Tage und Stunden. Jetzt war sie wirklich glück­lich. Tapfer hatte sie alle die peinigenden Skrupel, welche sie in den letzten Tagen gequält, niedergekämpft.

Er liebt mich wirklich. Sein lautesJa" in der Kirche, sein Blick und Druck, als der Geistliche unsere Hände ineinander legte, sein ganzes Wesen zeigen es, er kennt nichts Höheres als mich. Ich war eine Thörin, daß ich mir einbildetc, er könnte mich vielleicht weniger achten, weil ich mich ihm sozusagen in die Arme geworfen oder weil ich Hindublut in meinen Adern habe. Ich war eine große Thörin. Er gehört mir ganz, ganz allein, trotz Eurasierin und trotz all der ungeahnten Schattenseiten, welche meine indische Abstammung plötzlich enthüllte. O, wie glücklich, wie unendlich glücklich bin ich geworden!"

Der Pfad wurde wieder etwas breiter. Im Nu befand sich Westfeld neben ihrem Dandy. Eine ganze Welt von Liebe strahlte ihm ans ihrem Blick entgegen: Er neigte sich so weit zu ihr, daß der Pony unruhig wurde und zu traben anfing. Dies ztvang ihn, genauer auf den Weg zu achten.

Wenn wir nur erst in Agra wären!"

Nach diesem Ausrufe mußte er abermals vorreiten, denn der Pfad wurde von Neuem sehr eng und sogar etwas ge­fährlich. Endlich kani man in Risia an. Eine halbe Stunde später führte der Zug die beiden überglücklichen Menschen südwärts, Abends zehn Uhr kanten sie in Agra an.

Es war ein wirklich reizendes Bild, als am andern Vormittag Graf Westfeld seine junge, verschämt zu Boden blickende Frau auf einen eleganten Tilbury hob, sich selbst neben sie setzte, die Zügel ergriff und, nachdem Jranamadu auf den Rücksitz gestiegen war, das mnthige Pferd in vollem Trabe angehcn ließ. Nicht nur die Eingeborenen, sondern auch die dem hübschen Geführt begegnenden Europäer sahen dem jungen, vornehmen Paare freudig nach. Nun bog Westfcld in eine schöne Akazienallee ein.

Weißt Du, wohin wir fahren, mein süßes Frauchen?"

Nein, mein lieber Enrico."

Enrico l Sage dochmein lieber Mann" zu mir. Das klingt so schön und jetzt darfst Du es ja vor aller Welt sagen."

(Fortsetzung folgt.)

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