Wiesbadener Tsgblstt.
«8. Jahrgang.
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Verlag: Lauggasse 27.
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Druischrs Deich.
Kcrlin, 22. Januar.
Aus dem Abgeordnetenhaus.
Das Centruin hat sich heute im Abgeordnctenhanse wahrlich nicht mit Ruhm bedeckt. Am Centrum allein lag es, ob der freisinnige Antrag, betreffend die Neueintheilung der Wahlkreise, wenigstens in eine Kommission verwiesen werden sollte. Aber nicht einmal dies Zugcständniß, das schon durch die einfachsten Rücksichten parlamentarischer Loyalität geboten gewesen wäre, hat die „ausschlaggebende" Fraktion machen wollen, und so fiel der Antrag Barlh-Wiemer gegen die Stimmen der drei liberalen Gruppen und der Polen. Es ist daS eine Niederlage, die die Besiegten ehrt. Nichts kann für jede unbefangene Empfindung klarer sein, als daß die argen Verschiebungen in der Vertheilung des Wahlrechts auf die preußische Bevölkerung eine geradezu himmelschreiende Ungerechtigkeit darstcllen. Das haben die liberalen Redner, die Abgg. Barth, Wiemer und Noelle, so gut und überzeugend dargelegt, daß höchstens die Konservativen zu entschuldigen sind, wenn sie nach bewährter Gewohnheit ihre Sonderinteressen über alles Recht setzen. Zu entschuldigen sind sie allenfalls durch das Recht des Krieges, da sie ihren Besitzstand nicht prcisgeben wollen, ohne dazu gezwungen zu sein. Wie aber das Centrum dazu kommt, sich gegen eine Reform zu wehren, die es selber früher verlangt hat, das erklärt sich so leicht nicht. Zum Mindesten waren die vom Abg. Porsch gegen den Antrag vorgebrachten Gründe fadenscheinig und armselig bis zum Mitleidswcrthen. Bestimmend fürdas Centrum ist denn doch wohl die instinktive Abneigung gegen den Liberalismus, die geheime Furcht vor einer den wirklichen Partciverhältnissen im Lande entsprechenden Klärung der Parteiverhältnisse im Abgeordnctenhanse. Das Centrnm gedeiht gerade im Landtag so gut, weil es sich nach Belieben mit den Konservativen gegen die linke Seite und, wenn es nöthig ist, mit den Liberalen gegen die Konservativen zusammenlhun kann. Hieran würde sich allerdings nichts zu ändern brauchen, wenn durch eine der Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechende Neueintheilung der Wahlkreise die Konservativen verdienter Maßen dreißig oder vierzig Mandate verlören, aber es kämen andererseits die Imponderabilien in Betracht, die eine verkleinerte Fraktion der Rechten moralisch noch mehr verkleinern würden, als es sich in den nackten Zahlen ausdrücken würde, und es kommt hinzu, daß das Centrum vielleicht selber einige Verluste zu be- svrgen hätte, wenn die Vertheilung der Bevölkerung auch für die Neueintheilung der Wahlkreise maßgebend gemacht würde. Jedenfalls also ist der Versuch, einen der abstoßendsten Schönheitsfehler des preußischen Wahlgesetzes zu beseitigen,' wieder einmal fehlgeschlagen. Herr v. Rheinbaben machte sich seine Sache leicht. Dieser Minister hat Anlagen zum
Philosophen; er betrachtet den Weltlauf mit der erhabenen Objektivität eines Weisen, er hat im Punkt der Wahlkreis- eintheilung keine Meinung, er wird sie erst haben, wenn das Abgeordnetenhaus sich so oder so entschieden hat, und mit entzückender Passivität will er abwarten, was die Mehrheit ihm zu thun auferlcgen wird. So sagte er, zwar nicht mit diesen Worten, was wir bedauern, weil es sehr hübsch gewesen wäre, wenn er so deutlich gesprochen hätte, aber er sagte es doch, und er kann jetzt mit äußerster Bequemlichkeit danach handeln. Da der Antrag gefallen ist, so braucht sich Herr v. Rheinbaben den Schlaf nicht rauben zu lassen; es bleibt beim Alten.
Zur F l o t t e n f r a g e.
WaS die Verdoppelung der Flotte kosten soll, ist bisher mit unleugbarer Geschicklichkeit im Dunkel gelassen worden. Jetzt wird die Summe in genügend deutlichen Umrissen bekannt. Der bis 1916 aufzunchmende Anleihebetrag soll 760 Millionen ausmachen, die jährlichen Kosten sollen von 169 Millionen im Jahre 1900 ans 323 Millionen im Jahre 1916 steigen. Wenn diese gewaltigen Zahlen mit dem Ausdruck der Erwartung mitgetheilt werden, daß cs zur Deckung keiner neuen Steuern bedürfen werde, so zeigt die Regierung sofort selber, wie nebelhaft ihr diese Erwartung vorkommt, indem nämlich hinzugefügt wird, daß, wenn die laufenden Einnahmen nicht reichen sollten, die Anleihebeträge „vorübergehend" zu erhöhen wären. Man kann schon jetzt sagen: Die Schwierigkeit wird in erster Linie bei der Finanzfrage ein- setzcn. Von einer Anleihewirthschaft ins Uferlose hinein wird die Reichstagsmehrheit nichts wissen wollen, neue indirekte Steuern können schlechterdings nicht in Frage kommen; wie also sollen die geforderten Milliarden beschafft werden? So lange die Regierung dies nicht zu sagen weiß, wird sie die Aussichten der Flottenverstärkungspläne nicht verbessern. Mag die Vorhersage heute Manchem noch kühn erscheinen, so haben wir die Ueberzcugung, daß die Verhältnisse zur Einführung direkter Reichssteuern hindrängen, vor Allem zur Einführung einer Reichserbschaftssteucr, und man kann nur wiederholen: es wäre ein wunderbares Walten der Geschichte, wenn gerade die eifersüchtige Hüterin des parti- kularistischcn Geistes, die Centrumsparlei, durch die Folgen ihrer Politik gezwungen würde, direkte Reichssteuern zu bewilligen.
Die Lage des Kohlenbergbaues.
Eine Frage, die vom politischen wie vom wirthschafts- politischen Gesichtspunkt ans gleicher Weise wichtig ist, beschäftigt im Augenblick stark die industrielle Welt, die Frage nämlich, ob der große österreichische Bergarbeitcr-Ausstand in bedeutenderem Umfange auf Deutschland hinübergreifen dürfte. So naheliegend es beim ersten Hinsehen scheinen könnte, als ob dies in der That der Fall sein werde, so berechtigt eine genauere Prüfung der Verhältnisse doch zu der Erwartung, daß die bisher in den deutschen Kohlenrevieren herrschende Ruhe nicht gestört werden wird. Wohl hat in Oberschlesicn eine vereinzelte Arbeitseinstellung statt-
gesunden, an diesem Sonntag sollten sodann in mehreren dortigen Revieren Arbeiterversammlungen abgehalten werden, und es gehört weiter zum Thatbestandc, daß es im sächsisch- thüringischen Kohlcngrubengebiel hier und dazu gähren scheint. Die Meldung ans Weißenfels, daß 5000 Arbeiter in eine Lohnbewegung eingetrcten sind und außer einer Lohnerhöhung auch Verkürzung der Arbeitszeit fordern, bedeutet an sich noch nicht den Anbruch eines größeren Streiks; immerhin ist dort etwas in Vorbereitung. Im Großen und Ganzen jedoch sieht es, wie gesagt, nicht danach aus, daß mir das gefährliche Schauspiel erleben sollen, das sich gegenwärtig in Oesterreich entwickelt, und die Verschiedenheit der Verhältnisse hüben und drüben ist denn allerdings geeignet, die lehrreichsten Aufschlüsse in Bezug auf die Gesammthcit der Zustände in beiden Ländern zu geben. Der Aufschwung des deutschen WirthschaftSlebens während der letzten Jahre kann mit nmso größerer Genug- thuung betrachtet werden, als es in seinem Verlaufe möglich gewesen ist, die berechtigten Forderungen der Arbeiter zu befriedigen, ohne daß es darüber zu ernsteren Känipseu zu kommen brauchte. Auf allen Industriegebieten haben zum Thcil sehr beträchtliche Lohnerhöhungen stattgefnnden, und wenn die Wünsche der Bergarbeiter hinsichtlich der Arbcits- dauer, der sanitären Vorkehrungen, der Betriebökontrolle und der technischen Einrichtungen bisher noch nicht in dem freilich erstrebenswerlhen Maße erfüllt worden sind, so sind doch die übrig gebliebenen Gegensätze nicht derart, daß sie den Anreiz zu einem erbitterten Kriege enthalten sollten. Schien cS auch zuweilen, als ob sich eine stärkere, zu einem Ausstande hindrüngende Bewegung geltend machen könnte, so ist es bis zur Stunde doch immer gelungen, die Gefahr zu beschwören. Keine Periode des deutschen Wirlhschafts- lebens weist so wenig Streiks auf, wie die gegenwärtige Zeit höchster Blüthe. Daraus folgt, daß die Industrie bereit und Willens ist, die Verbesserungen der materiellen Lage der Arbeiter zu gewähren, wenn sie es irgend vermag, und es folgt ferner daraus, daß die Arbeiter besonnen genug sind, eine übermäßige Ausnutzung der sich darbiclcnden günstigen Gelegenheiten zu unterlassen. Würde es nun aber doch zu einer umfangreicheren Bewegung unter den deutschen Bergarbeitern kommen, so ließe sich nicht verkennen, daß damit eine schwere Gefahr für unsere Wirthschastslage heraufbeschworen würde. Schon heute leidet die Industrie unter dem Kühlenmangel; sie würde in verhänguißvollcr Steigerung darunter leiden, wenn die Produktion plötzlich unterbrochen werden sollte.
* * *
* Hof- nnd Pcrsonai-Uachrichtrn, Der als Landrath zur Disposition gestellte Abgeordnete Bartl! hat sich, wie in Abgeordnetcnkrcisen erzähl! wird, endgültig geweigert, die Ernennung zmn Negicrnngsrath an der Regierung in Schleswig anzunchmen. — Die „National-Zeitung" schreibt: Unsere Mittheilung, daß zum Präsidenten der Seehandlung der Geheime Oberfinanzrath Haven- stein ans dem Finanzministerium bestimmt sei, ist bestritten worden. Es wird sich aber durch dessen Ernennung demnächst ergeben, daß diese Meldung zutreffend war.
(Nachdruck verboten.)
Kon der lilanen Dona».
Wien, Ende Januar.
Wir befinden uns jetzt in Wien in der Hochsaison, Premiere folgt auf Premiere und absonderliche litterarische Werke zeitigen im Publikum einen gar wunderlichen Geschmack. In Wien gefallen jetzt Theaterstücke und erregen geradezu Aufsehen, die früher ein Direktor dem Publikum nie zu bieten gewagt hätten und die in Deutschland auch wenig Anklang finden oder gar mit Pauken und Trompeten durch- fallcn würden. Aehnlich wie mit den Dichtungen ist es auch mitden Schauspielern bestellt. Während dem Wiener Publikum ftüher die getragene, deklamatorische Art des Burg-Theaters den Gipfel der Schauspielkunst bedeutete, so sehr, daß sich allmählich eine eigene Burgtheater-Tradition herausgebildet hatte, haben wir jetzt Gelegenheit, zu beobachten, wie die moderne Darstelluugsweisc Triumphe feiert, Zacconi, die Düse und Kainz selbst in den breiten Schichten der Bevölkerung als künstlerische Größen allerersten Ranges gelten, während sie früher gewiß mittelmäßige, wenn nicht schlechte Schauspieler gescholten worden wären.
Dieser Umschwung hat sich nicht allmählich, sondern in einer ganz kurzen Spanne Zeit vollzogen, und er hat gleich einen so radikalen Ausdruck gefunden, daß man draußen im Reich, wenn man von den modernsten der modernen Dichter spricht, auch an die Jungwiener Dramatiker denkt. Namen wie Bahr, Schnitzler, Karlweis, Dörman, Langmann und Andere sind mittlerweile weit über die Marken Wiens hinaus bekannt geworden, und werden sie fern von der Heimath auch nicht in dem Maße wie in Wien selbst bewundert, so hat man sie doch als deutsche Dichter anerkennen und schätzen gelernt. Recht interessant war die Premiere von Karlweis' „Onkel Toni" am Deutschen Volkstheater"; die Aufführung gestaltete sich für Wien zu einer mit vieler Sehnsucht erwarteten Sensation, da in dem Stück gewisse gesellschaftliche Zustände
Oesterreichs gegeißelt werden; das Stück rechtfertigte die Neugierde, denn an vielen der auf der Bühne vorgeführten Gestalten konnte man merken, daß sie nach dem Leben gezeichnet waren, und genaue Kenner des Wiener Lebens erkannten sie wieder. Man muß den Muth des Dichters, mit dem er die Schwächen gesellschaftlich hochstehender Personen bespricht, bewundern, wenn man weiß, daß er Oberinspektor einer der größten Privat-Eiscnbahngesellschaslcn Oesterreichs ist, also von den Leuten abhängig, denen er seine beißende Satire widmet. — Von Wiener Autoren sind ferner zur Darstellung gekommen Ludwig Wolf, Hugo Klein und Theodor Herzl. Der Elftere verdankte die Aufführung seiner Komödie einer Idee des Leiters deS Josef- städter Theaters, Josef Jarno, der erst seit ganz kurzer Zeit Wiener Theaterdirckwr ist und sich in Berlin die theatralischen Sporen geholt hat. Herr Jarno will es natürlich versuchen, litterarische Matineen nach Pariser Art hier in Wien einzubürgern. Auf der ersten derartigen litterarischen Matinee kam ein Werk des Dänen Strindberg zur Darstellung: „Die Gläubiger" und Wolfs „Mondscheinsonate". Das Werk des dänischen Dichters darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden, sodaß eine Besprechung des Stückes an sich nicht nothweudig ist. Die Aufführung selbst war verdienstvoll, obwohl sie kaum auf demNiveaumoderner Mustervorstellungen steht. Gefallen konnte das phantastische Stück des absonderlichen Dänen nicht, in Wien speziell schon deswegen nicht, da hier die weiberhaffende Art Strindbergs fremdartig nud unsympathisch berührt, weil cs dem Wiener Wesen und der Wiener Kunst diametral zn- widerläuft, in dem Weibe etwas Verabschenungswürdiges zu sehen. Dem wenig angenehmen Eindruck der Strindbergschen Komödie hatte Wolfs lustiger Scherz, denn mehr ist das anspruchslose Stück wohl kaum, seinen, wenn auch bescheidenen Erfolg zu verdanken. Es wird hier das Wesen Wiener Inden ironisirt und ganz speziell die Mitgiftfrage anläßlich ihrer Ehen. Es geschieht dies aber weder in gehässiger, noch in befürwortender Weise;
lediglich das komische Moment der Situationen erscheint fein ironisch geschaut. — Ob die litterarischen Matineen des Josefstädter Theaters eine bleibende Einrichtung zu werden berufen sind, läßt sich jetzt wohl noch nicht sagen. Wünschens- werth wäre cs jedenfalls, da Herr Jarno ein feinsinniger Bühnenleiter zu sein scheint, der auch in der Wahl seiner Darsteller viel Geschmack bekundet und überdies im Josef- städter Theater eine nicht zu große Bühne besitzt, die vorzüglich geeignet sein sollte, den intimen Scencn der modernen Stücke Wirkung zu verleihen. — lieber Hugo Kleins „Hexcnpfeifcr", das am Raimund-Theater aufgcführt wurde, läßt sich nicht viel sagen. Ein Märchenspiel, wie es seit Hauptmanns „Versunkene Glocke" häufig gesehen wurde. Freilich fehlt all diesen Märchenstücken der wunderinnige Ton nud das tief Symbolische des Hauptmannschen Werkes oder die versteckte, sich in poetisches Gewand kleidende Satire von Wielands „Oberon". Das Stück wurde matt anf- gcuommen und wird sich kaum auf dem Repertoire halten können. Da aber Herr Klein, der Wiener Korrespondent des „Berliner Tageblatt", mit den Kritikgewaltigen der Wiener Tageszeitungen recht befreundet ist, erfuhr das Stück von der Wiener Presse keine unfreundliche Behandlung. — Die erfolgreichste Aufführung eines Wiener Autors war die Vorstelmng am Bnrgtheater von Theodor Hcrzls ,,I love you“. In ein anspruchloses, naives Gewand gekleidet, erzählt uns Herz! hier die Geschichte eines kindlichen Mädchenherzens. „I love you", der Titel des Stückes, ist die in eine.Holzbank eingemeißclte Inschrift, die zu vielen Komplikationen und scherzhaften Verwechslungen Anlaß giebt, bis es sich herausstellt, daß die kleine jugendliche Heldin es ist, die diese Worte als den Ausdruck ihrer Liebe zu einem Gymnasiasten in die Bank gegraben. Der Gymnasiast will von dem Mädel nichts wissen und mit kindlichem Heroismus verlangt diese jetzt nach dem Kloster. — Es liegt in diesem Ge- schichtchcn, das uns wie ein Miniatursturm des menschlichen Herzeus berührt, so viel Gemüthsinnigkeit, daß man unwillkürlich die kindlichen Leiden mitfühlt und an die Tage
